Green Box: Ensoniq VFX, VFX-SD, SD-1 Digitalsynthesizer

26. Oktober 2019

Ensoniqs erster Volldigitaler

Der erste Ensoniq VFX erschien 1989

Vorwort der Redaktion
Im Laufe der Zeit haben sich in unserer GREEN BOX gleich zwei Beiträge zur Ensoniq Synthesizer-Serie VFX gesammelt, zu der übrigens auch der seltene SD-1 gehört. Wir haben nun beide Artikel zusammengefasst, neu bebildert und überarbeitet. Viel Spaß mit diesen digitalen Klassikern, die eine Brücke schlugen von den 80ern in die 90er.

Mein Ensoniq VFX Synthesizer

von Matthias Steinwachs

Das Schöne an alten Synthies ist ja, dass die meist auch eine Geschichte haben. Also – eine ganz persönliche. Für den ersten Moog hatte man heimlich die Goldmünzen versetzt, die die Freundin von der Oma bekommen hatte, die TB-303 einem musikalisch völlig unbeleckten Bekannten zum Taschengeldpreis abgekauft (der einen dafür dann später, als er den wahren Wert der kleinen Kiste erfuhr, mit wüsten Drohungen überschüttete) und für das erste Fender Rhodes ist man noch 400 Kilometer gefahren. Kein Vergleich zum heutigen „im Internet gesehen und im Versandhandel bestellt“.

So eine Geschichte gibt’s dann auch zu meinem Ensoniq VFX. Damals wohnte ich gerade in Berlin-Kreuzberg und um die Ecke gab’s den kleinen Fricklerladen namens X-Tended, der Verstärker und Synthies reparierte. Miteigentümer war Jürgen Michaelis (der heutige Besitzer von Jomox) und weil der Laden gerade nicht so richtig lief, vertickte er einen Teil seines Equipments. Ich hatte gerade durch einen Musikjob für Sony etwas Geld übrig, brauchte zwar nicht unbedingt einen Synthie, aber irgendwie gefiel mir der Ensoniq auch. Also habe ich das Teil dann Jürgen abgekauft. Der mir dann später sagte, dass ihn das echt gerettet habe. Wer weiß also, ob es ohne meinen VFX später einen SunSyn oder eine XBase gegeben hätte.

Das war 1991. Bis auf einen kleinen Display-Fehler, der sich leicht wieder beheben ließ, läuft der Ensoniq VFX seitdem ohne die kleinste Macke. Okay – einige der Cartridges mussten zwischendurch mal wieder vom Staub befreit werden, aber niemand ist perfekt. Selbst eine jahrelange Pause im Keller hat das Teil unbeschadet überstanden: Beim ersten Einschalten nach langer Zeit funktionierte es klaglos ohne irgendwelche Aussetzer oder Zickereien.

Die Geschichte des Ensoniq VFX

Die meisten Synthies sind ja eine logische Weiterentwicklung ihrer Vorgänger. Schauen wir uns also zuerst mal an, wie es zum VFX gekommen ist – was hat sich vorher bei Ensoniq getan?

Ensoniq wurde 1982 von Robert „Bob“ Yannes gegründet. Der hatte sich mit dem SID Chip von MOS Technology für den Heimcomputer VC64 einen Namen gemacht (und wohl auch einiges an Geld). Mit ihm wechselten dann noch einige andere Mitarbeiter von MOS Technology zur neuen Firma Ensoniq. Das erste Produkt, der 8-stimmige Sampler „Mirage“, sorgte dann gleich für Aufsehen, war er doch der erste wirklich bezahlbare Sampler überhaupt (ja, DM 5.800 waren damals für einen Sampler recht günstig). Die technischen Daten waren mit Sampling-Raten von 29,7 kHz / 8 Bit und einem 144 KByte großen RAM-Speicher für die damalige Zeit durchaus okay, gespeichert wurde auf eh Diskette. Der Nachfolger, der 1988 erschienene EPS (Ensoniq Performance Sampler), kam dann sogar mit 12 Bit, 52 kHz und einem 480 KB (!) großen Speicher.

Der erste Synthie von Ensoniq war der ESQ-1 aus dem Jahr 1986 (der rein äußerlich dem VFX schon recht ähnlich sieht). Dank 8-Spur-Sequencer und Multitimbralität gilt er als eine der ersten Workstations. Die Tonerzeugung erfolgte über 32 digitale Wellenformen (gesampelt und synthetisch), pro Stimme standen drei Oszillatoren zur Verfügung. Direktes Bindeglied zum VFX war der SQ-80, der von 1988 bis 1989 gebaut wurde und eine aufgebohrte Version des ESQ-1 war, mit weiteren Wellenformen, Diskettenlaufwerk und polyphonem Aftertouch.

