Test: Epiphone Wilshire P-90, E-Gitarre

6. Dezember 2020

Vintage-Schönheit in Neuauflage - die P90

Epiphone Wilshire P-90

Epiphone Wilshire P-90

Die Wilshire ist wieder da! Epiphone präsentierte dieses Modell erstmals im Jahre 1959 und stattet die aktuelle Neuauflage nun mit einem Satz P90-Pickups aus. Zugegeben, über ihre Optik lässt sich streiten – Schönheit liegt ja immer im Auge des Betrachters. Das soll uns aber nicht interessieren, viel mehr gilt unsere Aufmerksamkeit dem, was sich unter der Haube des kirschroten Korpus verbirgt. Was kann man mit ihr anstellen, wie ist sie zu spielen und wie gut ist die Verarbeitung gelungen? Das alles werden wir im folgenden Artikel herausfinden.

Epiphone Wilshire P-90 – Facts & Features

Auch wenn der aus Mahagoni hergestellte Korpus in seiner Form vermutlich manchem sauer aufstoßen wird, so ist das mit den beiden weiten Cutaways doch sehr praktisch. Die Erreichbarkeit der oberen Lagen des Griffbretts ist vorzüglich, zudem bringt die Gitarre nicht viel Gewicht auf die Waage, was eine gute Performance verspricht. Unser Testmodell besitzt ein Cherry-Finish, das nicht ganz deckend lackiert wurde, man kann also die Struktur des verwendeten Holzes gut erkennen. Zwei Teile Mahagoni wurden verwendet, was man beim Blick auf die Rückseite feststellen kann. Dort hinten befindet sich auch das Fach für die Elektronik, dessen Abdeckung erfreulicherweise versenkt eingesetzt wurde.

Die Decke bzw. die Oberseite ist flach wie Holland und wird gut zur Hälfte von einem Tortoise-Pickguard bedeckt, das auch den P90-Pickup in der Halsposition umschließt. Zwei dieser Tonabnehmer befinden sich an Bord, sie werden über einen Dreiwegeschalter ausgewählt, beide besitzen eigene Regler für Volume und Tone, auf deren Achsen schwarze Plastikknöpfe aufgesteckt wurden. Die Qualität der verwendeten Potis und die der Regler kann man für ein Instrument dieser Preisklasse als zufriedenstellend bezeichnen: Die Regler wackeln zwar etwas, dafür aber laufen sie nicht zu schwer auf ihren Achsen. Der Schalter hingegen gibt ein recht gutes Bild ab, rastet er doch knackig in seinen drei Positionen ein und sitzt fest und ohne Spiel in seinem Sitz.

Zu einem Problem könnte die Klinkenbuchse werden, denn sie befindet sich ebenfalls auf der Decke – auf das Kabel treten ist also strengstens verboten, sonst dürfte hier ein unschöner Schaden entstehen. Wenn nicht an der Buchse, dann am Klinkenstecker. Also immer schön eine Schlaufe durch den Gurt führen, um Schlimmeres zu vermeiden.

Epiphone Wilshire P-90 Schaltung

Epiphone Wilshire P-90 Schaltung

Mahagonihals mit Indian Laurel Griffbrett

In den Korpus eingeleimt wurde ein Hals, der ebenfalls aus Mahagoni besteht und ein Griffbrett aus Indian Laurel mit einem 12″ Radius trägt. Erwähnte ich bereits die gute Erreichbarkeit der oberen Lagen auf dem Griffbrett aufgrund der weit ausgesägten Cutaways, so steuert ganz sicher auch der Halsfuß seinen Teil dazu bei. Denn er ist, ähnlich wie bei der Gibson SG, sehr schlank ausgefallen und setzt der Greifhand kaum einen Widerstand beim Bespielen dort oben entgegen. Bei der Wahl des Lacks hat man beim Hersteller offenbar ein glückliches Händchen bewiesen und eine Schicht aufgebracht, die zum einen das Instrument wirkungsvoll gegen äußere Einflüsse schützt und zum anderen kein unerwünschtes Ankleben der Greifhand verursacht. Die Halsrückseite wurde nämlich auch lackiert und das wie die komplette Gitarre sehr sauber und sorgfältig. Schleifspuren oder gar Lacknasen sind auch bei genauerem Blick keine zu erkennen.

Das Halsprofil mit seinem Modern-C Querschnitt ist sehr schlank ausgefallen und ermöglicht so eine angenehme Bespielbarkeit. Etwas Kritik muss jedoch die Bundierung einstecken, denn die Bundkanten wurden nicht ganz so sorgfältig bearbeitet, hier und da piekst es doch etwas. Jedoch haben alle 22 Stäbe eine einwandfreie Politur ihrer Oberflächen erhalten, sodass es von Anfang an ohne Schabgeräusche und den damit verbundenen Schwierigkeiten, etwa bei Bendings und Slides, zur Sache gehen kann. Leichte Schwächen offenbart auch der Graph Tech Sattel, der auf beiden Seiten in seinem Sitz ein Stück herausragt. Gut, das bringt jetzt in der Praxis keine Nachteile, sollte in einem Testbericht  aber nicht unerwähnt bleiben. Die Mensur zeigt sich Gibson-typisch mit einer Länge von 628 mm.

