Test: Friedman Vintage T-AMVS90, E-Gitarre

3. Juli 2018

Schmutziger Rock 'n' Roll!

Anfang Juni erreichte unsere Redaktion ein dickes Paket des US-Herstellers Friedman Amplification. Doch darin verpackt war nicht etwa ein Verstärker oder eine Handvoll Effektpedale, die gehören nämlich schon länger zum Sortiment des Herstellers aus Los Angeles, sondern zwei elektrische Gitarren auf Basis der Tele- und der Stratocaster. Die metallicblaue Strat habe ich in einem ausführlichen Review schon in Augenschein genommen und für extrem gut befunden, nun ist es Zeit, sich die „abgewetzte“ Tele zu betrachten. Ihr Name: Friedman Vintage T-AMVS90.

Friedman Vintage T-AMVS90 – Facts & Features

Der Trend des „Agings“ in der Gitarrenszene scheint ungebrochen zu sein, auch die Friedman Vintage T-AMVS90 hat den Zahn der Zeit schon ab Werk deutlich zu spüren bekommen. Der aus einem sehr leichten Stück Erle hergestellte Korpus, der eingeschraubte Ahornhals sowie die komplette Hardware, von der Brücke bis zur kleinsten Schraube, wurden einem künstlichen Alterungsprozess unterworfen, der die perfekte Illusion einer „gut abgehangenen“ Tele abgibt. Über Sinn und Unsinn des „Agings“ kann man sich sicherlich streiten, Fakt ist aber, dass die Arbeiten an unserer Testgitarre mit penibler Gründlichkeit ausgeführt wurden und man allein dafür schon den Hut ziehen kann!

Auf den Klang und die Bespielbarkeit des Instruments haben diese optischen Besonderheiten natürlich keinen Einfluss, da bedarf es schon mehr an Erfahrung bei der Auswahl des Tonholzes, der Pickups und der Hardware. Aus diesem Grund hat Dave Friedman auch für die Entwicklung der Vintage-T Baureihe, aus der unsere Vintage T-AMVS90 stammt, auf die Erfahrung und die geschickten Hände von Grover Jackson gesetzt.

Friedman Vintage T-AMVS90

Ein dünner Nitrozelluloselack überzieht den Korpus, der auf der Decke gut zur Hälfte von einem schwarzen Pickguard bedeckt wird. Gegenüber dem Original aus dem Hause Fender besitzt die Friedman Vintage T-AMVS90 auf der Rückseite allerdings die allseits beliebte „Bierbauchfräsung“, wie man sie eigentlich von der Stratocaster her kennt. Somit schmiegt sich der federleichte Korpus, der ansonsten fast identisch mit dem der originalen Tele ausgefallen ist, bequem an den Spieler an. Das blassweiße Finish unseres Testinstruments bezeichnet der Hersteller als „Vintage White“, erhältlich sind die Teles aus der Vintage-T Serie darüber hinaus noch in vielen anderen Farben und Ausstattungen – und mit stets individuellen Abnutzungsspuren, keine gleicht hier der anderen.

Friedman Vintage T models

— Ein Teil der erhältlichen Modelle der Friedman T-Serie —

Außen pfui, innen hui!

Auch wenn die Optik unserer Friedman Vintage T-AMVS90 zweifellos malträtiert wirkt – in technischer Hinsicht befindet sich die Gitarre auf dem allerneuesten Stand. Zu bemerken ist, das an vielen Stellen, sei es nun die perfekt ausgeführte Bundierung, die hochwertigen Vintage-Mechaniken, die vier sahnig weich laufenden Potis oder etwa der Dreiwege-Schalter, mit dem die beiden eingebauten P90-Pickups angewählt werden. Ja, es bestehen also große Unterschiede in der Pickup-Bestückung zwischen der „klassischen Telecaster“ mit ihren Singlecoils an Hals und Steg und der Vintage T-AMVS90 mit den zwei P90-Typen, die eine Eigenentwicklung von Friedman sind. Genau so wie auch die Mechaniken und die Brücke mit ihrer String-Through-Saitenführung, für die gewisse Extraportion Sustain und Resonanzen.