Ensoniq VFX – Gehäuse und Anschlüsse

Der VFX stammt definitiv aus einer Zeit, als man noch Platz hatte – die Gehäuseoberfläche gibt sich extrem aufgeräumt, da ist viel Platz, um während des Konzerts ein Getränk abzustellen oder bei den Proben seine Stulle zu platzieren. Vor allem der VFX ohne SD, also ohne Laufwerk, bietet da massig Stauraum. Das Gehäuse ist das der Tastaturversion des EPS-Samplers aus dem Jahr 1988, lediglich das Bedienfeld wurde geändert. Auch eine Methode, um Kosten zu sparen.

Mit seinen 61 Tasten (anschlagsdynamisch mit polyphonem Aftertouch) bringt es der VFX auf lässige 103 x 10 x 34 Zentimeter. Trotz Kunststoffgehäuse liegt sein Gewicht bei über 12 Kilo – das verrät, dass integrierte Schaltkreise 1989 noch nicht so das Riesenthema waren. Die Tastatur ist angenehm leicht spielbar, hat aber den Nachteil, dass sie es auf eine erhebliche Eigengeräuschentwicklung bringt, soll heißen: Sie klappert ganz furchtbar. Was ich selber damals aber auch erst merkte, als meine genervte Frau mein verzücktes Kopfhörerspiel durch Ziehen des Steckers jäh unterbrach. Die Wohnzimmertauglichkeit wird dadurch doch ziemlich eingeschränkt.

An Anschlüssen gibt’s einen Stereoausgang (2x Monoklinke), Kopfhörer, das MIDI-Trio (ja, damals war Thru noch angesagt), ein Anschluss für das Ensoniq CVP-1 Doppelpedal mit CV, das auch als Modulator für verschiedene Parameter eingesetzt werden kann (andere Pedale funktionieren aber auch), plus ein weiterer für einen Foot-Switch. Das Netzteil ist im Gehäuse verbaut, das Netzkabel ist abnehmbar.

Der Ensoniq VFX aus einem Original-Prospekt entnommen.

Der Sound des Ensoniq VFX Synthesizers

Der VFX hat einen etwas metallischen Grundklang. Stark ist er bei synthetischen, fetten Bässen, bei Blech- und Holzbläsern (wobei man da natürlich keine Naturklänge erwarten sollte – das Sax klingt ziemlich furchtbar), bei leicht analog klingenden Streichern und natürlich bei Synthiesounds – da besonders bei Leads und Pads, auch in der Abteilung „Düsteres“ ist er gut sortiert. Während die Orgel gut vertreten ist, ist es erstaunlicherweise bei den Pianos und E-Pianos eher dünn. Spärlich besetzt sind auch Percussion und Drums; was aber vorhanden ist, ist gut. Mit etwas Frickelei lassen sich da ganz nette eigene Sounds dazubauen. Ich habe ihn gerne und oft in einer Funkband genutzt; wer mal in die Sounddemos des VFX reinhört, wird hier und da deutlich Level 42 raushören.

Die verbesserte Variante Ensoniq VFX-SD erschien bereits ein halbes Jahr später

Technik, die begeistert

Der VFX ist 21-stimmig, mit 12-fachem Multimode. Die Klangerzeugung ist Sample-basiert und schöpft aus einem  Pool von insgesamt 109 Samples. Die stammen zum Teil aus Natursound-Kategorien wie Strings, Brass, Bass, Breath und Percussion, aber auch synthetische Klangquellen sind dabei. Besonders auffällig sind da die Transwaves, die aus vielen einzelnen kleinen Waveforms mit einem unterschiedlichen harmonischen Spektrum bestehen, die von jedem Startpunkt aus abgespielt werden können. Eine ganz spezielle Form der Samples ist die Multi-Wave, in der es einmal quer durch das gesamte Sample-ROM geht. Start und Länge der Reise und auch die Fahrtrichtung können dabei frei gewählt werden. Für sich alleine ergib das natürlich wenig Sinn, doch lässt sich das auch schön mit der Hauptstimme mischen, was ganz neue Sounds hervorbringt.

Im ROM befinden sich 60 (10×6) Presets, weitere 120 passen ins RAM (das sich bei einer Neuinitialisierung – siehe unten – aber schön wieder löscht). Über Cartridges können schließlich noch einmal je 60 Sounds dazu geladen werden.

