Test: Fender AM Orig. 60 Jazzmaster, E-Gitarre

24. Mai 2020

Fender Jazzmaster in Originalgetreu!

Test Fender American Original 60 Jazzmaster

Die Geschichte der Jazzmaster ist unmittelbar mit der Geburtsstunde der rausch- und feedback-armer Humbucker verknüpft, hatte aber einen – wenn man so will – enttäuschenden Start. Leo Fender hatte gehofft, mit der Jazzmaster den absoluten und definitiven Nachfolge der Stratocaster gefunden zu haben in einer Ära, als neue Gitarrenmodelle nur so aus dem Boden sprießten. Doch die Verkaufszahlen blieben zunächst hinter den Erwartungen zurück. Wenn man bedenkt, dass die Jazzmaster speziell in den 90ern die Go-To-Gitarre für unzählige experimentelle Musiker war, ist es ein wenig ironisch, dass Leo ursprünglich mit der Jazzmaster ein neues, „sauberes“ Image für Fender einläuten wollte – frei vom düsteren, bisweilen unchristlichen Nimbus des Blues, das dem Republikaner Leo zum Teil sowieso sauer aufstieß.

Der Rest ist Geschichte – die Jazzmaster hat bekanntlich ganz andere Wege eingeschlagen, blieb dem Jazz nicht treu, sondern findet sich heutzutage in unzähligen Folk-, Noise-, Indie- und Grunge-Gruppierungen wieder. Die Fender AM Orig. 60 Jazzmaster ist ein besonders nostalgisches Vergnügen – es handelt sich um eine authentische Nachbildung der originalen Jazzmaster. Keine ästhetischen „Updates“, keine technischen Sperenzchen – originales Offset-Design und authentischer Klang. Mit Freuden widmen wir uns nun dem Test:

Fender AM Orig. 60 Jazzmaster, E-Gitarre – Facts and Features

Geliefert wird die Fender AM Orig. 60 Jazzmaster stilecht in einem Deluxe Koffer mit flauschigem Innenmaterial. Gleich zu Beginn stelle ich sofort fest: Auch wenn ich persönlich das originale, erdige Jazzmaster Finish bevorzuge, entfaltet das Ice Blue Metallic Finish aus Nitrozellulose durchaus einen Retro-Charme, der sehr nah dran ist am originalen Ocean Turquoise Finish des Originals. Bei dieser Art von Nitrolack wird die Resonanz des Holz nicht beeinträchtigt – einer der Hauptgründe, warum es hier zum Einsatz gekommen ist. Zum Offset-Design an sich muss man denke ich nicht viel sagen – es wird immer Leute geben, die es lieben und andere, für die es unbegreiflich ist, wie man sich mit so einem Design auf die Bühne stellen kann.

Test Fender American Original 60 Jazzmaster

Unter dem Finish befindet ein Korpus aus kräftiger, heller Erle – ein obertonreicher Klang soll also gewährleistet sein, der die Höhen und Bässe in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander bringt. Gleich zum Hals eine Anmerkung: Das originale Griffbrettradius wurde auf 9,5 Zoll beschränkt – in dieser Hinsicht gibt es ein zeitgemäßes Zugeständnis gegenüber dem früheren, etwas breiteren Radius. Kommen wir zum Hals: geschraubt, geschlagen aus Ahorn besitzt es trotz des eingeschränkteren Griffbrettradius die originale 60’s C-Form: Für die Bespielbarkeit bedeutet dies vor allem ein fügsames, griffiges Spielgefühl. Seit ’62 produzieren Fender „round-laminated“ Griffbretter – die Unterseite ist abgerundet, nicht flach, was für eine zusätzliche Robustheit am geschraubten Hals sorgt. 21 Vintage Tall Bünde besitzt der Hals, ausgehend vom Knochensattel und einer konstanten Sattelbreite von 42 mm, umrundet vom Ply White Binding, edel und perfekt aufgetragen, sowie den White Dot Einlagen. Die Mensur beträgt 648 mm – kommt einem irgendwie länger vor, was aber der Ergonomie des Korpus geschuldet sein dürfte.

Fender AM Orig. 60 Jazzmaster, E-Gitarre – Hardware & Elektronik

Originalgetreu ist die Elektronik selbstredend nicht – sie wurde rundum erneuert entlang der Bahnen, die trotzdem einen authentisch Sound erlauben. Was heißt das konkret? Der Lead-/Rhythm-Schaltkreis, das Markenzeichen der Jazzmaster schlechthin, ist selbstredend mit an Bord. Bei der Pickup-Frage entschied man sich für zwei Pure Vintage 65 Jazzmaster Single Coils.

