Guitar Vintage: Music Man Sixty-five Gitarrenverstärker

11. August 2011

Loud and clear!

Der Music Man Sixty-five von 1977

Die amerikanische Firma Music Man verdient ihre Brötchen mit der Herstellung von hochwertigen Gitarren und Bässen, wer wüsste das nicht. Aber nicht viele wissen, dass die Kalifornier schon vor der Produktion ihrer wahrlich meisterhaft konstruierten Saiteninstrumente im Jahre 1974 zuerst einen Verstärker entwickelten. Einen Amp, der nicht nur Gitarristen, sondern auch Bassisten den nötigen Sound verpassen sollte. Ausgestattet mit einer Transistorvorstufe und Röhrenendstufe sowie zwei völlig voneinander unabhängigen Kanälen wurde der Music Man Sixty-five zu einem Kassenschlager der Music Man-Company und trug maßgeblich zu deren Erfolg und Bekanntheitsgrad bei. Und das auch nicht zuletzt, weil kein Geringerer als Leo Fender bei der Entwicklung dieses Amps seine genialen Finger mit im Spiel hatte.

Mit ihm und den ehemaligen Fender-Weggefährten Forrest White und Tom Walker wollte Leo unter dem Namen Music Man vieles besser machen, als es der CBS-Konzern nach der Übernahme seiner Firma Fender Musical Instruments und dessen, von den drei Herren so ungeliebten Managements, zu tun pflegte. Also wieder „Back to the Basics“ mit hoher Handwerkskunst und dem zweifellos vorhandenen Know-How. Und weniger getreu dem Motto: Umsatz ist alles.

In unserer Amazona-Reihe „Velvet Box“ betrachten wir uns das Röhrentop Music Man Sixty-five, welches lt. Seriennummer im Jahre 1977 gefertigt wurde, nun also einmal im Detail.

Konstruktion des Music Man Sixty-five

Wie man robuste und roadtaugliche Verstärker baut, hatte Leo Fender schon während der Zeit in seiner eigenen Firma gezeigt. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass der von uns begutachtete knapp 40 Jahre alte Sixty-five optisch betrachtet immer noch sehr gut dasteht. Das Gehäuse wird von Metallecken geschützt und besitzt einen robusten Tolex-Überzug, der selbst nach dieser langen Zeit noch wirkt, als ob er vor wenigen Tagen erst die Fabrikationshallen von Music Man verlassen hätte. Das gilt auch für das Music Man-Logo und das Schild mit der Typenbezeichnung Sixty-five, die ebenfalls keinerlei Abnutzungserscheinungen zeigen. Lediglich der silberne Bespannstoff der Front zeigt einige kleine „Fransen“ im oberen Bereich, die aber eine Überholung noch unnötig erscheinen lassen. Auch der Tragegriff auf der Oberseite scheint dem Zahn der Zeit getrotzt zu haben und sitzt fest und stabil an seinem Platz. Irgendwie wirkt er auch etwas überdimensioniert, denn das Top ist mit seinen nur 15 kg nicht gerade ein Schwergewicht. Auch wirkt es, gegenüber vielen Amps von damals und auch heute, eher zierlich und füllt den Platz auf einer klassischen 4×12″ Box bei weitem nicht aus.

Das Frontpanel wurde versenkt angebracht, um die Gefahr von Beschädigungen bei einem Absturz nach vorne so gering wie möglich zu halten. Wie bereits weiter oben erwähnt, besitzt das Sixty-five-Top zwei völlig voneinander unabhängige Kanäle, die mit „Normal“ und „Bass“ gekennzeichnet sind. In den sechziger und auch den siebziger Jahren war es durchaus üblich, solche Verstärker sowohl für Gitarristen, als auch für die Tieftöner-Fraktion anzubieten. Wichtig war natürlich dann die Auswahl der passenden Box, denn kein Gitarrist würde eine 15″-Box an einen Gitarren-Amp anschließen. Ebenso wenig, wie ein Basser mit nur einer einfachen 4×10″-Box arbeiten möchte.

Music Man bot natürlich auch die entsprechenden Cabinets an, die auch optisch gut zu den Topteilen passten. Da keiner der Kanäle den Sound des anderen beeinträchtigte, wäre es auch möglich, sowohl eine Gitarre als auch einen Bass gleichzeitig in die jeweils zwei Eingänge an der Front einzuklinken. Bei einer Nennleistung von allerdings nur 65 Watt würde der Endstufe des Sixty-five aber dann vermutlich im Bandgefüge schnell die Puste ausgehen. Aber zum Üben und Jammen wäre dies durchaus einen Versuch wert!

