Test: Acustica Audio Diamond Color EQ-3, Equalizer Plugin

20. Januar 2020

Analoger EQ im Plugin-Format?

acustica audio diamond color eq

Acustica Audio Diamond Color EQ-3, Equalizer-Plugin

In Acustica Audios mittlerweile recht unübersichtlichem Angebot an verschiedensten Preamp- Equalizer-, Kompressor-, und Channelstrip-Emulationen sticht eines ganz besonders hervor – und zwar durch die entsprechende Bewerbung als Gewährleister von Radio-Ready-Sound, der die DNA des in Las Vegas ansässigen Studio DMI in sich trägt und perfekt replizieren soll. In diesen Räumlichkeiten verleiht Luca Pretolesi mit seinen Engineers den Produktionen angesagter Künstler wie Diplo, Bruno Mars, Stray Kids und anderen Giganten der Neuzeit den letzten Schliff. Basierend auf verschiedensten Komponenten der eigenen Nebula Library und Luca Pretolesis „Custom-Made“ Mastering-Kette entstand mit dessen Zusammenarbeit ein Plugin, das den Ansprüchen und Ideen des Engineers entsprach.

Hier bereits in der dritten Revision vorliegend, sollen mit Acusticas „Dynamic Convolution“-Modeling, basierend auf verschiedenen Geräten aus Pretolesis Studio, seinen EQ-Masterchain nachgebildet worden sein. Die extrem breiten und gutmütigen vier Bänder sind jedoch nicht das Einzige, was man bei Kauf des Plugins erhält, sondern auch ein Preamp, der mit Ein- und Ausgangspegel heiß zu fahren ist sowie weiche Hi- und Locuts standen hier Modell.

Das Acustica Audio Diamond Color EQ-3 im Ganzen

Herzstück der Simulation stellte vor allem Pretolesis italienische Pearl Mastering-Konsole aus den 70er Jahren dar, die damals vornehmlich zur Vorbereitung auf den Vinylschnitt gebraucht wurde. Laut Aussage der Erbauer lag besonderes Augenmerk auf der Simplifizierung der realen Gegenstücke, sodass das Plugin in recht reduzierter Form ausgeführt ist.

Hier geht es weniger um präzises EQing, als viel mehr darum, seinen eigenen „Tone“ zu finden – was aufgrund des analogen Klangcharakters wohl auch spielerisch und „nach Gefühl“ möglich sein soll.

Aufgrund der Tatsache, dass es sich hier um eine Sammlung an gesampelten Impulsantworten in Plugin-Form handelt, entsteht bei der Nutzung des Plugins immer eine kleine Latenz oder Wartezeit – diese wird für das Laden der jeweils neuen Impulsantwort benötigt.

Die Klangregelung am Acustica Audio Diamond Color EQ-3

Von den insgesamt vier Bändern des Equalizers sticht klanglich vor allen Dingen das Airband hervor, dieses wurde von einem anderen Equalizer von Pretolesis Sammlung entliehen und kann beispielsweise auch bei 50 kHz angesetzt werden, damit die Kurve im Hörspektrum phasenarm und effektiv genutzt werden kann.

Die absoluten Top-Dogs der Industrie wie Dave Pensado schwören auf dieses Plugin, da dessen Klang den Hörer durch dessen analoge Eigenschaften dazu anregen soll, mehr nach Gefühl zu arbeiten. Was der Mixbus Equalizer kann und ob er trotz seiner Plugin-Form Emotionen wecken kann, ergründet sich im folgenden Test.

Übersicht und GUI des EQ-3

Die Benutzeroberfläche des Acustica Audio Diamond Color EQ-3 präsentiert sich nun entgegen seiner Vorgängerversionen (ehemals blau) in einem gefährlich anmutendem Schwarz-Rot. Ganz im Stil aller anderen Emulations-Plugins ist die Oberfläche sehr detailreich abgebildet, inklusive angedeuteter Retro-Abnutzungsspuren und Rack-Rash an den Schraublöchern der wohl in der Realität 2 HE hohen 19 Zoll Einheit.

Auf den nach geschliffenem Aluminium aussehenden Drehreglern zur Klangregelung befindet sich das Studio DMI-Logo, genauso wie links auf dem Gerät in leuchtendem Zustand – hier fungiert es als Hard-Bypass-Knopf. Ob man nun Fan von realistischen GUIs ist oder nicht, dieses hier wirkt tatsächlich recht emotional und spannend auf mich, selbst wenn durch die vielen kleinen Spielereien die eigentlich durch den Funktionsumfang gewährleistete Übersichtlichkeit etwas leidet.

