Test: AMS Neve 1073DPA, Mikrofonvorverstärker

13. August 2018

AMS Neve 1073DPA - The Real Deal

ams neve 1073dpa

Der Mikrofonvorverstärker AMS Neve 1073DPA wurde schon 2004 vorgestellt und kommt endlich bei AMAZONA.de unters Messer. Im Studio gibt es einige „Legenden“, die sich im Laufe der Jahre etabliert haben und die trotz vieler technischer Neuentwicklungen standhaft zum Nonplusultra gehören. Bei den Mikrofonen wäre das zum Beispiel ein Neumann U67, bei den Synthesizern der gute, alte Minimoog. Beides Geräte, die nichts an Aktualität verloren haben und erst kürzlich von den Herstellern wieder neu aufgelegt wurden. Bei den Preamps gehört der Kanalzug Neve 1073 unbestritten zur Crème de la Crème und es kommt nicht von ungefähr, dass auf der diesjährigen NAMM Hersteller wie BAE, Heritage Audio, Warm Audio und Golden Age Premier neue, günstige Nachbauten dieser Legende vorgestellt haben. Eine gute Übersicht zum Thema „Klone“ findet ihr in unserem Artikel „Recording Klassiker zum Schnäppchenpreis„.

Der hier vorliegende AMS Neve 1073DPA darf sich allerdings „Original“ nennen, hat er doch den Namen des Meisters im Gepäck. Mit einem Verkaufspreis von 2.369,- Euro kostet er auch um einiges mehr als die aktuellen Nachbauten. Einzelne Kanalzüge aus den originalen Neve Pulten erreichen heute allerdings Preise um die 6.000,- Euro. Das relativiert den Preis gleich wieder nach unten.

AMS NEVE 1073DPA – eine Retrospektive

Ein klein wenig zur Geschichte der Firma AMS Neve und zum Kanalzug 1073. Rupert Neve gilt als Pionier der Audiogeschichte und ist verantwortlich für viele technische Ideen und Erfindungen, die wir heute als selbstverständlich betrachten. 1964 entwickelte seine Firma für Philips Records das erste Mischpult, das auf Transistortechnik basierte. Eigentlich war der Kanalzug 1073 nie als eigenständiger Preamp gedacht, sondern ursprünglich Bestandteil der Konsole A88 die Rupert Neve 1970 für das Wessex Studio gebaut hat. In den vergangenen 50 Jahren hat dieser Vorverstärker durch die Verwendung in zahlreichen Hits Popgeschichte geschrieben und den „British Sound“ mit definiert.

Ich nenne mal einige Namen: Queen, David Bowie, Led Zeppelin, Iggy Pop, Deep Purple, Elton John, the Red Hot Chilli Peppers, Chic, Nirvana, The Foo Fighters – sie alle haben Alben produziert, die mit Neve-Konsolen aufgenommen wurden. Auch für die legendären Air Studios in Montserrat von Sir George Martin wurden die Mischpulte von Neve Electronics entworfen und gebaut. Hier gaben sich Police, Rolling Stones, Pink Floyd, Paul McCartney, Supertramp und Dire Straits die Türklinke in die Hand.

Rupert Neve selbst schied 1975 aus dem Unternehmen Neve Electronics aus und gründete 1985 die Firma Focusrite. 1992 erfolgte der Zusammenschluss von Neve Electronics mit AMS (Advanced Music Systems) und fortan nannte man sich AMS Neve. Im Alter von 80 Jahren gründete Rupert Neve 2005 die Firma „Rupert Neve Designs“, die besonders durch ihre Portico Serie bekannt ist.
Es ist beachtlich, dass Rupert Neve als Radioelektriker bereits im 2. Weltkrieg der britischen Armee diente und heute, trotz seines hohen Alters von 92 Jahren, immer noch aktiv ist. Aktuell gibt es Kollaborationen mit dem Mikrofonhersteller sE Electronics und mit Yamaha/Steinberg.

