Test: Clavia Nord Electro 3


Software

Als Software werden der Nord Electro 3 Manager und der Nord Sample Editor mitgeliefert. Beide Programme arbeiten sowohl unter Windows als auch unter OS X. Viele User werden sich wohl auf den Manager beschränken, denn damit ist es möglich, neue Sounds, die Clavia auf seiner Homepage bereit stellt, in den Electro zu übertragen. Die Updates sind kostenlos, und die Übertragung gestattete sich bei meinem Mac sehr problemlos. Ein Hinweis an Clavia: ein mitgeliefertes USB-Kabel wäre ein kleine, aber feine Nettigkeit. Der Electro 3 versteht 2 Library-Formate, die „Nord Sample Library“ sowie die „Nord Piano Library“, die auch der große Bruder Nord Stage nutzt. Zu der Nord Sample Library gehören zur Zeit viele Standard-Sounds wie Streicher, Bläser, Gitarren usw., aber auch jede Menge guter Mellotron-Sounds, die sehr gut das übrige „Vintage“-Klangangebot ergänzen. Man sollte aber nicht vergessen, dass diese Samples  als Zugabe zu sehen sind – der Electro ist keine Workstation und will es auch nicht sein.
Die Manager-Software ist sehr simpel und selbst erklärend. Jedem Sound ist ein TYPE zugeordnet, in den der Sound übertragen wird, außerdem ist stets die Größe in MB angegeben – wichtig, da sich ja alle Samples den Speicher von 256 MB teilen müssen (also alle Sounds außer den Orgeln, die nicht auf Sampling, sondern auf Modeling beruhen). Einige Sounds liegen in unterschiedlich umfangreichen Variationen vor – so kann man selbst entscheiden, ob man z.B. lieber 3 Klaviere von „mittelmäßigem“ Umfang (also mit weniger Layern) haben möchte oder nur eins, das dafür dann äußerst detailliert vorliegt.
Mit der zweiten Software, dem Sample Editor, ist es möglich, mit einiger Handarbeit eigene Samples in ein Format zu überführen, das der Electro versteht, samt zugehöriger Sample-Bearbeitung. Somit bekommt man jeden Lieblings-Sound in den Electro, vorausgesetzt, man ist zu dieser Eigenleistung bereit.

-- mit dem mitgelieferten Sample-Editor kann man seine eigenen Sample-Programme für den Electro vorbereiten --

— mit dem mitgelieferten Sample-Editor kann man seine eigenen Sample-Programme für den Electro vorbereiten —

Praxis

Klanglich weiss der Electro absolut zu überzeugen. Der Flash-Speicher für Samples umfasst 256 MB und damit laut Herstellerangaben acht mal soviel wie beim Vorgänger, und das merkt man: Die akustischen Pianos, die bisher als Schwäche des Electro galten, haben durch die erhebliche Erweiterung des Speichers enorm an Qualität dazu gewonnen und gehören jetzt sogar mit zu den besten, die ich von Hardware-Klangerzeugern kenne. Das gilt zumindest für die Flügel (Yamaha C7 und Steinway D). In der Kategorie Upright-Pianos steht bisher leider nur eins zur Auswahl, und das kann noch dazu klanglich nicht wirklich überzeugen: zu dumpf, zu speziell, zu wenig universell einsetzbar. Hier kann man auf zukünftige Updates hoffen. Durch die guten Flügel ist man aber im Bereich „Akustik-Piano“ schon jetzt sehr gut aufgestellt.
Die Rhodes (Mk I, II und V) und Wurlitzer klingen hervorragend und können dank der guten internen Effekte und Amp-Simulationen jedes musikalische Genre abdecken. Auch Yamaha CP80, Hohner Clavinet D6 und einige Harpsichords liegen in überzeugender Qualität vor.
Die Orgel war ohnehin schon immer eine Stärke des Electro und ist es nun um so mehr, da jetzt auch noch zwei neue Modelle hinzu gekommen sind, die einen guten Kontrast zur B3 bieten und der Electro damit eine größere Bandbreite als vorher abdecken kann. Auch die meisten Effekte wissen klanglich zu überzeugen, das Reverb könnte zwar besser sein, erfüllt aber seinen Zweck.
Die Bedienung ist absolut gelungen: man hat direkten Zugriff auf alle wichtigen Parameter und so innerhalb kürzester Zeit genau den Klang mit den Effekten so eingestellt, wie man ihn haben möchte – perfekt. Das Display kommt zwar aus der Steinzeit, ist aber trotzdem vollkommen ausreichend, dank der aufgedruckten Parameter-Kürzel.
Positiv überrascht bin ich von der Waterfall-Tastatur. Ich komme eigentlich vom Klavier und bevorzuge daher seit jeher gewichtete Tastaturen mit Hammermechanik, sodass ich der nur leicht gewichteten, orgeltypischen Waterfall-Tastatur zunächst skeptisch gegenüber stand. Sie stellt aber meiner Meinung nach den bestmöglichen Kompromiss für die verschiedenen Instrumente dar, die der Electro anbietet, und selbst für Klavier-Passagen gefällt sie mir sehr gut. Schnelle Läufe gelingen dank der schnell repetierenden Tastatur hervorragend, sie lässt sich auch sehr ausdrucksstark und feinfühlig spielen – für mich eine echte Alternative. Das ist aber sicherlich Geschmackssache. Und mit einer anderen Tastatur oder als Rack-Version gibt es den Electro nun einmal nicht, daher sollte man die Tastatur unbedingt testen.
Unschön ist, dass das interne Netzteil ein Brummgeräusch verursacht, das zumindest in sehr leisen Umgebungen deutlich wahrnehmbar ist.  Das ist zwar nicht wirklich laut, sodass es auf der Bühne oder im Proberaum egal ist, aber im Studio würde es mich stören.

