Test: Access Virus B & Indigo, OS 4.02, VA-Synthesizer

1. Februar 2001

Analog goes Virtual

Biologie des Access Virus B

In der Biologie wird ein Virus als „Krankheitserreger von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung“ bezeichnet, gegen den es „kein Medikament gibt“. Das mag in gewisser Art und Weise auf den roten (mittlerweile auch silbernen) Synthesizer der deutschen Firma Access zutreffen. Wer nämlich einmal vom Virus befallen wurde, für den gibt es keine Rettung mehr…

Was 1997 auf der Musikmesse als Achtungserfolg begann ist mittlerweile zu einer der erfolgreichsten Synthesizerserien weltweit geworden. Gerade ist neben dem umwerfend edlen DesignmeisterstückVirus Indigo auch wieder eine neue Betriebssoftware (OS 4.0) erschienen. Also genau der richtige Zeitpunkt, einen etwas intensiveren Blick auf den „Krankheitserreger“ zu werfen.

Zuerst wurde der Virus als virtuell-analoger Klangerzeuger auf den Markt geworfen, wo er sich aufgrund seiner klanglichen Überzeugung und intuitiven Bedienbarkeit schnell zum Verkaufsschlager entwickelte. Da im Virus eigentlich nichts anderes als ein Computerprogramm abläuft, war es möglich die interne Software via kostenloser Updates einfach um neue Features zu erweitern. So fanden nach und nach neue Funktionen wie zum Beispiel zusätzliche Effekte den Weg in das Gerät. Dieser Aspekt war und ist mitverantwortlich für die Beliebtheit des Virus, da so auch schnell kleine Programmfehler (Bugs) beseitigt werden konnten.

Schichtwechsel

Als der „alte“ Virus A seine Leistungsgrenzen erreicht hatte, trat sein Nachfolger Virus B den Siegeszug an. Mit dem Virus B kam schließlich auch der Access Virus Indigo 2, der technisch fast identisch ist, bis auf Tastatur und Farbgebung. Aufgrund des schnelleren Prozessors bot dieser mehr Stimmen, Effekte und Platz für weitere Innovationen. Der Virus A ist seitdem nicht mehr erhältlich. Mittlerweile gibt es den Virus B auch als Keyboardversion (kb) und in der eingangs schon erwähnten Nobelfassung Indigo. Selbst ein TDM-Plug In für Digidesigns Protools-System ist erhältlich.

Hardware

Doch zunächst ein paar Fakten, was Hard- und Software so alles draufhaben.

Der Virus ist ein 24 stimmiger Synthesizer und kann bei Bedarf bis zu 16 Parts auf verschiedenen MIDI-Kanälen gleichzeitig wiedergeben. Die internen Sounds sind in 256 ROM-Presets und 256 überschreibbare RAM-Speicherplätze aufgeteilt. Neben 32 Reglern gibt es 30 Taster zur Bedienung und Programmierung. Damit erreicht der Virus zwar nicht die Zugriffsmöglichkeiten eines Waldorf Q oder einer Novation Supernova, aber eine Beschränkung auf die wesentlichen Parameter machen die Bedienung trotzdem relativ einfach. Ich hätte mir aber eine etwas logischere Regleranordnung speziell im Filterbereich gewünscht.

Das zweizeilige Display mit informiert ständig über Parameteränderungen und zeigt zusätzliche Menüseiten zur Einstellung an. Beim Virus Indigo erstrahlt dieses in einem satten Blau, ebenso die 53 LEDs, die bei den anderen Modellen einen gelblichen Schimmer verbreiten.

Alle Viren besitzen sechs Audio-Ausgänge (wahlweise 6x mono oder 3x stereo) sowie zwei Audio-Eingänge zur Einspeisung externer Signale in den Syntheseweg. Natürlich darf das obligatorische MIDI-Trio nicht fehlen. Alle Viren sind robust gestaltet und sauber verarbeitet, was ihrer Livetauglichkeit zugute kommt.

Klangaufbau

Der Virus ist vom Signalaufbau her ein klassischer Synthesizer mit subtraktiver Synthese. Drei Oszillatoren (zwei vollwertige und ein Suboszillator) dienen der Klangerzeugung. Beim Einsatz des Suboszillators als unabhängigem Oszillator müssen allerdings sechs Stimmen eingebüßt werden und die Einstellung desselben ist auch etwas umständlich. Dafür stehen aber die wichtigsten Parameter für Oszillator 1 und 2 als dedizierte Regler zur Verfügung.

