Making of: Black Sabbath, Master of Reality

4. August 2019

Black Sabbaths Meisterstück!

Black Sabbath – die erste und vielleicht wichtigste Metal-Band der Geschichte, hat einen in der heutigen Zeit nicht immer einfachen Stand. Der Vorwurf langweiliger Arrangements, blechernen Sounds oder langweiligen Riffings sind da so Sachen, die man da zu hören kriegt. Da muss man dann doch schmunzeln. Master of Reality ist ein halbes Jahrhundert alt. Und was Tony Iommi, Ozzy Osbourne, Geezer Butler und Bill Ward damals leisteten, war nichts weniger als ein musikalischer Schöpfungsakt. Sie brachten das Heavy in den Metal. Sie verliehen einer damals von Millionen gefühlten Frustration und Ziellosigkeit Ausdruck. Die Art, wie Iommi seine Riffs schrieb und der Mut der Band, auf das träumerische Gefrickel der 70er zu verzichten und diesen monolithischen, rohen, ungestümen Sound in die Welt zu tragen, war einer dieser musikhistorischen Paukenschläge, von denen es nicht viele gibt. Der Groove war alles. Die Härte, die Dunkelheit im Sound. Und trotzdem: Sweet Leaf, die Liebeserklärung an das Gras und die ansonsten trostlosen Lyrics sprachen eine deutliche Sprache: Peace and Love war den Arbeiterjungs aus Birmingham – gelinde gesagt – scheißegal. 35 Minuten, die dem Stoner und unzähligen anderen Strömungen des Heavy Metals zur Geburt verhalfen. Grund genug, uns genauer anzusehen, wie dieses Album das Licht der Welt erblickte.

Black Sabbath, Making of Master of Reality – Wut im Bauch

Wie gesagt: Black Sabbath waren Vorreiter in der Art, wie puristisch und dunkel sie ihren Sound hielten. Woher dieser Mut zum Purismus rührte, sei dahingestellt. Ozzy, Bill, Tony und Geezer hatten allesamt zum größten Teil eine ähnliche Geschichte. Birmingham in den 70ern, das muss man sich in etwa so vorstellen: Rauchende Fabrikschlote, überquellende Pubs, Slums und der Abbau von Industriearbeitsplätzen und der allmähliche Umbau von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsstadt. Für die Jugend, deren Eltern großteils vom heftigen Bombardement der Deutschen traumatisiert waren, bot sich nicht unbedingt ein rosiges Zukunftsbild. Alle vier Männer teilten dieses Gefühl der Beklemmung. Man arbeitete in Fabriken und hielt sich über Wasser. Dass sich auf das Gefühl der Musik niederschlagen würde, sollte niemanden überraschen.

Black Sabbath Master of Reality

Ozzy selbst war noch vor seiner Zeit als Rockstar ein schwieriger Charakter, der immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Als junger Mann beging er mehrere Einbrüche, klaute unter anderem einen Fernseher, den er dann zu verhökern versuchte, klaute Kleidung und Werkzeug, wurde festgenommen und saß sechs Wochen im Winson Green Gefängnis ein, weil sein Vater sich weigerte, die Kaution für ihn zu bezahlen. Tony Iommi, der sich immer wieder mit lokalen Gangs anlegte, sich als Türsteher versuchte und in einer Metallfabrik arbeitete, verlor die Fingerkuppen seines Mittel- und Ringfingers bei einem Arbeitsunfall und hätte aufgrund dessen beinahe das Klampfen an den Nagel gehängt. Bill Ward, dem gut und gerne nachgesagt wird, das Metal-Drumming erfunden zu haben, verschwand stockbesoffen teilweise vor Gigs aus dem Land und hatte eine schwierige Kindheit. Nur Geezer blieb mehr oder minder skandalfrei – ein Raubein, aber eins, das sich unter Kontrolle zu haben schien und die Band ein klein wenig zusammenhielt. Mehr zumindest als der Rest der Band. Doch bevor Bill Ward sich endgültig von der Band verabschiedete und Ozzy aufgrund seiner Drogenprobleme aus der Band gekickt wurde, entstanden eine Handvoll wegweisender Alben. Als die Band für Masters of Reality zu schreiben begann, war sie schon eine feste Bank für diese Art von Sound. Doch etwas an der Masters of Reality war diesmal anders – die Band stand an einem besonderen Punkt.

Black Sabbath, Making of Master of Reality – Selbstfindung

Was war dieser Punkt? Und warum schauen wir uns ausgerechnet die Masters of Reality an? Nun, nachdem Black Sabbath den schwierigen Weg bis zum Debüt gemeistert hatten, passierte etwas, das sich in dieser Art in der Zukunft mehr oder minder noch ein paar Mal wiederholen sollte: Während die Kritiker das Werk zerrissen, fand das Publikum Gefallen an der Musik. Das selbstbetitelte Debüt stieg bisweilen auf den achten Platz der UK-Charts auf. So würde das also öfter laufen: Die Musikpresse belächelte einen, doch irgendwie traf man trotzdem einen Nerv. Irgendwas an der kompromisslosen Art, wie Black Sabbath ihren Sound angingen, sorgte dafür, dass die Masse darauf ansprang – und das von der ersten Minute. Paranoid annektierte die Pole-Position und ist bis heute einer der bekanntesten Rocksongs aller Zeiten.