Die Channels

Der NORMAL-Channel verfügt neben dem Volume-Regler über eine klassische Dreiband-Klangregelung mit Potis für BASS, MIDDLE und TREBLE sowie einen Kippschalter mit der Bezeichnung NORMAL/BRIGHT, der dem Sound im oberen Höhenspektrum noch einen zusätzlichen Boost verpasst. Ebenso mit einer Klangregelung für drei Bänder zeigt sich der BASS-Channel, und auch er besitzt diesen NORMAL/BRIGHT Kippschalter, verfügt aber zusätzlich noch über einen Switch mit der Bezeichnung NORMAL/DEEP, welcher den Klang im Bassbreich pusht. Der Mastervolume-Regler wirkt für beide Kanäle und dient der Anpassung der Gesamtlautstärke des Sixty-five.

Röhre, na klar

Befeuert wird die Endstufe von zwei EL34-Röhren, die dem Amp die angegebene Leistung von 65 Watt bescheren. Die Vorstufe wird nicht (wie eigentlich erwartet) mit Röhren betrieben, sondern beruht auf einer Konstruktion mit Transistoren(!). Eigentlich ungewöhnlich, bestimmt doch die Vorstufe maßgeblich den Sound eines Instrumental-Verstärkers, und eigentlich kennt man das ja genau umgekehrt: Vorstufe Röhre, Endstufe Transistor. Vielleicht kam es den Konstrukteuren (in erster Linie natürlich Leo Fender) aber auf einen möglichst neutralen und klaren Grundsound bei der Entwicklung des Sixty-five an. Vollröhrenamps hatte Fender ja schon zu dieser Zeit mit seiner eigenen Firma genügend entwickelt, und vielleicht mochte er den verzerrten Sound seiner Amps einfach nicht, zumindest munkelte man das damals in der Szene.

Der Normal-Channel für die dünnen Saiten

Ganz rechts außen an der Frontplatte sitzt dann noch der Power-Schalter aus massivem Metall, der in zwei Stufen (HI und LO) schaltbar ist. Im LO-Modus ist die Endstufenleistung etwas gedrosselt, um die Endstufe des Sixty-five schon bei geringeren Lautstärken in die Sättigung zu fahren. Eine Birne hinter einer rot gefärbten Fassung zeigt zudem die Betriebsbereitschaft des Amps an. Sie ist zwar nicht so schön hellrot-strahlend wie die typische Fender-Betriebsleuchte, tut ihren Dienst aber allemal.

BASS-Channel mit NORMAL/DEEP-Switch

Rückseite

Eher spartanisch zeigt sich die Rückseite des Music Man Sixty-five. Neben dem Standby-Schalter und dem Zugang zur Schmelzsicherung gibt es hier nur noch zwei Buchsen zum Anschließen der Lautsprecher, ein Metallschalter sorgt für das korrekte Anwählen des Widerstandes der Boxen. Anschluss finden Typen mit 4 bzw. 8 Ohm. Sehr praxisgerecht zeigt sich das fest integrierte Netzkabel, welches mit einer Länge von ca. vier Metern ausreichend dimensioniert erscheint. Es lässt sich zudem sehr gut in der halboffenen Rückwand des Amps verstauen.

Sound/Praxis

Unabhängig davon, ob die Gitarre im Normal- oder Bass-Channel eingeklingt wurde: Die Handschrift Leo Fenders ist schon nach den ersten Tönen, die den Amp verlassen, deutlich zu hören. Mit nur wenig aufgedrehtem Vorstufen-Volume bietet der Sixty-five einen sehr neutralen und lauten Clean-Sound mit einer ordentlichen Portion Bass, auch ohne Zuschalten des DEEP-Switches. Nach Betätigen des BRIGHT-Schalters gewinnt der Sound des Amps zusätzlich an Höhenspektrum, was ihn für Fans der Sounds von Knopfler und Clapton wie geschaffen macht. Speziell mit einer Strat bekommt man genau diesen strahlenden, glasig-klaren Sound hin, der auf unzähligen Alben zu hören ist und für viele Stratspieler ein Markenzeichen wurde!

