Making of: Guns N‘ Roses Appetite for Destruction

30. Juni 2019

Appetite for Destruction - die letzte echte Rockplatte?

Guns 'N' Roses Appetite for Destruction

Guns N‘ Roses Appetite for Destruction

Was ist ein Rockstar?

Eine Person, die Dinge kaputtmacht – und das nicht ausschließlich auf der Bühne. Wut spielt also eine Rolle. Sex-Appeal. Mitglieder des anderen Geschlechts lechzen förmlich danach, den Beischlaf mit dem sogenannten Rockstar vollziehen zu dürfen. Wo ein Rockstar ist, klirren Scherben. Fernseher werden aus Hotelfenstern geschmissen. Concierges mit Kokain bezahlt. Zimmerservice bringt zwanzig Flaschen Dom Perignon auf die Suite, von der die eine Hälfte getrunken und die andere im Schlafzimmer versprüht wird. Rockstars leiden – trotz allem, im Blitzlicht, in Glanz und Glorie, sie leiden dekadent und halten an ihrem Schmerz fest, sonst gehen sie mit leeren Händen auf die Bühne. Ein Rockstar ist also ein Paradox: Er ist zugleich Triumph der Rebellion wie auch ihre Einbettung im Mainstream. Ein echter Rockstar kotzt auf den Kaviar, den ihm die Plattenfirma bezahlt. Und packt das dann in die Lyrics eines Songs mit dem Namen Kaviar Tears.

Hat Axl Rose derartiges getan? Sicher. Man ist sogar versucht, weiter zu gehen: Axl Rose hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die oben genannten Eigenschaften mit Rockstars assoziiert werden. Zog er als erster Musiker mit Stripperinnen-Bagagen durch Hotel-Foyers und hinterließ eine Spur der Zerstörung? Nein, aber Ende der Achtziger, als MTV anfingen, wahrlich global zu agieren und ein Hang zur Megalomanie unter den amerikanischen Rockbands grassierte, flutschten Guns N‘ Roses in die Vorreiterrolle wie die Hand in den Handschuh – und versetzten dem Hair Metal den Todesstoß. Dekadenz, Maßlosigkeit, eben ein Appetite for Destruction das war alles Bestandteil dieser Band und das noch vor ihrem Durchbruch. Dies war ihre Stunde, der Zenit einer Band, die für lange Zeit definieren würde, was Rockmusik zu sein hatte.

Guns N‘ Roses Appetite for Destruction: eine Bande von Brüdern

Guns 'N' Roses Appetite for Destruction

(c by Shutterstock)

Als Kain Abel erschlug, tat er es aus purer Niedertracht und Neid. Gott liebte Abel und begünstigte ihn, während Kain ein erfolgloses Schattendasein fristete. Üble Nummer. Ganz so dramatisch ging es bei den Guns N‘ Roses nicht zu. Niemand fristete ein Dasein in dem Schatten. Aber Neid und Niedertracht zwischen Brüdern ist fester Bestandteil der Mythologie dieser Band. Axl und Slash sprachen jahrelang kein Wort miteinander. Und das hat Gründe – seien Streitereien über Slashs Involvement mit Michael Jackson, den Axl ohne jeden Zweifel für einen pädophilen Serientäter hielt oder die extremen Drogenexzesse, von denen Axl lange nichts wissen wollte. Beide Männer teilen eine langjährige und emotionale Geschichte miteinander.

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Tatsache ist: Duff McKagan, Slash, Axl Rose, Steven Adler, Izzy Stradlin – jeder dieser fünf Männer kam nach Los Angeles, um sich einen konkreten Traum zu erfüllen. Das waren keine sinnsuchenden Poeten, sondern würden die Band formen, die in Sachen Sleaze und Dirt Mötley Crüe den Rang ablaufen würden. Man wollte schleunigst in den Rock-Olymp. Man wollte gehört werden. Erfolg haben. 4. Juni 1985: Die Band formierte sich offiziell,und ein paar Tage später startete man zu einer ersten, völlig desorganisierten Tour durch die Staaten, dem vielleicht entscheidendsten Moment der Bandgeschichte – wenn man Duff McKagan glauben will: „Diese Tour zeigte uns, was wir alles wegstecken können.“ Die „Hell Tour“ im Jahre 1985, die von Sacramento bis nach Seattle führte und die Band mit unschönen Überraschungen wie kaputten Vans, verlorenen Instrumente und geschlossenen Venues konfrontierte, sollte so etwas wie den Prüfstein darstellen, durch den die vier Jungs kapierten, wie widerstandsfähig sie wirklich waren.

