Test: Carl Martin Acoustic Gig, Multieffektgerät

16. August 2020

Die akustische Oberliga!

Was war das früher immer ein Elend mit der Live-Verstärkung einer Akustikgitarre. In alten Videos kann man noch die verkrampfte Spielweise von vielen Akustikgitarristen betrachten, wie sie vergleichsweise starr vor einem in der Hauruck Platzierung befestigten SM58 oder ähnlichem verharren, um wenigstens noch etwas Nachbesprechungseffekt abzugreifen. Mit der Einführung des Piezo-Pickups in der Stegeinlage (ich glaube mich zu erinnern, dass Ovation hier der große Platzhirsch seiner Zeit war) änderte sich diese bemitleidenswerte Praxis rapide, allerdings nur bis zu einem gewissen Teil, da die passende Verstärkung noch nicht entwickelt war. Also hieß es über DI-Box/Monitorpult ab in den Wedge bzw. PA und hoffen, dass sowohl am eigenen Ohr als auch beim Publikum genügend Signal für eine gute Performance ankam. Auch diese Zeiten sind lange vorbei, wie man anhand des zum Test vorliegenden Carl Martin Acoustic Gig Multieffektpedals erkennen kann.

Carl Martin Acoustic Gig Test

Carl Martin Acoustic Gig – Aufsicht

Ein Pedal für alle Fälle?

„Warum nicht einfach den cleanen Kanal meines Amps nutzen“, wird sich der eine oder andere zu Recht fragen. „Warum wird bei der Verstärkung der Akustikgitarre immer so ein Gedöns gemacht?“ Nun, das Einzige, was eine Akustikgitarre mit einer E-Gitarre gemeinsam hat, sind die (regulär verwendeten) 6 Saiten, ansonsten könnte die Ausrichtung in Sachen Sound, Spielweise, Handhabung und Effektverwaltung gegensätzlicher nicht sein.

Neben der Tatsache, dass eine A-Gitarre IMMER so clean wie möglich bleiben soll, kämpft man latent mit dem Problem eines aufschwingenden Feedbacks, um Bassbereich und der Übertragung völlig anderer Frequenzen als bei einer verzerrten E-Gitarre. Während man sich im E-Gitarrenbereich die Trägheit eines zum Beispiel 12 Zoll Lautsprechers, der seinen Peak zwischen 2-3 kHz hat und ab spätestens 4 kHz mächtig in die Knie geht, zunutze macht, um die ätzenden Höhen einer verzerrten Gitarre im Zaum zu halten, sind genau diese Frequenzen bei einer A-Gitarre überlebenswichtig für einen crispen Sound. Ohne separaten Hochtöner geht demnach nichts.

Man kann also hingehen und sich einen speziellen Akustikverstärker zulegen, der bereits über die passende Ausstattung für eine hochwertige Signalübertragung verfügt oder aber man legt sich ein spezielles Akustik-Effektpedal zu, das eine Aktivbox oder einen Floormonitor in einen Akustikamp verwandelt. Mit eben einem solchen Pedal haben wir es heute zu tun.

Carl Martin Acoustic Gig Test

Carl Martin Acoustic Gig – Profil

Die Konstruktion des Carl Martin Acoustic Gig

Zunächst, wo setzen wir das Carl Martin Acoustic Gig überhaupt ein? Natürlich kann man mit dem Pedal auch eine Akustikgitarre im Studio aufnehmen, sollte euch aber mal ein Toningenieur mit dieser Lösung kommen, ist er entweder einfach nur faul oder aber er verfügt über keine hochwertigen Mikrofone. Selbst die allerbesten intern verbauten Tonabnehmer einer Akustikgitarre kommen klanglich auch nur in die Nähe hochwertiger Großmembranmikrofone, von daher ist das Einsatzgebiet der Carl Martin Acoustic Gig primär die Bühne.

Und das sieht man dem Pedal auch an. Das in China gefertigte Gehäuse ist äußerst massiv und besteht aus einer Kunststoffwanne, die mit einem Stahlrahmen überzogen ist, wobei dieser rechts und links etwas übersteht, damit man das Pedal besser anheben kann. Verschraubt sind die beiden Elemente mit sechs Kreuzschlitzschrauben. Für einen stabilen Halt sorgen vier große, rechteckige Füße aus Gummi. Im Effektbereich besitzt das Pedal neben einer aufwändigen 3-Band-Klangregelung mit einem Kompressor, einem Echo- und einem Hallbereich noch drei weitere Effekte zuzüglich eines Tuners, deren Betriebszustand allesamt mit einer separaten LED angezeigt werden. Die Effekte im Einzelnen:

Mute: Bei Aktivierung des Mute-Schalters wird der interne Tuner aktiviert und über eine große Anzeige dargestellt.

