width=

Test: Mooer Tone Capture GTR, Gitarrenpedal

3. Dezember 2019

Mooers Mini-Kemper?

Mooer Tone Capturer GTR

Man bleibt ja durchaus eher skeptisch, wenn eine Firma ihr eigenes Produkt als revolutionär ankündigt. Speziell Mooer haben die Tendenz, ihre Hype-Maschine heißlaufen zu lassen. Doch ich muss zugeben, im Vorfeld neugierig gewesen zu sein: Mooer kündigten den kleinsten Gitarren-Profiler der Welt an, ein Mini-Pedal, das in der Lage sein soll, Klangcharakter jeder Gitarre aufzuzeichnen und zu speichern – ein Tone Capturer, der es einem ermöglicht, Klangverhalten und Resonanz von seinen Lieblingsgitarren in einer kleinen Box mitzuführen. Und das für einen Mooer-typischen Niedrigpreis. Schwierig, da nicht neugierig zu sein. Gitarren-Emulation zum Niedrigpreis ist ja eine Nuss, die noch nicht so richtig geknackt wurde. Da darf man ruhig fragen, ob Mooer hier genau dies gelungen ist. Oder klingt das mal wieder auf dem Papier besser als dann in der eigentlichen Umsetzung? Wir schauen uns das im Detail an.

Mooer Tone Capture GTR – Facts and Features

Wie eingangs bereits erwähnt, handelt es sich hier wahrlich um eine Mini-Box, die problemlos auf ein schon dicht gepackten Pedalboard passen sollte. 93,5 x 42 x 52 mm lauten die Maße und insgesamt bringt das Pedal ein Gewicht von 155 g auf die Waage. Aufnehmen tut das kleine Stück 150 mA und trotz des niedrigen Preises hat man es mit einem stabilen Metallgehäuse zu tun. Auswählen kann man zwischen True- und Buffered-Bypass. Überschaubares Teil also – hier wird kein Overkill an Features präsentiert. Gibt auch nur zwei 6,3 mm Monoklinken, für den Ein- und Ausgang.

Mooer Tone Capturer GTR

Will man das Gerät darüber hinaus nicht als kleine Speicherbox für die Gitarre verwenden, handelt es sich immerhin um einen 99,- Euro teuren Equalizer. Das übersichtliche Panel soll hier zum einen die Möglichkeit geben, den eingefangenen Klangcharakter der Gitarre noch genauer zu kalibrieren, wenn nötig. Zur Verfügung stehen hierfür folgende Parameter:

  • Level regelt den allgemeinen Output des Pedals.
  • Treble ermöglicht es einem, die höheren Frequenzen hervorzuheben oder zurückzunehmen.
  • Mid Shift lässt einen den Frequenz-Range einstellen, der über den Mid-Regler eingestellt werden kann.
  • Mid stellt die mittleren Frequenzen ein.
  • Bass kümmert sich um die niedrigen und tiefen Frequenzen.

Sämtliche Parameter können zusammengenommen helfen, den eingefangenen Klangcharakter der Ziel-Gitarre zusätzlich zu formen. Doch wie genau funktioniert der „Tone Capture“ denn nun? Schlüssel des Ganzen ist der kleine Knopf links unten – Target/Source setzt die Aufzeichnung und anschließende Emulation des Mooer Tone Capture GTR in Gang.

Mooer Tone Capture GTR – Technologie und Capturing

Also? Was ist die Technologie hinter dem Ganzen? Fest steht: Mooer haben ihr persönliches Rad für den Mooer Tone Capture GTR nicht neu erfunden und ihre bewährte, nicht-lineare IR-Technologie in die kleine Box gepackt – die „Tone Capture“-Technologie, die im Prinzip auch schon beim Mooer GE 300 beispielsweise zum Einsatz kam. Gespeichert werden können übrigens auf diese Weise sieben Presets: Klang einfangen, EQ einpendeln, speichern und fertig ist. Was die technischen Details hinter der Berechnung des Klangcharakters angeht, hält sich Mooer natürlich bedeckt. Da handeln Kemper und Fractal Audio nicht anders – um die hauseigene Capture- und Emulations-Technologie wird ganz klar ein Geheimnis gemacht.

Mooer Tone Capturer GTR

Der Tone Capture als solcher läuft folgendermaßen ab: Man nimmt eine Wunsch-Gitarre, beispielsweise eine Stratocaster oder eine Gitarre mit einem typischen Singlecoil-Sound und schließt sie am Eingang an. Dann aktiviert man mit dem Target/Source-Knopf den rot leuchtenden Target-Modus – das Eingangssignal wird nun aufgezeichnet und analysiert. Jetzt gilt es, die Gitarre ausgiebig zum Ringen zu bringen und dem Mooer Tone Capture GTR die Gelegenheit zu geben, das Resonanz- und Frequenzspektrum der Gitarre abzutasten. Mit dem Target/Source-Button klickt man sich durch die sieben Preset-Positionen, hält bei der gewünschten Position den Fußschalter gedrückt und drückt ihn anschließend einmal kurz, um die Aufzeichnung zu beginnen. Während der Aufzeichnung blinken die Lichter der Presets, um zu signalisieren, dass das Capturing in vollem Gange ist. Ist man damit durch, ist der Klangcharakter auf der jeweiligen Preset-Position eingefangen.

