Guitar Vintage: Gibson SG Standard 1978 E-Gitarre

4. April 2017

Frühstücksbrett aus den 70ern

Die Zeitmaschine führt uns heute zurück in das Jahr 1978. Damals wurde unser Anschauungsobjekt nämlich gebaut, die Gibson SG. Eine Gitarre, die stark auf die vierzig zugeht, so etwas hat man eher selten mal in der Hand. Für ihr Alter sieht sie aber noch sehr gut aus!

Gibson ist ja eines der ältesten Unternehmen im E-Gitarrenbau. Mit Fender zusammen gefühlt schon immer, seit geraumer Zeit aber nahezu unerreicht Marktführer in dieser Sparte. Doch der Erfolg war tatsächlich nicht immer so groß in der mehr als einhundertjährigen Firmengeschichte des amerikanischen Unternehmens. Dieses Thema und wie sich die Gitarre heutzutage noch schlägt, werden wir in den nächsten Zeilen mal etwas näher beleuchten.

Geschichte und Hintergründe zur Gibson SG Standard

Nachdem Gibson ab 1935 vermehrt auf den Gitarrenbau umgestellt hatte, da der Absatz von Mandolinen, Banjos und Ukulelen rapide zurückging, hatte das Unternehmen wegen des Materialmangels im 2. Weltkrieg sichtliche wirtschaftliche Probleme. 1944, mit der Kooperation von CMI (Chicago Musical Instruments Co.), ging es wieder aufwärts. Bis Mitte Ende 1950, denn ab da wurde Fender zum großen Rivalen mit der Telecaster (1950) und Stratocaster (1954). In der Zeit war die Paula (Les Paul 1952-1961) mehr oder minder das einzige Konkurrenzprodukt von Gibson. Die Produktion der Les Paul wurde 1961 vorerst eingestellt und die Les Paul SG sollte ihr Nachfolger werden.

Die SG betonte den Begriff „Solidbody“. Die Gibson SG Standard, wie sie namentlich dann 1962 auf dem Markt erschien, weil Les Pauls Vertrag mit Gibson auslief, war der derzeitigen Moderne angepasst. Die Les Paul kam 1968 wegen erhöhter Nachfrage wieder zurück ins Geschäft. Im Zuge wieder großer Erfolge kaufte 1969 Norlin Industries CMI auf.

Gibson-SG Standard-1978

— Unsere gut durchgehangene Gibson SG Standard 1978 —

Gewinnoptimierung, Kosteneinsparungen gingen auf Kosten der Qualität und seitdem wurde diese auch nur noch bedingt wieder erreicht. Nach der Norlin Ära (1985) konnte das Unternehmen zwar wieder aus den Sumpf gezogen werden und steht heute wahrscheinlich besser da als je zuvor. Dennoch sagt man, dass der Qualitätsstandard aus der Zeit vor 1969 bis heute nicht mehr erreicht wird. Wenn, dann gelangen vereinzelt Modelle aus dem Custom Shop in diese Regionen.

Grover-Mechaniken

— Grover Mechaniken —

Facts & Features der Gibson SG Standard 1978

Wer jetzt aufgepasst hat, wird festgestellt haben, dass unser Modell genau in die Zeit fällt, in der Gibson kein guter Ruf vorraus eilt. Die Norlin Ära. Absurderweise hatte Fender zur ähnlichen Zeit mit der CBS Ära (1965-1985) auch einen Qualitätseinbruch. Die Nachfrage bestimmt ja für gewöhnlich den Preis, somit bekommt man heute Instrumente dieser Zeit für relativ kleines Geld. Unsere Gibson SG 1978 wurde Ende der 70er in Deutschland für ca. 1200,- DM gekauft, der Gebrauchtmarktpreis liegt bei ca.1000,- bis 1200,- Euro. Von gewinnbringend veräußern kann also keine Rede sein.

Warum das so ist bzw. war, schauen wir uns mal genauer an. Die SG wurde in Kalamazoo Plant, MI, USA, am 06.06.1978 gebaut. Es war die 115. dieser Serie in diesem Jahr.

Kopf und Hals 

Auch wenn es immer mal wieder vereinzelt Versuche gab, mit anderen Holzsorten zu experimentieren, haben die meisten SGs von Haus aus einen Hals aus Mahagoni. Die Vielzahl sogar einteilig plus eingeleimte Fox-Ears. Der Hals unseres Testmodels ist tatsächlich dreiteilig, wenn man hart ins Gericht gehen will und die Fox-Ears dazu nimmt, sogar fünf(!)-teilig. Ich führe das jetzt mal eher auf ökonomische Bauweise zurück, nicht auf einen experimentellen neuen Sound, auf den man in dieser Zeit eventuell aus war. Die Form ist ein dünner 60s Style Hals, mit einem etwas schmaleren „Slim Taper Modell“ zu vergleichen. Im Übergang von Kopf zu Hals gibt es einen dickeren Ansatz, höchstwahrscheinlich zu Verbesserung der Stabilität.