Friedman Vintage T-AMVS90 rear

— Blick auf die Rückseite des Korpus —

Viel zu schalten gibt es also bei der Elektrik nicht, es stehen nur die Kombinationen Hals-Pickup, beide Pickups oder der P90 am Steg im Alleinbetrieb zur Verfügung. Korrekturen können über ein Volume- und ein Tonepoti vorgenommen werden, beide Tonabnehmer besitzen ihre eigenen Regler dafür. Die wurden mit griffigen Kunststoffknöpfen bestückt, deren Alter man ebenfalls auf deutlich mehr als vier Jahrzehnte schätzen könnte, wäre es nicht so gewollt. Rein optisch betrachtet könnten die Knöpfe auch vom Bedienpanel eines alten Fender Amps stammen.

Mit einer Sattelbreite von 42,8 mm, einem Griffbrettradius von 10″ und einer Mensur von 648 mm Länge hält sich die Vintage T-AMVS90 ziemlich nah am Original von Fender. Das Halsprofil hingegen ist schon etwas fleischiger ausgefallen, was sich aber in keiner Weise negativ auf die Bespielbarkeit auswirkt. Ganz im Gegenteil, denn die Halsrückseite wurde ebenso einer Behandlung unterzogen und verwöhnt die Greifhand mit einem extrem „holzigen“ Gefühl: Nichts klebt oder bremst etwa die Hand auf irgendeine Art beim Beackern der 22 Bünde.

Friedman Vintage T-AMVS90 neck

— Wunderbar bespielbare Halsrückseite —

Die verwendeten Bundstäbchen glänzen übrigens im Jumbo-Format und ermöglichen so ein sauberes, problemloses Intonieren auf der gesamten Länge des Halses. Zudem sind ihre Oberflächen absolut perfekt poliert, sodass Bendings sauber und mit dem geringsten möglichen Kraftaufwand vonstattengehen. Und dass die Kanten der Stäbe penibel abgerichtet wurden, habe ich ja bereits weiter oben schon erwähnt. Das hier ist absolute Customshop-Qualität, keine Frage! Und damit ab zum Soundcheck auf der nächsten Seite!

Klangbeispiele
Forum
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    h3rtz  

    Das gute Stück erinnert ja schon mehr als nur ein bisschen an die Squier Tele Custom II, die es für ein Zehntel des Geldes im Neuzustand gab ;)

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    AMAZONA Archiv

    Jo, bringt mich gerade auf die Idee, zum „Gitarrenager“ berulich umzusatteln. Man kaufe Billiggitarren, stecke sie in den Ofen und Kühlschrank, kloppe ein bissken mit dem Hammer drauf, feile ungeschickt an den Kanten rum und verscherbele die Dinger dann für einen vielfachen Preis.
    Zum Test: klingt m.E. wirklich gut. Wer sich die leisten kann, ist ganz gut bedient, sach ich mal….

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      TobyB  RED

      Das nennt man Upcycling und war mal ein Trend bei Dawanda jetzt Etsy ;-)

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      Stephan Güte  RED

      Na jaaaa, sooo einfach isses ja nun auch nicht ;) Die Tonhölzer sind schon fein, leicht und resonant, die P90 ziemlich cool, der Hals ein Traum und irgendwie hat man das Gefühl, das Teil schon 30 Jahre selbst runtergenudelt zu haben. Richtig, richtig cool (!)

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        TobyB  RED

        Morsche Stephan,

        ich bin eher so der „ich geh pfleglich mit dem Gear um Typ“ und wenn meine Klamotten zu Vintage und Used aussehen, gibts Schimpfe vom Controlling des Herzens ;-) Neulich gabs Mecker. weil ein Kontroller verstaubt war. :-D Andersrum bekomme ich auch Lob, wenn ich von Flohmarkt mit einem NOS Teil herkomme, so es nicht teuer war… Wobei ich mich dann immer Frage, wie kann man 20 Jahre lang etwas im Lager vergessen.

