Test: Kilpatrick Audio Carbon, MIDI-CV/Gate-Sequencer

Praxis

Ohne die Bedienungsanleitung steht man erst einmal vor dem Carbon, wie ein Ochse vor dem Berg. Allein die vielen Tastenkombinationen machen es unmöglich den Carbon ohne eine ausführliche und mühselige Studie des Manuals zu bedienen. Gerade die Doppelbelegungen der Taster sind mehr als gewöhnungsbedürftig, so ist zum Beispiel die Shift-Taste ein ständiger Begleiter bei ganz normalen Anwendungen. Zum Teil sind Funktionen sogar gefährlich nah bei einander, wie die Taste mit der Songs geladen und auch zugleich gespeichert werden: Vergisst man einmal die Shift-Taste beim Speichern zu drücken, wird ein leerer Song geladen und der vorher erstellte Inhalt unwiderruflich gelöscht.

Regelrecht in den Wahnsinn treibt einen zu Beginn die Timeout-Funktion von Untermenüs. Wenn für ein paar Sekunden nichts bedient wird, springt Carbon wieder zurück ins Hauptmenü, verändert man aber in diesem Augenblick einen Regler, verstellt man durch die Doppelbelegung bereits einen ganz anderen Wert. Der Sinn dahinter ist nicht nachvollziehbar, aber glücklicherweise lässt sich diese Funktion im neusten Betriebssystem komplett deaktivieren.

Eine Undo-Taste, wie zum Beispiel bei einem Akai MPC, sucht man vergebens. Es ist zwar möglich einen Track komplett zu löschen, aber gerade beim Hinzufügen von Overdubs wäre es wünschenswert zum letzten Arbeitsschritt zurückkehren zu können. Eine solche Funktion ist laut Hersteller aber auch in Zukunft nicht vorgesehen.

Beim Aufzeichnen von MIDI Control Changes wird nur ein Wert pro Step gespeichert, wodurch eine Reglerautomation wie bei einem klassischen Stepsequencer erklingt.
Leider ist eine step-unabhängige Aufnahme von Reglerwerten – wie beim Novation Circuit nicht möglich. So lassen sich zum Beispiel keine langsamen Filterverläufe eines Pads aufzeichnen.

Kilpatrick Carbon mit Yamaha DX7

Kilpatrick Audio Carbon mit Yamaha DX7

Wenn man sich nun durch den Dokumentationsdschungel des Kilpatrick Audio Carbon gekämpft, alle Eigenheiten verinnerlicht und die sehr gewöhnungsbedürftige Bedienung erlernt hat, bietet Carbon schließlich doch ein recht hohes, kreatives Potential. Tracks und Scenes lassen sich sehr abwechslungsreich verändern, auch bei laufendem Sequencer, so dass man bei einer Jam Session durchaus auf originelle und ungeahnte Ideen kommt.

Die sechs Tracks einer Scene können komplett unterschiedliche Längen und Auflösungen haben, sprich ein Track ist beispielsweise in 16tel-Noten und der nächste in Viertelnoten gerastert. Ungewöhnlich und erfreulich ist auch die Möglichkeit Triolen und punktierte Noten zu verwenden, ebenso wie der Ratchet-Mode mit dem bis zu acht Schläge pro Step gesetzt werden können. In Kombination mit der Swing-Funktion lassen sich so schön groovende Sequencen erzeugen.

Grundsätzlich muss man sich damit abfinden, dass alle Klangerzeuger über ein Masterkeyboard gespielt werden. Praktischerweise springt beim Wechseln der unterschiedlichen Tracks auch gleich die MIDI-Belegungen mit um, sofern vorher alle ordentlich konfiguriert wurden.

So lassen sich auch schnell und einfach Layer-Sounds mit mehreren Klangerzeugern erstellen, wenn verschiedene Tracks gleichzeitig angewählt werden. Gerade zum Jammen wurde Carbon mit diversen, brauchbaren Features bestückt: Mit der Live-Taste mutet man einen Track um zum Beispiel eine Variation spielen zu können, dafür ist auch der Arpeggiator nutzbar für den zahlreiche Presets zur Verfügung stehen (siehe und höre Klangbeispiele).

Einzelne Tracks des Kilpatrick Audio Carbon können per Encoder transponiert werden und alle Voicetracks einer Scene via Keyboard. Auf diesem Wege kann man eine Sequence in ein ganz neues Licht rücken und kommt auch auf interessante Songideen.

