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Making of Special: David Bowie – „Heroes“

14. April 2019

Heroes just for one day - David Bowie in Berlin

David Bowies „Heroes“ ist sein definitives Berlin-Album, mit dem Titelsong schenkte er der Stadt eine Hymne. Welche Wirkung musste ein solches Lied entfalten –  zu einer Zeit, als die Stadt bereits seit 16 Jahren durch eine Mauer geteilt war. Als Soldaten der DDR-Grenztruppen mit scharfer Munition auf  Menschen schossen, die „in den Westen rübermachen“ wollten – in die Freiheit.

„Heroes“ wirkte – wenn auch mit Verzögerung. Als der Titelsong im September 1977 veröffentlicht wurde, reichte es gerade mal für Platz 24 in den britischen Charts. Und in den USA, wo Fame immerhin ein Nummer 1 Hit war, tauchte die „Heroes“-Single gar nicht erst in den Charts auf. Doch bald begann der unaufhaltsame Aufstieg von „Heroes“. Der Song wurde einer von Bowies Klassikern – vielleicht sogar der Klassiker schlechthin.

David Bowie (08.01.1947 – 10.01.2016) war ein Ausnahmekünstler: Sänger, Musiker, Komponist, Produzent, Schauspieler und Maler. (Foto: Lars Halter)

Zehn Jahre nachdem er „Heroes“ in den Hansa Studios by the Wall eingespielt hatte, befand sich Bowie wieder in unmittelbarer Nähe der Mauer – am 6. Juni 1987. Er stand auf einer Bühne vor dem Berliner Reichstag. Ich arbeitete damals als Aufnahmeleiter der Jugendsendung RIAS 2 Treffpunkt. Der RIAS Berlin übertrug das gesamte Konzert live und so war ich an eine Karte gekommen. Die Setlist der Glass Spider Tour war nicht unbedingt mein Fall, die Alben „Tonight“ und „Never let me down“ gehören wirklich nicht zu Bowies Highlights.

Aber es waren auch einige Perlen dabei: „Rebel Rebel“, „Fame“, „Let’s dance“ und natürlich „Heroes“. Was das Konzert aber zum Gänsehauterlebnis werden ließ – Bowie begrüßte in passablem Deutsch ausdrücklich die Fans, die sich auf der anderen Seite der Mauer versammelt hatten. Bowie erzählte später, dass er die Ost-Berliner Fans auf der Bühne gehört hätte, wie sie ihm zujubelten und mitsangen. In einem Interview mit Bill DeMain sagte er: „I’ll never forget that. It was one of the most emotional performances I’ve ever done. I was in tears….When we did ‚Heroes’ it really felt anthemic, almost like a prayer.“ ( Performing Songwriter 2003) Nach 22 Uhr flogen dann auf Ostseite Flaschen und Dosen und die Menge begann „Die Mauer muss weg!“ zu rufen. Im Stasi-Bericht über die „Pfingstkrawalle“ (an den folgenden Tagen waren noch die Eurythmics und Genesis aufgetreten) heißt es später: „158 Personen zugeführt“, zumeist „Jungerwachsene“, die „zum Teil mit aggressiven Gebaren“ auftraten.

David Bowie hat auch zum Fall der Mauer beigetragen. Foto: Michael Kauer

Auch David Bowie hat zum Fall der Mauer beigetragen. Foto: Michael Kauer, Pixabay

Mauerspecht David Bowie

Eduard Meyer, Bowies Berliner Toningenieur in den Hansa Studios ist überzeugt, dass Bowie „durch das Konzert am Reichstag 1987 ein Vorreiter der Wiedervereinigung war“.  (noisey vice 16.01.2016).

Und das Auswärtige Amt hat gar zum Tode Bowies getwittert „You are now among #Heroes. Thank you for helping to bring down the #wall.“

Das auswärtige Amt ehrte Bowie nach seinem Tod in dieser Twitter-Nachricht.

Das Auswärtige Amt ehrte Bowie nach seinem Tod in dieser Twitter-Nachricht.

Tatsächlich dürfte der damalige US-Präsident Ronald Reagan am Fall der Berliner Mauer größeren Anteil gehabt haben. Mit seiner viel kritisierten Aufrüstungspolitik. Reagan tauchte im gleichen Jahr wie Bowie an der Mauer auf, wo er den berühmten Satz sprach: „Mr. Gorbachev, tear down this wall!“

Heroes – eine Säuferhymne?

Aber wir wollen den Einfluss von „Heroes“ nicht kleinreden, der umso bemerkenswerter ist, als es sich ja eigentlich um ein Lied über Alkoholiker handelt: „They use ‚Heroes‘ for every heroic event, although it’s a song about alcoholics“, sagt Bowies Produzent Tony Visconti.

Allerdings wollte kein Bowie-Fan diesen großartigen Song auf die traurige Banalität eines Säuferpaars reduziert wissen:

„You can be mean and I’ll drink all the time“  

In der eingedampften-Radiofassung von „Heroes“ war davon nichts mehr zu hören und auch bei Live-Auftritten hat Bowie diese Strophe dann meist weggelassen. Alle warteten ohnehin auf den Refrain:

„We can be heroes /Just for one day“.

Bowie hatte „Heroes“ wohlweislich in Anführungsstriche gesetzt – was eine gewisse ironische Distanz ausdrückte. Egal. Mit der Zeit wurde das Heroische des Liedes geradezu stilisiert. Man kann damit Werbung untermalen, Terroropfer ehren (11. September) oder Spendengelder für die Afrika-Hungerhilfe einsammeln – wie 1985 bei Live Aid in London.

I wish I could swim, like dolphins could swim. Foto: Skeeze

„I, I wish you could swim/ Like the dolphins /Like dolphins can swim“ Foto: Skeeze, Pixabay

Like Dolphins can swim

Sogar die Tierschutzbewegung erkannte das Potential und protestierte mit „Heroes“ gegen die Delfintreibjagden im japanischen Tiaji. Bowies Lied „became a powerful anthem for the anti-whaling movement“, ist auf der Webseite von EcoWatch zu lesen.

Das Besondere dieses Songs wurde aber schon in seiner Entstehungszeit erfasst, der Text auf die Anregung Tony Viscontis hin ins Deutsche übertragen. Oder zumindest etwas, was entfernt wie Deutsch klingt: „Schüsse reißen die Luft“. Viscontis Berliner Freundin Antonia Maaß textete die Worte einem von der deutschen Artikulation damals leicht überforderten Bowie auf die Lippen.

