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Test: Roland V-Synth, Sampling-Synthesizer

13. April 2003

Time-Warp-Sampling-Machine

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Gleich vorab: Auf AMAZONA.de finden Sie auch ausführliche Tests zu den beiden Nachfolgern Roland V-Synth XT und Roland V-Synth GT.

Mit dem V-Synth präsentiert Roland ein umfangreich ausgestattetes neues Instrument für Sound-Enthusiasten, welches dem geduldigen User ganz neue Klangwelten eröffnet. Schlagworte wie unabhängige Manipulation von Tonhöhen, Laufzeiten und Formanten gesampelter Wellenformen kennen wir schon von der VariPhrase Technologie aus Geräten wie dem VP-9000, im Vergleich dazu spielt beim V-Synth nun aber das Thema Echtzeit-Kontrolle eine wichtige Rolle, was auch schon an dem äußerlichen Erscheinungsbild zu erkennen ist.

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Oberfläche des Roland V-Synth

Der V-Synth erscheint auf den ersten Blick wie aus fremden Welten, wozu folgende Elemente beitragen:
Im Zentrum des Bedienfeldes sitzt ein grafisches 320 x 240 Pixel großes beleuchtetes LCD mit Touch Funktion. Zu den vielfältigen Controllern zählen neben dem üblichen Roland Pitch Bend/Modulations-Hebel das auffällige Time-Trip Pad und der Twin D-Beam Controller.
Auf der Rückseite begegnen uns u.a. 2 Stereo Line-Ausgänge, ein Stereo Mic/Line-Eingang und S/PDIF Digital-I/O. Wichtig zu erwähnen wäre dann neben dem obligatorischen Midi-Trio noch der USB-Anschluss für Sample-Austausch und der PC Card-Slot. (Microdrive, SmartMedia oder Compact Flash können mit optionalem PC Card-Adapter verwendet werden)

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Synthese / Innere Werte

Die Klangerzeugung des V-Synth basiert auf 3 Prinzipien. So besteht die Möglichkeit, neben der PCM/VariPhrase Technologie auch Analog Modeling mit 9 Wellenformen und externe Signale (über den Audio-Input) zu benutzen. Doch dazu später mehr.
Über den vorhandenen USB-Anschluss lassen sich WAV-Samples mit einem angeschlossenen PC/Mac austauschen. Der V-Synth bietet eine bis zu 24-stimmige Polyphonie, abhängig von der Auslastung der Tonerzeugung. Ist das verwendete Patch aufwändig strukturiert (beide Oszillatoren und COSM Prozessoren im Einsatz) reduziert sich die Polyphonie. Im internen Speicher haben 1 Projekt, 512 Patches und 999 Waves Platz. Der RAM-Wellenform-Speicher hat 50 MB und beinhaltet bei der Auslieferung 30 MB Preset-Wellenformen, die aber komplett durch eigene Wellenformen überschrieben werden können.

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Sound-Architektur:

  • 2 Oscillatoren, basierend auf Samples (interne oder eigene gesampelte/über USB geladene) oder auf virtuellen Analog-Waveforms.
  • Modifier, hier werden die beiden Audio-Signale gemischt und moduliert.
  • 2 COSM (Composite Object Sound Modeling) Prozessoren, dieser Bereich kann vereinfacht als umfangreicher Plug In-Prozessor beschrieben werden, hier sitzt z.B. auch der Filter.
  • TVA, der Verstärker, hier werden Lautstärkeverläufe etc. generiert.
  • MFX, ein nachschaltbares Multi-Effektgerät mit 41 konfigurierbaren, z. T. sehr spektakulären Effekten.
  • Chorus & Reverb sind zusätzlich noch zuschaltbar.

Der V-Synth bietet 3 so genannte Structure-Typen, die den Signalfluss durch die einzelnen Klangbausteine bestimmen. Die Auswahl aus einer der drei Structure-Konfiguration erfolgt direkt über Taster auf der Bedienungsoberfläche, womit man meist mit der Soundprogrammierung anfangen wird.
Spezielle Taster und Diagramme erlauben die Anwahl und das Ein- und Ausschalten der einzelnen Sektionen, was die Editierarbeit immens vereinfacht. So leuchtet z.B. im OSC1-Bereich nicht die Aktivierungs-LED, wenn im ausgewählten Structure-Menü OSC1 deaktiviert wurde, ein praktisches Detail.

