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Guitar Vintage: Ibanez Doubleneck E-Gitarre

12. Februar 2019

Wenn das Nilpferd Tango tanzt!

Ibanez Doubleneck

Ibanez Doubleneck

Ibanez Doubleneck? Ich mache gar keinen Hehl daraus, ich bin seit meinen Jugendtagen ein glühender Fan von Doubleneck-Instrumenten! Den entscheidenden Ausschlag gab wohl ein sehr altes Foto der Band RUSH aus den Siebzigern, auf dem das Duo Lee/Lifeson im typischen 70er Walle-Walle-Kleidchen Outfit mit je einer Gibson und einer Rickenbacker Doubleneck-Kombination live auf der Bühne glänzte. Zudem konnte man seiner Zeit Jimmy Page von Led Zeppelin in der Live-Version von Stairway To Heaven mit einer doppelhalsigen Gibson sehen, während er die Studioversion mit einer 12-saitigen Fender eingespielt haben soll.

Ich war vom Stand weg gefesselt und wollte selber unbedingt ein solches Instrument besitzen. Allerdings war die Geddy-Lee-Kombination Bass/Gitarre für mich uninteressant, so schied Rickenbacker als einer der wenigen Anbieter seiner Zeit aus und es kam eigentlich nur eine Gibson EDS-1275 in Frage. Da diese aber vor knapp vier Dekaden für mich finanziell unerschwinglich war, hatte ich auch immer ein Auge auf die seiner Zeit in den Startlöchern stehenden japanischen Kopien von Ibanez, deren Ibanez Doubleneck Modell vergleichsweise günstig zu erwerben war.

Witzigerweise hat sich das Werteverhältnis im Laufe der Zeit umgedreht. Während Gibson das Original mehr oder minder durchgehend baute, emanzipierte sich Ibanez recht schnell und tauschte den Status eines sehr guten Kopisten gegen den eines hochwertigen Anbieters eigener Modellreihen, was gleichzeitig auch mit einer Einstellung der Kopien einherging. Daher entwickelte sich das Doppelhals-Modell, wie alles, was es offiziell nicht mehr käuflich zu erwerben gibt, zu einem sehr gesuchten Sammlermodell, was schließlich dazu führte, dass das von mir für den sehr günstigen Kurs in Höhe von 1.000,- DM (ca. 500,- Euro) zufällig von einer Urlaubsbekanntschaft erworbene Instrument seinen Wert in den letzten Dekaden stramm vervielfachte. Nun denn, gehen wir mal ins Eingemachte und schauen uns an, was dieses Instrument so außergewöhnlich macht!

Ibanez Doubleneck im Koffer 1

Ibanez Doubleneck im Koffer 1

Ibanez Doubleneck – Original und Fälschung

Wie gesagt basiert die Ibanez Doubleneck auf dem Prinzip der Gibson EDS-1275 in Cherry Red, was eine 12-saitige Gitarre am oberen Hals und eine 6-saitige am unteren Hals bedeutet. Allerdings wurden beide Hälse im Gegensatz zu Gibson wohl aus Kostengründen seinerzeit verschraubt und nicht verleimt. Ansonsten kopierte Ibanez nahezu jede Kleinigkeit vom Original, selbst der Schriftzug wurde dem Gibson Schriftzug angeglichen.

Was hingegen bei der Japanerin ins Auge, vielmehr in den Rücken fällt, ist das Kampfgewicht, das die komplett aus Mahagoni gefertigte Gitarre an den Tag legt. Knapp 8 kg (!!!) wollen gewuchtet werden, was insbesondere auf den in der Mitte in Sandwich-Bauweise aus je zwei einteiligen Korpusteilen ausgeführten Korpus zurückzuführen ist. Es ist faktisch so, als ob man sich zwei an sich schon schwere Instrumente gleichzeitig um den Hals hängt. Allein die 18 Stimmmechaniken verfügen über ein dermaßen hohes Gewicht, werden aber von dem übergroßen Korpus gekontert und lassen daher keine Kopflastigkeit aufkommen.

