Test: Access Virus TI2 V4 – Darkstar, Polar & Keyboard

28. Dezember 2011

Super VA-Workstation

Im Juni 2009 testete AMAZONA.de Autor Chris Pfeil die OS-Version 3.0 ACCESS Virus TI2 und war begeistert. In den vergangenen 2 1/2 Jahren ruhte sich ACCESS aber nicht auf diesen Lorbeeren aus, sondern entwickelte zahlreiche Features, die wir Ihnen in diesem Update vorstellen wollen und erneut bewerten werden.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch der neue Access Virus TI2 Dark Star, der soeben im ACCESS Universum gelandet ist – und bis auf seine Farbgebung identisch ist mit dem bereits erhältlichen Virus TI2 Polar. Nur statt der schneeweißen Oberfläche präsentiert sich der Virus Dark Star im coolen Dunkel-Anthrazit-Look. Zusätzlich gilt dieser Test aber selbstverständlich auch für die Versionen Keyboard und die immer noch erhältliche Desktop-Version.

Access Virus Polar

Access Virus Polar

Kommen wir nun aber zu den inneren Werte des neuen OS. Als Basis-Lektüre empfehlen wir übrigens unseren ausführlichen Virus TI2 Test, den Sie HIER finden.

 

Access Virus TI2 Keyboard

Access Virus TI2 Keyboard

Das Betriebssystem des Access Virus TI2 Dark Star und all seiner Geschwister (Total Integration), ist mittlerweile bei der Version 4.5.3 angekommen. Neben zahlreichen neuen Effekten, Modulationsquellen und Filterarten wurde auch das Virus Plug-in stetig weiterentwickelt. An der Hardware hat sich seit den TI2-Modellen wenig getan, abgesehen von einigen schönen Sondermodellen mit neuen Farben. Aktuell kann der Virus TI2 Polar in der „Dark Star“-Edition erstanden werden, im edlen schwarzen Kleid mit roten LEDs. Ich testete mit einem weißen Virus TI2 Polar, einem MacBook Pro mit Intel i5 und 8GB RAM, Ableton Live 8.2.5 und Steinbergs Cubase 5. Es kam zu keinen Abstürzen, Aussetzern oder Aufhängern.

Alles groovt

Also schön der Reihe nach – oder dem Interface. Fangen wir oben links an, beim Arpeggiator. Dieser mutierte ab Version 4 zum flexiblen Groove-Werkzeug (Step Arpeggiator), mit dem sich alle Parameter der Modulationsmatrix rhythmisch verändern lassen.

Einfach in der Modulationsmatrix die neue Quelle „Arp Input“ wählen und einem beliebigen Parameter zuordnen – schon groovt der Sound zum gewählten Pattern. Dieses schraubt man sich in einem neuen Editor im Virus Plug-in relativ einfach zusammen. Nützliche Knöpfe verbiegen die Sequenz zufällig in Länge, Höhe und Platzierung, so dass schon mit wenigen Klicks interessante Muster entstehen. Hier lässt sich auch einstellen, ob der Arpeggiator die Tonhöhe oder nur die Parameter der Modulationsmatrix verändert. Dafür gibt es einen extra Modus namens „Arp > Matrix“.

Virtuelle Patchkabel

Die Matrix sitzt rechts neben dem Arpeggiator und ist das Herz der Modulationen. Sie umfasst sechs Slots mit je einer Quelle und drei Zielen. Und diese haben es in sich: Mit einer Liste von über 100 Parametern kann man sich auch abgefahrene Verbindungen aus Parametern zusammenbauen, welche sich gegenseitig beeinflussen und so sehr lebendige Flächen ermöglichen. Speziell ist, dass hier die LFOs zwischen unipolar und bipolar umgestellt werden können. Also entweder nur in eine Richtung vom Ursprungswert weg oder aber in beide.

Würzige neue Effekte

Auch in der Effektsektion unter der Matrix hat sich einiges getan. Ein ganzer Gewürzschrank voll von Tretminen ist dazu gekommen: Mint, Curry, Saffron, Onion, Pepper und Chilli Overdrive heißen sie und emulieren alte Gitarrenpedale – Electroharmonix kommt einem unweigerlich in den Sinn, wenn man sich die teils schreienden Verzerrungen anhört. Zusammen mit dem neuen Charakter „Speaker Cabinet“ tönt der Virus wie eine Gitarre aus einem alten Fender Verstärker.

