Interview Wolfgang Schröter: Synthesizer und Saxophon in der Kirche

17. Oktober 2020

Faszinierende Synthesizer-Klänge in Kirchen

Konzert „10 Jahre Orgel und Sax“, Uli Kammerer (l) & Wolfgang Schröter (r)  © Marco Schilling

Es kommt vor, da stolpern wir über interessante Videos oder Reportagen, bei denen sofort das Gefühl aufkommt, dass das Thema auch für AMAZONA.de-Leser interessant sein könnte. So ging es mir auch im Fall von Wolfgang Schröter und Uli Kammerer, die u. a. mit Saxophon und Synthesizern faszinierende Konzerte in Kirchen geben.

Da finden sich in den Settings neben der installierten Kirchenorgel auch Prophets, Yamahas und Rolands ihren Platz. Hier mal eine Klangprobe die in einer Kirche mit einem Oberheim Matrix 6 eingespielt wurde.

Hier nun ein Interview mit Wolfgang, das wir per E-Mail geführt haben. Leider konnten wir uns bislang nicht persönlich kennenlernen, aber bereits bei den die Telefonaten offenbarte sich mir ein sehr sympathischer Mensch mit einer Liebe zu außergewöhnlichen Klangkompositionen, wie man sie in diesem Genre nur sehr selten findet. Für mich ist dieses Duo ein weiteres Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Anwendungsbereiche von synthetischen Klängen sein können und wie sie dadurch eine Brücke schlagen zwischen den Generationen.

Wolfgang Schröter 2020 im Gespräch mit AMAZONA.de ©Stefan Gelberg

Peter:
Hallo Wolfgang, lass uns doch mal kurz damit beginnen, wie du zur Musik gekommen bist.

Wolfgang:
Als Zweitklässler wurde ich vors Klavier gesetzt. In der Konfirmandenzeit starb unsere Dorforganistin. Der Pfarrer kam in der nächsten Konfistunde herein und sagte: „Einer von euch übernimmt das Orgelspiel.“ Alle zeigten auf mich. „Du spielst Klavier“. In den 60er-Jahren Kirchenorgel zu spielen, war nicht gerade hipp, getröstet haben mich Gruppen wie Deep Purple oder Ekseption, die den Orgelsound eingebaut hatten.

Peter:
Auf deinem YT-Kanal findet man viele Videos von Jazz-Sessions, teilweise sogar spannende Mischungen aus Klassik & Jazz. Liegt dir eher Jazz oder Klassik?

Wolfgang:
Die klassische Klavierausbildung hat mir die Spieltechnik beschert und mir viele schöne Stücke gezeigt, im Jazz reizt mich das spontane Improvisatorische mit ganz persönlicher Ausdrucksmöglichkeit.

Peter:
Was hat es mit diesem Auftritt zu tun, bei dem am Anfang eine Fuge von Bach gespielt wird, die dann plötzlich in einen Swing transformiert?

Wolfgang:
Mein Arrangement versucht zu zeigen, dass die Größe und Zeitlosigkeit Bachscher Musik es erlaubt, das eine in das andere umkippen zu lassen.

Peter:
War das nicht für die klassischen Orchestermusiker eine enorme Herausforderung?

Wolfgang:
Ja, wir haben fleißig geprobt, aber gerade den Klassikern macht es Freude, einmal etwas Jazziges zu spielen, ich hatte es quasi als komponierte Improvisation geschrieben.

Peter:
Wie kommt es denn zu Konzerten wie diesem?

Wolfgang:
Als Lehrer mit den Hardcore-Fächern Mathe und Physik habe ich viele Schüler über die Musik in den Arbeitsgemeinschaften erreicht, dieser Auftritt war eine Zusammenarbeit mit unserem Schulstreichorchester.

Mit Prophet 12 und MKS-80 an der Orgel

Peter:
Du scheinst ja auch eine große Leidenschaft für Synthesizer zu haben. Ich habe ein Video gefunden, bei dem du an einem DX7 und Prophet 12 sitzt, improvisierst im Zusammenspiel mit einem Saxophonisten?

Wolfgang:
Unbedingt, die Initialzündung gab das Kunstkopfhörspiel „Die Akademie“. Mit Musik von Peter Michael Hamel, der darin Kirchenorgel und Synthesizer spielt. Bald danach habe ich mir für viel Geld einen Jupiter-6 geleistet und ihn in die Kirche geschleift. Einen Bordun (Drone) mit festgeklemmten Orgeltasten zu erzeugen und dann mit hoch eingestellter Resonanz und variablem Filtercutoff ein Oberton-Scanning darüber zulegen, ist unaufwändig und sorgt in einer halligen Kirche für Gänsehaut. Den DX 7 habe ich ein paar Jahre später angeschafft.

Peter:
Wieso genau diese beiden Synthesizer?

Wolfgang:
Es sind klanglich und physikalisch zwei Welten. Der Prophet gehört zu den Analogsynthesizern wie der Jupiter-6, dem noch ein MKS-80 Super Jupiter und ein Oberheim Matrix-6 folgte, wobei der Prophet 12 aus neuerer Produktion mit digitaler Kontrolle arbeitet und damit umfangreiche Programmiermöglichkeiten bietet. Der DX7 dagegen verwendet keine Filter zur Gestaltung des Klangspektrums, sondern Frequenzmodulation (FM), mit der extrem obertonreiche glockige Klänge erzeugt werden können, was den Analogen bei seinem Erscheinen erst einmal den Garaus gemacht hat. Durch Kombination beider erreicht man also einen präsenten klaren Vordergrund auf weichem analogem Himmelbettchen …

Peter:
Irgendwann hast du dieses Duett in die Kirche gebracht, dann aber die Synthesizer gegen eine Kirchenorgel ausgetauscht. Wie kam es dazu?

