Test: Mooer SD75, E-Gitarrencombo & Modelling Amp

7. Januar 2020

Mit 75 Watt unter 400 Euro

Mooer SD75

Was sich früher nur dezent andeutete, hat sich mittlerweile so sehr weiterentwickelt, dass man fast schon von zwei unterschiedlichen Verstärkergattungen sprechen muss. Gerade im Combobereich findet gerade eine diametrale Entwicklung zwischen den puristischen Vollröhrenvertretern, die gerne auch einmal mit nur 1 – 2 Kanälen daher kommen und ganzen Workstations, die nicht nur mit unzähligen Presets, sondern auch mit zusätzlichen Anschlussmöglichkeiten daher kommen, wie man sie sonst nur von kleinen Mischpulten her kennt, statt. Zu der zweiten Gruppe gehört auch der Mooer SD75 Combo, der uns zum Test vorliegt.

Das Konzept des Mooer SD75 Gitarrencombo

Wer den Einleitungstext gelesen hat, wird unschwer erkennen, dass es sich um einen Modeling-Combo handelt, eben jener Verstärkerreihe, die sich an bekannten Trademarks im Gitarrenklang orientieren, um diese mittels Algorithmen und Digitaltechnik so gut wie möglich nachzuahmen. Um den unterschiedlichen Klängen eines hochwertigen Verstärkers möglichst nahezukommen, verfügt der Mooer SD75 über 25 verschiedene Nachbildungen, wobei die hauseigene Digital-Preamp-Modeling-Technik zum Einsatz kommt.

Um die Sounds noch etwas flexibler zu gestalten, wurden ebenso verschiedene Pedale aus dem Verzerrungs-/Modulations- und Raumeffektsammelsurium emuliert, was sich in 8 verschiedenen Overdrive-/Distortion-, 9 Modulations-, 5 Delay- und 6 Reverb-Effekten niederschlägt, wobei der Delay-Algorithmus über eine zusätzliche Tap-Funktion verfügt. Um seinen persönlichen Geschmack abzugleichen, verfügt der Combo dennoch über eine typische Dreiband-Klangregelung, bestehend aus Treble, Mid und Bass zzgl. eines Gain-, Volume-, Presence- und Mastervolume-Reglers. Alle Werte werden über einen Endlosregler namens „Value“ und einer eingebauten Push-Funktion geregelt. Für den zusätzlichen Betrieb externer Pedale oder 19 Zoll Komponenten steht ein serieller FX-Loop auf der Rückseite des Gehäuses parat.

Mooer SD75

Der Combo wurde mit einem speziell für Mooer gefertigten 12 Zoll Lautsprecher (100 Watt Belastbarkeit) versehen und leistet 75 Watt, die aus einer Class-A/B-Endstufe generiert werden. Der Combo besitzt keine Röhren und ist ein reiner Transistorverstärker. Sollte man bei einer Live-Show seinem Sound etwas mehr Druck verpassen wollen, kann man ein zusätzliches Cabinet anschließen, dessen Impedanz sich zwischen 8 – 16 Ohm bewegen sollte. Die Impedanz des internen Speakers beträgt 8 Ohm.

Im Lieferumfang des Mooer SD75 befindet sich neben einem Netzkabel ebenfalls ein 4-facher Fußschalter, der sowohl die 4 Presets einer Bank als auch bei Doppelschaltung die Bänke umschalten kann. Die Besonderheit des Schalters ist, dass er ohne Kabel auskommt und bei gleichzeitigem Halten zweier Tasten und nachgeschaltetem Einschalten des Combos sich mit dem Amp verbindet. Gespeist wird der Schalter von einer 9 V Batterie.

Um den Mooer SD75 weltweit betreiben zu können, hat man die Möglichkeit, auf der Rückseite des Gehäuses mittels eines Schiebereglers die Spannungswahl von 220 – 240 V oder aber 100 – 120 V zu wählen. Dass man diesen Schalter nicht mit eingestecktem Netzkabel betätigen sollte, erklärt sich wohl von selbst.

Mooer SD75

Mooer Modelling Amp – Das Gehäuse

Für einen 1×12“ Modeling-Amp ist der Mooer SD75 vergleichsweise üppig in den Abmessungen, wenngleich man bei 570 x 275 x 465 mm nicht wirklich von groß sprechen kann. Der Vorteil liegt im recht großen Stauraum des nach hinten offenen Combos, wobei man sich immer vor Augen halten sollte, dass bei unsachgemäßer Beladung die Lautsprecherpappe durch äußere Einwirkung umgehend zerstört werden kann. Wenn sich überhaupt Kabel oder Pedale in das Innenleben des Combos verirren sollten, bitte alles in einem möglichst zusätzlich gepolsterten Sack verstauen.

Verarbeitungstechnisch gibt es an dem in verschiedenen Grautönen gehaltenen Combos nichts auszusetzen. Alle Nähte sind sauber verarbeitet, es gibt keine überstehenden Kanten oder sonstige Mängel. Ob einem die 50er-Jahre-Büromöbel-Farbgebung gefällt, sollte jeder mit sich selber ausmachen. Der Combo ruht auf 4 Kunststofffüßen, die vergleichsweise steif sind und auf glattem Boden ggf. ins Rutschen kommen können. Eine etwas weichere Mischung könnte dem vorbeugen. Der Tragegriff besteht aus Lederimitat, ist angenehm gepolstert, gut verarbeitet und lässt den Combo angenehm transportieren. Mit einem Gewicht von nur 16 kg lässt sich der Mooer SD75 vergleichsweise einfach handhaben, insbesondere im direkten Vergleich zu anderen Combos dieser Leistungsklasse.

