Test: Gibson Les Paul Tribute SCB, E-Gitarre

30. August 2020

Das abgespeckte Original

Ich erinnere mich noch, wie ich mir in meiner Jugend gelegentlich die Nase an den örtlichen Musikgeschäften platt drückte. Eines der Objekte meiner Begierde war eine Gibson Les Paul Standard mit einem Tobacco Sunburst Finish. Billy Gibbons von ZZ Top spielte damals auch so eine. Das beeindruckende Logo, welches die Kopfplatte zierte, strahlte Erfahrung und Stolz aus. Damals sprachen einige meiner Kumpels in ihrer Unwissenheit den Firmennamen sogar noch falsch aus, wie etwa „Djibbsen“ oder gelegentlich auch „Djeibbsen“. In der Annahme, mir die 1.650,- D-Mark teure Gitarre niemals leisten zu können, verließ ich das Musikgeschäft wieder. Einige Zeit später kaufte sich mein Bandkollege dann eine Gibson The Paul, die im Prinzip eine abgespeckte, aber deutlich günstigere bzw. bezahlbare Gibson war. Er hatte zuerst eine Ibanez Musician anvisiert, schwenkte dann aber nicht zuletzt aufgrund des magischen Firmennamens auf die „The Paul“ um und wurde glücklich mit der Gitarre.

Heute, rund vier Jahrzehnte später, hat der amerikanische Traditionsgitarrenbauer Gibson bekanntermaßen auch turbulente Zeiten hinter sich gebracht, die im Frühjahr 2018 sogar in einer Insolvenz endete. Nachdem sich Gibson dann von den un- bzw. wenig profitablen Geschäftsbereichen trennte, konzentrierte man sich wieder auf den Gitarrenbau. Nach diesem Neustart ist die heute zu testende Gibson Les Paul Tribute eines der Modelle, die den Neuanfang des weltbekannten Instrumentenherstellers begleiten. Nach vielen, auch häufig negativen Nachrichten, gerade was die handwerkliche Qualität der Instrumente betrifft, kommt natürlich Neugier auf, ob aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt wurde, wir dürfen also gespannt sein, ob ein Aufwärtstrend gegeben ist.

Die sogenannten Tribute-Modelle (der Les Paul, SG, Junior, etc.) sind rein äußerlich etwas abgespeckt, d. h. man erhält die typische Bauweise und charakteristischen Bestandteile, reduziert den Aufwand für das Finish und vermeidet möglicherweise überflüssige Schnickschnacks wie Binding am Hals oder Korpus, eine geriegelte Riegelahorndecke, etc. . Ansonsten sind die bekannten und beliebten Features natürlich weiterhin anzutreffen. Unsere heutige, vergleichsweise günstige Testkandidatin, die Gibson Les Paul Tribute wurde in den U.S.A. gefertigt und besitzt die Farbgebung „Satin Cherry Burst (SCB).

Gibson Les Paul Tribute – Facts & Features

Die Gibson Les Paul Tribute wird nicht in einem Koffer ausgeliefert. An dessen Stelle ist ein „Soft Shell Case“ aus Kunstleder getreten. Dieses besitzt die Farbe eines Gibson-Koffers (hellbraun) und wurde gut verarbeitet. Das Material ist fest, die Innenseite wurde, wie bei den Koffern auch meist üblich, mit rotem Plüsch ausgekleidet. Auch der Griff dieses Kunstleder Softbags ist von guter Qualität und ermöglicht ein komfortables Transportieren. Bei Bedarf kann das Softbag auch umgehängt werden.

Wer mal eine Les Paul Standard, Classic etc. gespielt hat, wird wissen, dass diese Modelle meist zwischen 3,9 und 4,75 kg liegen. Gelegentlich kann sogar auch die 5,0 kg Marke überschritten werden. Da kann ein Liveauftritt schon zur Qual für den Rücken werden. Verhältnismäßig leichte, nicht „gechamberte“ Les Paul Modelle sind schwer zu ergattern, wenn man mal eine findet, die sich etwas bei ca. 3,8 kg  Marke bewegt, kann man sich glücklich schätzen.