Trauriger Bono

Später kamen andere nach Berlin, bauten mit überdimensionalen Bauklötzen „The Wall“ nach, als die echte Mauer zumindest symbolisch schon gefallen war. Und es kamen auch Rockstars, die es Bowie in seiner „Berlin Experience“ gleichtun wollten: „Aber es wird nie so sein, wie ich es empfunden habe“, vertraute Bowie dem Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne im Jahr 2002 an: „Ich denke zum Beispiel an Bono, der wollte das gleiche erleben wie ich. Aber er hatte eine sehr enttäuschende Zeit in Berlin. Es hat ihm gar nicht gefallen.“ (Lars von Törne: Ich denke oft, Brecht hätte das so gemacht,  Tagesspiegel 2002, abgedruckt in: David Bowie – Stardust Interviews, Zürich 2018)

Auch U2 haben in Berlin produziert. Aber Bono hatte kein Bowie-Erlebnis in der Stadt.

Auch U2 haben in Berlin produziert. Aber Bono hatte kein Bowie-Erlebnis in der Stadt. Foto: Peter Dargatz, Pixabay

Berlin und der Bowie-Mythos

Gemessen an dem Bohai, der um die Berliner Jahre David Bowies gemacht wird, fällt  sein eigentlicher Aufenthalt in der Stadt relativ kurz aus. Er dauerte vom Sommer 1976 bis – ja bis wann eigentlich genau? Als „Lodger“, der nach „Low“ und „Heroes“ dritte Teil der sogenannten „Berliner Trilogie“ im Mai 1979 erscheint, hat Bowie Berlin längst hinter sich gelassen. Möglicherweise ist er bereits nach den Dreharbeiten von „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ weggezogen – im Februar 1978. Eventuell lief der Mietvertrag aber noch bis 1981 weiter – der berühmte Koffer in Berlin. Wie so vieles im Leben David Bowies bleibt auch dieses im Vagen, Ungefähren, ein Stück der Bowie-Fabel. Berlin wird nur eine Episode in seinem Leben sein, „die sich aber zu einem Mythos im Leben der Mauerstadt verdichtet hat, zu einer Geschichte, die seither immer wieder beschworen, nacherzählt und gewürdigt wird, in Zeitungsartikeln, Filmen und auf Stadtrundfahrten.“ (Tobias Rüther: Helden. David Bowie und Berlin, Berlin 2008).

Thilo Schmidt am SSL-Pult im Hansa Tonstudio. Schmidt führt Fans auf den Spuren David Bowies durch Berlin.

Thilo Schmied am SSL-Pult im Hansa Tonstudio. Schmied führt Fans auf den Spuren David Bowies durch Berlin. Foto: Costello

Ich erinnere mich, wie unsere Clique regelmäßig in die Diskothek Dschungel ging, in der Hoffnung, einen Blick auf den „Thin White Duke“ zu erhaschen. Wie oft hieß es da: „Bowie war heute schon da.“ Oder aber: „Er wird heute noch erwartet.“ Tatsächlich haben wir ihn aber nie zu Gesicht bekommen.

Also denn, fügen wir dem Bowie-Mythos ein weiteres kleines Mosaiksteinchen hinzu.

Der Autor sagt danke

Bevor wir richtig in die Geschichte einsteigen, möchte ich mich aber bedanken: bei Eduard Meyer, unter anderem Toningenieur und auch Musiker für David Bowie und Iggy Pop. Er stellte mir für diesen Artikel das berühmte Bild zur Verfügung, dass ihn mit Bowie und Produzent Tony Visconti zeigt. Weiter geht mein Dank an Thilo Schmied, der den Kontakt zu Eduard Meyer hergestellt hat, und mir während seiner Bowie-Tour viele wertvolle Infos gegeben hat. Seine Berlin Music Tours auf den Spuren von Musikern wie David Bowie, Depeche Mode und U2 sind für jeden Musikliebhaber ein absolutes Highlight. Und dann geht ein Dankeschön an meinen Kollegen und Freund Lars Halter, der mir drei fantastische Bilder von Bowies Auftritt in Balingen im Sommer 1996 zur Verfügung gestellt hat.

Ein Zeitdokument: David Bowie in den Hansa Studios. In der Mitte sein Produzent Tony Visconti, rechts der Toningenieur Eduard Meyer

Ein Zeitdokument: David Bowie im legeren grünen Karo-Hemd in der Regie von Hansa Studio 2. In der Mitte sein Produzent Tony Visconti, rechts der Toningenieur Eduard Meyer. Foto: Privatsammlung Eduard Meyer

Ein Wrack namens Bowie

In einem sind sich die Chronisten immerhin einig: David Bowie war ein ziemliches Wrack, als er im Sommer 1976 nach Berlin kam. Sein Toningenieur in den Hansa Studios, Eduard Meyer, hat immer noch den ausgemergelten, spindeldürren Junkie vor Augen, der wohl nur noch an die 55 Kilo wog. „Er war am Boden. Er sah schrecklich aus. Er kam nach Berlin, um den Hype um seine Person zu entfliehen. Um hier zur Ruhe zu kommen. Und um zu arbeiten.“ (B.Z.  12.01.2016)

So bizarr es klingt: Ausgerechnet in Berlin mit dem Todesstreifen im Osten der Stadt und gepanzerten Fahrzeugen auf den Straßen in beiden Stadthälften fand Bowie zu einer wohltuenden Normalität zurück: „Nach vielen Jahren, die ich quasi unter Hochdruck in den USA gelebt hatte, war es sehr entspannend für mich, in eine Stadt zu kommen, in der man kaum Notiz von mir nahm. Ich konnte endlich mal wieder entspannen und so einfache Dinge machen, wie im Straßencafé zu sitzen.“ (Stardust Interviews)

Berlin ist heute ziemlich herausgeputzt. In den 70ern sah es oft noch so grau und schäbig aus, wie diese beiden noch umrenovierten Häuser in der Friedrichstraße.

Berlin ist heute ziemlich herausgeputzt. In den 70ern sah es oft noch so grau und schäbig aus, wie diese beiden noch unrenovierten Häuser in der Friedrichstraße. Foto: Costello

Kein Idyll – West-Berlin in den 70er Jahren

Bowie ging in West-Berlin in der Masse buchstäblich unter. Das hing wohl auch damit zusammen, dass die Menschen in der Mauerstadt genügend eigene Probleme hatten, als dass sie sich noch um die Sorgen und Nöte eines durchgeknallten Pop-Stars hätten kümmern wollen. Zwar lag die Zeit der Berlin-Blockade lange zurück, das Tauwetter der Entspannungspolitik war angebrochen. Die Angst vor einer erneuten Kursverschärfung Moskaus blieb aber. Die Steuererleichterungen für West-Berliner wurden nicht umsonst als „Zitterprämie“ bezeichnet. Die wenigen Unternehmen (vor allem Tabak-Industrie), die sich in der Stadt angesiedelt hatten, waren mit Subventionen geködert worden. West-Berlin lockte viele an, die dort alternative Lebensentwürfe verwirklichen wollten – oder schlicht der Wehrpflicht entgehen.