Uli Kammerer begleitet Wolfgang am Saxophon ©Stefan Gelberg

Wolfgang:
Eigentlich war es umgekehrt, ich habe vor 20 Jahren nach meiner Rückkehr aus dem Auslandsschuldienst in Istanbul am Heisenberg-Gymnasium in Weinheim den Kollegen Uli Kammerer kennengelernt, der als Saxophonist langjährige Spielerfahrung im Combo- und Bigband- Jazz hatte, und ich habe ihn im Rahmen meiner Organistentätigkeit zum Mitspielen bei dem einen oder anderen Choral gewinnen können. Daraus entstand unser Projekt „Orgel und Sax“. Um nicht stets auf Kirchenräume angewiesen zu sein, haben wir dann die Variante Orgel und Sax Stage eingeführt.

Peter:
Akustisch ist das natürlich ein enormer Unterschied zwischen Kirche und Club. Was war die größte Herausforderung dabei?

Wolfgang:
Die fehlende Kirchenorgel! Nach einigem Programmieraufwand konnte ich dem Prophet akzeptable Kirchenorgelsounds entlocken

 

Andererseits kommen Uli Kammerer und ich auch vom Jazz, also gibt’s Green Onions, Cantaloupe Island, Black Orpheus etc. auf die Ohren.

Peter:
Hast du in der Kirche auch schon mal einen Synthesizer eingesetzt?

Wolfgang:
Schon oft! Die riesigen Pedalpfeifen einer Orgel liefern einen tragfähigen Bass und dem Analogsynthesizer kann man die Obertöne so weit beschneiden, dass butterweiche Flächensounds entstehen, die mit keinem „Naturinstrument“ erzeugbar sind. Unsere 4. CD haben wir so eingespielt, das ergänzt sich ideal. Oder man trimmt den Prophet auf „Moog“ und lässt ihn gegen eine mächtige Kirchenorgel antreten, da kommt apokalyptische Stimmung auf

Peter:
Gibt es demnächst weitere Konzerte von dir? Wann und wo kann man euch live sehen?

Wolfgang:
Am 11. Oktober spielen wir in der Kirche in Boberow. Für den ökumenischen Kirchentag nächstes Jahr läuft die Bewerbung und im Klunkerkranich Berlin waren wir auch nicht zum letzten Mal.

Peter:
Wir bedanken uns für das schöne Interview bei dir Wolfgang und weiterhin gutes Gelingen.

Wolfgang Schröter & Uli Kammerer ©Stefan Gelberg

Forum
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    Henrik Fisch  AHU

    Hammer!

    Ich muss erst einmal ein wenig Luft holen … ich habe mir das dritte Beispiel »Apocalypse Prophet12 Abbey Of Himmerod …« auf meinen Monitoren und wohl etwas zu laut angehört (sehr zur Freude meiner Nachbarn) … poa … da versinkt alles in andächtig sakrales Schweigen. So jedenfalls mein Eindruck. Das erinnert mich an eine Mischung aus Klaus Schulze in seiner Frühzeit und »Wish You Where Here« von Pink Floyd …

    … nur andächtiger, wuchtiger, brutaler, (noch) mitreißender … mir fehlen ein wenig die Worte.

    Schön, dass es so etwas noch gibt. 💜💙🧡

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      wolfgang24

      Hallo Henrik,
      vielen Dank ! Schön, dass unsere Musik dich erreicht.
      „brutal“ ist völlig o.k. Die Essentials sind nun mal auf Leben und Tod.
      Da hat die Kirche einiges weggenuschelt.
      It’s been a long way to Tipperary..

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        amazonas24

        Ja!

        Wirklich wunderbar, als öffne eure Arbeit in ihrer Zeitlosigkeit eine Tür zur inneren Tiefe. Nach „Apokalypse …“ kam mir doch gleich das „Officio“ von Phaidros [https://youtu.be/Y8Nn7JsHGGg] in den Sinn und auf die Ohren. Danke für eure Werke!

        Wo kann ich mehr von euch hören?

        • Profilbild
          wolfgang24

          Ja schön, und danke für den Officio Tip.
          Du kannst auf orgelundsax.de
          in alle Titel unserer 4 CDs (bald 5 ) reinhören.
          Die übrigen Links für Youtube und Soundcloud
          findest du oben in diesem Artikel.

  2. Profilbild
    MPEzone

    Schön dass hier auf Amazona auch so weit abseits des Mainstreams Empfehlungen, Hintergründe und Interviews kommen.

    Die Musik von Wolfgang Schröter scheint locker einen zeitgenössischen Bogen von Jan Gabarek nach Arvo Pärt oder Henryk Górecki zu spannen.

    Extra Dank an amazonas24, die Playlist von Phaidros habe ich rauf und runter gehört!

    Liebes Amazona-Team, mehr von dieser Musik! Musiker wie Wolfgang Schröter & Uli Kammerer öffnen manch einem vielleicht neue Türen.

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