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Test: Boss HM-2w, Distortion-Pedal

28. Dezember 2021

Böse, böse, böse!

Boss HM-2w Test

Wie schafft man es, möglichst viele Leser bereits mit dem ersten Satz so weit abzuschrecken, dass sie sich kaum trauen, die nächsten Zeilen weiterzulesen. Also dann, das Wort des Tages lautet „Swedish Chainsaw Metal“! Jetzt ist es raus und ich fühle förmlich, wie sich nicht nur alle Gitarristen aus dem Bereich Jazz, Pop und Country angewidert abwenden, sondern auch der überwiegende Teil der Rock-, ja sogar Metal-Gitarristen einen eher verkniffenen Gesichtsausdruck an den Tag legen. Nur eine kleine Auswahl an Extreme-Metal-Gitarristen horcht erwartungsvoll auf und stürzt sich gespannt auf die folgenden Zeilen. Nun denn, es ist Zeit für die Auferstehung des Boss HM-2, jedoch in seiner neu aufgelegten Waza-Version mit der Bezeichnung Boss HM-2w.

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Boss HM-2w Test

Boss HM-2w Front

Geschichtsstunde

Eins vorne weg, über Sounds zu diskutieren, ist strenggenommen total sinnlos, insbesondere wenn es um verzerrte Sounds im Bereich des Metals geht. Das zuweilen völlig überzogene Gematsche, was dem Zuhörer in einigen Extreme-Bereichen dieser Spielart zugemutet wird, ist mehr als ein Kunstprojekt anzusehen, denn als eine ernstzunehmende Musikform, die zumindest rudimentäre Bereichen wir Rhythmus, Akkordfolge und Melodie folgt. Aber es ist wie es ist, während Elvis unsere Großmütter mit seinem Hüftschwung noch zu Tode erschreckt hatte, bleibt heutzutage nur noch die Flucht in die totale Auflösung jeglicher harmonischer Klangfolgen, kombiniert mit „Vocals“, die mehr mit Verdauungsgeräuschen jeglicher Art als mit irgendeiner Art von menschlichen Lauten zu tun haben, um zumindest ansatzweise für einen Hauch von Schockeffekt zu sorgen.

Um in Sachen Gitarren-Sound hier einen passenden Mitstreiter zu finden, war man bei der Firma Boss schon vor knapp drei Dekaden an der richtigen Adresse. Während die Overdrive-Pedale in Form des OD-1 oder SD-1 bis heute gerne als Alternative zum TS9 zwecks Anblasen des Amps verwendet werden, polarisierten die Distortion-Pedale von Boss schon immer, so dass bis heute beim „schrecklichsten aller Distortion-Pedale“ nicht nur der legendäre Metal Zone, sondern auch der Vorgänger unseres Testpedals Boss HM-2w genannt wird. Ende der Achtziger auf den Markt gekommen, schaffte es das Pedal nicht einmal ansatzweise im Hype des Hair-Metal/Schwanz-Rock Fuß zu fassen, so dass das Pedal 1991 wieder vom Markt genommen wurde.

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Mit zunehmender Popularität der Extreme-Metal-Fraktion bekamen die zuerst in Japan, später in Taiwan gefertigten Pedale jedoch einen stets zunehmenden Beliebtheitsgrad, so dass eine weltweite Petition gestartet wurde, in der Fans des Extrem-Metals Boss darum baten, das Pedal wieder aufzulegen. Insbesondere skandinavische Bands, die im harmonischen Cluster-Bereich stets die Nase vorne hatten und gegen die selbst Bands wie Slayer musikalisch einen Hauch von Backstreet Boys inne hatten, definierten mit ihrem „Swedish Chainsaw Metal“ einen „musikalischen“ Bereich, der zwar wirtschaftlich zu vernachlässigen war, in Sachen Aufmerksamkeit jedoch immer wieder für Furore sorgte. Nun denn, you wanted the extreme, you got the extreme.