3-Band-Parametric-Preamp: Hier geht Carl Martin direkt in die Vollen und verlangt vom Anwender einiges an Fachwissen. Neben einem Level-Regler, der die Signalstärke des Filters bei der Aktivierung anpasst, können drei frei einstellbare Frequenzen jeweils mit 15 dB angehoben oder abgesenkt werden. MERKE: Mit gezieltem Absenken bei gleichzeitiger Pegelkorrektur erreicht man zumeist gerade im Mittenbereich einen besseren Klang als mit dem Anheben einer Frequenz. Mit drei kleinen Pegelstellern kann man nun den Bassbereich (20 Hz – 500 Hz), Mitten (220 Hz – 5,1 kHz) und Hochtonbereich (1,5 kHz – 16 kHz) frei auswählen. Die damit gebotene Vielseitigkeit hat definitiv die Qualität eines Studio-Filters, allerdings bietet sie auch jede Menge Möglichkeiten der Fehlanpassung. Wer noch nicht ausgiebig mit einem parametrischen EQ gearbeitet hat, sollte sich unter Umständen im Vorfeld etwas Hilfe bei erfahrenen Kollegen holen.

Schon das Überlappen der Frequenzbereiche zeigt die praxisnahe Denkweise der Entwickler. Bzgl. 20 Hz, dass dieser Frequenzbereich natürlich nur als Highpass-Filter zu benutzen ist, dürfte sich von selbst verstehen. Bitte NIEMALS auf die Idee kommen, irgendetwas im zweistelligen Hz-Bereich bei einer A-Gitarre boosten zu wollen! Der gesamte EQ kann mit einem Druckschalter aus dem Signalweg genommen werden. Des Weiteren verfügt das Carl Martin Acoustic Gig noch über einen Phasenschalter, sollte es zu unangenehmen stehenden Wellen oder Frequenzauslöschungen kommen.

Boost: Wie der Name erwarten lässt, kann man bei Solopassagen eine Lautstärkeanhebung von bis zu 12 dB stufenlos einstellen. Die Lautstärkensprünge können sehr drastisch sein, daher langsam anfangen und mit Bedacht einstellen.

Reverb: Ein Hallregler, der über die Besonderheit verfügt, dass bei einem stärkeren Anteil noch ein paar Chorus-Modulationen hinzugefügt werden.

Echo: Ein Delay-Effekt, der sich in Delay-Lautstärke, Anzahl der Wiederholungen und Klang der Wiederholungen einstellen lässt. Die Geschwindigkeit lässt sich über einen Tap-Schalter per Fuß einstellen und durch einen Druckschalter in punktierte Achtel umwandeln.

Compressor: Nach wie vor einer der wichtigsten Effekte bei der Akustikgitarre, hier einstellbar in Kompressionsgrad und Level. Feinere Abstufungen wie Threshold, Ratio, Attack und Release wurden aufgrund der einfacheren Handhabung in einem Regler zusammengefasst.

Carl Martin Acoustic Gig Test

Carl Martin Acoustic Gig – Rückseite

Die Stirnseite des Carl Martin Acoustic Gig

Neben Klinken-Ein- und Ausgang bietet der Carl Martin Acoustic Gig auch einen XLR-DI-Output zwecks Einspeisung in die PA. Ein zusätzlicher serieller FX-Loop bietet zusätzlich die Möglichkeit, externe Prozessoren in den Signalweg einzuschleifen. Als Abschluss gibt es noch die Netzteil-Eingangsbuchse, die jegliche Gleichspannung von 9 – 12 Volt verarbeitet und die eine maximale Leistungsaufnahme von 500 mA gewährleistet. Die Spannung wird über eine Ausgangsbuchse im Daisy-Chain-Verfahren durchgeschleift und kann bei entsprechender Auslegung der Netzteilleistungsmerkmale auch weitere Pedale mit Strom versorgen.

Carl Martin Acoustic Gig Test

Carl Martin Acoustic Gig – Front

In der Praxis

Tunen wir das Instrument doch zunächst einmal. Der Tuner ist gut ablesbar, allerdings wäre meines Erachtens genügend Platz für eine mehr als dreistellige LED-Anzeige gewesen. Als nächstes nehmen wir uns den Equalizer vor, der, so viel sei vorne weg genommen, sich als absolutes Highlight des Pedals entpuppen sollte. Der Grundklang des Preamps zzgl. des EQs ist als sehr gelungen zu bezeichnen. Die Frequenzen greifen gut, beißen nicht, aber verfügen über genügend Durchsetzungsvermögen im Band-Kontext. Wenn man einen entsprechendes Filter zu bedienen weiß und den endgültigen Klang des Instruments vor Ohren hat, ist es eine wahre Freude, auf den Endklang hinzuarbeiten.