Klar, bevor die Guns N‘ Roses Appetite for Destruction sich am Horizont abzeichnete, musste man sich noch ein bisschen auf Hollywoods Bühnen die Hörner abstoßen. Legendäre Auftritte im Roxy oder der Troubadour Bar folgten. Und ein Wort machte die Runde: Von diesem irren Frickler mit einer Mähne, die sein halbes Gesicht bedeckt und einem Kerl namens Rose, dessen Stimmgewalt andere etablierte Größen in den Schatten stellt. Eigentlich waren Guns N‘ Roses also unvermeidlich. Sahen das alle so? Gewiss nicht. Nikki Sixx hasste Guns N‘ Roses und das von Anfang an. Steven Adlers ungenaues und oft rumpelndes Spiel hing live des Öfteren durch. Aber es sprach sich eben rum: Da steht ein neuer Jim Morrison auf der Bühne, mit den gleichen, schlangenhaften Bewegungen und jener ominösen, überlebensgroßen Aura, die vielen Rock ’n‘ Roll Mythen zugrunde liegt. Doch erst mal mussten sich die Jungs im Los Angeles Label-Dschungel zurechtfinden.

Guns 'N' Roses Appetite for Destruction

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Was treibt einen Künstler an? Die Verwirklichung einer hochgradig persönlichen Vision, einer echten Idee. In der Hinsicht waren Guns N‘ Roses angemessen als Band geerdet. Auf McKagans Drängen hin schlug man einen 150.000 Dollar Vorschuss von Chrysalis Records aus, weil die Plattenfirma sich an die Vermarktung und das Image der Band versuchen wollte. Eine Kardinalsünde, so empfand es Duff und auch letzten Endes auch die Band und ging stattdessen mit einem 75.000 Vorschuss einen Deal mit Geffen Records ein. Die einzige Bedingung? Grenzenlose kreative Kontrolle darüber, was Guns N‘ Roses darzustellen hatten.

Mit Spencer Proffer wurden die ersten Versionen von Sweet Child O’Mine und Nightrain aufgenommen, ebenso mit dem Kopf von Nazareth, Manny Charlton. Man suchte seinen Sound, eine Möglichkeit zur Optimierung dieses rohen Talents. Ein Selbstläufer sollte die Guns N‘ Roses Appetite for Destruction trotzdem nicht werden.

Guns N‘ Roses Appetite for Destruction – das Auge hört mit

Ein Selbstläufer gewiss nicht. Allein die Suche nach einem Produzenten für das Album zog sich in die Länge. John „Mutt“ Lange und selbst Paul Stanley von KISS wurden in Erwägung gezogen. Doch ehe Tom Zutaut, A&R-Mann und wandelnde Rückendeckung der Band, den rettenden Einfall hatte, musste ein Haufen Zeit vergehen, ehe ihm einfiel, wie er und die Band zugedröhnt in einer Bude mehrere Platten durchgehört hatten und man unisono feststellte, dass die Strangers in the Night von UFO ein unerreichtes Meisterwerk darstellte. Also holte Tom den damaligen Produzenten des Albums, Mike Clink, an Bord. Ein Mann, der es verstand, den Band-Spirit auf Band zu brennen. Und vor allem: Ein harter Hund, der mit den aus dem Ruder laufenden Charakteren klar kam und bereit war, die Guns N‘ Roses Appetite for Destruction in Form zu gießen.

Alle fünf Männer waren auf ihre Art nämlich in einem horrenden Zustand, als die Rehearsals zu einem Abschluss kamen und man sich allmählich auf die Studiotage für die Appetite for Destruction einstellte. Das muss man sich natürlich vor Augen führen: Noch bevor der Rockstar-Traum überhaupt in greifbarer Nähe war, lebte man die Schattenseiten des Traumes bereits in vollen Zügen aus. Duff McKagan legte ihn jener Zeit den Grundstein einer handfesten Alkoholiker-Karriere, Izzy war auf Heroin, Steven und Slash ebenfalls einen Großteil der Zeit zugedröhnt. Einzige Ausnahme war Axl, der sich zunehmend von der Band isolierte und hochkonzentriert die Flure ablief, darauf erpicht, die musikalische Bühne des Instrumentariums ideal zu nutzen. Was das Songwriting angeht, gibt es viele widersprüchliche Informationen. Izzy Stradlin, heißt es, lieferte die Grundsteine für fast alle Songs, die Slash mit seinem Riffing garnierte, während Axl als eiskalter Kritiker dafür sorgte, dass die Arrangements zur Blüte kamen.

Guns 'N' Roses Appetite for Destruction

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Man wollte mit dem Hair Metal Blödsinn der 80er brechen. Der artgerechte Nemesis der Band, Mötley Crüe, galt als Negativbeispiel. Man wollte zeitlos sein, wo Crüe in erster Linie den Zeitgeist bedienten. Und wenn man sich anschaut, wo beide Bands im kollektiven Gedächtnis stehen, will man der Kalkulation von Guns N‘ Roses Recht geben.