Der FAZ-Journalist Tobias Rüther hat sich in seinem Buch "Helden" speziell mit Bowies Zeit in Berlin beschäftigt.

Tobias Rüther hat sich in seinem Buch „Helden“ speziell mit Bowies Zeit in Berlin beschäftigt.

Die politische Stimmung in West-Berlin war seit der Studentenbewegung angespannt. Die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg ab 1966 und die Anti-Schah-Demo 1967, bei der der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde, blieben im Gedächtnis haften. Und so standen sich die zumeist links eingestellten Studenten in Kreuzberg (SO36), Schöneberg und Neukölln und das Bürgertum in den wohlhabenden Bezirken Wilmersdorf, Charlottenburg und Zehlendorf letztlich mit Misstrauen gegenüber. Der „deutsche Herbst“ von 1977 warf seine Schatten voraus. Bereits 1974 war nur wenige Blocks entfernt von der Neu-Westender Wohnung meiner Eltern Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann von Terroristen erschossen worden.

Nachdem ich David Bowies Auftritt in der Verfilmung ""ir Kinder vom Bahnhof Zoo" gesehen hatte, musste ich mir dringend auch eine rote Jacke zulegen.

Nachdem ich David Bowies Auftritt in der Verfilmung von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gesehen hatte, musste ich mir dringend auch eine rote Jacke zulegen.

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Das West-Berlin der 70er war also durchaus kein Idyll. Die „Kinder vom Bahnhof Zoo“ hatten ihre eigenen Erfahrungen mit harten Drogen, wie wir aus den Erinnerungen von Christiane Felscherinow wissen. Dass Bowie das große Idol von Christiane F. war, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn der Thin White Duke war ja gerade deshalb nach Berlin gekommen, um vom Koks wegzukommen. Als Ulrich Edel „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ 1981 verfilmte, war das „Heroes“-Album der ideale Soundtrack. Die Eiseskälte von „Sense of Doubt“ untermalte die Hochhaus-Anonymität von Berlin-Gropiusstadt genauso so treffend, wie das Elend der jungen Heroinsüchtigen, die sich auf verdreckten Bahnhofstoiletten einen Schuss setzen. Bowie stellte seinen Auftritt in der Berliner Deutschlandhalle für den Film in New York nach, wobei die Publikums-Szenen einem AC/DC-Konzert entnommen wurden.

In New York hatte Bowie übrigens die Anonymität, die er an Berlin so schätzen gelernt hatte, wiedergefunden. So unterschiedlich die beiden Metropolen sein mögen. Die Leute ticken ziemlich ähnlich.

Hauptstrasse 155 in Berlin-Schöneberg. Hier befand sich Bowies Wohnung.

Hauptstrasse 155 in Berlin-Schöneberg. Hier befand sich Bowies Wohnung. Foto: Costello

Berlin-Schöneberg, Hauptstraße 155

Nachdem Bowie zunächst im Schlosshotel Gerhus im Grunewald logiert hatte, zog er bald in den weniger illustren, dafür aber quicklebendigen Stadtteil Schöneberg um. In der Hauptstraße 155 mietete er eine 7-Zimmerwohnung an. Altbau, 240 Quadratmeter, 3,50 m hohe Stuckdecken. Die Miete von rund 500 DM dürfte ihm preiswert erschienen sein. Die Wohnung ist sparsamst möbliert, Matratzen liegen auf dem Boden, in einem Raum steht eine Stereoanlage, in einem anderen seine Staffelei. Zunächst ziehen auch Iggy Pop und seine Freundin mit ein.

David Bowies Musiker-Kumpel Iggy Pop fühlte sich in Berlin pudelwohl. In den Hansa Studios entstanden seine Alben "The Idiot" und "Lust for Life". Der Feten-Klassiker "Passenger" ist übrigens eine Hommage an die Berliner S-Bahn.

David Bowies Musiker-Kumpel Iggy Pop fühlte sich in Berlin pudelwohl. In den Hansa Studios entstanden seine Alben „The Idiot“ und „Lust for Life“. Der Feten-Klassiker „The Passenger“ ist eine Hommage an die Berliner S-Bahn: „Singin‘ la la la la la-la-la la“

Doch lange sollte das nicht gut gehen. Bowie kaufte damals gerne in der bei Berlinern als „Fressetage“ bekannten Feinkostabteilung des KaDeWe ein. Kaum hatte er die Tüten nach Hause geschleppt, waren die Vorräte schon wieder verputzt. „Iggy aß alles auf, was er im Kühlschrank finden konnte. Das hat mich wahnsinnig gemacht.“ (Stardust Interviews) Iggy wurde also kurzerhand vor die Tür gesetzt und fand im Hinterhaus eine neue Bleibe. Ansonsten waren beide natürlich dicke Freunde. Bowie produzierte für Iggy Pop „The Idiot“ und „Lust for Life“ und spielte bei seinen Auftritten Klavier.

David Bowie gerne im Berliner KaDeWe ein. Nicht weit davon lag sein Lieblingsclub "Dschungel". Foto: Falco

David Bowie kaufte gerne im Berliner KaDeWe ein. Nicht weit davon lag sein Lieblingsclub „Dschungel“. Foto: Falco, Pixabay

Chez Romy Haag

Bowie genoss in Berlin das Nachtleben in vollen Zügen – ohne Sperrstunde! Regelmäßig besuchte er Romy Haags Nachtclub „Chez Romy Haag“ in der Fugger-Ecke Welserstraße in Berlin-Schöneberg. Eine Zeitlang hatte er mit der transsexuellen Romy eine Affäre. Stammgast war er auch im „Dschungel“ gleich um die Ecke beim KaDeWe. Auf der 2013 veröffentlichten Single „Where are we now?“ vom Album „The Next Day“ hat er den Club verewigt:

„Sitting in the Dschungel/ On Nurnberger Strasse/ A man lost in time near KaDeWe“.