Fazit

Ich muss gestehen, dass es schon lange keinem Keyboard mehr gelungen ist, mich auf Anhieb so zu überzeugen. Den Electro schaltet man ein, und man will einfach nur spielen, spielen, spielen. Das Handbuch habe ich erst aufgeschlagen, als ich mich mit dem Sample-Import beschäftigen wollte – oder besser gesagt musste, denn vermisst habe ich beim Electro 3 soundmäßig nichts. In meiner Band spiele ich genau die klassischen Standard-Keyboard-Sounds, die der Electro liefert – allen voran Pianos. Bisher benutze ich dafür aber eine Kombination aus Master-Keyboard mit Hammermechanik, MacBook, ext. Audio-Interface sowie NI Komplete Classics, weil ich der Überzeugung war, dass mir kein Hardware-Klangerzeuger die Sounds in einer Qualität liefern kann, die mich zufrieden stellt.
Seit diesem Test muss ich diese Einstellung stark überdenken. Was der Electro dort als Gesamtpaket mit einem Kampfgewicht von nicht einmal 8 bzw. 9 kg liefert, ist wirklich erstaunlich: hervorragende Sounds, sehr gute Bedienbarkeit, klasse Effekte und eine für meinen Geschmack sehr gut spielbare Tastatur, das Ganze verpackt in ein schickes und robustes rotes Gehäuse. Der Electro ist für alle Keyboarder interessant, die Orgeln, E-Pianos und akustische Klaviere in erstklassiger Qualität live einsetzen wollen, aber keine Lust haben, dafür die originalen Monster mitzuschleppen. Auch als Ergänzung in ein bestehendes Keyboard-Setup für genau diese Sounds ist der Electro eine gute Wahl – schade, dass für diesen Fall nicht mehr die Rack-Variante angeboten wird.
Keyboarder, die größtenteils klassische Keyboard-Sounds nutzen, für den ein oder anderen Song aber auch mal etwas anderes brauchen, können den internen Speicher mit beliebigen Samples füllen, so dass der Spezialist Electro etwas universeller einsetzbar wird.
Aber nicht vergessen: der Electro kann nicht unterschiedliche Sounds gleichzeitig wiedergeben! Dass dies nicht zu einem Punkt-Abzug führt, liegt daran, dass es das Konzept des Electros auch nicht erfordert – er ist eben ein Live-Keyboard und keine Workstation. Gerade deswegen hätten ihm aber symmetrische Ausgänge gut gestanden, ebenso ein MIDI-Thru zum Einbinden in größere Keyboard-Setups. Daher gibt es für das Nichtvorhandensein jeweils einen Minuspunkt – und für das brummende Netzteil ohnehin.

In einem Forum las ich vor kurzem einen Thread, in dem der Eröffner nach Alternativen zum Electro 3 fragte. Er bekam darauf keine einzige Antwort. Das mag Zufall gewesen sein, doch auch ich wüsste nicht, was ich ihm antworten sollte. Eventuell käme der Nord Stage aus gleichem Hause in Frage, doch der liegt preislich und – abhängig von der Tastatur – auch gewichtsmäßig in einer anderen Liga.
Bei anderen Herstellern fällt einem das ein oder andere Stage Piano ein, das in eine ähnliche Richtung geht – aber entweder haben die Sounds nicht die gleiche Qualität, oder das Gewicht ist mindestens doppelt so hoch, oder der Preis ist zu hoch oder oder oder … Durch seine Waterfall-Tastatur sticht der Electro ohnehin noch mehr aus der Masse heraus, denn diese bietet kein anderes „Stage Piano“.

Der Summe seiner Qualitäten und seiner „Einzigartigkeit“  hat es der Electro 3 in erster Linie zu verdanken, dass er von mir die volle Punktzahl bekommt – das ist das erste Mal, dass ich diese Höchstnote überhaupt vergebe. Das heisst nicht, dass nun jeder Keyboarder einen Electro braucht – aber jeder, der so etwas wie den Electro sucht, wird kaum adäquate Alternativen finden.