Der Kompressor macht einen guten Job, allerdings vermisse ich den Ratio-Regler ein wenig. Bei starken Forte-Passagen arbeitet de Kompressor schon fast einem Limiter gleich, was die natürliche Dynamik etwas einschränkt. Für einen unkomplizierten, schnellen Lautstärkenangleich hingegen arbeitet der Regler einwandfrei. Der fest eingestellte Reverb-Klang klinkt ein wenig künstlich, macht seinen Job sonst allerdings gut. Die Delay-Zeit-Einstellung nur per Fuß zu absolvieren, mag auf den ersten Eindruck etwas ungewohnt erscheinen, zeugt aber von einer großen Praxistauglichkeit. Ein Delay ist nur in einem rhythmischen Kontext wirklich sinnvoll, von daher ist die Tap-Funktion nur zu begrüßen.

Wenngleich alle Schalter ihre Funktion gut erfüllen, hätte ich mir persönlich bei einem Produkt jenseits der 600 Euro Marke etwas hochwertigere Schalter gewünscht, die etwas weicher und weniger hakelig ihren Schaltprozess absolvieren. Dies alles wird hingegen von der großartigen Preamp/parametrischen 3-Band Klangregelung wieder egalisiert, die für sich genommen allein schon den Ladenpreis wert ist.

Die Soundfiles wurden mit einer neutral eingestellten Framus Legacy eingespielt.

Fazit

Mit dem Carl Martin Acoustic Gig bietet der dänische Hersteller ein Akustikgitarren Multieffekt-Pedal der gehobenen Oberklasse an. Eine hervorragende Verarbeitung mit der zurzeit besten Kombination Preamp/parametrischen 3-Band-Klangregelung, die es in einem Akustikgitarren Bodenpedal gibt, machen das Pedal zu einem klaren Favoriten, wenn es um die professionelle Verstärkung einer Akustikgitarre geht.

Wer aus transporttechnischen Gründen keinen hochwertigen Akustikverstärker zu seinen Gigs mitnehmen kann, sollte sich das Pedal auf jeden Fall einmal ansehen, es lohnt sich!

Plus

  • Klang
  • Verarbeitung
  • Praxistauglichkeit

Preis

  • 609,- Euro
Klangbeispiele
Forum
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    wintegralle  

    Danke.. was sind da der unterschied und es klingt geile.. unser Schlussakkord macht alles kaputt meine Meinung

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          wintegralle  

          Sorry wegen der Spracheingabe, geile passage,.. ja das Teil kann was..,,,, dein Schlussakkord passt net so… Sonst geil

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        wintegralle  

        Sorry das ist die Spracheingabe es ist definiert zu hören dass es besser ist dichter und auch deutlicher sorry wegen der Spracheingabe ich bin faul

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            wintegralle  

            Du find das Gerät gut.. Du net.. Hmm hooers mir nochmal an… warum der Schlussakkord er passt nicht das ist meine Meinung… Lg

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              Drahtzieher

              Ich habe mich über den Schlussakkord sehr gefreut, weil der Autor (wieder einmal) professionelles Verständnis für den Zweck eines Tests aus der Perspektive der Leser gezeigt hat. Eine gezupfte Passage hat ein ganz anderes Frequenzspektrum / Verhalten als ein gestrummter und soundtechnisch problematischerer Akkord. Gerade der Akkord zeigt, wie der EQ aus dem etwas harschen Originalsound einen gleichmäßig glitzernden, absolut professionellen Klangteppich zaubert, der sich brilliant, aber nicht aufdringlich in ein Arrangement einfügt.

              Ich ärgere mich reglemäßig, wenn der Cleankanal eines Amps ausschließlich mit einer gezupften Passage vorgestellt wird und ich nicht erkennen kann, wie sich Strumming oder ein Funky Riff anhöhrt.

              Dieser Test hat die Aufgabe, die Wirkung des Pedals anhand der Hauptspielweisen, Strumming und Zupfing zu demonstrieren. Es ist Test-Zweckmusik.

              Gefälligkeits-Zweckmusik gibt es alternativ auf CD oder gestreamt. Sie ist harmonisch abruptheitsärmer arrangiert, da der Zweck der Verkauf ist. Aber auch nicht immer, weil manche Leute bevorzugt Musik kaufen, die nicht jeder mag. Ich würde eine CD mit „02-Carl Martin Acoustic GIG EQ“ schon gerne kaufen. Ich finde es auch gut, dass der Autor auf den Kalauer verzichtet, ein Gerät von Carl Martin mit einer Martin zu testen. Das hat Niveau . . .
              Nicht so gut an dem Test finde ich den Preis des Gerätes.

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