Test: Millennia HV-35 Anniversary Edition, Mikrofonvorverstärker API 500 Format

21. Juni 2019

Kompakter Preamp im API 500 Format

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Test: Millennia HV-35 Anniversary Edition, Mikrofonvorverstärker API 500 Format

Der US-Hersteller Millennia bringt mit dem HV-35 Preamp eine Anniversary Edition des HV-35 500er Moduls auf den Markt.

Baugleich zum schwarzen HV-35 500er Modul mit dem Baujahr 2011, hat Millennia zum 25-jährigen Firmenjubiläum 2019 eine von Firmengründer John La Grou und seinem Team handsignierte HV-35 Anniversary Edition herausgebracht. Laut dem Aufdruck der handschriftlichen Chassis-Beschriftung ist diese auf 100 Stück limitiert. Einzig die Frontplatte des Anniversary Modells ist farblich anders gestaltet. Gäbe es einen gefälligen Farbcode für edel und zeitlos, so wäre dieser sicherlich in der Art des champagnergold-farbenen HV-35 Anniversary Modells zu finden. Also, schick ist er und handsigniert dazu, doch wie so oft sind es die inneren Werte, die uns interessieren und zum Testen bitten.

Der Hersteller Millennia

Millennia, mit Sitz im beschaulichen Diamond Springs im Norden Kaliforniens nahe Sacramento, beschreibt 1990 die ersten Seiten ihrer  Firmenhistorie. Die Produktphilosophie spricht die generell sehr wählerische Klientel der im klassischen und Filmscoring beheimateten Aufnahmezunft an. Natürlich sind alle Audioschaffenden potenzielle Käufer, doch erklärt sich die oft puristische zeitlose Optik der Millennia Geräte im Anspruch, mit wenig Regelbedarf, schnörkellose Ergebnisse liefern zu wollen. Durch färbefreie Signalketten im Geräteinneren, so steht es auf der Website, wird dieses Level erzielt. Das bestätigen zahlreiche Auszeichnungen und so komplettiert sich ein knappes Firmenprofil.

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Millennia HV-35 Anniversary Preamp, handsigniert vom Chef

Luchbox 500er Format bei Millennia

Der HV-35 kommt als 500er Einschub und muss in eine passende Kassette eingesetzt werden. Als Lunchbox-Kassette dient mir dazu die Fredenstein Bento 6s, die mit sechs freien Slots auf den mono HV-35 Preamp wartet. Der Hersteller Fredenstein hat neben puristischem Design praktisches Handling in den Vordergrund gerückt. Wir reden von nicht rackfähigen 500er Formaten, d. h. diese Lunchbox wird wohl in den allermeisten Fällen irgendwo sichtbar auf einem Case, Tisch oder anderem Mobiliar stehen und da will der Strippenzieher auch in Sachen Optik keinen bunt blinkenden trendigen Quatsch haben.

Zeitlos muss es sein, funktional und solide verarbeitet. Fredenstein liefert mit der Bento 6s Lunchbox diese Attribute ab, kann man mit dem linker Hand platzierten Tragegriff die Unit jederzeit bequem waage- oder senkrecht positionieren oder im Haus bzw. irgendwo unterwegs rumtragen, denn warum sollten die Herren nicht auch mal eine teure Handtasche besitzen?

Spaß beiseite, das HV-35 Preamp Modul ist leichtgängig einzupassen und wird von zwei Schrauben, die oben und unten an den Modulfrontplatten für Halt sorgen, festgeschraubt. Dem Lunchbox-Inhalt stehen Phantomspeisungen zur Verfügung, +/-16 V sowie +48 V können an alle möglichen gesteckten Module intelligent ausgegeben werden. Rückseitig sind I/Os und AUX I/Os in XLR je Modul bereitgestellt, nach der Reihe bis maximal sechs Module können der Folge nach zusammengeschaltet werden, dies passiert mit dem Kippschalter Audio Link. Mit Comp Bus steht ein weiterer Kippschalter parat, der zwei Mono-Module als Stereo-Pärchen zusammenschaltet.

Die Fredenstein Lunchbox Unit hat einen Groundlift und kann dank des 90-240 VAC Stromanschlusses weltweit eingesetzt werden.

500er API-Format, Standalone oder 19″ Zoll ?

Oft wird das Format diskutiert, in dem sich ein Gerät befindet. Wer wie ich eine kleine Regie hat, ist über jeden Zentimeter Platz froh, der nicht von irgendwelchen Racks und deren Inhalt gefressen wird. Das API 500 Format ist platzsparend und liefert denselben Sound wie die direkte Verwandtschaft.