Im Dschungel beobachtete er fasziniert die Berliner Szene: Ratten-Jenny, ein Mädchen, das ständig eine Ratte an der Kette mit sich herumtrug, und seltsame Typen, die ihren nächtlichen Cocktail im kompletten Chirurgenkostüm genossen, mit Gummihandschuhen und Stethoskop um den Hals. Im Stillen wird Bowie sich wohl gedacht haben: „So ‚strange’ und durchgeknallt bin ich doch gar nicht?!“

Wie die meisten Berlin-Besucher war sicher auch David Bowie erstaunt, wie viel Wasser es in Berlin gibt. Blick auf den Wannsee. Foto: Costello

Nischt wie raus nach Wannsee

Später schenkten Iggy und Coco Schwab ihrem David einen alten verrosteten Mercedes, Baujahr 65 mit Schiebedach, in dem sie auf ausgedehnten Touren die Stadt erkundeten: „Besonders gern fuhren wir zum Wannsee. Da gab es ein Restaurant, in dem wir Geflügelleber und solches Zeug aßen.“ (Stardust Interviews)  Bowie besucht auch Ost-Berlin. Mit seinem britischen Pass ist das kein Problem. Er nutzt den Checkpoint Charlie, der Ausländern und Diplomaten vorbehalten war. Bowie geht ins Theater, sieht Aufführungen des Berliner Ensemble, trinkt seinen Wein im „Ganymed“ am Schiffbauerdamm, wo schon Bertolt Brecht, Kurt Weill und Helene Weigel diniert haben.

Oft war Bowie auch zu Besuch im Brücke-Museum in Dahlem. Bowie, der selbst malte, war begeistert von den deutschen Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel oder Otto Mueller. Muellers „Liebespaar zwischen Gartenmauern“ aus dem Jahr 1916 soll ihn zum Song „Heroes“ inspiriert haben. Die Handhaltung auf Heckels Gemälde „Roquairol“ soll wiederum die Platten-Cover zu Iggy Pops Album „The Idiot“, wie auch zu Bowies „Heroes“ angeregt haben. Das Cover-Foto hat der japanische Fotograf Masayoshi Sukita aufgenommen: „The ‚Heroes‘ photos were meant to have a ‚Punk‘ feel. The whole session was over in an hour. Afterwards, I selected about twenty photos to give to David-san, including the shot of the ‚Heroes‘ sleeve.“ (Dylan Jones, David Bowie – A Life, London 2018, Seite 168)

Das Coverfoto zu "Heroes" des japanischen Fotografen ist von expressionistischer Malerei inspiriert.

Bowies Pose auf dem Coverfoto zu „Heroes“ des japanischen Fotografen Masayoshi Sukita ist von der expressionistischen Malerei der Brücke-Gruppe inspiriert.

David Bowie – Die Krautrock Connection

Berlin passte auch deshalb gut, weil Bowie sich damals intensiv mit deutscher elektronischer Musik beschäftigte. Die Alben von Tangerine Dream, Kraftwerk und vor allem Neu! machten großen Eindruck auf ihn. Er lernte Klangwelten jenseits der  typischen Blues- und Rock ’n’ Roll-Formeln kennen. Die kontemplativen Sequenzerbewegungen bei TD, das Maschinenhaft-Teutonische bei Kraftwerk (Bowie war auch ein großer Fan von Fritz Langs „Metropolis“) oder die experimentell-motorischen Lieder von Neu!, dem Bandprojekt von Michael Rother und Klaus Dinger.

Florian Schneider von Kraftwerk bekam eine musikalische Widmung mit dem „Heroes“-Song V2-Schneider. Und Michael Rother von Neu! war sogar als Gitarrist für „Heroes“ vorgesehen. Bowie und er hatten ein begeistertes Telefonat geführt. Kurz darauf rief jedoch jemand von Bowies Management bei ihm an und sagte ab. Rother war begreiflicherweise düpiert und zu stolz um nachzuhaken. Warum es am Ende nicht klappte, bleibt unklar. Vertragspflichten? Kommunikative Missverständnisse? Fürchtete das Bowie-Management zuviel teutonischen Einfluss, von dem der Star abgeschirmt werden musste? Am Ende machte Robert Fripp den Job. Es ist aber reizvoll, sich einmal auszumalen, wie „Heroes“ wohl mit Michael Rother an der Gitarre geklungen hätte.

Michael Rother wäre fast der Lead-Gitarrist auf Bowies "Heroes" geworden. Nach der Absage tröstete sich Rother mit seinem ersten Solo-Album "Flammende Herzen".

Michael Rother wäre fast der Lead-Gitarrist auf Bowies „Heroes“ geworden. Nach der Absage tröstete sich Rother mit seinem ersten Solo-Album „Flammende Herzen“.

David Bowie – Ich bin (k)ein Berliner

Zum Berliner wurde Bowie aber nicht. Er hielt freundschaftlichen Kontakt zu Edgar Froese und Tangerine Dream, war ansonsten aber vor allem mit seiner überschaubaren Clique unterwegs, zu der Iggy Pop mit Freundin Esther Friedman gehörten, sein Produzent Tony Visconti und Coco Schwab. Selbst sein Toningenieur Eduard Meyer erinnert sich lediglich daran, wie sie Bowies 30. Geburtstag am 8. Januar 1977 in einem Berliner Restaurant feierten. Und dann noch an eine private Einladung zum Weihnachtsgans-Essen in Bowies Wohnung: „Es war ein toller Abend, wir saßen in Davids Küche, die der einzige vollständig eingerichtete Raum in der Wohnung war. Iggy war da, alle Musiker, Coco Schwab, die Freundin, die David langsam durch gutes Essen aufpeppelte. Und Esther, Iggys Freundin, die – wie es heißt – immer für den Stoff sorgte.“ (BZ, 12.01.2016)

In Berlin wollte Bowie weg vom Koks kommen.

In Berlin wollte Bowie weg vom Koks kommen. Foto: Steve Buisinne, Pixabay

Ein Kasten Bier statt Koks

Bei „Low“ war Eduard Meyer der Toningenieur und wegen seiner sehr guten Englischkenntnisse zugleich auch Bowies Dolmetscher. Beim Album „Heroes“ bezeichnet Eduard Meyer seine Rolle eher als die eines „Zaungastes“.  Natürlich wusste Meyer, dass Drogen für Bowie auch in Berlin noch eine Rolle spielten. Doch zumindest im Studio waren sie tabu: „Aber ein Kasten Schultheiss stand immer rum, jeder durfte sich bedienen.“ (B.Z., 12.01.2016) Nicht mal, was die Bier-Marke anbelangt, herrscht allerdings völlige Einigkeit: In Tobias Rüthers Buch „Helden“ handelt es sich um „Berliner Kindl, kleine Flaschen“. (Seite 126)

Ein Kasten Bier ist jetzt nicht wirklich Rock’n’Roll. Aber in Berlin gehörte es wohl dazu, wenn wir Iggy Pop Glauben schenken wollen  „There’s seven days in a week: two for bingeing, two for recovery, and three more for any other activity.“ (Dylan Jones, Seite 263) „Bingeing“ bedeutet übrigens „Komasaufen“.