Oszillatoren

Im V-Synth kommen zwei so genannte „Variable Oscillators“ zum Einsatz. Als Oszillatoren-Typen stehen PCM-Samples, Analog Modeling und die Verarbeitung externer Signale zur Verfügung.
Im Bereich der PCM-Klangerzeugung wird die VariPhrase Technologie verwendet: Statische Samples erfahren bisher kaum realisierbare Manipulationsmöglichkeiten.
So kann man unabhängig voneinander Tonhöhen, Laufzeiten und Formanten variieren. Die hier erstmalig eingesetzte Time-Trip-Funktion erlaubt die Realtime-Kontrolle der Länge einer Wellenform in jeder gewünschten Weise!

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COSM-Prozessoren

Anstatt konventioneller Multi-Mode-Filter setzt Roland beim V-Synth auf zwei spezielle COSM-Prozessoren. Natürlich sind im Rahmen dieser Effektsammlung auch „normale“ Filter zu finden. Folgende, teils außergewöhnliche Effekte finden sich unter den folgenden Algorithmen:

  • Overdrive / Distortion
  • Wave Shape
  • Amp Simulator
  • Speaker Simulator
  • Resonator
  • 1st / 2nd SideBandFilter (hiermit kann man tonale von atonalen Elemente aus einem Sound lösen)
  • Comb Filter
  • Dual Filter
  • TVF / Dynamic TVF
  • Polyphonic Compressor / Limiter
  • Frequency Shifter
  • Lo-Fi Prozessor

Alleine diese COSM-Prozessoren erlauben derart vielfältige Klangmanipulationen und sind somit essentieller Teil des Sound-Schaffens beim V-Synth. Eifrige User werden viel Spaß mit diesen Prozessoren haben.

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Zeitreise (Time-Trip-Pad)

Hier bietet Roland’s V-Synth bisher bei den meisten Synthies ungeahnte Grade der Klangmanipulation. Durch Streichen mit dem Finger im oder gegen den Uhrzeigersinn über das Pad „scannt“ (durchfährt) man die Wellenform vorwärts bzw. rückwärts – wobei Formanten und Tonhöhe unverändert bleiben!
So kann man beispielsweise die Samples verlangsamen, beschleunigen oder einfrieren – und das alles an einer beliebigen Stelle im Sample! Kreative Sound-Bastler werden diese Möglichkeiten als einen Segen für innovative Sample-Kreation sehen. Ungeahnte Möglichkeiten bieten sich hier, wir sind auf neuartigen Einsatz in aktuellen Musik-Produktionen gespannt!

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TVA und Effekte

Der TVA kann über die auf dem Gehäuse befindlichen Schieberegler oder über das Touch-Pad eingestellt werden. Es handelt sich dabei um eine klassische ADSR Hüllkurve, die aber über erweiterte anschlagsdynamische Funktionen verfügt.
Die nachgeschalteten separaten Reverb-, Chorus- und MFX-Prozessoren geben den Sounds des V-Synth den letzten Schliff.
Die MFX-Effekte bieten neben den beiden COSM-Prozessoren eine weitere fast unerschöpfliche Fundgrube an Effekten, wie z.B. Tape-Echo (Roland RS-201 Space Echo-Simulation!), Humanizer (lässt Samples „sprechen“), Space Chorus (Roland SDD-320-Simulation!), Analog Flanger (Roland SBF-325-Simulation), Phonogram (lässt Vinyl-Geräusche zum Sound addieren) und Radio-Tuning (AM-Radio-Simulation).
Diese Aufzählung ließe sich noch weiter fortsetzen, würde hier aber jeden Rahmen sprengen.

Was gibt’s sonst noch?

Auf den programmierbaren Arpeggiator, den Twin D Beam Controller (in vereinfachter Form bekannt aus der MC-Serie) und V-Link (Kontrolle von Video-Clips mit dem V-Synth unter Einsatz einer Edirol DV-7PR Digital Video Workstation) können wir hier leider nicht weiter einge hen, weitere Infos u.a. dazu sind auf der V-Synth Homepage (www.v-synth.com) zu finden.