Der Name, der zur Qualität verpflichtet

Die Innereien des AMS NEVE 1073DPA

Das Konzept des AMS Neve 1073DPA ist recht einfach: Er verzichtet auf die EQ-Sektion des originalen Kanalzuges und bietet auf einer Höheneinheit im 19 Zoll Format zwei puristische, diskrete Vorverstärker. Bis zu 80 dB Gain sind für fast alle Anwendungsgebiete und Mikrofontypen ausreichend. Bei Anschluss eines Line-Signals steht ein Regelbereich zwischen -20 und +10 dB zur Verfügung. Die Eingangsimpedanz lässt sich zwischen Hi (1200 Ohm) und Lo (300 Ohm) umschalten, was sich je nach Mikrofon unterschiedlich auswirkt. Weiter gibt es pro Kanal je einen Schalter für +48 Volt Phantomspannung und Phasenumkehr. Zur Regelung des Ausgangssignals gibt es noch ein Trimpoti für den Einstellbereich zwischen -10 dB und +10 dB. Als Übersteuerungsanzeige steht leider nur eine einzelne LED zur Verfügung. Diese leuchtet ab 3-4 dB vor der Übersteuerung.

Zwei Kanäle ohne EQ-Sektion

Auf der Rückseite gibt es neben dem verriegelbaren Stromanschluss für jeden Kanal einen XLR-Mikrofoneingang, eine TRS/XLR-Kombibuchse für den Line-Eingang und einen XLR-Line-Ausgang. Der Line-Eingang hat eine Impedanz von 20 kOhm und einen Headroom von +26 dBu.
Weitere Features, wie sie einige der 1073 Kopien bieten, gibt es beim AMS Neve nicht. Einen DI-Anschluss findet man ebenso wenig wie ein Highpass-Filter oder eine Insert-Buchse.
Sollte sich jemand von euch einen Digitalausgang wünschen, um den Preamp direkt in ein digitales Arbeitsumfeld einzubinden, der kann zum Schwestermodell 1073 DPD greifen. Dieses besitzt einen integrierten Digitalwandler bis 192 kHz AES I/O und Wordclock. Alle rückseitigen XLR-Anschlüsse sind übrigens mit dem Gehäuse verschraubt und verriegelbar.

Alle Anschlüsse sind fest mit dem Gehäuse verschraubt

AMS Neve 1073DPA = Heavy Duty!

Der AMS Neve 1073DPA wird in Burnley/England in Handarbeit verdrahtet und zusammengebaut.
Die äußerliche Verarbeitung des Neve ist unglaublich robust und „Made in the UK“ steht stolz auf der Gehäuseseite. Er ist wirklich für die Ewigkeit gebaut und mutet absolut unkaputtbar an. Die Frontplatte aus schwerem Stahl ist 3 mm dick und mit seinen beachtlichen 4,7 kg Lebendgewicht, die der AMS Neve 1073DPA auf die Waage bringt, ist er definitiv „Heavy Duty“.

Die Qualität der Schalter ist durch die Bank sehr gut und in der Kategorie „besser geht’s nicht“ angesiedelt.

Ein Blick in den AMS Neve 1073DPA

Nimmt man die Metallplatte an der Oberseite des Gehäuses ab und wirft einen Blick ins Innere, offenbart sich auch hier die eine blitzsauberere und anstandslose Verarbeitung.

Die originalen Übertrager wurden 1968/69 zusammen von Neve und Marinair entwickelt. Allerdings konnte Marinar die große Nachfrage durch die Expansion von Neve in den 70ern nicht befriedigen und so musste mit St. Ives (heute Carnhill) ein zweiter Hersteller mit der Produktion der Übertrager beauftragt werden. In den 70er Jahren wurden daher Übertrager beider Hersteller in den Neve Modulen verbaut. Die Übertrager des aktuellen AMS Neve 1073DPA werden heute nach den originalen Spezifikationen von Marinair gebaut.

Der Ausgangsübertrager von Marinair

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