Green Box: Roland D-10, D-20, D-110, D-5, LA-Synthesizer

12. Juli 2002

Die kleinen Geschwister des D-50

Propsekt-Cover von 1988

Die kleine D-Serie im Geschichtsrückblick

1987, der Yamaha DX7 hat weltweit die Synthesizer-Szene beherrscht und dominierte die Pop-Musik wie kein anderer Klangerzeuger zuvor. Verzweifelt hatten viele der damaligen Wettbewerber wie Oberheim, Sequential und Korg versucht, einen adäquaten Konkurrenten ins Feld zu schicken – vergeblich. Erst ROLAND konnte mit dem D-50 den FM-Bann durchbrechen und mit der LA-Synthese einen neuen und auch kommerziell erfolgreichen Klassiker schaffen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war „analog“ endgültig kalter Kaffee (zumindest vorübergehend), denn auch die LA-Synthese setzte ausschließlich auf eine digitale Klangerzeugung. Selbst heute, 17 Jahre später, hat der originale D-50 nichts von seiner Popularität verloren. Auch ROLAND hat die Zeichen der Zeit erkannt und für seinen aktuellen V-Synth eine Plug-In Karte entwickelt, die aus dem V-Synth einen D50 werden lässt. Was aber ist es, dass den ROLAND D-50, der kaum einen Naturklang authentisch wiederzugeben vermag, deutlich Nebengeräusche erzeugt und die Wärme analoger Klangerzeuger vermissen lässt, trotzdem so beliebt macht?

Der Klang des Roland D-50 ist unverkennbar und durch keinen anderen Synthesizer (außer dem V-Synth) zu emulieren. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Der D-50 hat Charakter – und von welchem aktuellen Synthesizer kann man das wirklich noch behaupten?

Schon ein Jahr nach dem D-50 überraschte ROLAND mit einer Low-Budget Variante des D-50, namentlich mit drei Modellen, dem Roland D-10, dem Roland D-20 (quasi ein D-10 mit zusätzlichem Sequencer und Diskettenlaufwerk) sowie der Rackversion D-110, die über Einzelausgänge verfügte. Auch wenn auf dem Papier alles ein wenig opulenter aussah als beim Vorgänger Roland D-50, so erreichten die Klänge des kleinen Trios die Klangfülle des Vorgängers bei weitem nicht. Auf der anderen Seite ermöglichten die neuen Modelle zum ersten mal bei Roland, das Spielen verschiedener Sounds über unterschiedliche Midikanäle – GLEICHZEITIG.

Dieses Feature, gepaart mit dem günstigen preis und zumindest dem eindeutigen Klangcharakter des Roland D-50, machten die drei zu beliebten Synthesizern jener Zeit und zu regelrechten Verkaufsschlagern

Hier ein kurzer Blick auf alle drei Modelle, die 1988 auf den Markt kamen:

Roland D-10

Die Leistungsdaten schienen gegenüber dem D-50 verbessert zu sein, doch der damalige Preis von 2350,- DM gegenüber knapp 4000,- DM beim D-50 ließ Zweifel aufkommen. Um es vorweg zu nehmen: der D-10 und seine Derivate klingen nicht schlecht, können jedoch nicht die Fülle und Brillanz des D-50 erreichen. Schon der Umfang der Bedienelemente und des Displays zeigt deutlich, wer mit der „kleinen“ D-Reihe angesprochen werden soll. Grundlegende Änderungen gegenüber dem D-50 auf der Habenseite sind das Vorhandensein von nunmehr 256 PCM-Wellenformen und 13 Structures, sowie die achtfache Multitimbralität. Gekürzt wurden dafür die Möglichkeiten der LFOs (nur Wellenform Dreieck), der Umfang des Effektprozessors und die Qualität der D/A-Wandler. Außerdem ist der optional erhältliche Programmer PG-10 von seinen Möglichkeiten lange nicht so verschwenderisch mit Bedienelementen ausgestattet wie der PG-1000.