Black Sabbath Master of Reality

Dass das Debüt ein Album mit Schwächen ist, sei dahingestellt. Masters of Reality jedoch markiert den Punkt, an dem sich diese Band wirklich fand und die vielleicht, das sehen viele Fans so, besten Songs ihrer langjährigen Karriere produzierten.

Eine Formel also, die auf dem Debüt bisweilen hervorragend aufgegangen war, wurde bewusst weitergeführt. Was heißt das konkret? Dass es in Sachen Aufnahme-Procedere, -Studio und -Ablauf keine großen Änderungen zum Debüt gab. Produzent Rodger Bain und Mixer Tom Allom kamen erneut ins Spiel und während die Aufnahmen des Debüts eine planlose, irre Angelegenheit war, versuchte man diesmal, fokussierter an die Sache heranzugehen.

Erstes Plus: Zeit. Die Band hatte bedeutend mehr davon. Als zweites muss man sich vor Augen führen: Black Sabbath in den frühen Siebzigern – das waren noch nicht die Black Sabbath in den späten 70ern. Die Eskalation des Alkohol- und Drogenkonsums bahnte sich an, war aber während der Aufnahmen der Masters of Reality noch im Rahmen. Das waren ein einfach ein paar Jungs, die des Öfteren einen über den Durst tranken. Die noch keine Ahnung davon hatten, wie sich ein Kater jenseits der dreißig anfühlte.

Black Sabbath Master of Reality

Master of Reality Originalcover von 1971

Aufgenommen wurde das Album in London in den Island Studios. Und von Anfang an war klar: Man wollte weiter gehen als zuvor, sich ausprobieren und erforschen, was alles drinnen war. Das fing damit an, dass Tony Iommi seine Gitarre um drei Halbtöne tiefer stimmte für Children of the Grave und Into The Void. Der Grund dafür mag pragmatischer sein, als es viele wahrhaben wollen: Tony litt immer noch unter seiner Verletzung aus den Tagen in der Fabrik und die tiefere Stimmung ermöglichte ein vergleichsweise schmerzloses Greifen der Saiten. Sein Equipment belief sich auf einen Laney 100-Watt-Verstärker und 65er Gibson SG Special. Geezer selbst war in seinem Sound vor allem anfangs ein wenig anspruchslos. Erst später arbeitete er mit Laney 4x12er Cabinets und Laney 100 Watt Topteilen sowie einem Dan Armstrong Bass. Sein Markenzeichen, die charakteristische Zerre des Basses, war in der damaligen Zeit völlig ungewohnt. Das trauten sich die wenigen, doch die Band setzte sich gegen die Meinung vieler Studioleute durch und hatten Rodger und Tom zwei Männer gefunden, die verstanden, dass ein isoliertes Betrachten der einzelnen Parts gegenläufig war: Hier musste die Band im Gesamtkontext betrachtet werden, anhand dessen, was sie gemeinsam erzeugte. Das war eine damals nicht so leicht zu kommunizierende Botschaft, da es in den Köpfen der Rock- und Psychedelic-Produzenten dieser Zeit gängiger Kanon war, jedes Instrument als seinen eigenen Kosmos zu sehen. Wenn man Iommis Riff isoliert hörte, klangen die Dinger zum Teil furztrocken, bisweilen langweilig. Durch den Groove des Schlagzeugers jedoch entfaltete das Ganze seine spezifische Wirkung. Vielen Tontechnikern war das nicht bewusst – da wurden Zerren und EQ von Amp und Gitarre stundenlang mit Tony diskutiert, der eigentlich nur die Kraft, die im Proberaum entfaltet wurde, möglichst puristisch einfangen wollte. Rodger Bain verstand das – und erklärte es auch Tom Allom.

Black Sabbath Master of Reality

Für die thematische Untermauerung von Master of Reality hielt ein tiefsitzender, quälender Skeptizismus her, der sich so ziemlich auf alles richtete, was die Bandmitglieder umgab: Gesellschaft, Kirche, Arbeit, die Regierung. Die Jungs waren Anfang oder Mitte 20 und noch immer auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Dass die Jungs keine Antworten auf ihre quälenden Fragen fanden, bezeugt der extreme Drogenkonsum, der sich bald nach der Veröffentlichung von Masters of Reality dieser Band bemächtigte. Auch der Titel der Platte sollte zum Ausdruck bringen, dass diese vier britischen Jungs damit beschäftigt waren, ihr Verhältnis zu der Welt und zur Wirklichkeit zu klären. Das wurde dann eine etwas komplizierte Angelegenheit – denn Masters of Reality verkaufte in den Staaten zweieinhalb Millionen Exemplare und zog eine vierzehn Monate umfassende Tour nach sich. In England spielte die Band 1972 im Anschluss an die Veröffentlichung über zwanzig Konzerte, die allesamt ausverkauft waren.  Und die Zuhörer wählten das Album vor ein paar Jahren im Rahmen einer Umfrage von Loudersound.com zum besten Black Sabbath Album. Gibt also zum Abschluss nur eine einzige Frage zu klären – wer ist die Person, die im Intro vom Sweet Leaf sich die Seele aus dem Leib hustet, ehe das Groove-Brett einsetzt?

“Tony Iommi! He’d just sucked on a big joint. We had the tapes rolling. It was the perfect way to begin the record.” – Bill Ward. Na, dann hätten wir das auch geklärt. In diesem Sinne …

 

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