Als Ausgleich für dieses irrwitzige Gewicht verfügt das Instrument allerdings über ein geradezu unfassbares Sustain, was seinesgleichen sucht. Spannend ist auch, dass je nach gegriffenem Akkord/Ton entsprechend angeregte Leersaiten des anderen Halses mitschwingen und so bestimmte Töne in ihrer Schwingungsdauer intensivieren oder abbremsen, was ein sehr eigenständiges Schwingungsverhalten offenbart.

Wie nahezu alle 12-saitigen E-Gitarren, die nicht über eine ausgeklügelte Brückenkonstruktion verfügen, muss man sich auch bei der Ibanez Doubleneck in Sachen Oktavreinheit mit einem mehr oder minder gesunden Mittelwert zufriedengeben. Sowohl die Bass- als auch die Diskantsaiten laufen über denselben Reiter, wobei man der Einfachheit halber in einen regulären Tune-o-Matic-Reiter zwei weitere Kerben rechts und links von der Hauptkerbe geschliffen hat. Nicht wirklich elegant, aber die mit Abstand günstigste und praktikabelste Lösung. Das Ergebnis ist leicht vorhersehbar, eine Saite fliegt dir immer aus der Intonation.

Gerade bei dem 12-saitigen Hals empfiehlt es sich, die Saiten auf die verwendete Tonart des Songs, den man spielen möchte, zu stimmen und alles an Lagenspiel mitzunehmen, was eben geht. Innerhalb eines Radius von ca. fünf Bünden kommt man zu vergleichsweise guten Ergebnissen, darüber oder darunter hinaus sind die Ergebnisse, abhängig von der persönlichen Leidensfähigkeit in Sachen Intonation, nahezu unbrauchbar.

Ibanez Doubleneck im Koffer 2

Ibanez Doubleneck im Koffer 2

Ibanez Doubleneck – Änderungen und Erweiterungen

Ich persönlich höre nicht zu den Musikern, die ihre Instrumente aus Sammlergründen sklavisch in exakt dem Auslieferungszustand belassen wollen, in dem sie es erworben haben, wenn ich weiß, dass bestimmte Punkte verbessert werden können oder sogar müssen. Ein Instrument ist primär ein Werkzeug für den Künstler und sollte daher auf seine jeweiligen Ansprüche hin optimiert werden, losgelöst davon, ob ein Cent-Produkt wie ein Kondensator in ein paar Jahrzehnten an ein paar verrückte Sammler für 100 Euro oder mehr vertickt werden kann.

Neben den sehr guten Schwingungseigenschaften sollte man aber dennoch nicht aus den Augen lassen, dass das Instrument in seiner Ursprungsform auch ein paar typisch japanische Schwächen an den Tag legte, die in ihrem Baujahr 1970 durchaus des Öfteren anzutreffen waren. Ganz vorneweg konnten die Stimmmechaniken nicht ihren Zweck auf adäquate Weise erfüllen, weder auf dem 12-saitigen Hals, der mit einem regulären 010er 12-String bedrahtet wurde, noch auch auf der 6-saitigen Variante, die mit meinem berüchtigten 013 – 056 in Standard-Tuning bespannt ist.

Die Mechaniken waren den typischen 70er Gibson Deluxe nachempfunden, hatten aber sehr viel Spiel und liefen vergleichsweise schwergängig. Daher habe ich alle Mechaniken gegen 18 Stück Schaller getauscht, die allerdings ein ordentliches Gewicht an den beiden Hälsen generieren. Da ich nicht 18 identische Mechaniken ergattern konnte, befindet sich optisch eine wilde Mischung an den beiden Hälsen, was ihrer Stimmstabilität aber keinen Abbruch tut.

Ibanez Doubleneck Headstocks

Ibanez Doubleneck Headstocks

Die wahrscheinlich größte Änderung ist im Bereich der Tonabnehmer zu finden. Wie viele Ibanez Gitarren Anfang der Siebziger, haderte auch meine Ibanez Doubleneck mit dem typisch „japanischen“ Sound ihrer Pickups, will heißen, die Techniker wussten zwar, wie man Pickups fertigt, es gelang ihnen aber nicht, der Spulen/Magneten-Kombination einen charaktervollen Sound einzuhauchen. Zwar hatte man der 6-saitigen Variante noch ein paar nett anzusehende schwarze Spule/weiße Spule Zebra-Pickups spendiert, aber der Klang zog nun wirklich keine Wurst vom Teller.