Das ehemals weiße Binding ist im Vintage-Charme angegilbt und fasst die Medium Jumbo Bünde ein. Hier sieht man schön den nicht ganz linearen Verlauf. Bei minimalen Einbuchtungen wird schnell klar, dass in dieser Dekade noch nicht mit CNC Fräsmaschinen gearbeitet wurde. Wie auch immer man das jetzt bewerten sollte, ist die Verarbeitung nicht makellos, aber völlig im grünen Bereich. Der Knochensattel ist auch tadellos eingesetzt und angepasst.

Das Palisander-Griffbrett besitzt inklusive dem ersten Bund blockförmige Perlmutt Inlays. Vermutungen darüber, ob diese in der Fertigung günstiger waren als die üblichen Trapez Inlays, erspare ich mir jetzt mal.

3-teiliger-Body

Dreiteiliger Body

Korpus der Gibson SG Standard

Auch beim Mahagonikorpus gab es eine kleine „Verleimerei“. Wenn man eine schmale 2 cm Flanke mit rein nimmt, hat der Body vier Teile. Ich finde es schwierig, pauschal darüber zu urteilen, zumal viele SGs auch heutzutage noch ein- bis dreiteilig sind. Trotzdem bin ich gespannt auf den Praxistest. Der Übergang vom Hals zum Korpus ist sauber und bietet keinerlei Grund zur Beanstandung. Lackiert ist das Schätzchen bis auf das Griffbrett mit einem gut erhaltenem rötlichem (Cherry) Nitrolack. Ein vierteiliges schwarzes Schlagbrett rundet das Traditionsmodell ab.

Die Hardware

An Robo-Tuner war zu der Zeit noch nicht zu denken. Damals wurden diverse Platten sogar noch eingespielt und die Stimmung lag nicht fest definiert auf 440 Hz. „Highway to Hell“ von AD/AC ist so ein Beispiel. Da wurde wahrscheinlich nach Angus’ SG gestimmt, sodass es bandintern harmonierte, dann 1, 2, 3, 4 und los! Ging auch und ich behaupte jetzt mal, gar nicht mal so übel! Blöd nur, wenn man die Platte mitspielen will, denn da liegt der Sweetspot bei ca. einem Viertelton Unterschied. Da helfen auch keine Robo-Tuner, sondern nur ein gutes Gehör!

Unsere alte SG verfügt, wie heute die neuen Modelle wieder, über verkapselte Grover Mechaniken, die zwar vereinzelt ein leichtes Spiel aufweisen, aber immer noch funktionieren, wenn man sich etwas daran gewöhnt hat. Auch wenn manche SGs über ein Bigsby verfügten, werden die meisten doch mit Stop-Tailpiece gebaut. Die Brücke unseres Testinstrumentes sieht ungewöhnlich aus, wurde auch eher nur in dieser Zeit verbaut, schätze ich mal. Immerhin, auch wenn sie sich wahrscheinlich nicht durchsetzte, entdeckt man auf der Unterseite ein „Made In Germany“. Das Stop-Tailpiece, die Brücke und die Grover Mechaniken sind wie üblich verchromt.

Tonabnehmer und Elektronik

Bei der Elektronik und Schaltung gibt es keine großartigen Besonderheiten. Zwei Lautstärkeregler und zwei Höhenblenden steuern wie gewohnt einen Hals- und einen Steg-Humbucker. Geschaltet werden die zwei über einen Dreiwege-Kippschalter. Keine Überraschungen: Oben ist der Hals-Pickup aktiv, in der Mitte beide und unten der Humbucker am Steg.

Was wiederum ganz interessant ist, unser Vintage-Modell ist mit Super-Humbuckern bestückt. Zumindest nannte der Designer Bill Lawrence sie so. Besser bekannt waren sie wohl unter dem Namen Tar Backs. Damals nicht sehr beliebt, doch mit dem Vintage-Hype kam das Interesse wieder vermehrt auf sie zurück. Vom Sound eher etwas bassiger und dicker bei einer Impedanz von ca. 7,8 Ohm.

— Brücke made in Germany —

Die Gibson SG Standard in der Praxis

Es war spannend, das gute Stück in die Hand zu nehmen, leider erstmal auch sehr ernüchternd. Ich hatte ein aktuelles Model zum direkt Vergleich zuhause, was mir die Bewertung etwas leichter machte.

Trocken angespielt kann man am besten die Qualität einer Gitarre erkennen. Das Holz sollte homogen einschwingen und das Sustain hier schon ausreichend vorhanden sein. Die Höhen transparent und angenehm plus einem dynamisches Klangverhalten. Genau das kam bei der Gibson SG Standard 1978 nicht. Sagen wir mal so, es war o.k. Doch unterm Strich klang sie eher etwas müde, flach und ausdruckslos als dynamisch, frisch und klar. Da konnte mich das aktuelle Modell mehr überzeugen.

Am Verstärker wiederum hatten beide ihre Momente, da würde ich sagen, kann nur der Geschmack ja oder nein sagen. Die SG Standard 1978 besticht im verzerrten Bereich eher durch einen etwas tief-mittigen Sound, also hat ein schönes Durchsetzungsvermögen und klingt sehr ausgewogen. Im Clean-Channel fehlt ihr etwas Dynamik, aber der Sound kann schon auch gefallen.