Die analogen (und resonanzfähigen) Filter aus den Vorgängermodellen sind beim VFX gegen Digitalfilter ausgetauscht worden, was deren Anwendungsmöglichkeiten dann etwas einschränkt. Jede Stimme des VFX besitzt zwei in Reihe geschaltete Filter; Filter 1 ist als 2- oder 3-Pole Lo-Pass-Filter einsetzbar, Filter 2 als 1- und 2-Pole Hi-Pass oder Lo-Pass Filter – in Kombination auch als Bandpass. Trotz der 15 möglichen Modulationsquellen, die da noch zusätzlich mit einfließen, zählt das Ergebnis aber nicht unbedingt zu den Highlights des VFX.

Schon eher gehören die gerade erwähnten 15 Modulationsquellen dazu, die man fast jeder Einheit des VFX auf den Hals hetzen darf. Dabei sind unter anderem zwei der drei sechsstufigen Hüllkurven, der einzige LFO an Bord, Noise, Wheel oder Pedal. Im Mod Mixer/Shaper können dann zwei Modulatoren zu einem verbunden und durch einen Scaler (der den Modulations-Level mit einem vorgegebenen Faktor multipliziert) und eine der 16 Shaper-Hüllkurven geschickt werden. Das Ergebnis steht dann als „Mixer“ wiederum als eine der 15 Modulationsquellen bereit – das ist wirklich eine enorm große Spielwiese der Klangbearbeitung.

Für die Effekte sorgt ein ESP-Chip mit einem Multieffektprozessor. Der stellt im Großen und Ganzen gut klingende Standards wie verschiedene Reverb-, Chorus-, Flanger- und Delay-Varianten zur Verfügung, dazu dann auch noch zwei sehr ordentliche Rotoreffekte mit Delay und Overdrive, die man sogar anweisen kann, langsam anzulaufen, was dann ziemlich authentisch klingt. So habe ich den VFX früher auf der Bühne oft als Orgelersatz eingesetzt, da leistet er Vorzügliches. Mit dem Update des Betriebssystems sind dann noch einmal sieben weitere Effekte hinzugekommen – allerdings auch nur aus den fünf oben erwähnten Standardgruppen. Übrigens können die Effekte auch wiederum über verschiedene Modulatoren beeinflusst werden.

Deutlich zu sehen, das Floppy-Laufwerk am VFX-SD

Der Ensoniq VFX in der Praxis

Die Handhabung des VFX  ist in fast jeder Beziehung intuitiv. Das große Display mit seinen 2×40 Zeichen (nein, keine Grafik – das war zu der Zeit noch nicht angesagt) zeigt jeweils sechs Sounds (Programme) an, über die zehn Banktasten wird durchgeschaltet. Für jeden „Slot“ auf dem Display gibt’s einen eigenen Button, mit dem man den Sound aktivieren kann; bis zu drei lassen sich kombinieren, indem man einfach zusätzlich zum Hauptsound per Doppelklick auf den jeweiligen Button einen weiteren hinzufügt – oder eben auch wieder abwählt. So lassen sich dann auch im Live-Betrieb ad hoc ziemlich fette Soundmonster schaffen, auch wenn das natürlich zu Lasten der möglichen Stimmenzahl geht.

Eine Besonderheit sind die beiden Patch-Select-Buttons neben den beiden Mod-Wheels (und so bequem mit zwei Fingern zu bedienen, während der Daumen auf den Wheels tanzt): Damit lassen sich vier verschiedene Zustände eines Programms aufrufen, indem man auf Knopfdruck einzelne Stimmen des Programms aktiviert oder wegdrückt. Durch Kombination (links, rechts, beide oder keinen) können so vier Variationen geschaffen werden. Beispielsweise beim Programm „Flugel-Strg“ hat man so auf Knopfdruck entweder beide gleichzeitig oder auch Streicher und Flügelhorn einzeln. Die Patch-Buttons können auch so programmiert werden, dass der Zustand gehalten wird, was sinnvoll ist, will man zwischen zwei grundverschiedenen Sounds umschalten oder beidhändig spielen. Beim Trompeten-Sound dagegen kann man mal eben ein Tremolo oder einen Glitch einschieben – das macht das Spiel lebendig.

Die Programmierung ist ebenfalls kinderleicht. Keine Scroll-Räder, keine hundert Untermenüs, keine Doppelbelegungen, jede Abteilung hat ihren eigenen Button. Bei manchen kommt man durch einen weiteren Druck auf eine zweite Seite, das war es aber auch schon an Komplexität. Die Werte werden dann entweder per Plus/Minus-Tastern oder mit einem Fader verändert, was wesentlich genauer geht als bei so manchem aktuellen Gerät.