Aufbau und Konzeption des Boss HM-2w

Der Boss HM-2w kommt wie bereits seit Jahrzehnten auch nahezu alle anderen Boss Pedale im klassischen Layout daher. Die Abmessungen haben sich nicht geändert und auch das geniale Batteriefach nebst einfachstem Zugang ist geblieben. Was sich jedoch geändert hat, ist die so genannte Waza-Ausführung, bei der mittels eines kleinen Schalters auf der Stirnseite des Pedals zwischen zwei Grundsounds gewählt werden kann. Im S für Standard-Modus imitiert der Boss HM-2w den typischen HM-2 Sound der Achtziger, im C wie Custom-Modus bekommt dieser Sound eine Art „Loudness“-Funktion, bei der der Bass- und Höhenbereich in Kombination mit einer zusätzlichen Erhöhung des Verzerrungsgrades mehr angeschoben wird. Für diejenigen, die ihre Pedale tatsächlich noch in Freiflug-Verdrahtung auf dem Boden platzieren (gibt es noch Gitarristen, die ohne Floorboard arbeiten?), der Boss HM-2w besitzt auf der Unterseite ein Gummi-Pad, das ca. 50 % der Unterseite abdeckt und einen besseren Halt vermittelt.

Wie immer kann man sich zwischen Batterie oder Netzteilbetrieb entscheiden, wobei sich der Boss HM-2w als sehr genügsam in Sachen Leistungsaufnahme entpuppt und mit einem einfachen 9 V, 100 mA Netzteil problemlos klarkommt. Als Regelmöglichkeiten bietet der Boss HM-2w einen Output-Regler, einen Bass- und einen Höhenregler und einem Distortion-Regler. Zwei Besonderheiten sind sofort festzustellen, die bei dem einen oder anderen für Verwirrung sorgen sollten. Da ist zum einen die 12-Uhr-Stellung des Volume-Reglers. Bei nahezu allen Pedalen gilt 12 Uhr als grob +/- 0 dB, sprich was an Pegel in das Pedal hinein geht, kommt so auch wieder raus. Bei dem Boss HM-2w ist dies jedoch anders, hier geht die 12-Uhr-Stellung mit einem deutlichen Lautstärkeabfall einher. Zwar ist bei Rechtsanschlag immer noch ein deutlicher Booster-Effekt zu hören, für eine 1:1-Pegelstellung muss man jedoch auf ca. 3 – 4 Uhr gehen. Sehr ungewöhnlich.

Des Weiteren erfasst der Frequenzbereich des Höhenreglers auch deutlich den Mittenanteil, so dass man je nach Stellung und verwendetem Equipment auch einen Scoop Sound erzeugen kann. Hier gilt es, den jeweiligen Einsatzbereich zu testen, ob diese Art der Klangverwaltung funktioniert.

Boss HM-2w Test

Boss HM-2w Profil

Der Boss HM-2w in der Praxis

Wie bereits erwähnt, der Boss HM-2w kann faktisch nur einen Sound, den aber in unterschiedlichen Ausführungen, je nachdem ob man das Pedal vor einen cleanen oder angezerrten Amp schaltet. Eins vorneweg, wer das Pedal in seinem angestammten Sound betreiben will, kommt um ein Noisegate nach dem Pedal nicht drumherum, es sei denn, er will in jeder Spielpause sofort das Pedal deaktivieren. Wie bei vielen anderen High-Gain-Pedalen ist auch hier der Nebengeräuschanteil extrem hoch, losgelöst davon, ob man die Gitarre am Volume-Regler aufdreht oder nicht. Viele werden kritisieren, dass ein hart eingestelltes Noisegate einen abklingenden Ton gerne einmal hart abschneidet, aber glaubt mir, bei den Musikrichtungen, bei denen dieses Pedal zum Einsatz kommt, ist dieser Fakt schlichtweg egal.

Interessant ist, dass der Boss HM-2w bei seinen Fans gerne einmal wie das ewige Klischee des Plexis betrieben wird, sprich alle Regler auf Rechtsanschlag. Das Ergebnis ist ein extrem pumpender und kratzender High-Gain-Sound, der maximal Zweiklänge zulässt, die zudem extrem sauber gespielt werden müssen, damit nicht alles in einem einzigen Brei erstickt. Die beste Arbeitsweise ist meines Erachtens die Arbeit mit Single-Notes, welche die größte Definition gewährleisten.