Oder aber wie eine Hammond Orgel, denn beim Chorus gibt es neu eine Rotary Speaker-Emulation, bei der das Mikrophon mit verschiedenen Parametern plaziert werden kann. Vintage, Hyper und Air Chorus sind weitere Effekte, die den Virus näher an den Sound analoger Polysynths heranbringen sollen. Das sind nette Zugaben, welche das Schrauben spannender machen und den Virus sinnvoll erweitern. Allerdings sind die hörbaren Unterschiede zwischen den verschiedenen Gewürztretminen nicht sehr groß. Sie sorgen für Schmutz und Druck und nehmen dem Sound viel Klarheit weg, was bei der Platzierung im Mix jedoch helfen kann.

Der Virus lernt sprechen

Zwei spannende Neuheiten verbergen sich im Frequency Shifter: ein Vokal- und ein Kammfilter. Das erste leert den Virus sprechen – jedenfalls die Vokale A, E, I, O und U – das zweite kämmt die Frequenzen. Da sie in der Effektsektion angesiedelt sind, kommen sie im Signalweg hinter den normalen Filtern. Man kann mit ihnen den Gesamtsound abrunden oder drastisch verbiegen. Das Vokalfilter passt perfekt auf Flächen und lässt sie wie gesungene Chöre tönen. Wenn man die Frequenz moduliert, wechselt der Chor zwischen den Vokalen – sehr menschlich. Das Kammfilter blockt einzelne Bänder durch seine Zacken ab. Moduliert man die Frequenz, entsteht ein schwebender Effekt wie bei einem Phaser. Beide Filter sind ein echter Gewinn und ermöglichen ganz neue Klänge. Oder sie machen, subtil eingesetzt und leicht moduliert, bestehende Sounds lebendiger, interessanter.

Praxis

Im Verbund mit einem Computer, dem Access Virus TI2 Dark Star und dem Virus Plug-in macht das Erstellen neuer Klänge Spaß und geht leicht von der Hand. Dank Browser im Plug-in und der Virus Control Software verliert man nicht den Überblick und kann seine Klänge logisch ordnen, auch wenn man Tausende verwalten will. Doch eine wichtige Funktion für Musiker, die den Virus mit auf die Bühne nehmen, wird von Access leider vernachlässigt: der Multimodus. Schon die ersten Viren konnten multitimbral betrieben werden, die aktuellen Geräte schaffen 16 Klänge aufs Mal, auf jedem MIDI-Kanal einen. Soweit wunderbar, aber:

Ich würde mir eine Erweiterung der Virus Control Software wünschen, die einem das Editieren und Organisieren dieser Multipatches erleichtert. Heute müssen sie mühsam am Gerät selbst zusammengebaut werden, was schnell zu einem Chaos führen kann. Jedes Mal, wenn man im Multimodus einen Klang verändert, muss man ihn im Singlemodus neu abspeichern, damit die Änderungen nicht verloren gehen. Und ein Backup der Multipatches ist nicht möglich, es wird stets die gesamte Bank überschrieben. Schade, denn es gibt immer noch viele, die den Virus nicht zusammen mit einem Computer auf die Bühnen stellen wollen.

Dazulernen im Internet

Der Virus hat eine große Fangemeinde, nicht zuletzt, da alle Geräte untereinander kompatibel sind. Kennt man eines, kann man auch den Access Virus TI2 Dark Star bedienen und findet sich sofort zurecht. Das ist so, seit der erste Virus 1997 vorgestellt wurde. Und Access tut einiges für die treuen Fans: Neben den kostenlosen Updates gibt es auf der Website zahlreiche Video-Tutorials, die auch Laien den Einstieg in die Virus-Welt erleichtern. Soundsets von Künstlern wie Icon of Coil oder Richard Devine stehen zum Download bereit. Seit kurzem erscheinen regelmäßige Bootcamp-Episoden (www.virus.info/bootcamp). Das sind kurze Videos, in denen der Sounddesigner Ben Crosland spannende Aspekte des Virus vorstelle, zum Beispiel die Grain-Oszillatoren oder verschiedene Volumen-Tricks. Die Patches zu den Videos können heruntergeladen werden, so dass man gleich selbst loslegen kann. Das ist inspirierend und lässt einen immer wieder neue Seiten des Synths entdecken. Ein Mehrwert für alle infizierten Fans. Nicht viele Hersteller nutzen die Möglichkeiten des Internets derart vielfältig.