Epiphone Wilshire P-90 Griffbrett

Indian Laurel Griffbrett mit attraktiver Maserung

Epiphone Wilshire P-90 – Hardware

Die Tune-o-Matic Bridge und das Tailpiece wurden so auf der Decke aufgeschraubt, dass man in jedem Fall eine angenehme Auflage für die rechte Hand findet und das Plektrum exakt zwischen den beiden P90-Pickups auf die Saiten trifft. Die Verchromung der beiden Teile hinterlässt einen guten Eindruck und sollte über viele Jahre hinweg selbst dem aggressivsten Handschweiß dauerhaft Paroli bieten können. Am anderen Ende der Drähte sitzen sechs Vintage-Tuner mit weißen Mini-Buttons, an denen es ebenfalls nichts zu kritisieren gibt. Stellen die Mechaniken in aller Regel bei einer Gitarre in dieser Preisklasse eher ein Schwachpunkt dar, so überraschen diese jedoch mit nahezu keinem Spiel auf ihren Achsen, was somit ein schnelles und präzises Stimmen ermöglicht. Ach ja, bliebe noch das Blechschild auf der Kopfplatte zu erwähnen … Epiphone nennt es „Bikini Badge“ und auch an dieser Stelle werden sich die Geschmäcker ganz bestimmt wieder in zwei Lager teilen.

Epiphone Bikini Badge

Kopfplatte mit „Bikini Badge“ Blechschild

Epiphone Wilshire P-90 – Praxis-Check

Akustischer Grundsound/Handling

Überraschend frisch und resonant im Grundsound geht die Wilshire P90 bereits im trocken angespielten Zustand zu Werke. Ihr Klang ist reich an Höhen und Mitten, nicht ganz so überzeugend ist allerdings das Sustain der Konstruktion. Durch das geringe Gewicht, die weit ausgesägten Cutaways und das schlanke Halsprofil bietet das Instrument eine gute Bespielbarkeit, die sicher noch besser sein könnte, wenn man sich mit dem Setting ab Werk etwas mehr Mühe gegeben hätte. Die Saitenlage unseres Testinstruments ist unangenehm hoch, zumindest dann, wenn man auch mal zu einem Solo jenseits der Oktavlage ansetzen möchte. Das ist aber in dieser Preisklasse nichts Ungewöhnliches, auch andere Hersteller zeigen in diesem Low-Budget-Bereich und an diesem Punkt in aller Regel Schwächen. Die gute Verarbeitung des Halses und der Bundierung ermöglicht jedoch durch simples Absenken der Brücke recht schnell ein komfortables Setting, immerhin wurde unsere Testgitarre in absolut oktavreinem Zustand ausgeliefert und intonierte in allen Positionen auf dem Griffbrett einwandfrei.

Elektrischer Sound

Zugegeben, das hätte ich persönlich so nicht erwartet. Die beiden P90 schaffen es nicht nur, den erstaunlich frischen Grundsound der Gitarre an den Amp weiterzuleiten, sondern besitzen zudem eine gehörige Portion Vintage-Charme. Und wer jetzt gedacht hat, dass man mit der Wilshire P90 nur 60er-Jahre Akkordschlachten fahren kann, der fühlt sich nach dem Schalten des Amps in den Overdrive sofort eines Besseren belehrt. Klar, P90-Pickups brummen von Natur aus immer, diese hier aber erstaunlich wenig und sie zeigen sich auch im verzerrten Bereich als mehr als brauchbar. Das Klangbild bleibt stets klar, höhenreich und definiert, was die Gitarre nicht nur für unverzerrten 60s-Sound tauglich macht, sondern durchaus auch für singende Leadlines. Schade nur, dass das Signal spürbar an Kraft verliert und sein ansonsten kräftiges Bild einbüßt, sobald man einen der Volume-Regler absenkt. Bei Vollanschlag jedoch kann dieser Sound hervorragend für Blues und aller Arten von Rock-Sounds genutzt werden und das unabhängig davon, ob man nun den P90 am Hals, den am Steg oder beide gleichzeitig einsetzt.

Die Wilshire P90 Klangbeispiele

Für die folgenden Klangbeispiele habe ich die Epiphone Wilshire P-90 in den Eingang meines Mesa/Boogie Studio 22+ eingeklinkt. Vor dem Boogie wurde ein AKG C3000 Mikrofon platziert, ehe das Signal in Logic Audio aufgezeichnet wurde. Effekte wurden wie immer keine benutzt, lediglich ein Kompressor diente in Logic zum Einpegeln der Summe.

Fazit

Auch wenn die Optik der Epiphone Wilshire P90 ganz sicher für Gesprächsstoff sorgen kann, unter ihrer Haube verbirgt sich eine gute Verarbeitung, eine ebenso gute Bespielbarkeit sowie eine Menge Potenzial in Form eines strahlenden und frischen Klangs, der sich für viele Stilistiken einsetzen lässt. Überraschung gelungen!

Plus

  • frischer und strahlender Klang
  • gute Bespielbarkeit
  • insgesamt gute Verarbeitung

Minus

  • Bundkanten nicht sorgfältig abgerichtet

Preis

  • 449,- Euro
Klangbeispiele
Forum
    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Die Schaltung ist so, wie man sie bei Gibson/Epiphone bzw. erwartet: Der Schalter wählt zwischen Neck-Pickup, beiden PUs und dem am Steg. Für jeden P90 gibt es einen Volume- und einen Tone-Regler.

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