Preamps und Co. am Acustica Audio Diamond Color EQ-3

Unter dem „Bypass-Männchen“ befindet sich die nächste Weiterentwicklung des Plugins: Hier lässt sich von L/R zu M oder S umschalten – was somit fortan auch eine Nutzung des Plugs in M/S ermöglicht. Der feuerrot leuchtende Preamp-Knopf macht klanglich eine Menge des Charakters der Klangbearbeitung aus und addiert beinahe unfassbare Obertöne – falls einem das in manchen Situationen etwas zu viel sein sollte, lässt er sich per Knopfdruck aus dem Signalweg nehmen. Per Input-Regler lässt sich der Vorverstärker entweder heißer oder kälter fahren, mit der Outputstage lässt sich das Signal wieder im Pegel angleichen.

Dass es sich hier vor allem um ein Gerät für den Mixbus handelt, ergründet sich vor allem bei genauerer Betrachtung der Hi- und Locuts – der Hochpass kann lediglich bis maximal 40 Hz wirken, der Tiefpass bis 17 kHz – beide Filter sind extrem weich ausgeführt (6 dB/Oktave). Zwar könnte einen die an den Stellpotis für die Center-Frequenzen der Klangregelung daraus schließen lassen, dass hier eine Rasterung vorliegt, jedoch lässt sich diese für das LF- LMF und das HF-Band frei innerhalb der aufgebrachten Werte einstellen – lediglich bei dem ohnehin sehr interessanten HMF-Band muss sich an den drei aufgebrachten Werten festgehalten werden.

Stufenlose Center-Frequenzen am Acustica Audio Diamond Color EQ-3

Dieses besitzt pro Einstellung nicht nur eine Center-Frequenz, sondern erzeugt zwei Peaks auf einmal, man erhält sozusagen eine doppelte Glocke (beispielsweise eine bei 870 Hz und eine bei 6,4 kHz gleichzeitig) – hier wurde sich an der Charakteristik eines originalen Gerätes orientiert und was dieser Knopf macht, ist unfassbar. Dreht man hier, erhält meinem Gehör nach zu urteilen eine One-Knob-Radiokompatibilitätskontrolle, weil sich hier relevanter Mitten – und Höheninhalt auf wunderbar kohärente Art und Weise pushen lässt! Die generelle Bandbreite der Equalizer-Kurven erstreckt sich über extrem weiche zwei Oktaven, hier überlappen die Frequenzen, was das Zeug hält.

Ordentlich am überlappen: breite Bänder am Acustica Audio Diamond Color EQ-3

Für A/B-Vergleiche und dem Vorbeugen von Phasenschiebern extrem praktisch: Die Bänder lassen sich alle einzeln deaktivieren. Mit dem oben links neben der Klangregelung befindlichen „3 x“ Knopf lässt sich die Bearbeitung des Klanges von 1 dB Schritten zu 1/3 dB Schritten ändern.

Ausgangsaufholer am Acustica Audio Diamond Color EQ-3

Praxis: Klang und Nutzbarkeit

Kurz: Ja, es ist wahr. Beim Einschleifen des Plugins und Einschalten des Vorverstärkers fällt mir (wie so oft bei Acustica) zunächst einmal die Kinnlade runter. Man hat das Gefühl, dass hier nun ein- bis zwei Pärchen Röhren mit Aufholung werkeln sowie noch extrem hochwertige Ein- und Ausgangswandler ihr Übriges tun. Hier kommen Obertöne zustande, die der dritten und fünften Ordnung alle Ehre machen – wie gut das klingt, ist gerade beim A/B-Vergleich schwierig zu greifen. Verdammt teuer klingt das, was der Acustica Audio Diamond Color EQ-3 mit seinem Audiomaterial macht. Die Klangregelung an sich ist natürlich extrem gutmütig und eher zum Formen als für „surgical“ Eingriffe geeignet.

Greift schon ab 2 kHz: das 50 K Band des Acustica Audio Diamond Color EQ-3

Die beiden Höhenbänder sind unfassbar – das 15 bis 50 kHz Band ersetzt von nun an mein Maag Plugin – wenn ich hübsche Air brauche (nicht nur auf dem Mixbus, sondern auch auf allem anderen) – und das HMF-Band klingt so großartig, wie es eben auch sinnvoll ist. Hört euch die Klangbeispiele an und urteilt selbst – auch wenn diese schnell erstellt und eher solidarisch zu sehen sind. Eine Demoversion des Plugins gibt es auf der Website von Acustica Audio.