Das Video zeigt einen Vergleich zwischen den Vintage Pickups und Stock Pickups – wer den Jazzmaster Sound kennt, weiß: diese Kombination aus Höhenlastigkeit und Präsenz der Bässe ist einzigartig – sehr sensitiv, aber ausgewogen. Seit jeher ist die Wicklung dieser Vintage Pickups sehr flach und breit, während die Wicklung selbst aus emailliertem Kupferdraht besteht. Die Konstellationen, die sich hierbei durch den Rhythm-/Lead-Circuit ergeben, zählen wir später im Genauen auf, aber zunächst zur Hardware:

Test Fender American Original 60 Jazzmaster

Die Kopfplatte mutet äußerst edel an, die Vintage Single Line Stimmmechaniken laufen weich über die Achsen – Stimmprobleme gibt es keine. Das Fender Vintage Floating Push In-Tremolo ist „historisch korrekt“, das in der Decke eingelassene Brückensystem ist sagenhaft sensitiv und erlaubt es, den Vibrato-Effekt in beide Tonrichtungen auszumerzen. Die Bridge lässt den Vibratohebel freigängig – will heißen, sobald man mit der Benutzung durch ist, pendelt das gute Stück nicht störend im Nutzungsradius herum. Die Stimmstabilität ist eine Nummer für sich – das Vintage Vibrato ist auch bei intensiver Nutzung meines Erachtens (fast) komplett stimmstabil und muss nur geringfügig nachjustiert werden. Die verchromte Hardware fügt sich übrigens formidabel ins hellblaue Gesamtbild ein.

Test Fender American Original 60 Jazzmaster

Die Wahrheit, weshalb eine Jazzmaster eine besondere Gitarre ist: Sie kann zwei distinkte Sounds in sich vereinen, zwei Gitarren, wenn man so will – das ist dem Rhythm- und Lead-Circuit und ihrem Zusammenspiel mit dem Volume und Tone-Regler zu verdanken. Der „Lead-Circuit“ ist, wenn man so will, der gewöhnliche: Beide Tonabnehmer werden hier vom Tone und Volume Regler angesteuert. Aktiviert man jedoch den „Rhythm-Circuit“ mit dem schwarzen Kippschalter, wird der dunklere Tonabnehmer am Hals separat mit Tone und Volume eingestellt, jedoch nicht mit den regulären Poti, sondern über die zwei schwarze Thumbwheels neben dem Kippschalter. So kann man zwischen einen gewöhnlichen Allrounder-Sound und einem dunkleren Rhythm-Sound quasi on the fly wechseln, ein Umstand, der vor allem eben aus der Tatsache resultiert, dass der Grundcharakter der Jazzmaster so hell ist. Die Ergonomie in Sachen Sound werden wir im Praxisteil zusätzlich nachvollziehen.

Fender AM Orig. 60 Jazzmaster – in der Praxis

Immer das Gleiche, wenn man sich an den C-Shape der Jazzmaster heranwagt: Es dauert, denn trotz der geschmeidigen, unlackierten Ahorn-Verarbeitung ist der Hals durchaus dick und benötigt kurzweilig eine Umgewöhnung – auch bei den angepassten, zeitgemäßeren Maßen. Unplugged ist die Fender AM Orig. 60 Jazzmaster eine leuchtende, klanglich resonante Angelegenheit ohne störende Nebengeräusche. Der Regelweg des Tone- und Volume-Reglers, die übrigens auch völlig weich und adäquat über ihre Achsen laufen, ist regelmäßig – sehr schön, was anderes würde man bei einer Gitarre dieser Gewichtsklasse auch nicht erwarten. Doch kommen wir zum Sound – rauschfrei, transparent, warm?