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Sounds, Presets, Klangeindruck

Die ab Werk vorhandenen Sounds/Presets bieten unserer Meinung nach nur einen groben Überblick über die tatsächlichen Stärken des Geräts. Erst mit dem Einsatz eigener Samples lässt sich das wahre Potenzial des V-Synth wirklich erschließen. Dieses hat man bei Roland allerdings auch glücklicherweise bedacht, denn es lassen sich alle Presets (Patches und PCM Wellenformen) durch eigene überschreiben.
So kann man dem V-Synth eigentlich keinen eigenen Klang-Charakter zuschreiben, da der Einsatz der Samples maßgeblich zum Sound des V-Synth beiträgt. Geboten werden von Werk aus Sounds die einerseits an Korg’s Wavestation oder Kawai’s K5000 erinnern, andererseits sind auch sehr rauhe Analog- und Gitarren-ähnliche Sounds im Einsatz.
Die Abteilungen der COSM-Prozessoren und der MFX-Effekte bieten neben den schon sagenhaften Möglichkeiten der Vari-Phrase-Technologie noch viele weitere Möglichkeiten der Klangveredelung bzw. –Zerstörung – je nach verwendetem Algorithmus. Zur Simulation analoger Wellenformen kann man sagen, dass diese überzeugt und mit anderen Klangerzeugern dieser Riege mithalten kann.

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Praxis-Erfahrungen

Der V-Synth erlaubt neben dem Importieren von WAV- und AIFF-Dateien auch das Samplen von eigenen Wellenformen. Auch das Resampling von Sounds, die mit Effekten, dem Time-Trip-Pad oder dem D Beamer bearbeitet wurden, ist möglich! In der Praxis hat sich das Samplen und Bearbeiten (schneiden etc.) als sehr einfach in der Handhabung erwiesen. Die Editierung der Parameter über das Touch Pad funktioniert dabei einwandfrei, so lassen sich z.B. Hüllkurven mit dem Finger einzeichnen.
Wir haben Vocals und Drumloops von Vinyl als auch direkt aus einer Produktion aus dem Rechner gesampelt. Nach dem Samplingvorgang muss die Wellenform zunächst encodiert werden, bevor man in den Genuss der Klangmanipulationen kommt. Anschließend kann man im Bereich Oszillator unter den PCM-Samples auch die eigene Wellenform finden.
In dieser Phase des Tests wurde uns erst das Potenzial des V-Synth bewusst: derart schnelle und intuitive Sample-Manipulation ist neu! Das Sprach-Sample wurde durch Streichen über das Time-TripPad völlig willenlos zerstört und zerlegte sich in seine Bestandteile. Ähnlich außergewöhnlich waren die Ergebnisse, die wir mit dem Drumloop erzielten.
Solche Eingriffsmöglichkeiten in gesampletes Material verschiebt die bisherigen Grenzen der Bearbeitung von Samples – und das in Echtzeit!
Jedem halbwegs Sound-Design-affinen Interessierten sei ans Herz gelegt, einmal selbst auszuprobieren, welche neuartigen bisher in diesem Rahmen ungekannten Möglichkeiten der V-Synth im Bezug auf Echtzeit-Klangmanipulation bietet. Für reine Preset-Jäger dürfte der V-Synth jedoch keine allzu reizvolle Alternative sein.

Fazit

Der V-Synth ist durch seine Konzeption ein sehr vielseitig einsetzbarer und eigenständiger Synthesizer. Er kann für Standard-Klänge genauso gut zum Einsatz kommen, wie für sehr experimentelle und spezielle Sounds – je nach verwendeten Samples.
Durch seine sehr intuitive Bedienung kommt man sehr schnell zum gewünschten Ergebnis, so dass individuelle und spektakuläre Klänge nicht mehr alleine Profis vorbehalten bleiben. Ein Gerät, dass möglicherweise das Ende der immer gleich klingenden Preset-Sound Produktionen einleiten wird?! ;-)
Man muss natürlich schauen, wie weit sich diese neuartigen Klangergebnisse in Musikproduktionen einbinden lassen. Viele Interessierte werden als erste Frage nach Anspielen des Gerätes stellen: „Wie setze ich diese oftmals ungezähmten Sounds nun sinnvoll in meinen Produktion ein?“
Wir können diese Frage nicht beantworten, hier ist die Kreativität der User gefragt. Abschließend können wir nur noch anmerken, dass wir, durch die beeindruckenden Möglichkeiten des V-Synth motiviert, diesen in eine unserer aktuellen Produktionen eingebunden haben, wovon Samples bei den Soundbeispielen zu hören sind.