Korpus

Natürlich haben ein massiver Mahagonikorpus und eine dicke Decke aus Ahorn zur Folge, dass man ein Mindestmaß an Gewicht auf die Waage bringt, deswegen wurde ja auch irgendwann damit angefangen, „Tonkammern“ in den Korpus zu bohren, um die nun nicht mehr bleischweren Instrumente besser verkaufen zu können. Der als „Ultra Modern Weight Relief“ bezeichnete Korpus aus Mahagoni wurde vor dem Aufleimen der Ahorndecke mit Hohlkammern ausgestattet, die letztlich schlicht größere Bohrlöcher sind und zur Gewichtsreduktion beitragen. Diese sollen sich auch auf die Tonentfaltung bzw. die Resonanzen und das Sustain auswirken. Das ist die logische Konsequenz, die Frage bleibt nur, ob im positiven oder negativem Sinne. Das Finish unserer Testkandidatin ist matt ausgefallen, was nicht heißt, dass sie nicht auch ein wenig glänzt.

Hals

Der Hals der Gibson Les Paul Tribute wurde aus Ahorn gefertigt und natürlich eingeleimt. Meist kommt bei einer Paula an dieser Stelle Mahagoni zum Einsatz. Auf den Hals wurde das Griffbrett aus Palisander (Dalbergia latifolia) aufgeleimt. Dieses ist ausgesprochen trocken und könnte dringend eine „erste Ölung“ vertragen. Das Griffbrett ist farblich recht hell ausgefallen, es hat vermutlich nach dem Feinschliff keinerlei weitere Behandlung mehr erfahren dürfen.

Wir treffen auch ihre typische Mensur (628 mm) und Sattelbreite von 43 mm an. Zur besseren Stimmstabilität  wurde ein Tektoidsattel verbaut.

Die recht hohen 22 Medium Bünde wurden perfekt in das Griffbrett eingelassen und gleichermaßen weiterverarbeitet (abgerichtet, poliert, etc.). Die Rückseite des Halses wurde (wie auch der Korpus) matt lackiert. Schnelle Lagenwechsel lassen sich problemlos ausführen, ohne am Hals kleben zu bleiben.

Das Halsprofil der Les Paul Tribute ist ausgesprochen kräftig und schön abgerundet. Nach ersten Befürchtungen, der Hals sei zu fett, erwies sich dieser aber als ausgesprochen komfortabel zu bespielen.

Sicherlich aus Kostengründen hat man bei der Gibson Les Paul Tribute kein Binding an den Halskanten angebracht. Zur Orientierung dienen weiße Acryl-Trapez-Inlays im Griffbrett und weiße Punkte an der Griffbrettkante.

Leider muss an dieser Stelle auch über Verarbeitungsmängel berichtet werden. Am Hals ist für den Daumen der Greifhand ein „kleiner Absatz“ an der Griffbrettkante spürbar. Da man das Griffbrett vermutlich seitlich mit einem (zu dicken) Klebestreifen abklebte, um es bei der Lackierung vor Lack zu schützen und das Klebeband nach der Lackierung der Halsrückseite dann wieder entfernte, ist dort eine „kleine Stufe“ mit den Fingern eindeutig spürbar. Ein sehr dünnes Klebeband hätte den Job sicherlich perfekt erledigt. Eigentlich schade, dass man nach dem Neustart Gibsons so etwas noch sehen muss, wo es doch gerade jetzt gilt, den guten Namen auch mit perfekter Qualität zu untermauern.

Elektrik & Hardware

Die Les Paul Tribute wurde mit zwei Humbuckern bestückt, 490 R am Hals und 490 T am Steg.
Erwartungsgemäß finden wir zwei Volume- und zwei Tonregler. Der Tuneomatic Steg und der Stop Bar wurden aus Aluminium hergestellt. Auf eine Treble/Rhythm Unterlegscheibe unter dem Toggleswitch wurde verzichtet. Die Mechaniken sitzen fest, sprechen schnell an und lassen sich mit den griffigen „Kunststoff- Tulpen“ präzise Stimmen. Die Elektrikfach- und Toggle-Switch-Abdeckung aus Kunststoff auf der Rückseite des Korpus besitzen eine „Leder“-Optik.