Ich entschied mich daher, die allzeit von mir präferierten EMGs in der immer wieder gerne genommenen „Rockvariante“ 85/85 Kombination einzubauen, was das Instrument ungemein aufwertete. Die Pickups schaffen es sehr gut, das Übermaß an Masse und Schwingungsverhalten zu verwalten und geben dem Instrument die nötige Definition, welche die Original Tonabnehmer vermissen ließen. Der Einbau der Pickups gestaltete sich jedoch etwas anspruchsvoller, da ein Schaltplan für diese Pickup-Kombination nicht aufzutreiben war. Ich entschied mich daher, den klassischen LP-Schaltplan zweimal zu verdrahten und ihn mit dem Hals-Wahlschalter aufzusplitten.

Inwieweit die parallele Aktivierung der beiden Hälse, sprich die gleichzeitige Aktivierung von vier Tonabnehmern die Batterielaufzeit verkürzt, habe ich noch nicht durchgemessen. Ich bin aber sehr sicher, dass kein Doubleneck-Spieler jemals diese Kombination wählt, es sei denn, er ist im Experimentalmusiksektor tätig. Spielt man beispielsweise auf dem 6-saitigen Hals, schwingen zwangsweise die oberen 12 Saiten mit und können nicht abgedämpft werden. Liegt dieser Hals nun mit im Signalweg, schwingen ständig irgendwelche Leersaiten mit und erzeugen einen extrem matschigen und je nach Tonart tonal sinnlosen Brei, der den Song komplett zerstört. Streng genommen sollte bei einem Doubleneck Instrument immer nur ein Zweiwegeschalter zur Halswahl verbaut werden, um dies zu verhindert. Dies wurde aber wahrscheinlich nicht gemacht, da es schlicht und ergreifend seiner Zeit diese Relaisschalter in entsprechender Qualität nicht gab.

Vierfach EMG Power

Vierfach EMG-Power

Ibanez Doubleneck – in der Praxis

Einmal auf die Bühne gewuchtet, erzeugt das Instrument eine Haptik, als ob man mit einem Nilpferd Tango tanzen würde. Entertainment im Sinne von schnellen Drehungen und großen Rockstar Posen kann man getrost in die Tonne kloppen, die potenzielle Energie des Instrumentes, oder noch schlimmer, einmal in Fahrt gekommen, kinetische Energie dieses Brockens hindert dich an allem, was man sonst in seinem gewohnten Habitat in Sachen Posing gerne abliefert.

Die Optik des Instrumentes ist aber nach wie vor atemberaubend. Keine Show, bei der nicht ein bewunderndes „Aaaah“ durch die Zuschauerreihen gleitet, sobald man sich eine Doubleneck umschnallt. Natürlich wurde das Kasperletheater in den letzten Dekaden auch in den Witzfigurenbereich mit 5 Hälsen und mehr getrieben, aber die Doppelhals-Ausführung bietet immer noch einen reellen Gegenwert, der sich auch mit musikalischen Argumenten rechtfertigen lässt. Immerhin wurde das Instrument einst gebaut, um einen Instrumentenwechsel im laufenden Song obsolet zu machen.

Um den Vintage-Aspekt klanglich zur Geltung zu bringen, habe ich für die Soundfiles mit einer perfekten Kombination Marshall 2203 von 1976 und einer Marshall 412 mit Celestion G60 Speakern Anfang der Achtziger eingespielt. Angefangen mit ein paar atemberaubenden Crunchsounds.

Gefolgt von einem Sound-File, das zeigt, wie sehr die Gitarre am Volume-Poti hängt und mit dem Amp hervorragend interagiert.

Und zum Schluss noch der 12-saitige Hals.

Fazit

Ob nun Optik, Exotik und eine dicke Hose oder Gewicht, Größe und eine grausige Transportabilität die Oberhand gewinnen, muss jeder für sich selber entscheiden. Ich für meinen Teil werde diese Instrumente immer lieben, allein schon aus Gründen des Entertainments!

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Emmbot  AHU

    Wäre mir zu schwer. Außerdem kann ich kaum eine Gitarre spielen.

    Die Optik in Gibsonstyle weiß zu gefallen. Wers spielen kann viel Spaß.

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