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Test: Boss EQ-200 Graphic Equalizer, Gitarren-Pedal

1. September 2019

Das Schweizer Taschenmesser für Gig und Studio!

Boss EQ-200

Boss EQ-200

Von einem Gamechanger war im Vorfeld die Rede, dem kompaktesten, vielseitigsten und fähigsten Equalizer-Pedal, das man als Gitarrist erwerben kann. Boss wird sich was dabei gedacht haben, in seiner neuen Generation der 200-Serie ausgerechnet ein Equalizer-Pedal in die Serie aufgenommen zu haben – und prinzipiell werde ich im nächsten Absatz ein paar Worte zum Thema Equalizer Pedale verlieren. Fest steht: Diese Pedalboard-freundlichen, preisgünstigen Boss 200-Pedale besetzen eine Preisnische, die in der Pedal-Welt gerne vergessen wird: multifunktionale Geräte in preislichem Mid-Range. Gemeinsam haben sie einiges, neben der intuitiven Handhabe, integrierte Speicherplätze sowie 32 Bit AD/DA-Wandlung, eine interne Signalverarbeitung von 32 Bit und 96 kHz Samplingrate. Wofür das steht? Ordentliche Klangqualität. Das Boss DD-200 konnte bereits in der Hinsicht überzeugen. Zu den restlichen Gemeinsamkeiten in Sachen Features kommen wir noch. Doch zunächst ein paar Worte zum Thema Equalizer-Pedal.

Sträflich unterschätzt – so lässt sich die Rolle dieser Pedal-Klasse zusammenfassen. Als Gitarrist ist das Thema Live-Mix oft leidlich. Wie setzt man sich in der Live-Situation durch, ohne den Mixer in den Wahnsinn zu treiben und alle anderen zu übertönen? Die Antwort kann ein externer Equalizer sein, der bestimmte Frequenzen für bestimmte Passagen hervorhebt/zurücknimmt. Das Problem war bislang, dass es nicht viele programmierbare Equalizer mit Speicherplätzen auf dem Markt gibt. Und zwischen den Songs neu zu kalibrieren, ist oft leichter gesagt als getan. Die Möglichkeit also, für die Rhythmus-Passagen einen EQ-Midscoop aufzurufen oder für klare Passagen ein bisschen die Höhen zu kappen, dürfte vielen Gitarristen eine enorme Hilfe sein. Der Boss EQ-200 soll genau das leisten können.

 

Boss EQ-200, Equalizer Pedal – Facts and Features

Der EQ-200 ist der flexibelste Kompakt-Equalizer, der jemals für Gitarristen und Bassisten entwickelt wurde.

Selbstbewusste Worte, die Boss da auf ihrer Homepage von sich geben. Wenn man sich auf dem Papier anschaut, was der Boss EQ-200 so mit sich bringt, ist man versucht, ihnen zunächst Recht zu geben. Wie eingangs erwähnt: Die Marktlage für Equalizer-Pedale ist recht überschaubar, insofern betreten Boss hier auch keine heiß umkämpfte Arena. Doch was genau bedingt die Flexibilität des Boss EQ-200?

Das Herzstück dieses Gitarren-Pedals dürften die zwei separaten Kanäle sein. Bei beiden handelt es sich um 10-Band EQ-Kanäle. Das ist ja schön und gut, aber was das Ganze nochmals untermauert, dürfte das Display sein, das einem die aktuelle EQ-Einstellungen aufzeigt. Mir fällt kein anderes Equalizer-Pedal ein, das über ein solches Display verfügt. Das Geniale hierbei: Beide Kanäle lassen sich aufeinander abstimmen, sodass im Stereo-Betrieb eine sorgsame Nutzung der Frequenzbereiche gewährleistet wird. Auch eine parallele oder serielle Nutzung der beiden Kanäle lässt sich konfigurieren – wobei speziell die parallele Nutzung für ordentlich Durchschlagskraft in der Live-Situation sorgen kann. Wer also live mit einem Stereo-Rig arbeitet, dem dürfte bei diesem Feature (zu Recht) das Wasser im Munde zusammenlaufen. Je nachdem, was die beiden Verstärker-interne EQs hergeben, lässt sich mit dem Boss EQ-200 dann ein Fein-Tuning für einen Amp pro Kanal betreiben, was live einen ordentlichen Unterschied ausmachen kann. Auch das Abstimmen zwei separater Effekt-Ketten ist dadurch denkbar.