Aber es werden auch andere Geschichten erzählt. Einmal tauchten nach Produktionsschluss drei junge Frauen im Hansa Studio auf, die Bowie irgendwo aufgegabelt hatte. David sagte zu Iggy: „Such Dir eine aus.“ Toningenieur Eduard Meyer sagt, die Story stimmt. Er stand dabei. So stellen wir uns doch die wilden 70er vor.

Früher hieß diese Bar "Anderes Ufer". Bowie nahm in der beliebten Schwulenkneipe, die direkt neben seiner Wohnung liegt, gerne sein Frühstück ein. Foto: Costello

Früher hieß diese Bar „Anderes Ufer“ und war die erste offizielle Berliner Schwulenkneipe. Sie lag direkt neben der Wohnung von David Bowie und Iggy Pop, die hier gerne frühstückten. Foto: Costello

Forum
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    AMAZONA Archiv

    Sehr schöner Bericht und David würde sicher stolz darauf sein.
    Ich verbinde Heroes immer mit dem Drogenpräventionsfilm „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, den wir in der Schule anschauen mussten. Ich habe mich nur immer gefragt, woher wir im Osten Drogen herbekommen sollten. :D Hat aber trotzdem nachgewirkt.

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      costello  RED

      Danke Marko! „Drogenpräventionsfilm“ ist schön gesagt. Den haben sie euch bestimmt vor allem auch deshalb gezeigt, um vor der Dekadenz des kapitalistischen Westens eindringlich zu warnen.

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        AMAZONA Archiv

        Genau deshalb. ;) Das hat aber eher neugierig gemacht. :D

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          TobyB  RED

          Wir hatten doch Grüne Fee(Pfeffischnaps), Blauer Würger(Korn) und den guten Bergarbeiterschnaps- Grubenglück(Hochprozentig) oder Wilde Sau, Berliner Pomeranze, Maoritraum. Auch lecker Bananenlikör oder Maracuja Likör ;-) Das betrachten von Kinder vom Bahnhof Zoo hat mich jetzt nicht von der Dekadenz des kapitalistischen Westens abgehalten. Ich bin nach der Penne erstmal ins Schweinchen und hab halbe Biere gezischt ;-) Und komische Punkmusik aus der DDR gehört. http://www.....d-schreien

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      costello  RED

      Hi Syntach, also wenn schon, dann bitte die Langfassung https://bit.ly/2IgFXMv Bei 4:05 lästert Visconti übrigens über das ARP Solina ;-) Das Original-Video war bei YouTube gesperrt. Die kursierenden Fassungen sind rechtemäßig problematisch, in deinem Youtube-Post ist zum Beispiel noch jede Menge historisches Fotomaterial unterschnitten. Das können wir nicht in den Beitrag packen. Über die Links hier kann sich aber ja nun jeder informieren, der möchte.

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    TobyB  RED

    Sehr schön Mr C. :-)

    Bingeing mit Schultheiß und Kindl, da brauchts aber mehr als einen Kasten :D Die Studiotechnik des Hansa Studios und der Meistersaal sind schon einen Besuch wert. Die Spaceheizung EMT251 dürfte sicher einiges zur Geschichte des Hansa Studios beigetragen haben. Lässt man mal Maße, Masse und Verbrauchswerte aussen vor. Ein Stück legendäre Technik.

    Heroes und das Album war mir immer das liebste Bowie Werk, neben Ziggy Stardust. Der Bowie der Achtziger geht zwar ins Bein, verfängt sich aber emotional nicht. Was er dann mit Tin Machine und weiteren Kollaborationen in den 90ern wieder gut gemacht hat. Placebo: Without You I’m Nothing , Nine Inch Nails: I’m Afraid of Americans , Massive Attack: Nature Boy. Black Tie White Noise, Black Star.

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    costello  RED

    Danke Toby! Die Racks im Hansa sind der Wahnsinn für Vintage-Fans. Sogar mein Yamaha SPX 90 habe ich da gesehen :-) Ja die 80er waren nicht die beste Bowie-Zeit: Scary Monster (Super Creeps) und Let’s dance hatten halt jeweils einen Monsterhit, wobei da Ashes to Ashes mein Favorit ist. Aber Tonight und Never let me down waren uninteressant bis indiskutabel. So dass ich das Spätwerk des Meisters zunächst gar nicht würdigen konnte, ich war irgendwie durch mit Bowie. Inzwischen kenne ich aber auch die späteren Alben und mag sie. Sein Opus ultimum „Blackstar“ ragt da heraus – letzte Verfügungen vom Meister. Der bei seinen Kollaborationen übrigens durchaus wählerisch war: Als Coldplay mal anfragten, lehnte Bowie ab mit den Worten: ‘It’s Not A Very Good Song, Is It?’

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      teofilo  

      80er nicht die beste Bowie Zeit? Finanziell oder Credebility? Als 80er-Kind musste ich mir (bis zu seinem Tod) von den Auskennern und Feuilletonisten immer anhören, dass das nicht mehr der „echte Bowie“ ist… Sah ich ganz anders.

      Und die angebliche Ablehnung der Coldplayanfrage ist doch wie vieles in dem – sehr lesenswerten – Artikel: Die Musikindustrie ist die verlogenste Bande, die scripted realtity wenn nicht erfunden, dann doch wenigstens perfektioniert hat.

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        TobyB  RED

        Hallo teofilo,

        es gibt da die Doku „Seven Stages of Rock“ , Bowie war in den Achtziger Massentauglicher Stadionpoprock. Künstlerisch war das eher Hochglanz und Yuppie Ästhetik. Der Britpop wurde erwachsen und man konnte damit viel Geld verdienen, siehe Island Record, Virgin etc.
        Ich fand und finde „this is not america“ immer als besten Song aus dieser Dekade.

        Coldplay ist für mich eine schwierige Band. Ab dem Moment, wo die mit 4/4 Lagerfeuertechno und Gitarre daher kamen wars schräg. Manchmal kommen Kollaborationen aber auch nicht zustand, weil die Künstler bei verschiedenen Labels sind.