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    AMAZONA Archiv

    Klingt cooler. „Was machen Sie beruflich?“
    „Selbstständiger Upcycler.“
    „Aha, und was machen Sie da so?“
    „Gitarren zerkloppen, ankokeln, einfrieren und die für teuer Geld verkaufen.“
    Und zwischendrin macht man dann mit der Technik mal ’ne Blues Beuys Boys Gitarre, die im Museum of Modern Art ausgestellt wird, neben der Suppendose von Warhol.

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      TobyB  RED

      Hallo Welle,

      je kürzer der Titel desto cooler die Position ;-) Du hast das schon richtig erkannt. Ich war mal im Darmstadt, im Hessischen Landesmuseum zur Beuys Dauerausstellung, da gabs dann menschliche Haufen, Fettklumpen in Filz und anderes, ich habs intellektuell nicht packen können. Aber eine upcycled Gitarre oder Tasten schon ;-)

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        AMAZONA Archiv

        Also, wer Böcke hat, kann in mein Unternehmen mit einsteigen. Doku-Fernsehreihe ist auch schon geplant: „Die Gitarrenludolls“.

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          TobyB  RED

          Also ich bin dabei. Mach aber nicht den Horst. Der ist dieser Tage recht ungelitten, also der Horst ;-)

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    MidiDino  AHU

    Es kann schon erstaunen, wie sich einige an unerheblichen Äußerlichkeiten festbeißen. Würde so etwas in ihrem Segment (Keys, Synth) geschehen, wäre im Kommentarbereich vermutlich der Teufel los ;-) Mir gefällt in diesem Fall die Kombination von Holzarten und speziellen P90ern sehr gut. Eine durchaus teure, aber vielfältig einsetzbare Gitarre, sogar im Jazz.

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      AMAZONA Archiv

      @ MidiDino

      Was ist denn bitteschön „ihr“ Segment? Erstmal klug machen, bevor man irgendwelche Floskeln ausbläht. Die Gitarre gehört zu „MEINEM“ Segment genauso wie Synthesizer, Bass, Mikros etc.
      Das Thema geagete Gitarren spaltet selbst puristische Gitarristen seit Jahren. und „unerhebliche“ Äußerlichkeiten sind das schon gar nicht, wenn Materialermüdung früher einsetzt, oder Lackschäden in Kauf genommen werden. Eine Gitarre kann mit genau den gleichen Holzarten und den hier erwähnten „speziellen“ P90 Coils auch ohne künstliche Alterung bzw. Beschädigungen hervorragend klingen, so ist es nicht. Wir reden hier nicht von 500 Euro Klampfen. Bei dem Preis dürfen ästhetische Fragen durchaus eine Rolle spielen.
      Und Telecasters lassen sich schon seit jeher für Jazz einsetzen. Im Jazz spielt die E-Gitarre und deren klangliche Bandbreite in aller Regel sogar eine eher untergeordnete Rolle, im Vergleich zu anderen Genres.

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        MidiDino  AHU

        Ich habe keine Lust auf Ego-Trips. Niemand verlangt von Dir, dass Dir die getestete Gitarre gefällt, lediglich eine Angemessenheit in den Kommentaren …

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          AMAZONA Archiv

          Wo fehlt denn da die Angemessenheit? Kritikpunkt ist klar definiert, klanglich gefällt die Gitarre (steht in meinem ersten Kommentar) und der Rest war eine humoristische Einlage zum Thema Gitarrenaging generell. Wo ist da dein Problem? Unangemessen ist es eher, wenn man der Meinung ist, Kommentatoren per se abqualifizieren zu müssen, so wie du das hier tatest.

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