Fazit

Das Update auf OS 4.5.3 bringt neue Effekte, neue Filtertypen und einen erweiterten Step-Arpeggiator. Und trägt dazu bei, dass der Virus einer der flexibelsten Synthesizer überhaupt bleibt. Zusammen mit einem Computer lassen sich die neuen Möglichkeiten dank der totalen Integration sofort erkunden. Am Access Virus TI2 Dark Star selbst dauert es etwas länger, bis man sich durch die Menüs geschraubt hat. Der Klang, die Verarbeitung und das Design der verschiedenen Viren verdienen Höchstnoten und gehören zum Besten, was es auf dem Markt gibt. Das hat natürlich seinen Preis, und man muss sich fragen, ob sich die Anschaffung lohnt. Zumal man den Virus ja am Computer ähnlich einem Softsynth betreibt. Es gibt Stimmen, die sagen, der Dune von Synapse Audio ersetze einen Virus. Ich würde dem widersprechen: Mit dem Virus hat man nicht nur den Klang, sondern auch die Haptik eines sehr hochwertigen Gerätes, zahlreiche würzige Effekte, einfache Bedienung und dank der VST-Integration das Beste aus beiden Welten. Schade nur, dass der Multimode in Vergessenheit gerät.

Dank des neuen Updates klettert nun der ACESS Virus wieder in den AMAZONA.de Charts in die Pole-Position. Gratulation!!!

Plus

  • Sound
  • Flexibilität
  • Effekte
  • totale Integration mit VST-Plug-in
  • Verarbeitung und Haptik

Minus

  • Multimode nicht zu Ende gedacht

Preis

  • Stand Oktober 2018:
  • Access Virus TI2 Desktop: 1.662,- Euro
  • Access Virus TI2 Keyboard: 2.299,- Euro
  • Access Virus TI2 Polar: 2.359,- Euro
  • Access Virus TI2 Dark Star: 2.399,- Euro
Klangbeispiele
Forum
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    AMAZONA Archiv

    Ich habe den Eindruck als gehe dem Virus so langsam die Puste aus. Auch scheint mir ein Instrument mit einer solchen eingeschränkten Synthesearchitektur überteuert. So richtig neues kam eigentlich schon lange nicht mehr dazu und diese Filter- und Effektupdates reißen das auch nicht wirklich raus. Das der Dune einem Virus gefährlich werden kann ist das Pünktchen auf dem „i“ des Wortes Unsinn.
    DIVA von u-he kann hier den Virus beerben. Das aber liegt wie so vieles im Auge (Ohr) des Betrachters (Hörers) :-)

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      rz70  

      seh ich nicht so, finde der Virus ist immer noch ein tolles Instrument. Ich besitze die DIVA auch und liebe das Teil, finde den Unterschied zwischen echter Hardware und Software (egal wie gut die ist) immer noch immens. Mache immer noch gerne einfach mein Hardware an und improvisiere ein paar Stunden. Das geht mir leider bei jeglicher Software ab.
      Bei Urs DIVA sieht man auch, was für Power ein richtig guter Softsynth braucht. Das ist aber in meinen Augen auch ok, die Power gibt es ja auch zu kaufen.
      Über Preise kann man natürlich immer streiten ;-).

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        AMAZONA Archiv

        Es wird immer einen Unterschied geben aber nicht beim Virus. Der Virus ist Software in einem Kunststoffmantel mit Reglern drauf und die DSP´s übernehmen die Arbeit die der PC bei der Software leisten muss. Hier also von echter Hardware zu sprechen ist also schlichtweg falsch. Genauso könntest Du diese HardwareController
        http://www.....lcome.html nehmen und an den Rechner anstöpseln. Der selbe Effekt, außer natürlich die DSP´s.

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          rz70  

          :-). Du machst es dir wirklich einfach. Schalte mal deinen PC aus und mach dann mit dem Gerät Musik. Ich bin mir sicher das beim Virus mehr raus kommt als bei deinen Hardware-Controller ;-). Es ist halt ein Unterschied ob ein Dongle nur mit dem Rechner läuft (z.B. UAD Plugs) oder ob der Synthesizer genauso auch ohne PC/Mac funktioniert. Es wäre was anderes wenn der Virus sich die Power vom PC/Mac holen würde. Aber das macht er nicht.
          Nur mal so als Info, so gut wieder jeder nicht rein analoge Synth der letzten 25 Jahre arbeitet mit einem Prozessor und einer Kunststoffhülle.

          Wie gesagt, der eine arbeitet lieber mit einer abgestimmten Hardware. Der Link ist wirklich interessant aber Preise hab ich da auch nicht gesehen. So einen DIVA Controller für 300 € würde ich auch nehmen, aber ich glaube nicht das man den dafür bekommt.

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            AMAZONA Archiv

            Nur mal so als Info, so gut wieder jeder nicht rein analoge Synth der letzten 25 Jahre arbeitet mit einem Prozessor und einer Kunststoffhülle.