Boss EQ-200

Drei Frequenzspektren sind prinzipiell anwählbar: 30 Hz bis 12,8 kHz, 32 Hz bis 16 kHz oder 28 Hz bis 14 kHz. Das macht den Boss EQ-200 zu einem nicht nur auf Gitarre zu reduzierendes Gerät: Auch Bass- und Keyboard-Frequenzen lassen sich dadurch gezielter handhaben. Beide Kanäle kommen mit einem 15 dB Cut/Boost daher, der im ganz rechts positionierten Master-Level für den jeweiligen Kanal eingestellt werden kann. Die restlichen Features decken sich mit denen der anderen Pedalen aus der 200-Serie: MIDI I/O für mehr Speicherplätze, ein USB-Port sowie eine Buchse für ein Expression-Pedal. Letzteres dürfte für ein Equalizer-Pedal mit Display ebenfalls ein absolutes Novum darstellen – somit dürfte sich der Boss EQ-200 auch als Filter-Pedal verwenden lassen. Andere Nutzungsmöglichkeit: ansteuern des Gesamtpegels über ein Expression-Pedal und die Nutzung dessen dann als Volume-Pedal.

Keine Sorge, falls Ihr ein besonders vorsichtiges Auge auf eure EQ-Einstellung habt, um auch bloß keine tonale Veränderung durch Unvorsichtigkeit zu riskieren: Die Panel-Lock-Version sorgt dafür, dass die aktuellen Einstellungen eingerastet bleiben. Die vier Speicherplätze sowie die im Panel eingestellten Frequenzen geben dem Gitarristen insgesamt fünf EQ-Einstellungen, aus denen man auswählen kann. Buffered-Bypass, möglicher Batteriebetrieb mit drei AA-Batterien oder Verwendung eines 9 Volt Netzteils (das nicht im Lieferumfang enthalten ist) runden das Gesamtpaket in Sachen Features ab.

Die Anschlüsse für MIDI sind Mini-Klinken, was ungewöhnlich, aber bei allen anderen Pedalen der 200 Serie ebenfalls der Fall ist. Die Firmware-Updates über USB sind für alle Pedale der 200-Serie möglich. Noch ein paar Worte zu der möglichen Nutzung des Frequenzspektrums. Speziell in Kombination mit Overdrive- und Verzerrer-Pedalen kann man, abhängig von der Positionierung des Equalizers in der Signalkette, extrem feine Sound-Kalibrierungen vornehmen. Ein besonders Response-empfindliches Overdrive-Pedal kann nach dem Equalizer großartig funktionieren, nicht wenige nutzen die Frequenz-Kapazitäten eines Equalizer-Pedals jedoch nach dem Verzerrer-Pedal. Beide Optionen haben Vor- und Nachteile. Lange Rede, kurzer Sinn – auf dem Papier könnte es sich definitiv um eins der besten Equalizer-Pedale überhaupt handeln. Die Praxis entscheidet – wie gut verhalten sich die Frequenzen zueinander?

Boss EQ-200, Equalizer Pedal – in der Praxis

Gleich zu Beginn ein Wermutstropfen hinsichtlich der klanglichen Überprüfung des Boss EQ-200: Die Stereo-Kapazitäten werden nicht getestet, dafür aber die einzelnen Frequenztiefen und das Zusammenspiel mit einem Overdrive-Pedal.