Überraschend hingegen zeichnet sich der Sound beim Anheben des Vorstufen-Volumes aus. Wer hier auf Grund der Transistor-Vorstufe einen „Rasierapparat-Sound“ erwartet, liegt komplett falsch. Etwa ab 2/3 Aufdrehen des Volume-Reglers beginnen erste harmonische Verzerrungen, die bei Humbucker-bestückten Gitarren mit etwas mehr Output schon für angezerrte Riffs ausreichen. Bei voll aufgedrehtem Vorstufen-Volume und etwa halb aufgedrehtem Master-Volume beginnt auch die Endstufe in die Sättigung zu gehen, und der Sound ist dann durchaus ausreichend für Riffs im Stile von AC/DC beispielsweise, in so fern die Pickups der Gitarre über den nötigen Output verfügen. Und das ohne den gefürchteten kratzigen Transistor-Sound, den man eigentlich auf Grund der technischen Facts des Sixty-five erwarten würde.

Für richtig deftig-singende Leadlines sollte ein guter Distortion vor den Eingang des Amps gestöpselt werden. So ausgerüstet ist der Music Man Sixty-five auch fast 40 Jahre nach seiner Entwicklung auch heute noch bestens für viele Stile geeignet.

Der Music Man Sixty-five on YouTube

Hier in der 112er Ausführung

Fazit

Auch knapp 40 Jahre nach der Entwicklung können sowohl die Konstruktion, als auch natürlich der Sound des Music Man Sixty-five immer noch überzeugen. Das Leichtgewicht bietet einen Klang, der wie geschaffen für Freunde des klaren, lauten Tons ist und sollte mit entsprechender Box auch heute noch viele Gitarristen mit Schwächen für Vintage-Sounds mehr als zufrieden stellen. Doch auch im angezerrten Sound weiß der Amp zu gefallen: Es sind zwar keine „Boutique-Style Highgain-Sounds“ zu erwarten, verblüffend ist der Klang der transistorisierten Vorstufe aber allemal. Und mit zunehmender Lautstärke gewinnt der Sound durch die Sättigung der Röhrenendstufe an Dynamik und Druck und sorgt so ganz sicher für eine gute Durchsetzungskraft im Bandgefüge, trotz der nur 65 Watt Leistungsabgabe. Ein Verstärker mit der Handschrift des genialen Konstrukteurs Leo Fender, ohne Zweifel!

Die Soundbeispiele wurden mit einer PRS CE 24, einer Fender 2×12″-Box über ein Shure SM58 in Logic aufgenommen und nicht weiter bearbeitet.

Plus

  • glasklarer, druckvoller Sound mit viel Headroom
  • unerwartet harmonischer Overdrive
  • Verarbeitung/Konstruktion
  • Gewicht

Minus

  • nur einkanalig

Preis

  • Gebrauchtpreise variieren zwischen 300,- und 500,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    swissdoc  RED

    Im Test steht etwas zu Soundbeispielen, die jedoch leider nicht online sind. Können diese bitte noch nachgeliefert werden? Danke.

    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Hi, swissdoc

      aus organisatorischen Gründen ging das nicht..aber jetzt sind sie online :)

      Viel Spaß auf Amazona.de

      Stephan

  2. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Ich finde es toll, daß auch alte Schätzchen getestet werden. Denn so mancher neumodischer Kram kann dem alten Geräten nicht das Wasser reichen, ausser daß es viel zu kompliziert ist, anstatt einfach gut zu klingen.

    Weniger ist oft mehr, und schon wird wieder musiziert anstatt nur noch experimentiert und nur noch an den Knöpfen rumzudrehen. Sollte man doch besser die Zeit nutzen, zu üben üben üben, dann klappts auch mit dem Vertärker.

    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Hi 10179berlin,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Und: wir werden auch weiterhin Vintage-Equipment hier präsentieren, vieles kultiges und auch kurioses, sei gespannt! :)

      Viel Spaß auf AMAZONA.de wünscht :

      Stephan

  3. Profilbild
    Fengib1960

    Hallo zusammen , ich besitze 2 Music Männer , 1 RD 50 mit 10 Zoll Speaker , 1 RD 50 mit 12er Speaker , beide haben wirklich einen glasklaren Cleansound und jeder gespielte Schnitzer wird gnadenlos bestraft :-) so wie es sein soll … tolle Amps die zeitlos sind , Gruss Rainer N.

    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Neid :) Ich hatte auch mal einen 1x12er, konnte aber damals in meiner jugendlichen Drang-Sturm-und-Metalphase nichts damit anfangen. Heute hätte ich ihn gerne wieder hier stehen, am liebsten in Creme!

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