 

Die grundsätzlichen Synthesevorgänge entsprechen jedoch der des D-50, wobei auch bei der kleinen D-Reihe die PCM-Samples nicht mit dem Filter bearbeitet werden können. Der Sample-Bereich umfasst zwei Bänke mit jeweils 128 per PCM aufgezeichneten Samples. Zunächst erstaunt, dass beide Bänke absolut die gleichen Samples enthalten. Allerdings befinden sich in der ersten Bank nur Attack-Samples, während sie in der zweiten Bank nochmals in geloopter Form vorliegen. Ausgehend von diesen 128 Basissamples sind hier bereits 63 Samples für die Aufzeichnung von Schlagzeug- bzw. Perkussionsinstrumenten verwendet worden. Die Qualität der Samples ist ähnlich hoch wie beim D-50. Die sechs gegenüber dem D-50 neu hinzugekommenen Structures bestehen aus vier Ringmodulator-Anordnungen und zwei einfachen Structures, welche die jeweiligen Partials (zwei Partials ergeben eine Structure) unverknüpft direkt weiterleiten.

PG-10, Remote für die kleinen D´s

Letztendlich sei die Frage nach der Bedienbarkeit gestellt. Mit dem vorhandenen Display mit 2 x 16 Zeichen gestaltet sich die Programmierung sehr zeitaufwendig und kompliziert. Für tiefergehende Eingriffe oder regelrechte Programmierung des D-10 und seiner Derivate kann daher nur ein Editorprogramm oder der optionale Programmer PG-10 empfohlen werden. Hier gibt es wohl die hardwaremäßig größte Einschränkung gegenüber dem D-50. Andererseits bietet der D-10 auch eine größere Anzahl Klangprogramme: 128 Presets und 64 editierbare Programme auf der Tone-Ebene und 128 Patches (= volles Klangprogramm mit ein bis vier Tones). Schließlich soll auch nicht der eingebaute patternoriertierte Drumcomputer vergessen werden. Dieser bietet 32 Preset-Rhythmen und 32 selbstprogrammierbare Pattern. Fehlt dem D-10 nur noch der Sequenzer und ein Diskettenlaufwerk zur Massenspeicherung und wir hätten es mit einer Workstation zu tun. Siehe dazu näheres unter D-20.

Roland D-20

Beim D-20 haben wir es mit der einzigen LA-Synthesizer-Workstation zu tun, denn der D-20 umfasst neben den Möglichkeiten des D-10 (Klangerzeugung samt Drumcomputer) auch noch ein 3,5″-Diskettenlaufwerk zur Archivierung von Klang- und Sequenzerdaten, sowie einen 8-Spur-Sequenzer plus einer Rhythmusspur mit einer Kapazität von maximal 16000 Noten in maximal 500 Takten. Von der Klangqualität und den Möglichkeiten her dürfte der D-20 angesichts seines Gebrauchtpreises im Vergleich zum damaligen Konkurrenten YAMAHA V 50 die bessere Wahl darstellen. Aber auch beim D-20 sei auf die Verwendung des Programmers PG-10 hingewiesen!

Roland D-110

Der Expander des D-10 bietet alle Features des D-10, wobei hier zusätzlich sechs Einzelausgänge vorhanden sind. Das Rackgerät beansprucht im Rack nur eine Höheneinheit und erfreut sich großer Verbreitung. Auf dem Gebrauchtmarkt ist der D-110 schon recht preiswert zu bekommen. Allerdings fehlt dem D-110 der Drumcomputerteil des D-10/D-20, wenngleich er über alle Klänge dafür verfügt. Hier böte sich neben einem Sequenzer auch der OBERHEIM Drummer an, ein Drumcomputer ohne eigene Klangerzeugung aus der Perf/X-Serie (mit lebensgefährlichem Netzteil!). Wer bislang Probleme mit der systemexklusiven Datenübertragung hatte, der möge bitte seine Softwareversion feststellen (Vorgehensweise im Anhang beschrieben). Handelt es sich um die Versionen 1.06 oder 1.07, so sollte ein Austausch gegen mindestens Version 1.10 vorgenommen werden, was bei den jeweiligen ROLAND-Händlern machbar sein sollte.