Neben den klassischen Wellenformen Sägezahn und Rechteck (mit Pulsbreitenmodulation) gibt es noch 64 Spektralwellenformen, die im Ansatz an Wavetablesynthese a la Microwave erinnern, aber lange nicht so flexibel sind.

FM und Oszillatorsynchronisation

Im nachgeschalteten Mischer werden die Lautstärken der Oszillatoren festgelegt, wobei hier schon eine einstellbare Sättigung des Signals (Saturation) möglich ist. Verschiedene Einstellungen von Light über Shaper bis hin zu diversen digitalen Varianten sind hier möglich. Über ein Displaymenü stehen zusätzlich Ringmodulator und Rauschgenerator mit färbbarer Noisecolor zur Verfügung.

In der anschließenden Filtersektion werden den Oszillatorsignalen die Obertöne ausgetrieben. Es gibt zwei Multimode-Filter mit verschieden Schaltungen, wobei sich beide Filter teilweise dieselben Bedienelemente teilen müssen. Das verwirrt leicht und ist gewöhnungsbedürftig.

Die vier Betriebsarten Tiefpass, Hochpass, Bandpass und Bandsperre sind über Taster bequem erreichbar, ebenso die Schaltungen seriell (mit zwei 12dB-Filtern oder einem 24dB und einem 12dB-Filter), parallel und Split-Mode mit verschiedenen Eingangssignalen für beide Filter.

Hinter Filter 1 ist immer eine Saturationstufe geschaltet, so dass von leichter analoger Übersteuerung bis hin zu digitalem Verzerren fast alles möglich ist. Einstellbar ist hier unter anderem auch eine Sampling- oder Bitratenreduktion für zeitgemäßen LoFi-Sound. Der Filtersektion ist eine ADSR-Hüllkurve mit regelbarem Sustain-Time-Parameter zugewiesen. Ebenso auch dem nachfolgenden Amplifier.

Zwei LFOs mit verschiedenen über Taster erreichbaren und diversen Wellenformen lassen sich schnell und effektiv verschiedenen Modulationszielen zuordnen. Ein dritter LFO ist über ein Displaymenü erreichbar. Leider schwingen die LFOs nur knapp bis in den Audiobereich, was die Klangmöglichkeiten der LFO-Modulation etwas einschränkt. Dafür lassen sie sich bei Bedarf zur eingehenden MIDI-Clock synchronisieren und auch als eine Art Hüllkurvenersatz einsetzen, indem nur ein Durchlauf erzeugt wird.

Modulation

Die internen Modulationsmöglichkeiten sind umfangreich: 28 Modulationsquellen können mit sage und schreibe 122 (!) Modulationszielen verknüpft werden. Leider stehen hierfür neben den „festverdrahteten“ Zielen nur drei freie Mod-Matrix-Plätze zur Verfügung. Zur Erzeugung der meisten Klänge reicht das aus, jedoch gibt es sicherlich auch genug Klänge mit weitaus mehr Modulationen. Vielleicht bringt uns ein späteres Software-Update hier noch einige zusätzliche Möglichkeiten. Neben zwei frei belegbaren Reglern bietet der Virus noch viele nützliche Funktionen innerhalb seiner diversen Menüs: Neben obligatorischem Portamento und Unisono-Modus findet sich hier auch ein vielseitiger Arpeggiator mit 40 Preset-Pattern und einstellbarem Swing-Faktor. Die Erstellung eigener Pattern ist jedoch nicht vorgesehen.Zum Abschluss unserer kleinen Exkursion gibt´s noch den Nachtisch – wohlgemerkt eine Spezilität des Virus – die

Effektsektion

Im Virus werkelt eine sehr umfangreiche Effektsektion, die neben Ringmodulator, Distortion, Analog Boost, Phaser und Chorus eine Delay/Reverb-Einheit sowie einen Vocoder zur Verfügung stellt. Auf die Qualität der einzelnen Effekte werde ich später noch eingehen, jedoch schon alleine die Aufzählung sollte beeindrucken.Nach dem eher technischen Rundgang folgt nun dass, was den Online-Leser eigentlich am meisten interessiert:

Wie klingt der Virus B bzw. Indigo?

Zunächst habe ich mir die Werkspresets angehört: Die Auswahl ist gut gelungen. Viele der Sounds demonstrieren in beeindruckender Art und Weise die Fähigkeiten des Virus und sind mit ein wenig Anpassung direkt in einer Produktion einsetzbar. Der Grundsound klingt sehr warm und druckvoll. Lediglich im oberen Frequenzbereich fehlt eine gewisse Brillanz, aber dafür hat man im Notfall ja meistens einen EQ im Mischpult. Für eine kurze Demonstration des Virus-Sounds empfehle ich übrigens das Anhören des internen Demosongs.