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        costello  RED

        Hi teofilo, danke für Dein Feedback. Klar ist das Geschmackssache, welches Bowie-Album man nun besonders mag und dabei spielt immer auch eine große Rolle, wann man auf einen Künstler aufmerksam geworden ist, ihn quasi für sich entdeckt hat. Bei mir war das 1976 „Station to Station“. Viele von den früheren Sachen haben mich z.B. damals auch gar nicht so angesprochen. Ich war mehr an der Gegenwart interessiert. Let’s dance fand ich natürlich auch super und habe mir die Serious Moonlight Tour in der Waldbühne angesehen. Tonight erschien mir danach allerdings wie ein zweiter Aufguss. Übrigens hat Bowie auch selbst später gesagt, dass wäre sein schwächstes Album.
        Die Geschichte mit Coldplay berichtet die Band ja selbst, im NME, RollingStone, Guardian. Egal – das war ja auch nicht mein Thema. Dass man bei Bowie alles, aber wirklich alles hinterfragen muss, ob es wirklich so gewesen war, oder eher zur Legendenbildung beitragen, hebe ich ja an mehreren Stellen im Artikel hervor. Bowie hat sich immer mit einer Aura des Geheimnisvollen umgeben. Auch das macht seinen Mythos aus.

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    8 Bit Fighter  

    Du behauptest, daß Bowie mit der Transe Romy Haag eine Affäre hatte. Hast du auch Beweise dafür ? Alte verstaubte Gerüchte der Klatschpresse über einen verstorbenen Künstler aus der untersten Schublade als Fakt zu präsentieren, kann jeder.

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      TobyB  RED

      Hallo 8 Bit Fighter,

      Bowie hat sich 1972 in einem Interview mit dem Melody Maker als gay geoutet. Die Affäre mit Romy Haag ist nun keine Legende mehr. In einem seiner späteren Interviews(57) bezeichnete Bowie sich als bi oder versuchssexuell. In einem anderen sagte er, sein Outing wäre ein großer Fehler gwesen. Ob er das nun war, gemacht hat oder einfach nur provozieren wollte oder sich marketingtechnisch clever aufgestellt hat, ist egal. “Sex has never really been shocking,”, sagte er im Playboy 1976, “it was just the people who performed it who were.”).

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        8 Bit Fighter  

        Hi Toby,
        du hast meine mein Kommentar nicht richtig verstanden. Ich hab Costello gefragt, ob er Beweise für die Affäre zwischen Bowie und Haag liefern kann.Er hat aber keine Beweise. Wann Welche sexuelle Orientierung Bowie hatte oder nicht, war nicht das Thema.

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          costello  RED

          Um das hier mal unmissverständlich klar zu stellen 8 Bit Fighter: Dein Kommentar oben verstößt klar gegen die Netiquette.

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      costello  RED

      Sorry, 8 Bit Fighter, ich finde Deinen Kommentar komplett daneben. „Mit der Transe eine Affaire“. Das klingt für mich so wie „Huch , wie könnt ihr das dem David anhängen, das stand doch garantiert nur in der Bildzeitung“. Romy Haag war damals eine Institution in Berlin, sie hat ihre Transsexualität offen gelebt und war damit eine Vorreiterin für unsere heutige Gender-Diskussion und die (weitgehend akzeptierte) Selbstverständlichkeit, dass man über seine Sexualität selbst bestimmt.. Und David Bowie war mit ihr zusammen, er ist mit ihr eine Beziehung eingegangen. Was hat das bitte schön mit „Klatschpresse unterste Schublade“ zu tun.

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        8 Bit Fighter  

        Nochmal,
        hast du Beweise, daß Bowie und Haag eine Affäre hatten? Warst du dabei oder willst du behaupten, wenn 2 Personen auf einem Foto nebeneinander stehen, auch automatisch miteinenader in der Kiste waren? Selbst in einem Doku im öffentlich rechtlichen Fernsehen wurde diese Geschichte als Gerücht und nicht als Fakt bezeichnet, Bowie und Haag haben nie gesagt oder geschrieben, daß sie eine Affäre miteinander hatten. Du versuchst uralte unseriöse Gerüchte über einen verstorbenen Künstler, der im Gegensatz zu dir erfolgreich und kreativ war, als Fakt darzustellen.

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          costello  RED

          Hi 8 Bit Fighter – ich glaube, Du läufst derzeit nur noch auf 2 Bit ;-) Obwohl es ja heißt: „Don’t feed the troll“, hier ein Zitat von Romy Haag aus dem Mai 2017: „Für mich war die Beziehung ein Segen und Fluch, danach interessierte sich niemand mehr für mich.“

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          Tyrell  RED 2

          8-Bit und costello, bitte kommt mal beide runter. „Die Transe“ war eine unglückliche Wortwahl, aber eine Antwort hätte 8-Bit trotzdem schneller verdient.
          Und zu Dir lieber 8-Bit, ich bin umgangssprachlich auch kein Freund von Political-Correctness, in öffentlichen Foren halte ich mich da trotzdem zurück – und der persönliche Angriff auf Costello war unnötig.
          Also bevor ihr Euch nun in eine endlose Diskussion hier ergeht, raucht zusammen eine Friedenspfeife und lasst es gut sein :-)

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            costello  RED

            Von mir aus gerne :-)
            Ansonsten verweise ich auf Tobias Rüther, z.B. S. 115 Haag erinnert sich da an eine „sehr zärtliche Nacht“, die „Gerüchte“ in der Boulevardpresse hat damals Haag selbst befeuert, vor allem als es vorbei war, was David sicher nicht toll fand. Angela Bowie, damals Bowies Frau, spricht auch von einer Beziehung der beiden, für Bowie zählte am Ende möglicherweise mehr die „Inspiration“ , die „Muse“.
            Aber merkwürdig: wenn man schreibt, Bowie hat sich mit Iggy 3 junge Frauen geteilt, regt das niemanden auf. Eigenartige Sexualmoral.