Wer die Wärme oder das Dynamische einer Vollröhrenzerre sucht, ist bei dem Boss HM-2w komplett an der falschen Adresse. Hier geht es ausschließlich um die brutale und brachiale Gewalt des Halbwellen-Cuts, ohne jegliche Rücksichtnahme auf angenehme, gefällige Klänge. Der Boss HM-2w hat vom Grund-Sound her in der Tat einen sehr eigenen Ton, der unmittelbar zu einer Spielweise animiert, die man bis jetzt noch gar nicht an sich entdeckt hatte, was das Pedal in mehrerlei Hinsicht sehr interessant macht. Das muss nicht heißen, dass man jetzt automatisch in die Lachnummer des Corpsepainting verfällt und über geschlachtete Jungfrauen textet, aber der persönliche, künstlerische Horizont könnte in der Tat erweitert werden. Death-Metal-Riffs mit Country-Texten im Stil von „die Frau kommt zurück“, „der Hund kehrt heim“ und „das Auto springt wieder an“, wäre vielleicht auch einmal eine interessante Variation.

Dennoch wird das Pedal mit seinen teilweise an einen „Fuzz-Pedal meets Broken-Amp“ erinnernden Sound viele klassische Pedal-Betreiber abschrecken, die sich an mehr gefällige Töne aus ihren Pedalen gewöhnt haben. Der Sound ist wirklich böse, gemein, verstörend, mit dem Feingefühl einer Kettensäge, aber genau das ist die Spezialität des Pedals. Ich wage zu bezweifeln, ob die Japaner Ende der Achtziger wirklich dieses Einsatzgebiet für ihr Pedal vor Augen hatten, aber das Frottee-Handtuch ist nun mal auch durch einen Fehler im Webstuhl entstanden und man konnte sich danach super die Hände daran abtrocknen, von daher.

Die Klangbeispiele wurden mit meinem Sound Ciry Master One Hundred aufgenommen, ein Amp, der sich hervorragend für Distortion-Pedale jeglicher Art eignet und von der Einstellung einen Hauch in die Sättigung geht.

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Fazit

Mit dem Boss HM-2w bringt der japanische Hersteller erneut eine Legende auf den Markt, die polarisieren wird wie kaum eine andere. Auf der einen Seite wird der extreme Sound des Pedals viele abschrecken, auf der anderen Seite zeigt dir der Sound eine Seite von dir, die du bisher noch gar nicht kanntest. Inwieweit der Musiker dieses Development als interessant oder verstörend empfindet, liegt im Auge des Betrachters.

Fakt ist jedoch, 90 % aller Nutzer werden diesen Sound hassen, 10 % werden ihn lieben, aber 100 % reden darüber, was letztendlich immer die Basis für eine Legende ist.

Plus

  • eigenständiger Sound
  • Verarbeitung
  • Waza Erweiterung

Preis

  • 179,- Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    mi87  

    im Unterschied zum hier verlinkten Video von Taylor Danley sind die Soundbeispiele hier doch relativ musikalisch. Bzw. nicht so viel kaputter als mit einem hochgedrehtem Fuzz oder einem Rat-like Distortion auf Maxiumum gestellt.

    Ich finde es eher schade, dass Boss aus meiner Sicht mehr Produkte für Sammler auf den Markt wirft, d.h. teurere Varianten existierender Produkte oder sich selbst kopiert. Vermutlich wurde jede Entwicklung im analogen Bereich schon vor Jahrzehnten dort weitgehend eingestellt. Nur sind vielleicht bis heute die analogen Boss Produkte beliebter als die digitalen. Was aber auch an der Apple artigen Preispolitik liegen mag.
    Gut zwischen den Massen von < 30€ Pedalen und > 150€ „Boutique“ (meist sicher Kleinserien) besetzt Boss eben den Bereich dazwischen wahrscheinlich ganz erfolgreich.

    • Profilbild
      AMAZONA Archiv

      Das neue Waza-Fuzz ist eine analoge Neuentwickling. Ich habe mir in den letzten Monaten 3 Wazas zugelegt, allesamt die von dir kritisierten Neuauflagen. Ich bin aber kein Sammler und habe seit vielen Jahren kaum Effekte benutzt und wenn, dann Digital-Zeugs auf dem Rechner.
      Die Wazas liefern guter Verabeitung, leichte Zugänglichkeit ohne ewiges Rumschrauben an zig Parametern und sind gut verarbeitet.