Staub-aus-den-70ern

— Staub aus den 70ern —

Fazit

Am Ende ist es tatsächlich so, wie der Ruf es vorhersagt. In den Siebziger Jahren und auch noch etwas später hatten Gibson Gitarren keinen hohen Qualitätsstandard. Was man aber zugeben muss, sie sind auch nicht direkt für den Kamin bestimmt. Vereinzelt durchaus brauchbar, haben sie durch bestimmte Features auch ihren Charme bzw. funktionieren gut. Und wenn man Glück hat, bekommt man für einen realistischen Preis eine schöne und echte Vintage-Gitarre. Aber da würde ich vorsichtig sein und gut selektieren.

Soundbeispiele: SG, Sennheiser MD421, eli Mike-E Preamp, UAD Apollo interface, Pro Tools.

Plus

  • gute Verarbeitung
  • verstärkter Sound

Minus

  • etwas müder, flacher und trockener Klang
  • Holzauswahl/Zusammenstellung

Preis

  • Damals ca. 1000,- bis 1200,- DM
  • Gebrauchtpreise heute ca. 1000,- bis 1200,- Euro
Klangbeispiele
Forum
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    AMAZONA Archiv

    Toller Bericht mit vielen Infos die man so nicht weiß. Eine Gitarre ist immer auch eine Frage des Geschmackes. Ich habe auch einige sehr alte Klampfen und da kann man allgemein sagen dass die heutigen Modelle auf extreme Klangvielfalt getrimmt sind. Auch die Fertigungstechnik ist heute für Serieninstrumente enorm gut. Wer ein vintage Instrument sucht, der trifft meist auf ein Stück unflexibeles aber für seine Zeit Charakterstarkes Modell das einzigartig ist. Man muss es von Anfang an mögen und wer sich damit abgibt wird eine lange Zeit unendliche Freunde darin finden und immun gegenüber der unglaublichen Flut an sogenannten Neuerscheinungen. Wer hier trotz der angeblich offensichtlichen Nachteile wie Ungenauigkeiten bei der manuellen Fertigungstechnik Lackfehlerchen echten Dings und Dongs die Nase rümpft, der kann gerne noch weiter suchen während dessen andere schon sich aufs wesentliche konzentrieren, nämlich aufs spielen. Denn den wahren Sound holst nur DU aus der Gitarre.

    • Profilbild
      Fengib1960

      …sehe ich auch so … ich musste lange um den Ton und das Haindling herum an meiner 79ger Strat arbeiten bis sie mich zufrieden stellte , ist auch nicht wirklich Vintage und wird gerne berüchtigt dargestellt zwecks z.B. der Hardware / Tremolo usw. ich kann keinen wirklichen Nachteil heraushören beim Spielen :-)

  2. Profilbild
    Fengib1960

    …sehe ich auch so … ich musste lange um den Ton und das Haindling herum an meiner 79ger Strat arbeiten bis sie mich zufrieden stellte , ist auch nicht wirklich Vintage und wird gerne berüchtigt dargestellt zwecks z.B. der Hardware / Tremolo usw. ich kann keinen wirklichen Nachteil heraushören beim Spielen :-)

  3. Profilbild
    SGfan

    Lieber Michael Fendt,
    danke für die Vorstellung der 78er SG Standard. Ich habe mich nun extra registriert, um hier zu kommentieren. Der Grund: Ich besitze seit genau 40 Jahren (seit 1978) ein solches Modell. Meine SG wurde lt. Seriennummer in 1977 gebaut. Ich habe seinerzeit bei Peter Grünebaum in Schwerte 1100 DM dafür gelöhnt.Sie entspricht in allen Details der von dir beschriebenen Gitarre und als ich die Fotos sah, habe ich gedacht, irgendjemand hätte meine SG heimlich fotografiert.
    Ich kann deiner Einschätzung grundsätzlich folgen. Was ich aber einfach an der Gitarre schätze ist ihre unproblematische Vielseitigkeit: Einstöpseln und los gehts! Seit 40 Jahren ist sie deshalb – ich besitze noch Strat, Tele, Gretsch – meine absolut bevorzugte Livegitarre. Hinzu kommt ihr geringes Gewicht. Die kannst du locker 2 Stunden an der Schulter haben.
    Allerdings habe ich im Laufe der Jahre eine Modifikation vorgenomen: Den Stegpickup habe ich Mitte der 80er gegen einen DiMarzio ausgetauscht. Der ist über einen kleinen ebenfalls nachträglich eingebauten Minitoggle splitbar als SingleCoil. Idealerweise spiele ich Rhythmus mit dem Pickupwahlschalter in der Mittelstellung (Hals auf 5, Steg auf 10) und switche für Solopassagen auf den Steg. Dann sägt das Teil los! Und ich habe das Schlagbrett entfernt. Ich liebe diese Gitarre über alles …

    Viele Grüße vom SGfan

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