Software-Update DRINGEND empfohlen!!!

Die Sache mit den Abstürzen

Geradezu berüchtigt war der VFX für seine plötzlichen Abstürze – natürlich im unpassendsten Augenblick. Live auf der Bühne war das gute Stück immer ein Risikofaktor. Ensoniq erklärt das im Handbuch so: “The great power and flexibility of the VFX lies in the fact that it is really a computer – a computer disguised as a keyboard instrument, but a computer nonetheless. (…) There is a 128k computer programm that runs inside the VFX. That’s more than many personal computers. If you have ever used a computer, you should be familiar with the need to occasionally re-boot your system when you get an error message, etc.“

So wurde der Griff zur Tastenkombination “Preset + oberer linken Instrumentenbutton” zur Gewohnheit. Dummerweise wurden dabei stets auch die internen Sounds gelöscht, die man dann per SysEx-Dump wieder restaurieren musste. Auf der Bühne war das kaum möglich. Besser wurde das erst mit dem OS 2.0; zwar noch immer nicht ganz perfekt, aber doch schon recht zuverlässig. Wer sich also heute noch einen gebrauchten VFX kaufen möchte (werden eher selten angeboten), sollte unbedingt darauf achten, dass er einen mit dem Operating System 2.0 (oder höher) erwischt – sonst hat er nicht viel Freude daran.

Der Beste der Serie, der Ensoniq SD-1

Die Synthese des Ensoniq VFX

von Stephan Dargel

VFX / pol syn 3750 (1989)

Der Ensoniq VFX läutete eine neue volldigitale Ära ein. Während dem ESQ-1 und dem SQ-80 noch analoge resonanzfähige Filter beschert waren, sucht man dies beim VFX und seinen folgenden Modellen vergeblich. Damit haben wir einen der zwei großen VFX-Nachteile schon erläutert. Der zweite Nachteil: Das Betriebssystem des VFX gilt als eines der absturzfreudigsten überhaupt! Man hat dies zwar mit Versionen ab 2.0 einigermaßen in den Griff bekommen, sicher sein kann man aber nie. Dies dürfte auch der Grund gewesen sein, warum man beispielsweise beim Universal-Editor PolyFrame von C-LAB das VFX-Modul aus dem Programm nahm. Mir ist bislang nur ein einziger PD-Editor für den VFX bekannt, der bislang absturzfrei mit dem VFX ab Version 2.1 gearbeitet hat. Ganz ohne Frage: Der VFX ist ein wenig schwierig in der Handhabung via MIDI Sys-Ex-Daten.

Entschädigt wird man beim VFX allerdings durch die zahlreichen Modulationsroutings, die dem VFX bei der Marktpräsentation 1989 viele Vorschusslorbeeren einbrachten. Ausgestattet ist der VFX mit 21 Stimmen, die per dynamischer Stimmenzuordnung auch im Multimode abgerufen werden können.

Pro Stimme steht ein Oszillator zur Verfügung, welcher sich aus dem 1,5 MByte umfassenden Sample-ROM mit 109 Wellenformen bedienen kann. Besonders erwähnenswert ist die Tatsache, dass die Samples wahlweise auch rückwärts abgespielt werden können. Auch ist der Sample-Start einstellbar. Die sogenannten Transwaves sind hierbei besonders interessant. Sie simulieren z. B. resonanzartige Verläufe, denn das Digitalfilter des VFX ist dazu nicht in der Lage.

Dieser Kompromiss ist im Ergebnis häufig ausreichend, der Programmieraufwand steht allerdings in einem anderen Verhältnis. Schließlich gibt es eine Wellenform namens ALL WAVES. Diese Wellenform durchläuft das gesamte Sample-ROM. Hier kann man per Sample-Start und -länge einen Ausschnitt definieren, welcher auch zwischen zwei oder mehreren Samples liegen kann. Eine sehr gute Möglichkeit, neues Klangmaterial zu definieren. Ohne Zweifel präsentiert sich der VFX als Synthesizer im Wortsinne! Es folgt das Digitalfilter. Eigentlich sind es sogar derer zwei mit je einer Flankensteilheit von 12 dB/Okt. Sie können in Reihe oder parallel geschaltet werden. Damit ist ein Einsatz als Hoch-, Band- und Tiefpass möglich, wobei Hoch- und Tiefpass mit 12 oder 24 dB/Okt. und Bandpass mit 12 dB/Okt. möglich ist. Aber wie gesagt muss man auf einen Resonanzparameter verzichten.