Gelungen finde ich die Möglichkeit der Überblendung der zwei Wellenformen Rechteck und Sägezahn, sowie der jeweils angewählten Spektralwellenform. Leider lassen sich diese zusätzlichen Oszillatorwellenformen mittels einer Modulation nicht ohne merkbares Ruckeln „durchfahren“, so dass für Wavetable-Klänge weiterhin mein Microwave XT ran muß. Die Verwendung des Suboszillators erzeugt einen sehr fetten Sound und auch die Möglichkeit der Verzerrung des Filtereingangssignals mit verschiedenen Sättigungsstufen klingt beeindruckend. Die Filter vermitteln ein durchaus analoges Feeling, obwohl mir der Klang bei hohen Resonanzwerten etwas zu dünn erscheint. Dafür hat das Filter im Bassbereich einen kräftigen Punch. Die Hüllkurven sind recht schnell und eignen sich aus diesem Grund auch für die Erzeugung von analogen Drum- und Percussionklängen, die wohl deshalb auch oft bei den Werkpresets anzutreffen sind.

Ein sehr interessantes Feature ist die Möglichkeit des Surroundpannings. Dazu lassen sich vier Ausgänge des Virus gleichzeitig mit einem Audiosignal beschicken, ein Balance-Parameter regelt dabei die entsprechende Verteilung der Signale. So sind quadrophone Mischungen möglich. Diese Option erzeugt zwar noch kein echtes Surround, ist aber ein guter Ansatz für die immer beliebter werdende Mehrkanaltechnik.

Spaß gemacht hat mir das Experimentieren mit den internen Effekten, gerade das Delay klingt hervorragend und lässt sich aufgrund seiner umfangreichen Einstellmöglichkeiten sehr einfach musikalisch einsetzen. Synchronisation zur MIDI-Clock ist hierbei selbstverständlich, was besonders den vielen Presets des neuen Pattern-Delays sehr zugute kommt. Dem Hall möchte ich eine im Rahmen des Gesamtbildes gute Qualität bescheinigen. Niemand wird hier einen Lexicon-Hall erwarten, aber ich habe in einigen Effektgeräten schon durchaus schlechtere Pendants gehört. Die übrigen Effekte sind eine Bereicherung für den ohnehin schon guten Grundsound; von diffiziler Klangfärbung bis hin zu den abgedrehtesten Space-Sounds ist hier fast alles möglich . Lediglich der Vocoder hat mich enttäuscht. Die Sprachverständlichkeit ist nicht besonders gut, hier klingen der Vocoder im Waldorf Q oder Prosoniqs Orange Vocoder Plug In eindeutig besser. Auch die

Bedienung

verwirrt, da die Parameter der Filtersektion für die entsprechenden Vocoderparameter herhalten müssen – leider sind die Bezeichnungen auf dem Gehäuse nicht aufgedruckt, so dass man ohne aufgeschlagenes Handbuch nicht weit kommt. Ebenso läßt sich bei Verwendung des Vocoders kein Filter nutzen, außer man programmiert ein Multi, bei dem man den Ausgang des Vocoder-Patches via Aux-Weg in ein weiteres Patch leitet und dort dann filtert. Etwas umständlich, aber machbar. Aber ich denke, kaum jemand wird den Virus alleine wegen seines Vocoders kaufen.

Sehr positiv wiederum ist die Möglichkeit, den Virus als externes Effektgerät zu „missbrauchen“, indem ein eingespeistes Audiosignal (z.B. eine Audio-CD) mittels der Vielzahl der Effekte „verbogen“ wird. Hierbei haben mich wiederum das Delay und der Ringmodulator überzeugt. Auch der Einsatz der Verzerrer und LoFi-Effekte (Sample-Rate-Reduction) machen Spaß.

Modellvarianten

Access Virus Indigo 1 aus der Virus B Reihe

Der Virus Indigo entspricht technisch der Virus B Baureihe, steckt eben nur in einem silbernen Gehäuse mit einer 37 Tasten Klaviatur. Er ähnelt seinem Nachfolger, dem Access Virus Indigo 2 wie ein eineiiger Zwilling. Allerdings wurde im Indigo 2 bereits ein deutlich leistungsfähigerer Prozessor verbaut. Wer genau hinsieht, wird im Detail einige Unterschiede am Panel erkennen, markantester Unterschied, ist der „handgeschriebene“ Indigo-Schriftzug unter dem VIRUS -Logo, der in der  Indigo 2 Variante fehlt.

Hier zum Vergleich die Indigo 2 Variante, die einem Virus der C-Baureihe entspricht:

Access Virus Indigo 2, der der Virus C-Baureihe entspricht.