Plus

  • hervorragende Orgel-, E-Piano und Flügel-Sounds
  • mehr und bessere Sounds als der Vorgänger
  • kompakte Maße, geringes Gewicht, dadurch sehr transportabel
  • sehr gute Tastatur
  • sehr gute Benutzeroberfläche
  • Sound-Library durch kostenlose Updates erweiterbar
  • eigene Samples können mittels beigelegter Software importiert werden
  • gute Verarbeitung
  • gute Effekt-Sektion

Minus

  • Kategorie "Upright-Piano" kann qualitativ und quantitativ bisher nicht überzeugen
  • lautes Netzteil
  • keine symmetrischen Ausgänge
  • kein MIDI THRU

Preis

  • Electro 3 61: UVP 1.902 Euro, Straßenpreis 1.600 Euro
  • Electro 3 73: UVP 2.081 Euro, Straßenpreis 1.750 Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    unifaun  

    Ich wollte mir eigentlich einen Hammond-Clone wie Roland VK-7/8, Korg CX-3, oder Hammond XK-1 als Ergänzung zu meinem Roland FAntom X-6 zulegen. Denn Workstations – egal von welchem Hersteller – können einfach nicht vernünftig orgeln.

    Aber dann bin zufällig auf einen gebrauchten Nord Electro gestoßen, der ursprünglich ein 1er war, aber durch Software-Update komplett zum 2er wurde. Wo gibt’s das denn sonst noch?

    Orgel: genial
    E-Pianos: sehr schön, die besten, die ich habe
    CP-80/Clavinet: auch sehr gut
    AkustikPianos: nette Beigabe, aber da bleibe ich bei meinem Fantom.

    Wenn ich irgendwann nochmal Geld übrig haben sollte, dann ist auch für mich der 3er fällig! Aber mit dem 2er kann ich sehr gut leben.

  2. Profilbild
    XCenter  

    Leider wird mit keinem Wort auf das Handling der Samples im Electro eingegangen. „Samp Env“ auf dem Panel deutet ja an, dass es zumindest etwas weiter geht als nur aufbereitete Wavesets über die Klaviatur abzufeuern.

    • Profilbild
      j.stoffers  

      Hallo XCenter! Da erlaube ich mir mal, dir freundlich zu widersprechen, denn im Test steht: „Hat man sich für SAMPLE LIBRARY als Kategorie entschieden, kann man unter SAMP ENV noch zwischen verschiedenen Hüllkurvenverläufen für das Abspielen der Samples wählen.“ Und mehr ist es wirklich nicht, was man dort einstellen kann. Es gibt 4 feste Settings für Attack und Velocity und 4 weitere Presets für die Releases der Samples. Noch einmal: der Electro ist weder Sampler noch Synthesizer oder Workstation und will es auch nicht sein.
      Viele Grüße,
      Jens

  3. Profilbild
    C-j

    Danke für den sehr ausführlichen Test.
    Ich werde morgen sofort zum Händler gehen und das Gerät ein wenig bespielen. Wenn mir dann die Tastatur keine Úngewohnheiten übermittelt hole ich es direkt mit.

    Danke.

    Gruß, C-j.

  4. Profilbild
    bayer05

    Danke für den sehr umfangreichen und fundierten Test. Jedoch habe ich mich als Band-Tastenmann für den Nord Stage compact entschieden. Der hat alle Vorteile des Electro -leicht, sehr gute Waterfalltastatur – UND eine prima Synthabteilung der Fraktion „Wer mit einem beliebigen Synthie umgehen kann, ist hier richtig!“. Verschiedene Live-Settings und Schnellspeicherung sowie Masterkeyboardfunktionen ersetzen für mich meine seit über 20 Jahren genutzen Workstations. Die Möglichkeit, Samples zu laden, editieren , speichern, abzufeuern, gibt es aber dafür nicht. Die gesamte kostenlose Piano-Library steht natürlich zur Verfügung. Ich bewundere den kostenlosen Support von Clavia, der hier für mein Auslaufmodell noch Updates mit NEUEN sinnvollen Funktionen herausbringt. Bisher keine Abstürze, Bugs, Hardwaredefekte… so soll es sein. – Einziger Negativpunkt in der Praxis: die roten Status-LEDs kann ich bei hellem Licht – LIVE beim Straßenfest – absolut nicht erkennen. Auf der Wunschliste: Audioausgänge in XLR-symmetrisch sowie alternativ in einem gängigen Digtalprotokoll z.B. S/PDIF

  5. Profilbild
    C-j

    Hallo, also der Electro3 ist sptze das Vorweg.
    Ich weiß wirlklich nicht wo ich das sonst hier reinschreiben könnte … aber ich würde mich so über einen Test des neuen Korg SV-1 freuen.

    Bitte um Antwort.

    Gruß, C-j.

  6. Profilbild
    moogist  

    Das NE3 ist tatsächlich das Instrument, das mit Dir durch dick und dünn geht :-) Die Soundengine ist einfach Spitze und lässt für den Live-Keyboarder keine Wünsche offen. Kritik ergibt sich für mich am Interface zwischen Spieler und Instrument: Die Tastatur. Es handelt sich um eine (imho) schwergängige Plastiktastatur. Es gibt keinerlei Anpassungsmöglichkeiten wie z.B. wählbare Velocity-Curves o.ä. Man braucht recht viel Kraft, um sehr schnelle Läufe „hörbar“ zu spielen. Immerhin gibt es einen Kompressor, mit dem dies ganz gut kompensieren kann.

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