Die Anschlüsse am SD-1

Es folgt die Verstärkereinheit und die umfangreiche Gruppe der Modulationsmöglichkeiten. Gerade hier eine detaillierte Auflistung zu machen, würde den Rahmen dieser Vorstellung sprengen. Da gibt es z. B. drei 6-stufige Hüllkurvengeneratoren, einen LFO, einen Modulationsmixer usw. Insgesamt 15 Modulationsquellen stehen zur Verfügung. Sie lassen sich unterschiedlich zuordnen, wobei eine Hüllkurve fest der Amplitude des Oszillators zugeordnet ist. Sehr interessant ist das Modulationsziel TRANSWAVE. Hier kann man beispielsweise mit der Anschlagsdynamik den Sample-Start verschieben, mit einem LFO einen Filtersweep simulieren und so weiter. Als Spielhilfen kommen neben Pitchbend- und Modulationsrad erstmals die Patch-Select-Tasten zum Einsatz. Mit ihnen ist es möglich, per Druck blitzschnell eine Klangvariante aufzurufen! Wie geht das?

Grundsätzlich muss man zunächst einmal erwähnen, dass bis zu sechs Stimmen zu einem Klangprogramm kombiniert werden können. Entscheidet man sich beispielsweise für zwei Teilklänge und fügt sie zu einem Klangprogramm zusammen, so werden zwei Stimmen für diesen Klang verbraucht. Die anderen vier Stimmen bleiben zunächst frei. Diese können nun wiederum so programmiert werden, dass bei Druck auf eine der Patch-Select-Tasten eine andere Kombination aufgerufen wird. Es gibt insgesamt vier Zustände für die beiden Patch-Select-Tasten:

Der Ensoniq SD-1 aus einem Original-Prospekt entnommen

Die Patch-Select-Funktion

  • Taste 1
  • Taste 2
  • beispielsweise aktivierte Stimmen
  • frei
  • frei
  • Klangprogramm wie programmiert (z. B. 1 und 2)
  • gedrückt
  • frei
  • Variante 1 (z. B. 1 und 3)
  • gedrückt
  • gedrückt
  • Variante 2 (z. B. 4 und 5)
  • frei
  • gedrückt
  • Variante 3 (z .B. 2 und 6)

Die jeweils nicht benutzten Stimmen werden also deaktiviert. Im obigen Beispiel würden also immer zwei Stimmen pro Klang verbraucht. Es bleibt aber jedem frei überlassen, ob er nicht auch drei, vier, fünf oder gar alle sechs Stimmen per Patch-Select aufrufen möchte. Hier bietet sich z. B. das Beispiel Saxophon an: Normalprogramm = Tenorsaxophon, Variante 1 = Altsaxophon, Variante 2 = überblasenes Saxophon, Variante 3 = alle zusammen usw.

Zur Bereicherung des Klangbildes trägt auch der ESP-Chip bei. Dieser stellt einen Multieffektprozessor zur Verfügung, der bei Bedarf auch mehrere Effekte kombiniert zur Verfügung stellen kann. Ab der Version 2.0 besitzt er sogar noch weitere Effekte. Der Effektprozessor ist voll in die Synthese einbindbar und kann demzufolge auch in Modulationsroutings mit einbezogen werden, was ihn natürlich sehr flexibel macht. Besonders hervorzuheben sind die Chorus- und Rotor-Effekte. Letzterer ist z. B. besonders wirkungsvoll, wenn er von 0 auf 100 gebracht wird. Er läuft dann nicht etwa gleich auf Hochtouren, sondern schwingt erst langsam ein. Da die klanglichen Stärken des VFX gerade auch in der Reproduktion von Orgelklängen liegen, ist dieser Effekt eine echte Bereicherung. Die Tastatur des VFX umfasst 61 Tasten und ist anschlags- und polyphon druckdynamisch ausgelegt. Sie ist sehr ausgewogen spielbar, klappert allerdings recht heftig! Die Aussparung für das Diskettenlaufwerk ist zwar vorhanden, nur dort befindet sich nichts. Man hat einfach wirtschaftlich gedacht und nicht eigens für den VFX ein neues Gehäuse entwickelt. Das Gehäuse entspricht also dem des EPS-Samplers. Im Folgemodell VFX-SD befindet sich an besagter Stelle dann auch das Diskettenlaufwerk. Zugegebenermaßen eine eigenwillige Facette in der Geschichte des Synthesizerbaus.