Test Fender American Original 60 Jazzmaster

Durchaus. Was von einer Jazzmaster aber niemals erwartet werden sollte: Ewiges Sustain, doch tatsächlich überrascht mich die AM Orig. 60 und hält sich wacker – definitiv langsamer im Abklang als beispielsweise eine Strat (jedoch nicht so langsam und beständig wie bei einer Paula). Der Grundsound ist weich, transparent und hat ein ordentliches Attack. Die Schärfe der Vintage Pickups birgt vor allem in der Bridge-Position einen leichten Telecaster-Charakter. Der Sound ist im wahrsten Sinne des Wortes in der Position vintage – ordentlich kratzig, mit voluminösem Low End; eine der schönsten Eigenschaften der Jazzmaster, die aufgrund der zusätzlich verarbeiteten Holzmenge bei aller Luftigkeit trotzdem ordentlich erdet.

So ganz hat mir das Argument mit dem „Mittelweg zwischen Stratocaster und Paula“ bei der Jazzmaster trotzdem nie ganz eingeleuchtet – auch hier, bei der Fender AM Orig. 60 Jazzmaster gilt, zumindest für mich persönlich: nicht mal ein Hauch Paula-Charakter mag sich einstellen. Die typischen P90 Paula Pickups sind entsprechend auch ganz anders aufgezogen, besitzt einen dickeren Spulenkörper und einen Unter-Magneten – daraus resultiert eine viel breitere Resonanz – die Jazzmaster ist und bleibt unverkennbar ein Single Coil Baby.

Aufgenommen wurden die Beispiele mit dem Yamaha THR und den Cab Sims des Two Notes C.A.B.. Den Wechsel zwischen Lead- und Rhythm-Circuit wagen wir bei Beispiel „Neck Pickup Both Circuits“ – beim Einsatz der Drums wird der Kippschalter betätigt und der dunklere Rhythmus-Schaltkreis genutzt. Der integrierte Kondensator bewirkt einen etwas dumpferen Sound, der auch durch dunklere Tone-Einfärbung nicht erreicht werden kann. Beim regulären Neck-Beispiel garnieren wir den Klang mit leichtem Reverb, beim Bridge Pickup 2-Beispiel wagen wir zusätzlich einen leichten Chorus. In der Vergangenheit wurden die Vintage Pickups ordentlich kritisiert für den unwirschen, kratzigen Sound in der Bridge-Position. Fakt ist: Die Pure Vintage 65 Jazzmaster Single Coils bleiben stets weich und direkt zugleich, und Akkorde erklingen voll und satt – für Indie- und Alternative-Rock also nach wie vor eine völlig konkurrenzlose Angelegenheit. Was im unmittelbaren Vergleich zu preiswerteren Jazzmasters auffällt: man bekommt hier definitiv ein besseres Sustain und einen vielfach transparenteren Sound.

Fazit

Willkommen im 21. Jahrhundert: versehen mit zeitgemäßer Elektronik, Hardware, einem schlankeren Hals als beim Original, während man gleichzeitig den Circuit-Kniff des Originals beibehalten hat – in der Tat fühlte sich die Fender American Original 60 Jazzmaster ein Stück weit wie Geschichte an. Wer mit dem Offset-Design und dem erdigen, aber offenen Sound nie etwas anfangen konnte, wird wohl kaum von dieser authentischen Neuauflage des Originals überzeugt werden. Wer aber mehr Power braucht, als einem eine Tele oder Strat liefern können, bessere Zerr-Sounds herausbekommen möchte als bei den eingestaubten Modellen und trotzdem auf traditionelle Ästhetik setzt – voilá. Kann man da nicht stattdessen auf eine J Mascis Jazzmaster für ein Viertel des Preises umschwenken? Nur, wer beim Sound ordentlich Abstriche machen möchte – denn diese Jazzmaster klingt definitiv fülliger, wärmer, offener und direkter als preiswerte Alternativen.

Plus

  • Nostalgische, originalgetreue Ästhetik
  • famoser Klang
  • rauscharme Pickups
  • gute Verarbeitung

Preis

  • 1.999.- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    mofateam

    Informativer Test, allerdings empfinde ich den Preis des Instrumentes als zu hoch.
    Interessant wäre auch das Gewicht der Gitarre.
    Und was die Demos betrifft:
    man muss schon Hardcore-Arrhytmmiker sein, um das auszuhalten…weniger (Drums) wäre mehr gewesen (weil dann nicht so schonungslos unmusikalisch).

  2. Profilbild
    Jörg Hoffmann  RED

    Also diese Gitarre ist noch ganz oben auf der Wunschliste. Toller Test – vielen Dank.
    Und wie Index schon schreibt: Super schöne Klangbeispiele. Das ist Grund warum ich hier noch keine Gitarren teste :-)

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