Test: Kilpatrick Audio Carbon, MIDI-CV/Gate-Sequencer

8. Januar 2017

Sequencer im Arcade-Style

Kilpatrick Audio Carbon ist ein MIDI-CV/Gate-Sequencer der kanadischen Firma Kilpatrick Audio für den als Vorbild das recht erfolgreiche K4815 Pattern Generator Modul diente. Bis zu sechs Klangerzeuger können gleichzeitig über separate Sequenzen gesteuert werden, die sich nach Herzenslust in Echtzeit transformieren, verschieben, verkürzen, verlängern und zerstückeln lassen. Neben seiner Hauptaufgabe als Standalone-Hardware-Sequencer ist der Kilpatrick Audio Carbon auch als reines MIDI-CV/Gate-Interface für PC und Mac nutzbar.

Kilpatrick Carbon

Kilpatrick Carbon

Auf den ersten Blick

Das grauweiße Gehäuse des Kilpatrick Audio Carbon besteht aus robustem Metall und hat die einladende Form eines Pultes. Seine Maße betragen 19,7 cm in der Breite, 20,3 cm in der Tiefe und 7,6 cm in der Höhe, wobei er ein Gewicht von 1,8 kg auf die Waage bringt. Die Bedieneroberfläche ist mit sechs multifunktionalen Encodern bestückt, die von LED-Kränzen gesäumt werden und – je nach Menüauswahl und Belegung – in unterschiedlichen Farben leuchtend bei der Orientierung helfen.

Obwohl es sich beim Carbon um einen Step-Sequencer handelt, wird er nicht wie ein Lauflicht-Sequencer programmiert. Daher dienen die insgesamt 19 Drucktaster zur allgemeinen Steuerung, Menü-Navigation und zur Auswahl der Tracks und Scenes (Sequenzen), nicht aber zum Anwählen einzelner Steps.

Das LCD Display ist der Kernpunkt des Carbon. Hier werden im Stil eines alten Arcade-Spieles alle 64 Steps und die sechs Tracks einer Scene grafisch dargestellt, alles weitere wird in Textform angezeigt. Leider fällt das Display recht klein aus (7,8 cm Höhe und 4,6 cm Breite), obwohl die Bedieneroberfläche Platz für ein doppelt so großes Display bieten würde, wenn die Encoder weiter außen säßen.

Rückseitig befinden sich sämtliche Anschlussmöglichkeiten zu denen eine üppige Anzahl an analogen Ausgängen gehören: 4 x CV, 4 x Gate, 1 x Clock und 1 x Reset.

Nicht alle Mono-Miniklinkenkabel können mit Carbon verwendet werden, da er bei einem zu breiten Isolator nur Störgeräusche ausgibt, was an den zu nah aneinander liegenden Kontakten der Buchsen liegt. Die CV-Ausgänge können wahlweise mit 1 oder 1,2 Volt pro Oktave betrieben werden.

Des weiteren gibt es zwei MIDI-Ausgäne, einen MIDI-Eingang, einen USB-Anschluss für PC und Mac und als Besonderheit einen USB-Host für weitere MIDI-Interfaces, MIDI-Controller oder zur Stromversorgung von USB Geräten bis 500 mA.

Mit dem ein Ein- und Ausschalter wird nicht einfach nur der Carbon aktiviert, sondern auch der Standalone- oder Interface-Modus angewählt. Direkt daneben befindet sich der Anschluss für das im Lieferumfang enthaltene 24 Volt Netzteil.

Insgesamt ist die Hardware sehr hochwertig verarbeitet, die Encoder wackeln nicht, haben einen gerasterten Regelweg und auch die Drucktaster wirken solide und langlebig.

Betriebssystem, Updates und Dokumentation

Die Bedienungsanleitung zum Carbon bietet Kilpatrick Audio nur im PDF-Format auf seiner Homepage an. Das ist in der heutigen Zeit nicht ungewöhnlich, jedoch wird man in diesem Fall auf eine kleine Odyssee geschickt:

Gleich auf der zweiten Seite des Manuals wird ausführlich darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Betriebssystem um ein Open Source Projekt handelt und der Hersteller ausschließlich eine Gewährleistung für die Hardware anbietet, nicht für die Software. Es folgt ein Link zu einer externen Open Source Programmierer-Seite die man für Updates und Fragen zum Betriebssystem aufrufen soll. Das hier angebotene Betriebssystem ist veraltet und hat zahlreiche Bugs, während die aktuelle, überarbeitete Version 1.06 dann überraschenderweise doch wieder auf der Kilpatrick Audio Homepage herunter geladen werden kann – versteckt auf der Seite für Hardwareprobleme.

Für die Installation ist neben dem Update ein kleines Programm notwendig, das lediglich auf einem PC mit Windows 7 oder einer höheren Version läuft. Ein Installationsprogramm für OSX ist laut Hersteller in Planung.

Solide verarbeitete Hardware

Solide verarbeitete Hardware

Der Kilpatrick Audio Carbon wird auf interessante Weise in den Update-Modus versetzt: Die USB Verbindung zum Rechner muss bestehen, während man den Ein- und Ausschalter gedrückt hält und dabei das Netzkabel einsteckt. Der Rest der Installation verläuft dann aber ohne weitere Probleme.