Erstaunlicher Weise präsentierte Roland 1989 nach seinen kleinen D-Modellen, einen NOCH  KLEINEREN D:

Roland D-5

Dass auch erfolgsverwöhnte Hersteller sich einen Flop leisten können, bewies der D-5. Noch kleiner und noch harmloser wirkend und mit noch mehr schwarzer Fläche auf dem Bedienfeld macht er optisch schon einen ärmlichen Eindruck. Innerhalb eines Jahres verschwand der D-5 dann auch wieder in der Versenkung. Dem Sammler sei das Gerät jedoch als eine der jüngeren Seltenheiten empfohlen! Was hat sich gegenüber dem D-10 geändert? Man hat überall abgespeckt, wo es musikalisch noch für vertretbar gehalten wurde. Wenigstens konnte man noch den PG-10 für die Programmierung hernehmen und auch der RAM-Karten-Schacht blieb erhalten.

Aber angefangen bei dem um 2,2 Kilogramm weniger Gewicht scheint offensichtlich, dass gekürzt worden sein muss. Zunächst kann man sich erst mal an einem ROM-Demo erfreuen, welches die klangliche Vorzüge des D-5 offenbart. Allerdings ist weder ein Sequenzer noch der Drumcomputer des D-10 vorhanden. Die achtfache Multitimbralität wurde beibehalten, wobei als neunter multitimbraler Part die Rhythmusklänge angewählt werden können. Außerdem wurde neben dem Chase-Play auch ein Arpeggiator integriert. An sich scheint alles für eine Weiterentwicklung des D-10 zu sprechen, jedoch offenbaren sich die Probleme insbesondere in dem Vorhandensein der Bedienelemente. Dort fehlen neben den ausführlicheren Aufdrucken über Zusammensetzung der Hüllkurven und der Structures auch der Value-Schieberegler. Das Gehäuse wirkt sehr einfach und zierlich. Auf Grund des fehlenden Drumcomputers sind auch die hierfür vorgesehenen Tasten nicht vorhanden. Anstelle der D-10-Grafiken auf dem Gehäuse finden wir hier eine Tabelle von Klanggruppen, welche sich stark an das anlehnen, was wir heutzutage unter General MIDI kennen. Tja, und das größte Manko: der Effektprozessor fehlt vollständig! Angesichts des preiswert beschaffbaren D-110 mit Effekten kann somit nur zu diesem geraten werden. Nichts desto trotz ist der D-5 der wohl seltenste Ableger der D-Serie.

Am Ende sei noch der Roland MT-32 erwähnt, der quasi die Desktop-Variante des Roland D-110 war. Diesem widmen wir uns aber in einer separaten Greenbox-Ausgabe einen eigene Reprt.

Forum
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    AMAZONA Archiv

    Auch wenn er kein moderner Klassiker ist: Der D20 steht nach wie vor (als mein erster neu gekaufter Synth) im heimischen Studio.
    In der Tat hat er keine Alleinstellungsmerkmale, aber die Kombi aus leidlich brauchbarer Tastatur (wenn auch ohne Aftertouch), ordentlichem Grundsound und einigen bizarren Bläsersounds macht zumindest mir immer noch viel Spaß.

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    Klaus Himmelstein

    Jaja, der D70. Noch so eine „underrated“-Nummer. Gut, Anfang der 90er gabs andere Prioritäten, jeder wollte nen M1 haben, und leider hört man das auch. Dass der D70 alleine schon aufgrund des wirklich verdammt guten Filters den wesentlich vielseitigeren Sound hatte (und hat), war zu der Zeit nicht wirklich von Interesse. Und deswegen kann ich nur jedem empfehlen, der witzige 90er-Sounds machen will und nicht auf den JV1080-Selbstbedienungsladen setzen will: Der D70 ist für 300 Dollar in z. T. sehr gutem Zustand zu haben, hat exzellente Masterkeyboardfunktionen und ist soundtechnisch nach ein bisschen Einarbeitung eine echte Fundgrube.