Sitzt im identischen Gehäuse wie der Ensoniq VFX-SD

Bedient wird der VFX über 52 (16 davon mit LED) etwas schwergängigen Tastern. Die Übersicht bietet ein fluoreszierendes Display mit 2x 40 Zeichen. Dort sind auch gleich sechs Klangprogramme gleichzeitig im direkten Zugriff erreichbar, denn über und unter dem Display befinden sich jeweils drei Soft-Buttons, deren Funktion vom Inhalt der Display-Seite abhängt. Besonders lobenswert ist die Möglichkeit der Klangschichtung, ohne ein sogenanntes PRESET zu definieren. Dazu wählt man ein Klangprogramm, dessen programmierte Effekte dann für die ganze Schichtung gelten. Das zweite Klangprogramm wird durch Doppeldruck auf ein beliebiges anderes Programm (auch von einer RAM/ROM-Karte bzw. anderen Klangbank) dazugelegt. Bis zu drei Programme können so kombiniert werden. Natürlich nimmt die maximale Stimmenzahl immer mehr ab!

Die gerade erwähnten PRESETs sind keine üblicherweise als solche bezeichnete unlöschbaren Klangprogramme. Vielmehr handelt es sich dabei um eine Art Performance, wobei bis zu drei Klangprogramme miteinander kombiniert werden können. Für jedes PRESET können zudem eigene Effekteinstellungen programmiert werden. Im Multimode kommt schließlich das einzige Multi-Programm zum Einsatz, welches in Multi A und B geteilt ist. Dennoch handelt es sich dabei um ein gemeinsames Multiprogramm. Der Grund für die Teilung: Es können nur maximal sechs Klangprogramme im Display angezeigt werden und der VFX ist 12-fach multitimbral. Im Multiprogramm werden pro Klang MIDI-Kanal und für alle gemeinsam ebenfalls ein gemeinsamer Effekt programmiert. Aber Vorsicht: Der VFX neigt bei allzu extensiven Gebrauch dieser Möglichkeit dazu abzustürzen!

Die Klänge des VFX werden in 120 RAM- und 60 ROM-Klängen unterteilt. Weitere 60 Klänge sind über RAM/ROM-Karten abrufbar. Die dafür erforderlichen Karten sind zwar nicht billig, benötigen dafür aber keine Batterien, da sie als EEPROMs konzipiert sind. Im Prinzip ist ein Datenverlust nicht möglich. Zusätzlich gibt es pro Bank 20 PRESETs (siehe oben), also 40 im RAM- und 20 im ROM-Speicher, sowie weitere 20 auf den Karten.

Rückseitig befindet sich ein abnehmbares Netzkabel (übrigens mit denen der KORG Synthesizer der damaligen Zeit identisch), das MIDI-Trio, ein Stereoausgang, ein Kopfhörerausgang, ein Spezialeingang für das ENSONIQ Doppelpedal (Taster und CV-Spannungen, hier kann auch ein beliebiges anderes Pedal angeschlossen werden) sowie ein Steuerspannungspedaleingang. Alle Taster- und Steuerspannungspedale können programmiert werden und sind somit nicht auf bestimmte Funktionen beschränkt!

Der kompakte VFX ist mit 12,7 kg relativ leicht und sehr stabil gebaut. Seine Schwächen liegen im Fehlen der Filterresonanz und in der Gefahr des nicht seltenen Abstürzens. Man sollte unbedingt auf eine ROM-Betriebsversion ab 2.0 – besser noch 2.1 – achten! Dann aber lohnt sich der VFX, denn kaum ein Synthesizer hat bis dato eine derartige Vielfalt an Klangformungsmöglichkeiten geboten und das bereits schon auf der Oszillatorebene. Seine Stärken liegen meiner Meinung nach bei den Imitationen von Orgel-, Bläser-, Streicher- und Flötenklängen sowie natürlich allen Arten von Synthesizerklängen! Weniger gut bestückt ist er in Bezug auf ein Klavier-Sample oder den Drum-Samples. Was vielleicht noch problematisch zu sehen ist, ist der hohe Parameteraufwand und viel Tastentipperei. Aber es lohnt sich!

Der Ensoniq SD-1 von 1990

Modellvariationen zum Ensoniq VFX

von Stephan Dargel

VFX-SD / pol syn 4750 (1989)