            So ist es. Ein Synth der sich Hardware nennt und Processoren an Bord hat ist für mich keine Hardware. Dieser Begriff ist mit dem verschwinden der alterwürdigen Analogboliden unter gegangen. Da gabs Platinen und Transistoren und Kondensatoren die den Sound gemacht haben. Keine CPU und auch keine Software. Einen richtigen Minnimoog z.B. kann ich auch nicht Updaten. Keine CPU, keine Software.
            Ist meine persönliche Meinung dazu.
            Was die Controller angeht. Die werden leider nicht verkauft. Finde ich sehr schade aber Mario macht das als Hobby.

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              a.leuenberger  

              Ob Hardware oder nicht: Für mich zählt das Resultat. Und mit dem Virus komme ich immer schnell zu einem ziemlich guten Sound, was mir mehr Zeit lässt, um Musik zu machen. Mit den alten Analogen war das viel umständlicher…

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                AMAZONA Archiv

                Ich weiß nicht was da umständlicher als aktuelle „Hardware“ sein soll. Wie ein Oberheim oder ein PPG oder wie auch immer muss auch der Virus eingeschaltet werden. Die T I des Virus lassen wir mal außen vor. Ist ja Software.

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                  filterfunk  

                  Einen Hardwaresynth als „Software“ zu bezeichnen ist sicherlich Humbug. Selbst das Beispiel mit PPG ist falsch, denn die PPG’s bestanden sicherlich nicht nur aus Analog-Bauteilen…
                  Das primäre Unterscheidungsmerkmal zwischen Hardware und Software-Synthesizer ist, ob sie ohne Comuputer-Host arbeiten, oder nicht.
                  Oder mit anderen Worten: Ist es ein reelles, physikalisch vorhandenes Musikinstrument, oder nur virtuelles Produktionswerkzeug, dass immer ein, oder mehrere Controller + Computer braucht, um es überhaupt bedienen zu können.
                  Der Virus ist beides. Er ist auch ohne Computer komplett bedienbar und funktionsfähig, lässt sich aber auch als vollwertiges VST-Plugin betreiben.
                  Er verbindet somit die klassischen Disziplinen der Hardware- und Softwarewelt.
                  Das, und die langjährige, kostenlose Produktpflege von access, finde ich herausragend. Aber das hat halt seinen Preis, der aber m.E. gerechtfertigt ist.

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              DanielT  

              Nach der Logik war dann aber der Jupiter 6 oder 8, oder der P5 auch schon keine Hardware mehr.

              Interessant…

              Und 303, 808 oder 909 ebenfalls…

  2. Profilbild
    75631

    Ich finde vor allem die neuen Chorus und Verstimmungseffekte sehr erwähnenswert! Durch die hatte ich zum ersten mal das Gefühl, richtig schöne schwummrige Flächen zu haben. Einige der neuen Presets klangen deutlich „analoger“ als ich es von einem Virus jemals gehört habe.

    Dennoch fehlt mir klanglich eine gewissen tiefe… ein fettes Grummeln in den Bässen, aber das ist eine andere Geschichte.

    Der Virus klingt wie er klingt und das ist auch gut so! Diese ewigen Diskussionen ob man ihn jetzt mit Software oder Hardware vergleichen kann oder soll will doch keiner mehr hören.

  3. Profilbild
    vaneyk

    Hallo,
    gerstern habe ich den Virus Ti2 Polar angespielt und war begeistert. Auf dem Gebrauchtmarkt sind allerdings die Ti2 weniger häufig anzutreffen als die Ti. In einem anderen Test hier bei Amazoan liest man bezüglich des Ti2 „Manche Effekte wie zum Beispiel der Bit- und Rate-Reducer wurden sogar so weitreichend verändert, dass sie in alter und neuer Version zur Verfügung stehen. Die zahlreichen Verzerrer helfen auf jeden Fall, dem Sound des TI mehr LoFi, Wärme oder sattere Obertöne zu verleihen.“
    Liegt das nun am Ti2 selbst, oder am neuen OS? Wenns am neuen Betriebssystem liegt, und ich update einen Ti, dann müßte er doch auch über die o.g. klanglichen Qualitäten verfügen, oder? Oder klingt der Ti2 durch die beschriebenen Neuheiten in diesen Bereichen einfach anders/ besser als der Ti?
    Vielen Dank für die Antwort!

    • Profilbild
      a.leuenberger  

      @vaneyk: Die beiden Versionen tönen genau gleich. Das alt und neu im Artikel bezieht sich auf die Betriebssysteme, nicht auf die Hardware. Der einzige Unterschied ist, das der TI2 mehr Leistung hat, also mehr Stimmen aufs Mal spielen kann.

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