Plus

  • Neue Klangmanipulationsmöglicheiten z.B. durch das Time-Trip Pad
  • Umfangreiche COSM-Prozessoren und MFX-Effekte
  • Sehr einfach und intuitiv zu bedienen
  • User Interface ist sehr überzeugend
  • Gutes Handbuch

Minus

  • Beim „Halten von Tasten“ (Spielen von Noten auf der Tastatur) wird das Deaktivieren von Klangbauteilen nicht direkt ausgelöst, erst bei einem erneuten Anschlagen der Taste(n).

Preis

  • Ladenpreis 2.500 €
Klangbeispiele
Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Danke für den appetitanregenden Bericht – seit gestern steht ein V-Synth in meinem Studio. Eine Frage stellt sich mir jedoch: Gibt es keine Hold-Taste, um Drones zu editieren? Im Menü finde ich nichts und die Anleitung sagt es mir nicht. (Klar, es gibt zwei Hold-Tasten, eine für den Arp und eine fürs TouchPad, aber die mein ich ja nicht). Nach dreissig Jahren Modularsynths und ewiger 24db- LPF-Beweihräucherung bringt schon das erste Patch des V-Synths die langersehnte Frische ins Leben. WAS für eine Maschine!!!!!
    Gruß und Dank für weitere Info

    Martin

    • Profilbild
      olduser  

      Das ist für mich absolut nachvollziehbar, eine Hold Taste für Drones gibt es nicht:-( geht vielleicht über den Stepsequencer improvisationsmässig !

      • Avatar
        AMAZONA Archiv

        Ich hab nun einen Fußschalter genommen. Manchmal liegt das ferne doch so nah. Bei vielen Änderungen muß man ohnehin erneut eine Taste anschlagen, damit das Ergebnis hörbar wird.

      • Profilbild
        Rookie2

        Hallo,

        mit der Version 2.0 ist dem Ur-V-Synth eine Hold-Funktion spendiert worden.
        Eine eigene Taste war natürlich nicht mehr möglich ;-)

        Wenn man das Menue auf dem Main-Screen öffnet, findet man dort den
        Eintrag „Key-Hold“. Wenn dieser aktiviert ist, kann man eine Taste anschlagen und der V-Synth hält sie so lange, bis sie erneut gedrückt wird.

        Somit dürfte den Drones nichts mehr im Wege stehen.

  2. Profilbild
    manu1412

    Also ich habe den V-Synth (SW V2.0) seit über einem Jahr zu Hause und bin immer wieder überrascht, was für tolle Sounds man damit zaubern kann! Das Alter von 8 jahren hört man ihm überhaupt nicht an! Die Soundengine ist meiner Meinung nach immer noch Top!
    Das Vari-Phrase „sampeln“ trägt schon stark dazu bei, aber auch die VA-Sektion ist seht gut (auch dank Supersaw) und die Effekte sind meiner Meinung nach von sehr hoher Qualität!

    Sehr gut finde ich auch das Benutzer-Interface, also die Mischung aus Touch-Screen und Bedienelementen am Synth! Damit geht das Editieren am V-Synth zügig voran.

    Einziges Manko: Der Speicher für eigene Samples ist etwas klein geraten… kann aber nachgerüstet werden

    • Profilbild
      Xenox.AFL  

      Ganz alter Beitrag, von 2011, aber dennoch ein kleiner Kommentar von mir, V-Synth immer noch Top, ich mag den einfach aber Speicher, nein, kann nicht nachgerüstet werden soweit ich das weiß, wäre super wenn das gehen würde, er kann 999 Samples schlucken hat aber nur etwas über 38mb frei, soweit ich mich erinnern kann, rest zu den 50mb gehören dem OS! :(

      Frank

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