War der VFX noch keine Workstation, so wurde durch Einbau eines Mehrspur-Sequencers dieses mit dem VFX-SD nachgeholt. Durch die Hinzunahme von Percussion- und Drumsamples in den Wellenformspeicher erhöhte sich dieser auf 1,75 MByte. Außerdem verfügt die SD-Version über ein eingebautes 3,5″-Laufwerk – genau da, wo der VFX bereits eines zu haben schien. Die ROM-Sample-Erweiterung äußert sich in nunmehr insgesamt 141 Wellenformen. Der Sequencer umfasst 24 Spuren mit 25000 Noten und kann maximal 60 Songs verwalten. Die Daten lassen sich natürlich auf Disketten speichern. Der Sequencer ist relativ komfortabel zu handhaben. Mit der Speichererweiterung SQX-70 ist ein Ausbau auf maximal 75000 Noten möglich. Das Vorhandensein des Laufwerkes macht den VFX-SD ein Pfund schwerer: 13,2 kg. Aber es fehlt ihm immer noch ein vernünftiges Klavier-Sample. Ein nicht unwesentlicher Vorteil des VFX-SD gegenüber dem Ur-VFX: Die Tastatur klackert nicht mehr so heftig!

VFX-SD 2.0 UPGRADE / erw 990 (1990)

Erweiterung für den VFX-SD auf die Software 2.0 mit neuen Sequencer-Funktionen und neuen Effektalgorithmen für den VFX-SD zum praktisch VFX-SD II, jedoch ohne Piano-Erweiterung. Dafür ist das VFX-SD UPGRADE nötig. Unter anderem wird mit diesem Upgrade auch Step- und Multirecording im 12-Spur-Sequencer ermöglicht.

VFX-SD II / pol syn 4740 (1990)

Entspricht in etwa einem VFX-SD mit eingebautem VFX-SD UPGRADE, also Erweiterung des Sample-Speichers um ein 1 MByte Piano-Sample. Des Weiteren: Verbesserung des Betriebssystems, ein neues Effektprogramm (Kombinationseffekt Chorus/Distortion/Reverb), erweiterten Sequencer-Funktionen (z. B. Step-by-Step-Eingabe von Noten und Controllern). Der VFX-SD II ist vergleichsweise selten und wurde recht zügig vom SD-1 abgelöst.

Ensoniq SD-1 (1990)

1990 erschien bereits der Ensoniq SD-1, der bis auf folgende Details identisch mit dem Ensoniq VFX-SD war. Namen und Bedruckung des Gehäuses waren verändert worden. Der Sound- und Performance-Speicher waren auf 180 Patches und 60 Performances erhöht worden.

Die entscheidene Verbesserung hatte sich im Sample-ROM-Speicher abgespielt. Statt des 1,5 MB großen ROM-Speichers, verfügte der Ensoniq SD-1 über einen PCM-Vorrat von 3,5 MB.

In der Standardausführung war der Ensoniq SD-1 21-stimmig. Es gab allerdings auch eine 32-stimmige Variante unter der Bezeichnung Ensoniq SD-1/32.

YouTube-Demos

Hier wieder einige ausgewählte YouTube-Demos für euch:

Fazit

Großartiger PCM-Sound mit digitalen Filtern (ohne Resonanz). Seinerzeit wunderbare Alternative zu den Platzhirschen Roland und Korg. Unkompliziert zu programmieren, schnelle Zusammenstellung von Layern möglich. Tastatur mit polyphonem Aftertouch – wer hat das schon? Enorm günstiger Gebrauchtmarktpreis. Nur die Variante Ensoniq SD-1 liegt deutlich höher und taucht auch recht selten am Gebrauchtmarkt auf.

Die Stärken liegen ganz sicher nicht bei authentischen Natursounds, sondern eher bei außergewöhnlichen digitalen Fantasie-Sounds, die vor allem durch die Layer sehr leicht variiert werden können.

Plus

  • durchsetzungsfähger, warmer Digitalsound
  • fähig zu außergewöhnlichen Klangstrukturen
  • Tastatur mit polyphonem Aftertouch
  • heute günstiger Anschaffungspreis

Minus

  • kein resonanzfähiges Filter

Preis

  • Preise lt.Syntacheles-Liste Oktober 2018
  • Ensoniq VFX: ca. 190,- Euro
  • Ensoniq VFX-SD: ca. 200,- Euro
  • Ensoniq SD-1: ca. 370,- Euro
Forum
  1. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Als langjähriger Spieler eines Mirage hatte ich eine besondere Affinität zu Ensoniq, allerdings nicht wegen ihrer Filter. Das war, obwohl noch analog und mit Resonanz, schon bei meinem DSK-8 nicht besonders und eignete sich kaum für drastische Verfremdungen von Samples. Aber dafür war der Mirage, glaube ich, auch nicht ausgerichtet, hier stand die möglichst „echte“ Reproduktion akustischer Instrumente im Vordergrund. Durch Richard Barbieri bei Porcupine Tree wurde ich auf den VFX aufmerksam und war von der Wärme seiner Sounds überrascht. Ich habe schon oft die Umschreibung „er klingt amerikanisch“ gehört/gelesen, was immer man sich darunter vorstellen mag. Ich mag ihn jedenfalls…