Also – die Band blieb im Studio, hämmerte die Fundamente der Songs ein und verbrachte den nächsten Monat damit, die Overdubs einzuspielen. Slash spielte seine zeitlosen Soli ein. Während all dem ging Axl Rose mit einer fast absurden Besessenheit an seine Parts heran. Anstatt die Aufnahme-Performance wie damals üblich strophenweise in den Kasten zu packen, ging er jede Zeile einzeln an. Das Ergebnis ist eine zeitlose Performance. Die Kollaborationen im Studio zwischen Clink und den Mixing-Engineers Steve Thompson und Michael Barbiero waren geprägt von einem rohen 70er Jahre Geist: Man wollte die Welt brennen sehen und diesem glatt-produzierten Schmink- und Spandex-Spuk ein Ende setzen. Hat die Appetite for Destruction dem Hair Metal den Todesstoß versetzt? Nicht viele sagen: Ja. Es war zumindest, rein musikalisch betrachtet, besser als alles, was Mötley Crüe oder Poison bis dato geleistet hatten.

Des weiteren brachte die Popularität des Albums und der Band die Gibson zurück – gewissermaßen. Weg von den bunten, irrsinnig geformten Ibanez  und Jackson Klampfen, diese verspielten Neon-Saiter, die eher in ein Kinderzimmer als auf eine Bühne gehörten. Les Paul wurden durch Slash wieder cool, eine kostenlose Werbeanzeige, wenn man will, effektiver als alles, worauf das damals krisengeschüttelte Unternehmen kam. Sie brachten mit Sweet Child O’Mine die damals ausgestorbene Power-Ballade zurück. Und dadurch, dass die Platte auch maßgeblich dazu beitrug, dass Hair Metal an Coolness einbüßte, wurde der Grunge auf diese Weise überhaupt erst ermöglicht. Hat die Guns N‘ Roses Appetite for Destruction also Nirvana ermöglicht? Sie gab der Öffentlichkeit zumindest wieder den Gefallen an Authentizität zurück, an echtem Dreck und realitätsbasierten Lyrics. Andere, wie Tom Zutaut selbst, sind der Meinung, dass Guns N’Roses den Stadionrock erst wieder groß machten und Bands wie Aerosmith zu einer Renaissance verhalfen.

Guns 'N' Roses Appetite for Destruction

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Doch bevor es überhaupt so weit kommen konnte, wäre die Guns N‘ Roses Appetite for Destruction beinahe zugrunde gegangen an – nun ja, an was? Schwierig zu beantworten, Tatsache ist aber, dass neun Monate nach dem Erscheinen des Albums gerade mal 200.000 Exemplare verkauft waren – eine Katastrophe. Die Band drohte vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Klar, wenig war das nicht, aber wer 200.000 Exemplare damals absetzte, war zwischen all den Rockgrößen schlichtweg nichts Besonderes. Die damals recht konservativen Inhaber der Sendestationen, denen MTV angehörte, hatten dem damaligen CEO von MTV, Bob Pittman, wissen lassen, dass sie ihn rausschmeißen würden, sollte er es wagen, einer dieser Junkie-Bands eine Plattform zu geben – und für die damalige Verhältnisse war diese schlangenhafte, heruntergekommene Statur am Mikrofon und das raue Erscheinungsbild der Band eine Blaupause für das konservative Bild eines Junkies. Doch Tom Zutaut wollte sich damit nicht abfinden. Er löste einen alten Gefallen bei Bob ein und sorgte dafür, dass das Video von Welcome to the Jungle um vier Uhr mittags in New York ausgestrahlt wurde. Und rettete damit gewissermaßen die Band.

Der damalige CEO von Geffen Records hatte fest damit gerechnet, dass Guns N‘ Roses Appetite for Destruction tot war. Doch was folgte, war eine Welle der Hysterie: das Video hatte die Einschaltquoten in die Höhe schießen lassen und den Stein der Band endlich ins Rollen gebracht. Welcome to the Jungle wurde auf Heavy Rotation gepackt, die Verkaufszahlen für Appetite for Destruction gingen ebenfalls hoch. Der Rest ist Geschichte: Guns N‘ Roses wurden auf eine irre Umlaufbahn des Erfolges geworfen, die noch viele Jahre anhalten würde.

Wie ist die Guns N‘ Roses Appetite for Destruction letzten Endes einzuordnen? Das Album war vielleicht eines der letzten seiner Art: Eine von einem Major Label produzierte, stadiontaugliche Rock-Platte mit totaler künstlerischer Freiheit. Puristischer, wilder Rock ’n‘ Roll als authentische Kunstform, gefördert durch einen kapitalistischen Riesen. Eine Platte, die dem Test der Zeit bis heute standhält und zurecht über die Jahrzehnte hinweg einen regelrechten Kultcharakter entwickelt hat. In diesem Sinne: Welcome to the jungle, baby. 

Forum
  1. Profilbild
    Hein Bloed  

    Mir ist völlig unklar, was Guns n‘ Roses mit „Rock“ zu tun haben sollen. Zu allen Zeiten ihres unseligen Schaffens gab es unzählige Bands, die interessantere, intelligentere und hemmungslosere Musik gemacht haben, als diese Comicfiguren. Viele von denen hatten auch Sänger, die tatsächlich singen konnten (Hallo Mark Lanegan!).
    Taugt nur als Soundtrack für Terminatoren-Filme.

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