Millennia bietet in Sachen vergleichbarem Mic-Preamps noch den portablen HV-35P an, der als Mono-Standalone-Gerät alle Features des HV-35 innehat.

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Millennia HV-35P

Wer die 19 Zoll Version bevorzugt, ist mit dem zweikanaligem waagerecht angeordneten Stereo-Preamp HV-37 im Rennen. Als direkten Vergleich seht ihr das Datenblatt des Herstellers, die Facts müssen nicht weiter kommentiert werden.

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Features des Millennia HV-35

Puristisch klar übersichtlich und vor allem ganz ohne die Herren „Schnick und Schnack“, so ragt der Preamp aus der Lunchbox. Mikrofone werden per XLR-Eingang über die Lunchbox-Kassette angeschlossen, ein haptisch fein ansprechender Volume- bzw. Gain Kombi-Regler, der auch den Hi-Z-Klinkeneingang steuert, steht frontseitig für aktive und passive E-Instrumente zur Verfügung.

Millennia bietet die zuschaltbaren Features, abhängig zur anliegenden Signalquelle. Ist ein Kondensatormikrofon angeschlossen, wird per gedrücktem gelben Button die Phantomspeisung von +48V aktiviert. Zusätzlich kann jetzt, ebenfalls per gedrücktem gelben Button, ein Highpass-Filter zugeschaltet werden, das das Signal um -3 dB bei bzw. unter 80 Hz beschneidet. HPF lautet dazu die Beschriftung am Gerät.

Ist die Signalquelle zu laut, kann per gedrücktem grünen Button, beschriftet mit PAD 15 dB, eine Absenkung um 15 dB dazu gebucht werden. Ist eine Phasenkorrektur nötig, kann per gedrücktem roten Button die Phase gedreht werden. Beschriftet ist das mit POL FLIP. Dieses Feature ist beim Arbeiten mit einem einzigen Mono-Signal zu vernachlässigen, hat es jedoch parallel mehrere Mikrofone bei einer Aufnahme, sind Phasendreher ab und an doch auszubügeln. Ungünstig abgenommene Laufzeitunterschiede und Kammfiltereffekte gehen oft mit Magenknurren des Aufnahmemenschen einher.

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Wer dynamische oder Bändchenmikrofone besitzt, kann diese per gedrücktem roten Button um +10 dB befeuern. Dieser Knopf ist mit RIBBON MIC beschriftet. Ein sehr sinnvolles Feature, den der extrem rauscharme Preamp realisiert eine Gain-Anhebung nicht mit der Addition von Meeresrauschen zum anliegenden Signal. Der Millennia HV-35 liefert, exklusive der Ribbon-Option, eine Signalverstärkung von 15 bis 60 dB. Diese Werte sind in 99,99 % aller Recording-Fälle absolut ausreichend und praxisnah, da lege ich mich fest.

Sollte der Fall einer Übersteuerung zustande kommen, selbst unabsichtlich übersteuerte und dadurch angezerrte Sound haben ihren Reiz. Hört mal in das eine Klangbeispiel rein, den diesmal mit Absicht übersteuerten Schrei des Death Metal Shouters der Band Disbelief, zeigt, dass dieses Signal auch noch gut klingt. Millennia kann auch Metal!

Wer den HV-35 als DI-Box nutzen möchte, kann dies über den Hi-Z-Eingang bewerkstelligen. Cleane, für das Reamping gedachte E-Gitarren bzw. E-Bässe sind hier gerne gesehene Gäste. Die Features PAD und HIGH PASS können genauso addiert werden. Zuerst wird dem Preamp per gedrücktem grünen Button, beschriftet als INSTR INPUT, das anliegende Signal zugeordnet.

Die interne Verkabelung ist komplett symmetrisch geführt, deshalb auch der Hinweis, den Preamp als DI-Box zu sehen.

Klangverhalten des Millennia HV-35 Preamps

Wer bei Millennia nach Schönfärberei oder Spachtelmasse für irgendwie seltsam Mikrofoniertes sucht, ist hier falsch abgebogen. Wie eingangs erwähnt, stattet Millennia unter anderem auch einige der Filmscoring-Firmen mit Recording-Equipment aus. Dort wird mit realen Instrumenten orchestral instrumentiert und es wird überhaupt keinen Wert auf klangliche Färbungen gelegt. Alleine schon die Ausstattung des Preamps lässt diese Ausrichtung bestätigen. Es finden sich in der Millenna Produktpalette Interfaces, analoge Phono-Vorverstärker und analoge Signalprozessoren, allen gemein ist die klangneutrale qualitativ hochwertige Ausrichtung.