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          costello  RED

          Hallo 8 Bit Fighter,
          da haben wir uns ja ordentlich beharkt. Ich möchte Tyrells Vorschlag, eine Friedenspfeife zu rauchen gerne aufgreifen.
          Ich lag natürlich nicht in der Bettritze von David und Romy.
          Romy hat David wohl nach seinem Konzert von 76 in der Deutschlandhalle kennengelernt und in ihr Penthouse mitgenommen. Tobias Rüther zitiert sie in seinem „Helden – David Bowie in Berlin“-Buch. Es wäre eine sehr „zärtliche Nacht“ gewesen. Er musste dann nach Hamburg, rief sie an, „ich brauche Dich, Du bist meine Inspiration“. Das erscheint mir glaubhaft, vielleicht war das auch die Grundlage ihrer Beziehung. Was sich im Bett abgespielt hat, diese Frage ist doch letztlich banal. Diese Affäre war aber heftig genug, als dass Bowies Frau Angela sehr unter ihr gelitten hat. „He had a torrid affair withRomy Haag…, much to Angie’s disdain“. (Jayne County in Dylan Jones, S 261) Nachdem Bowie wegging, hat Haag die Presse mit einigen Details versorgt, die Bowie sicher nicht prickelnd fand. Und Romy Haag musste schmerzhaft erkennen, dass sie auf einmal auf ihre Bekanntschaft mit Bowie reduziert wurde. So wurde sie einmal aus einer Talkshow wieder ausgeladen, weil sie über Bowie nicht reden wollte. Nach seinem Tod hat sie sich dann wieder vereinzelt geäußert. Wenn ich jedes Detail meines Berichts so ausgeschmückt und belegt hätte, wäre es ein Buch geworden ;-)

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    iggy_pop  AHU

    War Berliner Kindl nicht aus dem Hause Schultheiss?
    .
    Ich bin heute noch sehr dankbar dafür, daß ich West-Berlin in den Jahren 1978 und 1979 intensiv miterleben durfte — das hat meine ästhetische Wahrnehmung bis heute stark geprägt.
    .
    Interessant ist, daß Bowie bei den Berlin-Aufnahmen hauptsächlich das Chamberlin M-1 einsetzte und dem Mellotron M-400 gegenüber bevorzugte. Das M-1 liefert einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Gesamtstimmungslage.
    .

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      costello  RED

      Das waren wirklich aufregende Jahre. Das Chamberlin hat einen sehr eigenen Sound. Bei „Sense of Doubt“ kann man es sehr schön hören. Da trägt es ganz entscheidend zur Atmosphäre des Songs bei.

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    Piet66  RED

    Danke Costello für diesen interessanten und anregenden Bericht (passend dazu u.a. „Ashes to Ashes“ angehört…).

    Was kommt wohl als nächstes: ein Bericht über Spliff? ;-))

    Viele Grüße an die Spree!

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      costello  RED

      Danke Piet66! Ich habe beim Schreiben natürlich Bowie rauf und runter gehört. Da ist jetzt erstmal eine Pause angesagt. Als nächstes werde ich wohl verstärkt Ultravox hören ;-)

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    Hectorpascal  AHU

    Es hört sich für mich so an als ob er kurz vorm Kontrollverlust durch die Berliner Zeit getragen wurde. Mit einer Horde an Ausnahmetalenten an Pult und an den Instrumenten. Kann ich dann noch „David Bowie“ auf die Alben schreiben oder ist es nur noch ein Markenname? Sein Mitbewohner Iggy Pop war damals doch auch in seiner Vollkrise und prinzipiell mussten die beiden da nur irgendwie durch. M.M.n. ein gutes Beispiel für eine Glorifizierung, besonders durch die deutschen Fans, die ihre posttraumatischen Minderwertigkeitskomplexe an Bowie abarbeiten konnten. Früher habe ich Musik einfach nur gehört und Heroes auf deutsch für eine schlechte Übersetzung von Bowie selbst gehalten. Heute mag ich die noch am liebsten, weil ich Spaß daran habe gedanklich unpräzise zu dissoziieren. Kann man das so sagen? Zu viel Hintergrund kann auch eine Bürde sein. Werde beim beim nächsten Mal hören immer daran denken müssen. Bowie selbst spaltet mich in Begeisterung und Kritik an „seinem“ Werk.

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      costello  RED

      Hi Hectorpascal, ich denke eher, Bowie hat den drohenden Kontrollverlust in Berlin abwenden können. Er ist hier wieder geerdet worden. Zu den „Ausnahmetalenten“ – für mich war es sehr spannend im Rahmen der Recherche mich mit dem D.A.M.-Trio zu beschäftigen. Über die liest man in vielen anderen Bowie-Artikeln nämlich nur äußerst selten oder am Rande. Diese Jungs sind tatsächlich für einen Gutteil der Backing Tracks verantwortlich. Aber wird Bowie dadurch entzaubert? Für mich nicht. Zu viel Wissen kann den Musikgenuss aber tatsächlich trüben. Etwa war mir vor dem Artikel z.B. nicht klar, dass Eric Clapton in seinen Konzerten teilweise in übelster rassistischer Form Teile seines Publikums beleidigt hat. Gerade aktuell gibt es die Diskussion um Emil Nolde, ein großartiger Maler, dessen Bilder von den Nazis als „entartet“ bezeichnet wurden, der aber selbst überzeugter Nazi war. Die Kunst lebt mit solchen Widersprüchen.

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    JM4  

    Vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Überhaupt verdient dieses Format „Making of Special“ allen Applaus der Musikwelt. Ich war schon von „Lamb lies down“ begeistert – Bowie in Berlin toppt es noch.

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      costello  RED

      Hallo JM4, vielen Dank für Dein Lob! Tatsächlich steckt da viel Arbeit drin, ich habe sicher ein halbes Dutzend Bücher und über 30 Onlineartikel durchgeackert. Wobei ein Bowie-Kenner mir sagte: „Über Bowie ist sehr viel geschrieben worden, leider auch viel Mist!“ Da derjenige meinen Gesamttext vor Veröffentlichung durchlesen durfte, hoffe ich mal, dass ich keinen „Mist“ geschrieben habe. Da steht zum Beispiel in einem Artikel, der Veranstalter des Pfingskonzertes 1987 Thomas Schwenkow habe der Deutschen Welle gesagt, ein Viertel der Boxen sei Richtung Ost-Berlin ausgerichtet gewesen. Hatte ich schon übernommen. Dann suche ich den Original-DW-Bericht und da ist plötzlich nicht von Bowie sondern von Genesis die Rede. Gleiches Pfingstkonzert – anderer Tag. Also wieder gestrichen ;-)

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    Tyrell  RED 2

    Auch von meiner Seite… ganz ganz großes Lob!!! Mal sehen was diesem „Making Of “ die Gitarrenredaktion entgegenzusetzen hat ;-).
    Auf der anderen Seite ist der absolute Quotenhit der Serie immer noch die Folge über AC/DC BACKIN BLACK von Dimi: https://bit.ly/2Giz9KW

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        Hectorpascal  AHU

        Ich bin so armselig gegen solche Heroen…. Ich habe meinen persönlichen künstlerischen Höhepunkt derzeit auf den 60 Geburtstag verlegt. Da geht noch was! :)

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    gaffer  AHU

    Gut gemacht, Costello, sehr gut! Eine Zeit, in der auch dein Namensvetter groß aufspielte (This years model, one of my alltime favvs, halbes Jahr danach). Mich faszinierte der Titel vor allem in deutsch. Die Sprache war damals definitiv NICHT angesagt. Erst mit Ideal, Fehlfarben, Trio änderte sich das. Und Engländer haben uns gezeigt, dass es geht. Ich liebe auch Gabriels zwei Alben in deutsch.