Fazit

Was Acustica hier schon wieder auf den Markt geworfen hat, könnte für mich und meine Ohren bald die Nutzung des reellen Pendants überflüssig machen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas irgendwann einmal sagen würde, aber nun habe ich das Gefühl: Wir sind fast da. Oder sind wir es schon? Auf der Acustica Audio Seite lassen sich alle Plugins auch als Demoversion herunterladen – das sei jedem von euch ans Herz gelegt. Viel Spaß beim Fühlen!

Plus

  • Klang
  • "Mojo"

Minus

  • Rechenintensität

Preis

  • 99,50 Euro
Klangbeispiele
Forum
    • Profilbild
      Vincent  RED

      Hi DonGeilo,

      danke Dir für die Information – die Leute bei Acustica sind immer fleißig am Preise dribbeln. Wird sofort geupdated!

      Vince

  1. Profilbild
    bluebell  

    Wenn etwas selbst beim A/B-Vergleich „schwierig zu greifen ist“, dann ist es ohne diese Möglichkeit doch erst recht nicht wahrzunehmen, also Mojo, das nur der „hört“, der die schicke Oberfläche des Plugins dazu visualisiert.

    Oder war das nur unglücklich formuliert?

    • Profilbild
      Vincent  RED

      Hallo Bluebell,

      Ich kann Dir versichern, dass hier eine ganze Menge passiert – schon beim Insertieren und Preamp-aktiv schalten. Kann Dir nur raten, Dir mal die Testversion zu Gemüte zu ziehen. Für mich sind die Plugs momentan der absolute Top-dog – und ja, stimmt, aus den auf 192kpbs gerenderten Audiobeispielen wird das leider nicht direkt ersichtlich.

      Vince

  2. Profilbild
    Henrik Fisch  AHU

    Ich muss beim Folgenden voraus schicken, dass ich echt keine Ahnung vom Mixing und Mastering habe. Ich fummele mich da selber so einigermaßen durch, bin demzufolge aber dankbar für jeden noch so kleinen Tipp, wie man einen Sound »gefälliger« machen könnte. So habe ich also interessiert den Test gelesen und mir die Audio-Beispiele angehört.

    Zunächst habe ich auf meinen 20 Jahre alten PC-Gurken in den Audio-Beispielen keinen Unterschied gehört. (Nebenbemerkung: Wieso werden die Audiobeispiele eigentlich so komisch sortiert? Das erschwert den A/B-Vergleich leider noch einmal.)

    Beim »__Annika Alternate Take […]« (Beispiele 10 und 12) habe ich dann aber doch einen feinen Unterschied heraus gehört. Insbesondere in den ersten drei Sekunden, wenn die eigentliche Musik noch nicht los legt. Das Ganze klingt – wie soll ich’s beschreiben – einen Tick »klarer« und »frischer«. Das liegt vermutlich an dem Hinzufügen der Harmonischen, wie im Test beschrieben. Aber mal so ganz doof gefragt: Sind das nicht Eigenschaften eines klassischen »Exciters«? Sprich: Würde man nicht das gleiche Ergebnis erhalten, wenn man hintendran noch einen Exciter schaltet?

    • Profilbild
      bluebell  

      Letztlich arbeiten alle Geräte und Plugins, die den Sound „noch analoger“ machen, mit linearen und nichtlinearen Verzerrungen. Das kann man mit EQs (lineare) sowie Sättigern und Excitern (nichtlineare) Verzerrungen auch hinbekommen. Einen Mehrwert spezieller „noch analoger“ klingender Plugins kann man in einer guten Abstimmung sehen, sodass ein gefälliger Sound ohne viel Sachkenntnis und Erfahrung hinzubekommen ist.

      Der psychologische Effekt, den ein schick designtes Plugin erreicht, sollte nicht unterbewertet werden.

      • Profilbild
        Vincent  RED

        Hallo zusammen,

        ich verstehe Eure Argumentation durchweg – auch und gerade das mit dem psychologischen Effekt. An dieser Stelle kann ich leider nicht mehr tun als Euch zu raten, mal die Demo abzuchecken. Dann könnt ihr mit „Augen zu“ durchhören und vernünftige Beispiele hören, die man nicht aufgrund des Servers auf 192kpbs mp3 umwandeln muss und dann och wild durcheinander geworfen werden.
        Nur soviel: Ich habe wegen Acustica meine UAD verkauft. Acustica hat in ihrem Plugin Repertoire mittlerweile auch ein paar Exciter, darunter auch der (wie ich finde langweilige) Klassiker von Aphex abgesampled – was hier färbungstechnisch zum Tragen kommt ist allerdings in diesem Falle nur die Coloration des Preamps und das stellenweise anfahren durch die EQ Bänder. Für mich sind das die Plugins fürs Ende der Signalkette – die man inseriert, nachdem man mit anderen, weniger CPU intensiven Plugins den Mix auf vernünftige Art und Weise gezähmt hat. Sie sind Lebendigmacher und „Vollender“ und reagieren großartig auf die Dynamikinterschiede des Materials. Ich würd an eurer Stelle wirklich mal reinhören. ;)

        Vince

        • Profilbild
          bluebell  

          Auf den Acustica-Seiten finde ich keine Angaben zu den unterstützten Plattformen. Ich denke mal, dass ich als Linuxer nichts ausprobieren kann.