Praxiseindrücke im Studioalltag, Recording mit dem HV-35 Mikrofonvorverstärker

Der HV-35 arbeitet mit Relais-Schaltungen. Wird ein Knopf betätigt, hört man das sehr leise. Mit einer kurzen Verzögerung tritt dann der gewünschte Knopf in Aktion. Selbstverständlich muss mit der Phantomspeisung aufgepasst werden. Dynamische Mikros können da ganz schnell den Dienst quittieren und dauerhaft Schaden davon tragen. Wer jedoch mit Recording-Equipment in dieser Preisklasse umgeht, hat solche Sachen im Blick.

Der Transistor-Preamp HV-35 kommt ohne Übertrager aus, hier wurde auch dem geringen Platz der API-500-Module Rechnung getragen. Weniger Bauteile und sinnvolle Schaltungen ergeben unter anderem auch maximale Transparenz.

Genau das war mein Eindruck im Studio, die angeschlossenen Signale sind facettenreich, räumlich und sehr breitfrequent dargestellt, so dass es eine Freude ist, den Preamp in verschiedensten Szenarien dabei zu haben. Leider konnte ich zum Testzeitpunkt keine Bändchen- oder Stereo-Aufnahmen erstellen, doch der Eindruck der Mono-Einheit hat mich bereits vollständig überzeugt. Die Klangbeispiele spiegeln alles erdenklich aufzunehmende wider, was hier in zwei Tagen ein und aus gegangen ist, ich hoffe diese sind aussagekräftig genug.

Vocals werden weich und nicht zischelnd abgebildet, haben eine schöne mittige Wärme und geben die Abstand des Sängers zum Mikro wieder. Meine Taylor 12-String in Kombi mit dem Beyerdynamic 930 klingt offen, warm und ganz und gar nicht spitz. Diverse Bässe und Gitarrensounds sind über den Hi-Z Eingang aufgenommen und bilden satt dargestellt den Abschluss der Klangbeispiele. Gewandelt würde über die Digi 002, mit Pro Tools 9 gebounct und MP3 summiert.

Natürlich hat die Lunchbox gefühlt 300 verschiedene Preamp-Optionen, doch ich bin froh darüber. Lieber zu viel Auswahl als Einheitsware, denn die Geschmäcker im Audiobereich oder auch die Anwendungsgebiete beim Recording sind dankenswerterweise sehr unterschiedlich.

Millennia HV-35 Anniversary Preamp, zeitloses Design

Fazit

Der Millennia HV-35 Preamp liefert transparente Sounds, die eine auffallend gute tiefengestaffelte Abbildung erfahren. Die Idee des puristischen Mikrofonvorverstärkens ohne Addition von harmonischen Verzerrungen ist voll umgesetzt, was diesen Preamp für Aufnahmemenschen im Bereich Film-Scores mit klassischer Orchesterbesetzung interessant macht. Auch Jazz-Puristen werden voll auf ihre Kosten kommen. Für knapp über 800,- Euro ist der Preamp über jeden Zweifel erhaben und wird manch ein Studio aufwerten. Mit der „sehr guten“ Bewertung liege ich nur sehr knapp unterhalb der „Best Buy“ Bewertung.

Plus

  • Klangverhalten mit facettenreicher Abbildung und toller Tiefenstaffelung
  • Neutralität
  • Preis Leistungs-Verhältnis
  • DI-Möglichkeit via Hi-Z Eingang für E-Instrumente

Preis

  • Ladenpreis: 829,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Armin Bauer  RED

    Hi Jochen,

    ich habe ja den HV-3C, der mich sehr glücklich macht.
    Würde mich schon mal interessieren, ob die 500er Variante da hin kommt. Habe zwar inzwischen ein Rack, traue der 16 V Versorgung aber noch nicht so ganz.
    Den SSL VHD Preamp habe ich mir deshalb auch für X-Rack geholt, auch davon gibt´s die 500er Version. Ich muss das doch mal wagen.

    • Profilbild
      jochen_schnur  RED

      Hi Armin,
      das ist ne gute Frage, ich werde jetzt ob des überzeugenden Tests 2 der 500er HV-35 Preamps bestellen, somit könnten wir glatt mal vergleichen und die Versorgung war immer stabil. Die 500er machen nen schlanken Fuss in der Lunchbox, auch für unterwegs. Grüße

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