    Ich bin übrigens froh, dass Fripp und nicht Rother den Titel spielte ;) Kleine Anekdote: Bei der 78er Tour (die mit dem andalusischen Hund) konnte Fripp nicht, es spielte Adrian Belew, der die Sounds des grossen Meisters mit Minimalequipment nachspielte. Das beeindruckte den grossen Gitarristen so, dass er ihn zu KC holte.

    @syntach – danke für den Link, der Film ist allerdings gekürzt, im Original etwas länger als eine Viertelstunde

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      costello  RED

      Deutsch war damals tatsächlich noch nicht groß angesagt. In ihrer Muttersprache sangen in den 70ern vor allem Bands mit einer politischen Aussage, die wollten, dass sie auch verstanden werden. Wie Ton, Steine, Scherben oder Lokomotive Kreuzberg. Ein Gegenbeispiel wäre Kraftwerk, die sicher nicht in diese Kategorie fallen. Die boten ihre Mensch Maschine auch auf englisch an.
      Peter Gabriel hat gezeigt, dass man mit deutsch auch spielerisch umgehen kann, ohne, dass der Inhalt deshalb banal wäre.
      „Koennten blicke toeten, waert ihr floeten
      Krieg muss man schwaenzen – spiel ohne grenzen“
      Großartig! Aber dann ging es ja auch in Deutschland richtig los mit DAF und NDW.

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      TobyB  RED

      Hallo Gaffer,

      wobei damals in Sheffield, Manchester, Glasgow wurde fleissig deutscher Electro und Krautrock abgefeiert, der später dann als New Wave, Post Punk für frischen Wind in den Jugendzimmern sorgte. La Düsseldorf hat Bowie wiederrum sehr beeinflusst und Electricity von OMD klingt wie ein Zombie aus Kraftwerk und Düsseldorfer Schule. In Deutschland brauchte es wiederrum erst Impulse aus GB, damit die Musik frischer wird. Und auch textlich auf den Punkt kommt. Zum Zeitpunkt von Heroes war West-Deutschland gespalten in Disko aus München und Rock in allen Spielarten und ein Schnellsprecher moderierte im Berliner UFA Studio die Schlager-Hitparade. Trio Lass mich rein lass mich raus, unvergessen. Peter Gabriels Spiele ohne Grenzen ist wie hier Bowie ein Meilenstein, technisch und künstlerisch. Da müsste man auch ein Making Of drüber machen. Erster komerzieller Tonträger mit Fairlight CMI, Hugh Padgham für Gated Verb ein etc.

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        gaffer  AHU

        war schon witzig, Ende der Siebziger, Der südlichste Punkt mit damals neuester Musik war die Wartburg in Wiesbaden. Talking Heads, Cure usw. habe ich dort gesehen. Südlich davon war absolute Diaspora. Rheinland, Berlin, Hamburg, da passierte was. Bowie war da Mittler zwischen den BOFs (so hiessen die absolut verpönten Gigantorocker damals) und den New Wavern. Aber vielleicht hat er auch nur sehr gut abgeschrieben.

        Er war für mich immer der Mann der zweiten Welle. Die ganz vorne waren ultrahip und holten sich Ruhm der wenigen Mitläufer und die blutigen Nasen, er griff das auf und machte es in einer zweiten Welle populär. Das meine ich nicht abschätzig, der hatte einen Nerv für neue Strömungen und setzte das auch um.

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          TobyB  RED

          Wohl war, ich habe neulich in UK im Hotel ITV angezappt und eine Popsendung von 1979 mit The Cure A Forest entdeckt. Danach kam Human League Being Boiled von 1978. Da hab ich mich alt gefühlt ;-)

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    hejasa  

    Freue mich auf die Super Booth, Bowie Tour und Hansa Studios sind gebucht. Kam leider aus Zeitgründen nie vorher dazu! Außerdem bin ich neugierig auf den Besuch im Musikinstrumentenmuseum.
    Danke für den tollen Report, im Oktober bin ich gespannt, was die Jakob Hansonis Band (Herbert Groenemeyer Gitarrist) an Bowie Stücken präsentieren wird!

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        hejasa  

        Hallo Costello,
        danke für den Glückwunsch, ohne Freunde in Berlin wäre das alles eine teure Angelegenheit!

  12. Profilbild
    Marcel Halbeisen  

    Wow, toller Bericht! Besten Dank dazu, das ist ja schon eine wissenschaftliche Recherche was wir hier geboten bekommen!
    Im Buch „Force Majeure“ von Edgar Froese (Tangerione Dream) sind einige sehr persönliche Seiten über das Leben von Bowie zu der Zeit in Berlin. Scheint eine harte Sache gewesen zu sein wie das damals durchgezogen werden musste…

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      costello  RED

      Danke für Dein nettes Feedback! Die Autobiographie von Edgar Froese habe ich tatsächlich noch nicht gelesen, ist mir mit 70 Euro etwas zu teuer. Vielleicht bekomme ich das Buch mal in der Stadtbibliothek in die Hände. Würde mich sehr interessieren, was Froese über Bowie schreibt.

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      costello  RED

      Ja, das ist er! Die 17-Minutenfassung ist noch besser, der Link ist ziemlich weit oben in meiner Antwort auf syntach.

  13. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Ich war nie ein ausgewiesener Bowie-Fan, auch wenn ich sein „Space Oddity“ sehr mochte. „Low“ halte ich für sein bestes Album, wohl auch, weil er da relativ wenig singt, und natürlich wegen Eno. Eine gute Alternative ist aber auch die „Stage“ Doppel-CD, wo das beste aus „Low“ und „Heroes“ und eine sehr gute live-Version von „Station to Station“ geboten wird.
    Das Chamberlin hat einen speziellen eigenen Klang; schön, dass die Nord Sample Library neben Mellotrons auch Chamberlin-Sounds bietet…

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