Handling

Das Werkssetting des Instruments war erfreulicherweise in Ordnung. Der kräftige Hals liegt gut in der Hand, kein Kleben am Hals beim Lagenwechsel, auch das Stringbendings fällt sehr leicht. Die Tribute Paula bringt nur etwa 3,5 kg auf die Waage und ist somit gewichtsmäßig sogar etwa mit einer Stratocaster zu vergleichen.

Sound

Schon wenn man die Gitarre anspielt, wird schnell klar, dass man es mit einer echten Gibson Les Paul zu tun hat, auch wenn hier optisch Abstriche gemacht wurden. Die Paula resoniert wunderbar und erzeugt einen satten und sustainreichen Sound, wie man ihn von diesem Modell her kennt und erwarten darf. Ob und inwieweit sich die Hohlkammern auf die Qualität des Klangs auswirken, ist schwer zu beurteilen, diesbezüglich vertreten auch viele Fachleute unterschiedliche Ansichten.

Hören wir zunächst die klaren Sounds und beginnen mit dem Hals:

Gefolgt von der Mittelposition:

… und dem Steg:

Hören wir nun den Steg-Pickup verzerrt, auch da kommt ordentlich Freude auf, da dies der klassische, typisch mittige Rocksound der 80er ist, wie man ihn von unzähligen Tonträgern dieser Zeit kennt.

Schließlich der cremige sustainreiche Ton des Hals-Pickups mit verzerrtem Sound:

Auch hier hört man das gute Sustain des Instruments. Die 490 Humbucker erledigen ihren Job souverän, sodass der fette Grundsound auch am Amp exzellent wahrzunehmen ist.

Beim Zurücknehmen des Volume-Reglers ist ein deutlich wahrnehmbarer Verlust der hohen Frequenzen festzustellen, was auf die Abwesenheit eines sogenannten Treble-Bleeds hinweist. Da dieser Effekt hier recht auffällig ist, könnte man sich bei einem Fachmann schnell Abhilfe schaffen, indem man an beiden Volume-Potis (zwischen Anschluss 2 und 3) schnell einen Widerstand und Kondensator lötet. Der Zugang durch das Elektrikfach wäre unkompliziert.

Alle drei Schalterpositionen lassen sich gut einsetzen, wobei der Steg-Pickup vermutlich am begehrtesten ist, da er ein fettes Rockbrett liefert und sich mit seinem bissigen Sound sicherlich in einem Bandkontext erfolgreich durchsetzt. Aber auch die Mittelposition und der singende Sound des Hals-Pickups überzeugen absolut.

Die Klangbeispiele wurden mit folgendem Equipment aufgenommen:

Gibson Les Paul Tribute – Peavey Classic 20 MH – MESA/Boogie 1 x 12″ Thiele Box mit Creamback Celestion Lautsprecher – Shure SM57 – Apogee Duett – Mac mit Logic (etwas Hall bzw. Delay hinzugefügt).

Fazit

Die Gibson Les Paul Tribute klingt so, wie man es eben von einer Gibson Les Paul erwarten darf. Satter Ton, viel Sustain. Der Hals ist recht kräftig und wunderbar bespielbar. Wer also auf ein Hochglanzfinish und kleine optische „Abspeckungen“ im Vergleich zu beispielsweise den Standard-, Classic- oder Custom-Modellen, etc. verzichten kann, bekommt für verhältnismäßig kleines Geld ein wunderbares Instrument und einen hochwertiges Gibson Softcase dazu. Wäre die Verarbeitung auch an der Halskante perfekt gewesen, hätte die Tribute Paula sicherlich drei Sterne verdient.

Plus

  • Sound
  • Bespielbarkeit
  • Luxus-Gigbag inkludiert
  • Preis-Leistungs-Verhältnis

Minus

  • Verarbeitungsmängel an der Griffbrettkante

Preis

  • 1.049,- Euro
Klangbeispiele
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