  2. Profilbild
    dAS hEIKO  AHU

    ensoniq empfand ich schon immer als Exot…und das ist nicht negativ gemeint. Ganz offensichtlich war die Denktweise in der Firma „anders“. Das mit den wiederverwendeten Gehäusen „stört“ sicher erst, seit man für diesen Bericht darüber gestolpert ist. Im Endeffekt ist es eine Effektivität und Ökonomie, wie man sie heute vielleicht noch bei Behringer findet: Wenns nicht notwendig ist, warum neu machen.
    Die Ersten ensoniq Sounds, die ich gehört habe, kamen von der Keyboards-Labber-Schallplatte. Ich fand immer, das das sehr druckvolle, amerikanische Sounds waren. Da denk ich z.B. gern an Chicago.
    Bei meinem MR-Rack empfinde ich das auch noch so, dass die Sounds eben einfach fertig zum Gebrauch sind. Soundfrickelei war nie das große Ding, denke ich. Dafür spricht auch die „digitale“ Oberfläche, der man bis zum bitteren Ende treu blieb. Bewies man doch, dass man damit (im gegnesatz zu einem DX7, JX8P) durchaus eine ordentliche praxisgerechte Bedienung bereitstelen konnte.
    Die „komischen“ 21 Stimmen waren seinerzeit durchaus auch nicht ohne. Generationen von Multitimblaren Synth danach waren manchmal immer noch 8 stimmig.

    Leider blieb ensoniq der Exot mit den Guten Ideen und der Käufer Creative Labs „hat es verstanden“ ensoniq (genauso wie E-mu) von der Bildfläche verschwinden zu lassen.

  3. Profilbild
    costello  RED

    „die Goldmünzen versetzt, die die Freundin von der Oma bekommen hatte“ – Das ist aber nicht die feine englische Art ;-) Danke für den schönen, ausführlichen Bericht. Es ist auch ganz wohltuend, hier am Samstag mal über ein Vintage-Gerät zu lesen, was einen nicht gleich dazu bringt, nervös den aktuellen Kontostand zu checken :-)

  4. Profilbild
    Maxi  

    Schade, dass diese Firma vom Markt verschwunden ist (bzw. genommen wurde). Ensoniq hatte coole Synths & Sampler mit einem eigenen Konzept/Design/Charakter am Start. Könnte Uli B. gerne mal die eine oder andere Kiste nachbauen bzw. „reengineeren“, wie man das in der Branche nennt. Am besten natürlich die ganze Marke Ensoniq wiederbeleben. Diese Brand dürfte ein Schnäppchen sein. Thx in advance!

  5. Profilbild
    Moogfeld  

    Ich fand Ensoniq auch schon immer Klasse, mein damaliger Ensoniq-Einstieg mit dem VFX war jedoch von viel Frust geprägt, da ich definitv auch so ein „Katastrophenabsturzmodell“ bekommen habe. Ja, und die heilversprechenden Updates halfen damals auch nicht wirklich (Version 2.0 war zwar besser, aber halt doch noch nicht richtig gut). Der VFX musste daher wieder weg, vom Sound jedoch angefixt, gab ich beim Erscheinen des SD1 in der 32-Voice Variante Ensoniq dann noch mal eine Chance…..und wurde damit nicht enttäuscht, denn der SD1 läuft auch heute noch super stabil und funktioniert ohne Mullen und Knullen. Ich kann daher jedem, der sich für den VFX interessiert nur wärmstens empfehlen sich einen SD1 zu holen: gleicher Sound, größerer ROM, und vor allem läuft dieser zuverlässig.
    Insgesamt ist es echt schade, dass die Firma sich langfristig nicht halten hat können: Mirage, ESQ1, SQ80, VFX, SD1, die SQ- Serie wie auch die späteren TS-Modelle, das waren alles absolut innovative Produkte mit eigenem Charakter……….ich wisch mir die Tränen ab.

  6. Profilbild
    Joerg  

    Ensoniq ist bei mir immer verbunden mit einer saugeilen Zeit, die ich mit meinem ASR-10 (ist zwar ein Sampler, aber dennoch Ensoniq) durchmachen durfte. Hat zwar nix mit dem eigentlichen Synth-Thema zu tun, aber ein wenig Sentimentalität darf ja mal sein…. :-)
    Ansonsten fand ich die Ensoniqs immer hervorragend verarbeitet und die Tastaturen (damals waren die Tastaturen sowieso besser) sehr gut

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