          Interessant wäre es, eine WAV- oder FLAC-Datei „ohne“ und eine „mit“ zum Download bereitzustellen. In diesen Formaten werden dann auch keine Feinheiten kaputtgemacht.

          • Profilbild
            Vincent  RED

            Ja das ist wirklich ärgerlich. Wären mehr Hersteller bereit für Linux wäre ich wahrscheinlich längst auch auf dem OS unterwegs.
            Mit den Audiobeispielen ist eine gute Idee, falls ich es diese Woche nicht schaffe, werde ich sie nächste Woche in die Kommentare hier posten.

            Lieben Gruß!

  3. Profilbild
    t.goldschmitz  RED

    Wenn ich mal des Teufels Advokat spielen darf?
     
    Wenn man den Effekt bei 192kbps nicht hört, was kommt denn dann überhaupt noch beim Konsumenten an, der ja immer noch gerne 128kbps vorgesetzt bekommt?
     
    Cheers!

    • Profilbild
      Vincent  RED

      Hey Hey Thilo,

      Es gibt Menschen mit Anspruch an solch subtile Merkmale wie eine leichte texturierende Färbung und es gibt Leute, die interessiert so etwas überhaupt nicht. Ich färbe gerne meine Stems alle möglichst unterschiedlich mit verschiedenen Sättigungen, Vorverstärkersimulationen und und und – am Ende macht sich dass dann durch einen klar durch unterschiedliche Klangcharakteristiken getrennten Mix bemerkbar. Andere Leute sagen das ist quatsch, FabFilter Pro-Q3 kann eh alles und wenn der Limiter hinterher auf der Summe ist knallts eh genug. 128kpbs gibts nur noch wenn man wirklich schlechtes Internet hat, selbst Spotify gibt einem ja selbst ohne Abo ab 160 – bis 320 wenn ich richtig Im Bilde bin – das macht schon einen Riesen Unterschied. Je nach Internetspeed variiert dann aber die Streamingqualität. Ich höre den unterschied zuhause auch auf den Audiobeispielen – es geht aber selbstverständlich im Endeffekt darum, dass das Plugin etwas macht was wirklichen universalen Mehrwert bietet – und das tut es für mich – gerade auf dem 2bus. Gerade Dir, dessen Sache ich wirklich immer gerne lese würde ich die Acustica-Pluginfamily wärmstens ans Herz legen. Die Sachen können alles.

      Vince

      • Profilbild
        t.goldschmitz  RED

        Danke Vince,
         
        war ja auch nur halbernst gemeint. Habe eine ähnliche Erfahrung mit den TubeTech Softube PlugIns gehabt, danach war alles andere Käse.
         
        Die Acoustica Sachen gibt es ja schon einiger Zeit, die Technik dahinter finde ich sehr interessant. Sozusagen zeitveränderliche Impulsantworten. Erstaunlich, dass es nicht noch viel mehr Hersteller gibt, die darauf setzen.
         
        Cheers Vince!

        • Profilbild
          Vincent  RED

          Du sagst es –

          die sind gerade komplett alleine damit! Ich bin mal gespannt wie lange noch. Gerade ist „Modula“ in der Beta, ein komplettes Acustica in-the-box Pult – könnte für mich ein Game- und Studiosetup-changer werden. Let’s see.

          Cheers dude! :)

    • Profilbild
      Henrik Fisch  AHU

      Mit meinen PC-Gurken musste ich auch eine Weile genau hinhören, um den Effekt wahrzunehmen. Aber er war hörbar. Auf meinen Monitoren war der Effekt sofort präsent.

  4. Profilbild
    pol/tox  

    Von Acustica verwende ich den Azure und Ruby.
    Azure auf den Gruppen oder Summe als finaler Shaper und Ruby gern mal auf Einzelspuren.
    Wahrscheinlich die zwei EQs in meinem Computer mit dem authentischstem Analog-Klang.

    Keine Ahnung wie nah beide an den jeweiligen Originalen sind, aber auch egal, beide klingen sehr gut.

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.