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      TobyB  RED

      Hallo Klaus,

      ich hab die kleinen Rackbrüder der D70, eine D50 und ne D110. Klanglich top, wenn man von den Presets die Finger lässt aber in der Bedienung am Gerät ein Graus. Ich hoffe das es bei den Tastenbrüdern anders ist. Ebenso grausam die Firmware, ich habe am WE versucht mit Ctrlr Editoren für die Dinger zu bauen. Auf gute Dokumentation hat man damals schon keinen großen Wert gelegt ;-) Da die Programmer für die D Serie mittlerweile das doppelte bis dreifache Kosten, würde ich jemandem der die Rackversion haben möchte eher zu den Tasten raten, wenn keine Programmierkenntnisse vorhanden sind. Grade die D110 ist am Gerät nicht gescheit zu bedienen und hat dezente Eigenheiten. Grade der eingebaute 8 Spursequencer würde sie interessant machen, ist aber ohne Programmer, Ctrlr Interface nicht zu bedienen. Die M1/r und M3r sind hier einfacher zu handlen, das Referenzmanual für die M3 hilft einem bei der Erstellung eines Editors wirklich weiter.

      Wie dem auch sei, sieht man über diese Eigenarten weg, hat man da auch für aktuelle Stile genügend Potential, mir gefiel z.b. auf anhieb der Grand Piano Patch der D50 und der D110, setzt sich in der richtigen Tonart gut durch und klingt nicht nach M1 und M3;-)

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        Rivanho

        Rackbrüder der D-70 ? gibt er gar nicht ! D-550 ist der rackbrüder de D-50. D-70 klingt gar nicht als die anderen D-synths, mehr als der JD-800.

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          TobyB  RED

          Morsche rivanho,

          ich meinte die D und U Varianten. In Rackform. Der D 70 klingt für mich „langweilig“ Der D50 ist da schon ne andere Sache. Ich würde den nicht unbedingt in einer Reihe mit dem JD800 sehen. Aber das eine Frage der Betrachtung.

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            Rivanho

            Ich besitze der D-50, D-70, JD-800 und JD-990. Der D-70 has sicher sein eigene Platz mein Studio und ist nicht langweilig wenn man sich die muhe gibt die sounds zu editieren und die Filter gebraucht ;-))

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        Ashatur  

        Der D-10 und der Poly 800 waren meine ersten Synthesizer. Und den D-10 besitze ich heute noch. Und bestimmte Sounds benutze ich heute noch. Die Brot uund Butterpresetklänge zeigen im keinsten Fall was diese Kiste kann. Ich finde sie sogar sehr Grottig um es milde auszudrücken ^^ Aber tolle Digitalspektren und eigenwillige aber sehr charismatische Sounds können dieser Kiste entlockt werden und ist oft der perfekte Glue zwischen analogen und virtuell analogen Sounds.

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          TobyB  RED

          Hallo Ashatur,

          ich hab ja „nur“ D110, D50 und Boutique D05. Die D50 setze ich meist für Flächen ein. Bei den Presets der D50 ist das wie das Depeche Mode Album Violator hören, gefolgt von Enya und Clannad. Das muss man schon mögen. Man kann aus den Kisten wirklich was rausholen. Wobei beim D110 wirds schon schwieriger. Was ich begrüßen würde, wenn das D05 als Plug Out fürs System 8 erscheinen würde, okay 8 Stimmen würden fehlen aber Roland hat hoffentlich ein System 16 auf dem Zettel.^^

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    Marcus_Kiel   1

    Der Roland D-70 verwendet den gleichen Filterchip wie der Roland S-770 Sampler. Die beiden Geräte wurden zeitgleich produziert.

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