Eine weitere Modellvariante ist der Access Virus Rack in rot. Diese entspricht ebenfalls der B-Baureihe. Auch hier gab es einen Nachfolger mit schwarzem Gehäuse, der wiederum der C-Baireihe entspricht.

Access Virus Rack in Rot, entspricht ebenfalls der B-Baureihe

Zusätzlich erschien erstmal der Access Virus auch als 61-Tasten Keyboard mit der Bezeichnung Access Virus kb.

Timing

Zum Abschluß habe ich noch einen kleinen MIDI-Test durchgeführt: Ein kleines Arrangement aus mehreren Spuren sollte die Multimode-Fähigkeiten und Stimmenauslastung des Virus überprüfen. Soweit funktionierte alles ganz gut, bis ich gleichzeitig auch noch einige Sounds vom Waldorf Q mitlaufen ließ und das Tempo erhöhte.

Das Resultat: die Virus-Sounds erklangen fast alle einen Tick später. Auch nach dem Wechsel der MIDI-Ports (um alle anderen Faktoren und Fehlerquellen auszuschließen) erzielte ich kein anderes Ergebnis: der Virus verzögert seine Stimmenausgabe im Multimodebetrieb. Ich habe die Signale mit Cubase VST auf mehrere Audiospuren aufgenommen und einen Versatz von ca. 300 Samples festgestellt. Das sind so etwa 7 ms. In der Studiopraxis wird so etwas aber kaum ins Gewicht fallen, da ich bei mir unter „extremen“ Bedingungen getestet habe, aber interessant ist es allemal.

Liste der neuen Funktionen des aktuellen OS 4.02

  • integrierter Halleffekt mit div. Parametern und der Möglichkeit zur Synchronisation zur MIDI-Clock
  • Pattern-Delay mit verschiedenen Algorithmen
  • Flexibler Arpeggiator mit zusätzlichen neuen Parametern wie Notenlänge, Swing und Velocity
  • Surround-Fähigkeit durch Verwendung von vier Ausgängen gleichzeitig
  • Sound-Kategorien zum schnelleren und leichteren Finden von Presetklängen
  • Random-Patch-Generator zum Erzeugen von Zufallsklängen
  • Direktsignal-Verarbeitung lässt ein externes Audiosignal ohne Triggern einer MIDI-Note oder Stimmenverlust „passieren“
  • neues Werksoundset von namhaften Sounddesignern
  • überarbeitetes Bedienhandbuch mit allen neuen Funktionen

Folgende Varianten sind vom ACCESS Virus B erhältlich:

  • Virus B Desktop-Synthesizer
  • Virus kB Keyboardversion des Virus B mit 5 Oktaven-Klaviatur
  • Virus Indigo,  3 Oktaven-Klaviatur
  • Virus Rack (mit roter Lackierung)
  • Virus TDM Softwareversion für Digidesigns Protools

YouTube Demo:

Fazit

Alles in allem ist der Virus ein wirklich toller Synthesizer. Wer auf der Suche nach klassischen analogen Sounds, abgefahrenen Digitaleffekten, kurzum einem wirklichen Synthesizer-Allrounder ist, der sollte sich den Virus wirklich einmal genauer ansehen und vor allem auch anhören.

Interessant ist das Gerät nicht nur für Musikproduzenten sondern auch für Gitarristen und DJs, die vor allem von der Einspeisung externer Audiosignale regen Gebrauch machen können. Gespannt darf man auch auf den Virus Rack sein, der in naher Zukunft den Markt erreichen wird. Im direkten Vergleich zum Micro Q würde ich klanglich persönlich zum Virus tendieren. Wer sich übrigens etwas besonderes gönnen möchte, der sollte für den Virus Indigo sparen. Mit Sicherheit eines der „schönsten“ Geräte in der Geschichte der Synthesizer.

Forum
    • Profilbild
      rio  

      Toller VA Synth, welcher (meiner Meinung nach) zu sehr für ‚eine Musikrichtung‘ hauptsächlich eingesetzt wurde. IMHO kann der „b“ viel mehr, ohne sich mit anderen Synths messen zu müssen.

    • Profilbild
      moeins

      In dem Artikel auf Seite 3 steht das der Indigo 2 eine Virus B Variante ist. Das stimmt leider nicht, der Indigo 1 ist B und 2 = C. Ich persönlich finde den B klanglich druckvoller ( brachial). Je neuer die Version desto weichgespülter der Klang ist mein subjektiver Eindruck. Ich selbst habe mir deshalb den Indigo 1 und nicht den „neusten“ TI2 zugelegt.

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