Leider ist auch das Lesen der Bedienungsanleitung sehr zähflüssig und umständlich, insbesondere da zum Teil Bedienungsabläufe an einer Stelle erklärt werden, die dafür benötigten Tastenkombinationen aber aus Tabellen an anderer Stelle herausgesucht werden müssen.

Wer sich für clever hält und dies mit Hilfe der knapp 40 Minuten langen Videodokumentation auf der Kilpatrick Audio Homepage umschiffen will, wird eines Besseren belehrt:  Zwar werden in den Videos ausführlich Funktionen und Tastenkombinationen gezeigt, aber versucht man diese anzuwenden, funktioniert nur ein Bruchteil, da die Videos veraltet sind und an vielen Stellen vom aktuellen Betriebssystem abweichen.

Verwendung als MIDI-CV/Gate-Interface

Um den Kilpatrick Audio Carbon erst einmal als reines MIDI-CV/Gate-Interface für PC und MAC zu benutzen, muss er per USB mit dem Rechner verbunden werden. Unter OSX läuft das nach dem Plug-and-play Prinzip, es ist keine Installation von einem Treiber notwenig und ProTools erkennt Carbon sofort als Interface.

Durch das Anwählen der unterschiedlichen MIDI-Ports bestimmt man die Belegungen der Ausgänge, die auch im Interface-Modus alle vielseitigen Möglichkeiten des Standalone-Betriebs bieten. Dazu zählen MIDI-In, MIDI-Out, der USB-Hub und die vielen unterschiedlichen Konfigurationen der analogen Ausgänge. Mit Hilfe von MIDI-Programm-Changes lässt sich bestimmen, ob die CV/Gate Buchsen separat oder polyphon genutzt oder ob zum Beispiel Velocity- oder CC-to-CV-Signale ausgegeben werden sollen.

Umgekehrt sind natürlich auch alle Encoder und Taster von Carbon als MIDI-Controller zur Steuerung eines DAWs verwendbar.

Zahlreiche In- und Outputs

Zahlreiche Ein- und Ausgänge

Sequencer

Die Struktur des Sequencers von Carbon lässt sich recht einfach zusammenfassen:
Ein Track verfügt über maximal 64 Steps, eine Scene besteht aus sechs Tracks, ein Song aus sechs Scenes und bis zu 64 Songs sind speicherbar. Pro Track wird festgelegt ob Carbon MIDI oder CV/Gate Signale ausgibt und ob es sich um einen Drum-Track oder Voice-Track handelt. Die sechs weißen Taster unterhalb des Displays dienen zum Anwählen und Muten von Tracks und Scenes.

Insgesamt bietet Carbon drei Arten der Programmierung an:

Beim Step-Recording muss der Sequencer gestoppt und die Anzahl der Steps bestimmt werden. Anschließend spielt man, unabhängig vom Timing, Note für Note per Keyboard ein, nach jedem Trigger springt der Sequencer einen Step weiter.

Für das Real-Time-Recording wurde Carbon extra mit einem kleinen Speaker ausgestattet, der als Einspielhilfe einen Klick ausgibt. Per Punch-In kann bei laufendem Sequencer ein Track via Keyboard aufgenommen oder mit Overdubs versehen werden, wobei es sich stets um einen additiven, nicht destruktiven Vorgang handelt. Um eine Aufnahme mit Vorlauf zu starten, muss der letzte Takt in einem Track angewählt werden, was leider nicht mit einem Encoder, sondern nur in Echtzeit, durch das Stoppen des Sequencers an der richtigen Stelle, geht.

Die dritte Methode der Programmierung ist die Stepeditierung bei der einzelne Steps per Scrollen mit einem Regler angewählt werden. Der zu bearbeitende Step wird bei jeder Editierung in einem Loop wiedergegeben, wodurch Veränderungen sofort hörbar sind. Das ist schon recht praktisch, aber dennoch empfiehlt es sich auf diesem Wege nur Nachbesserungen an Tracks vorzunehmen, da es recht mühselig und wenig intuitiv ist, auf diese Art eine komplett neue Sequence zu erzeugen.

Ein Song wird per Eventliste mit maximal 64 Einträgen erstellt, pro Eintrag wird eine der sechs Scenes, die Anzahl der Wiederholungen und die übergeordnete Transposition für alle Voice-Tracks angegeben.

Das Wechseln von Songs ist nur bei angehaltenem Sequencer möglich. Auch wenn die geringe Anzahl von sechs Scenes zunächst etwas spärlich wirkt, so bietet der Kilpatrick Audio Carbon dank der editierbaren Transpositionen und der zahlreichen Möglichkeiten Sequenzen in Echtzeit zu modulieren genügend Potential um einen ganzen Song anzufertigen.

Klangbeispiele
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    AMAZONA Archiv

    Erinnert mich ein bisschen an das, was XOR Electronics grade mit dem NerdSEQ am entwickeln ist.

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