      • Profilbild
        mi87  

        Ok mein Fehler, denn das Boss FZ-1W war mir noch unbekannt. Mit den 199€ hat Boss damit dann aber auch das Boutique Preisniveau erreicht. Immer Geschmackssache, es gibt finde ich nur schönere Bauformen im Boutique Bereich. Der Sound, da schließe ich mich dem ersten Satz im 2. Absatz des Artikels an und will ergänzen, dass jeder das kaufen soll was ihm gefällt, das ist das Schöne an der großen Auswahl. Auch bei Boss Effekten aber auch bei anderen Herstellern.

  2. Profilbild
    t.goldschmitz  RED

    Danke Axel, für den launigen Testbericht! Ich finde aber auch wie @mi87, dass der HM-2w doch eher brav klingt, und dabei habe ich nix mehr mit Metal am Hut. Nach dem gelungenem Artikel-Intro, hab ich echt „mehr“ erwartet :), also mindestens Hades oder Hölle.
     
    Dabei fällt mir ein, kennt jemand den „BOSS Metal Charger MS10“? Mein erster Zerrer – DER klingt mal echt übel – BOSS Rerelease anyone ;D ?

  3. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Dieses Jahr (und hoffentlich auch weitherhin) sind die Wazas „Made in Japan“. Mich hätte ein Blick in das Innere interessiert und ob dort jetzt eine kleine SMD-PLatine drinsteckt oder konventionell bestückte Platinen.
    Hier gefällt mir eigentlich nur „Boese05“, da kann ich mir eigentlich auch gleich ein (weiteres) Fuzz kaufen.

  4. Profilbild
    OscSync  

    Hm. Axel, ich mag Deine Tests ja gerne, aber die Ausführungen über “Swedish Chainsaw Metal” und Deine Definition der Grenzen der Musik verursachen bei mir doch eher Stirnrunzeln. Das klingt eher nach meinen Großeltern als jemandem der soweit ich verstehe sehr tief und lange in der Metalszene verwurzelt ist. Den Begriff “Swedish Chainsaw” kenne ich nur in Verbindung mit dem Gitarrensound. Die Gattung ist einfach schwedischer Death Metal. Die bekanntesten Nutzer des Pedals waren Entombed, deren Alben sehr mitnicktauglich grooven und einen satten, breiten Sound haben und mit heutigem Ohr gehört eher konservativ wirken.
    Persönlich halte ich es mit dem Musikbegriff eher nach dem Prinzip, das jedes akustische Ereignis, das Musik sein soll, auch als solche anzunehmen ist, auch wenn es wie bei John Cage 4’33” Stille sind.
    Hier ein ganz netter Artikel von Boss zum historischen Kontext des Pedals: https://articles.boss.info/hm-2-the-sound-of-swedish-death-metal-and-beyond/

  5. Profilbild
    Steppenwolf  

    Also bei allem Respekt, den Artikel hätte sich der Autor sparen sollen. Lauter Wissenslücken überspielende Ironie, fragwürdige Klangbeispiele im falschen Kontext, Aufnahmen die wunderbar demonstrieren warum man normalerweise alle Regler auf Anschlag lässt und die Mitten bitte nicht rausdreht wenn es die Signalkette nicht hergibt… Wenn du mit dem Teil nichts anzufangen weißt dann lass es doch einfach bleiben.

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      Hallo Steppenwolf

      es tut mir leid, dass du dich durch den Testbericht persönlich angegriffen fühlst. Wenn das Pedal klanglich genau deinem Geschmack entspricht, umso besser, aber es wäre meines Erachtens im Sinne der Gleichbehandlung angemessen, anderen Musikern eine eigene Meinung zu lassen.

      Falls ich einen sachlichen Fehler in dem Test geschrieben haben sollte, freue ich mich über jeden Hinweis von dir.

      Im Übrigen hat das Pedal ein „Sehr Gut“ als Wertung von mir erhalten, was doch wohl im Bezug auf meine Einstellung zu dem Pedal eine klare Sprache spricht, meinst du nicht?

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