Boss EQ-200

Zunächst testen wir den Midscoop aus. Dafür verwenden wir für den Praxisteil einen und denselben Loop, um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Aufgenommen wurde mit dem Direct-In einer Focusrite Scarlet. Das Overdrive-Pedal, das hierbei Verwendung findet, ist das Earthquaker Devices Plumes.

Im cleanen Bereich zeigt sich sofort die Qualität des 10-Band-Equalizers. Meine Erfahrung mit vielen Equalizer-Pedalen speziell im Mid-Scoop (wenn die Mitten so rausgedreht werden, dass sie eine umgekehrte Pyramide bilden), ist der, dass es sehr schnell dumpf klingt, vor allem, wenn man im Frequenzbereich von 400 Hz bis 1600 Hz den Scoop tief ansetzt. Doch der Boss EQ-200 leistet in Sachen Lowpass eine ordentliche Transparenz und klingt dabei nie blechern.

Eine Überbetonung der Mitten und Bässe und eine gleichzeitige Reduktion höherer Frequenzbereiche ab 3200 Hz haben oft einen recht bissigen Effekt und eignen sich vor allem dafür, wenn die restlichen Instrumente in der Live-Situation die tieferen Frequenzen gut und effektiv abdecken – der klassische Strophen und Refrain-EQ im Pop und Pop-Rock, wenn man so will.

Das kann natürlich auf die Spitze getrieben werden, wenn man auch die tiefen Frequenzen nahezu komplett rausnimmt. Für sich stehend ein kratzender, unschöner Klang, der vor allem im Zerrbereich mit einem ordentlichen Boost einhergeht, aber stets im Kontext der Live-Situation betrachtet werden muss. Dort ergibt die Verwendung erhöhter Mitten viel Sinn, wenn man sich im Rahmen eines Crescendos oder Solos von allen anderen Instrumenten deutlich absetzen will. Eine Methode, die mit Vorsicht genossen werden will und wohl kalkuliert eingesetzt werden muss.

Verwendet man ein Expression-Pedal, um den Range der mittleren Frequenzen für filterartige Frequenzen zu nutzen, funktioniert auch das recht problemlos.

Die manchmal genannte „Mountain“-Einstellung heißt so, weil der Verlauf der Wellenform ein bisschen an ein Gebirge erinnert – leichte Absenkung der Mitten vor 3200 kHz, Überbetonung sämtlicher Höhen und ein langsamer An- und Abstieg der Bässe – hilft vor allem, bei cleanen Passagen ohne viel Begleitung ordentlich Kontur reinzubringen.

Das Umschalten zwischen den einzelnen Presets funktioniert problemlos über den Memory-Schalter und die grafische Darstellung dürfte sich vor allem in der Live-Situation als äußerst hilfreich erweisen. Der Einsatz von EQ-Pedalen im Bandkontext muss ein bisschen erforscht und verstanden werden, doch wer sich die Zeit nimmt, wird recht schnell feststellen, dass frustrierende Live-Situationen in Sachen Mix und Gesamtklang mit ein bisschen Vorbereitung und Überlegung vermieden werden können. Und dafür ist, zumindest in Pedalform, der Boss EQ-200 der perfekte Partner.

Fazit

Equalizer-Pedale – die ewig geächteten Fußtreter, die viel zu wenig Beachtung bekommen, gehören eigentlich auf fast jedes Pedalboard eines Musikers, der mit vielen Sounds in einem vollständigen Live-Setup arbeitet. Dass durch den Einsatz von Equalizer-Pedalen einiges in Sachen Live-Sound rausgehauen werden kann, ist kein Geheimnis. Doch kaum jemand will sich die präferierten Einstellungen merken und im Halbdunkel zwischen den Songs am EQ-Band drehen. Damit und mit anderen Problemen räumt der EQ-200 endgültig auf – eine lohnende Investition für denjenigen, der weiß, wie sie zu nutzen ist.

Plus

  • 5 Equalizer Presets auf Abruf
  • Klangqualität des 10-Band-Equalizers hervorragend
  • Expression-Büchse

Preis

  • 249,- Euro
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