Einzelne Tracks lassen sich in Echtzeit durch das Verschieben vom ersten und letzten Step in ihrer Länge verändern, die Notenlänge kann übergeordnet variiert werden und bei Bedarf ist sogar die Laufrichtung umkehrbar.

Zu guter Letzt müssen noch die Mute-Pattern erwähnt werden, die die meisten Leute vom K4815 Pattern Generator Modul kennen und auf Grund ihrer charmanten Arcade-Charakteristik als ansprechend empfinden, zumal zum Teil recht lustige Motive wie Herzen, Smileys oder Space Invaders verwendet werden. Carbon bietet eine Vielzahl solcher Presets, die durch ihre unterschiedlichen Muster einzelne Steps muten. Sie können auf einzelnen oder mehreren Tracks angewendet werden, erzeugen äußerst variationsreiche Sequencen und Grooves und sind sogar in den Tracks und Scenes speicherbar.

Eine Software für den Kilpatrick Audio Carbon mit der eigene Mute-Pattern generiert werden können, ist laut Hersteller in Planung.

Kilpatrick Carbon mit Jomox XBase 09 und Doepfer Dark Energy

Kilpatrick Audio Carbon mit Jomox XBase 09 und Doepfer Dark Energy

Klangbeispiele

  • Klangerzeuger: Yamaha DX 7, Doepfer Dark Energy, Jomox XBase 09, Access Virus B, Roland RE-201
  • Aufnahme: Studer 962, RME HDSP + Multiface, Pro Tools (die Klangbeispiele wurden nicht weiter nachbearbeitet)

Fazit

Carbon von Kilpatrick Audio ist ein sehr spezieller und eigenwilliger MIDI-CV/Gate-Sequencer für den man viel Zeit und Geduld aufbringen muss. Wenn man seine Bedienung erlernt und sich allen Eigenheiten angepasst hat, bietet er ein nicht unbeachtliches kreatives Potential. Durch die vielen Live-Features können Sequencen sehr abwechslungsreich variiert werden, so dass man durchaus auf komplett neue Songideen kommt.

Die Anschlussmöglichkeiten sind umfangreich und ermöglichen es den Kilpatrick Audio Carbon als Kernpunkt eines Hardware-Setups zu nutzen, sei es nun im Standalone-Betrieb oder als MIDI-CV/Gate-Interface für den Computer.

Der Preis ist schon beachtlich hoch, so dass jedem potentiellen Käufer nur geraten werden kann das Gerät im Vorfeld in Ruhe auszuprobieren, um herauszufinden, ob die äußerst spezielle Bedienung einem zusagt.

 

Plus

  • sehr variationsreiches Mute Pattern
  • polyphone CV/Gate Signale
  • Ratchet-Funktion
  • Triolen und punktierte Noten sind realisierbar
  • USB-Interface für Midi- und CV-Gate-Signale

Minus

  • Dokumentation
  • sehr eigenwillige Bedienung
  • Miniklinkenkabel mit schmalen Isolatoren notwendig
  • keine Undo-Funktion
  • kleines Display

Preis

  • Ladenpreis: 795,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Erinnert mich ein bisschen an das, was XOR Electronics grade mit dem NerdSEQ am entwickeln ist.

  2. Profilbild
    NicGrey  

    Zitat Test-Autor: «Carbon von Kilpatrick Audio ist ein sehr spezieller und eigenwilliger MIDI-CV/Gate-Sequencer für den man viel Zeit und Geduld aufbringen muss».
    Seit einigen Tagen steht bei mir ein Carbon im Studio und nach ersten Anwendungen, kann ich vermelden: Ich habe weder viel Zeit noch Geduld aufbringen müssen um damit zu arbeiten und «sehr eigenwillig» fand ich die Bedienung auch nicht.
    Die Lernkurve ist enorm flach, vergleichbar mit dem Schrittmacher von Manikin. Der Seq von Polyend oder der Octatrack von Elektron, um hier zwei Beispiele zu nennen, sind deutlich komplexer in der Bedienung und erschliessen ihr Potential erst nach längerer Einarbeitung. Die Verarbeitung des Carbon ist absolut hochwertig, die Bedienung intuitiv. Das Manual ist übersichtlich und gut strukturiert, obwohl ich es kaum gebraucht habe. Dazu gibt es sehr detaillierte Tutorial-Clips auf Youtube von Andrew Kilpatrick. Der Preis liegt zur Zeit bei 490 USD direkt vom Hersteller oder ca. 600 Euro, falls man ihn noch bei einem Händler in D findet (Schneidersladen).
    Das Teil ist definitiv «underrated».

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