Mooer SD75

Mooer SD75 Oberseite

Mooer Transistor-Verstärker – Zusätzliche Anschlussmöglichkeiten

Um den Mooer SD75 als Workstation für den Gitarristen zu definieren, braucht es mehr als nur eine umfangreiche Anzahl von Klängen. So wurden intern einige Tools verbaut, um eine Möglichkeit der privaten Jams zu ermöglichen. Neben einem chromatischen Stimmgerät verfügt der Mooer SD75 über einen bis zu 150 Sekunden Looper nebst einer Drummachine mit 40 verschiedenen Patterns und einem Metronome mit 10 Variationen. Über einen Kopfhörerausgang verfügt der Combo ebenfalls.

Externe Gerätschaften können als Zuspieler per Bluetooth gekoppelt werden oder aber über einen Miniklinkenstecker mit dem Combo verbunden werden. Einen Zugang zum Rechner für eine Firmware-Aktualisierung ermöglicht ein USB-Stecker auf der Rückseite des Gehäuses. Ebenso ermöglicht ein frequenzkorrigierter Ausgang per XLR-Stecker den direkten Anschluss an eine P.A. Bei evtl. auftretenden Brummschleifen gibt es hierfür einen Ground-Lift am Verstärker. Die USB-Buchse wird nur für das Update der Software eingesetzt, das direkte Einspielen in die DAW geht nur über den XLR-Out inkl. eines zusätzlichen Interface.

Mooer SD75

Mooer SD75 Rückseite

Mooer SD75 – In der Praxis

Wer schon einmal mit einem Modeling-Amp gearbeitet hat, wird sich schnell in den Innereien des Combos zurechtfinden. Die 40 editierbaren Presets kann man nach Lust und Laune verschieben, überschreiben und an die persönlichen Bedürfnisse anpassen. Auch die gelieferte Lautstärke in Kombination mit dem 12 Zoll Lautsprecher reicht aus, um sich gegen einen dynamisch spielenden Drummer durchzusetzen. Von der praxisgerechten Ausrichtung her soweit alles in Ordnung.

Klanglich sollte man sich kurz die Eckdaten des Combos vor Augen halten. Dass man bei einem Ladenpreis von unter 400 Euro keine High-End-Sounds in höchster Klanggüte erwarten kann, sollte jedem erfahrenen Musiker klar sein. Von daher verwundert es auch nicht wirklich, dass auch der Mooer SD75 mit dem klassischen Problem preisgünstiger Modeling-Amps hadert, der Durchsichtigkeit der verschiedenen Sounds bzw. ihrer Charakterstärke. Zwar hat sich die Klangkultur im Vergleich zu den ersten Vertretern dieser Spezies in den letzten Dekaden deutlich verbessert, aber im direkten Vergleich zu einer Vollröhrencombo oder zumindest einem rein analog aufgebauten Solid-State-Verstärker zieht der Mooer SD75 klanglich den Kürzeren.

Allen Sounds fehlt im Vergleich zur nächsthöheren Liga das berühmte „Aha“-Erlebnis in der Auflösung des Klangs. Nicht dass die angebotenen Sounds schlecht klingen würden, aber die Klänge leiden allgemein unter einem dezent dumpfen oder auch matten Grundklang, eine Einschränkung, die nahezu alle Modeling-Amps auf Transistorbasis dieser Preisklasse teilen. Dabei ist es meines Erachtens auch eher als suboptimal zu betrachten, wie alle anderen Vertreter dieser Spezies es ebenfalls machen, mit den Typenbezeichnungen großer Trademarks zu spielen, um einerseits eine Trademark-Klage zu vermeiden und andererseits dem Nutzer dennoch als Basis einen großen Namen aus USA oder UK als Basis vorzugaukeln. Die klanglichen Ergebnisse könnten jedoch nicht weiter von einem Marshall, Friedman oder Fender entfernt sein, auch wenn man es noch so gerne hätte.

Wohlgemerkt, diese Vorgehensweise findet sich nicht nur bei Mooer, sie wird generell bei allen Vertretern dieses Genres praktiziert. Aus Marketing-technischen Gründen absolut nachvollziehbar, aus klanglichen Gründen leider nicht. Wer jetzt allerdings glaubt, der Mooer Combo hätte mir nicht gefallen, irrt gewaltig. Man sollte meines Erachtens nur immer genau sehen, für welchen Bereich dieser Combo gebaut wurde und diesen anvisierten Bereich deckt der Combo sehr gut ab.

Wir haben es hier mit einem sehr flexiblen, universell im Homerecording/Practice-Bereich einsetzbaren Combo zu tun, der seinen Job ganz hervorragend absolviert. Meines Erachtens eignet sich der Mooer SD75 sehr gut für den Proberaum, zum Songwriting oder dem Einüben von Songs für die nächste Show. Als Bedroom-Amp finde ich persönlich die Abmessungen und auch die Leistungsangaben des Combos etwas zu üppig, für den professionellen Bühnenbetrieb erscheint mir die Klangkultur nicht ausreichend genug.

Fazit

Mit dem Mooer SD75 hat der chinesische Hersteller einen sehr flexiblen, verwendungsoffenen und sehr gut verarbeiteten Modeling-Combo in seinem Programm. Die Soundauswahl einschließlich umfangreichen Anschlussmöglichkeiten ermöglicht für wenig Geld auch aufgrund der kräftigen Leistungsdaten eine gute Verwendung im Übungsraum mit Homercording-Absichten und bei der persönlichen Übungsroutine.

Plus

  • sehr gute Verarbeitung
  • flexible Verwendung
  • geringes Gewicht

Minus

  • matter Grundklang

Preis

  • 399,- Euro
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