Nun nimmt man die Spiel-Gitarre zur Hand, welche die jeweiligen gespeicherten Klangcharaktere annehmen soll und gibt dem Mooer Tone Capture kurz die Möglichkeit, die Resonanz und den Charakter der Gitarre im Source-Modus aufzuzeichnen. Hierbei blinkt der Target/Source-Knopf blau. Ein paar Akkorde reichen aus und solange die Lichter der Preset-Positionen auf- und abtanzen, weiß man, dass der Capture-Modus im Gange ist. Erfreulich hierbei: Die Source-Gitarre muss nicht für jede Preset-Position neu aufgezeichnet werden. Ist sie erst mal aufgezeichnet, kann man sich mit der Source-Gitarre durch die jeweiligen Target-Presets klicken und schauen, wie sie die gespeicherten Klangverhältnisse wiedergibt. Alles schön und gut – doch wie klingt das in der Praxis?

Mooer Tone Capturer GTR – in der Praxis

Das Entscheidende hierbei und das darf man nicht vergessen ist, dass beim Capturing eine irgendwie zufriedenstellende Annäherung an den Original-Sound nicht wirklich viel bringt. Zumindest für Gitarristen, die Wert drauf legen, dass der Klangcharakter der Gitarre auch wirklich originalgetreu wiedergegeben wird, ist nicht viel gewonnen, wenn die jeweiligen Target-Gitarren ein bisschen nach dem Original klingen – und eben nur ein bisschen. So jedenfalls dürften es viele Gitarristen sehen. Es dürfte aber auch sicher welche geben, die sich mit einem einigermaßen authentischen Strat-Sound zufrieden geben würden, den sie mit ihrer Les Paul in ausgewählten Momenten auspacken wollen. Wie zufriedenstellend leistet der Mooer Tone Capturer GTR das Ganze? Eine nicht ganz einfach zu beantwortende Frage, wie ich feststellen musste.

Mooer Tone Capturer GTR

Um zu überprüfen, was hier passiert, arbeiteten wir mit drei Gitarren-Modi: Eine Schecter Diamond Series einmal mit und einmal ohne Singlecoil-Split und eine Ibanez Artcore. Gleich zu Beginn wird deutlich: Um annähernd befriedigende Ergebnisse zu erzielen, müssen sowohl im Target- als auch im Source Modus bestenfalls die exakt gleichen Frequenzen angespielt werden – der Mooer Tone Capturer füllt da nicht intelligent irgendwelche Lücken, sondern benötigt bestenfalls bei beiden Aufzeichnungen die exakt gleichen Streuungen.

Wir beginnen mit einer Schecter aus der Diamond Series und aktivieren das Coil-Splitting, um einen Stratocaster-Sound aufzuzeichnen. Im nächsten Schritt nehmen wir als Source-Gitarre erneut die Schecter Diamond, nur diesmal ohne Coil-Splitting. Das erste Klangbeispiel zeigt also den regulären Sound der Gitarre im Singlecoil-Modus. Im zweiten Klangbeispiel werden zwei Takte ohne Singlecoil-Splitting gespielt, und dann der wird emulierte Stratocaster Sound aktiviert.

Was sich sagen lässt: Es wurde in der Tat ein Stratocaster Sound aufgezeichnet. Klingt das nach der originalen Gitarre? Nur bedingt. Die Resonanz ist im Original voller, der Klang satter. Trotzdem wird ein Stück weit vom Charakter des Singlecoils eingefangen. Gehen wir zum nächsten Beispiel – der Ibanez Artcore. Auch hier das gleiche Vorgehen – das erste Klangbeispiel zeigt den originalen Sound der Gitarre, das zweite Klangbeispiel kontrastiert den aufgezeichneten, captured Sound mit einer Source-Gitarre, diesmal die Schecter im Singlecoil-Split.

Hier fällt das Ergebnis weitaus ernüchternder aus. Der emulierte Klang der Artcore rettet ein bisschen etwas von der tiefen Resonanz und dem Low-End der Gitarre rüber auf die Singlecoil-Schecter, aber es klingt wahrlich nicht nach dem Original. Auch nach mehrmaligem Aufzeichnen schafft man es nicht, auf zufriedenstellende Weise den Charakter der Artcore einzufangen – es klingt einfach bei Weitem nicht so füllig und echt.

Kommen wir zum letzten Beispiel: Die Schecter mit beiden Pickups, ohne Singlecoil-Split als Target, kontrastiert mit dem Singlecoil-Split. Erstes Beispiel ist wieder die reguläre Gitarre, zweites zeigt den emulierten Sound.

Hier fällt das Ergebnis ein bisschen besser aus als bei der Artcore, aber es wird zumindest deutlich, was von der Klangtiefe der Emulationen zu erwarten ist. Die groben Charakteristika der Gitarre werden eingefangen, doch die feinen Nuancen werden weit verfehlt. Der Versuch, nicht über den Direct In, sondern über einen abgenommenen Amp die Fähigkeiten des Mooer Tone Capturer GTR einzufangen, fiel weitaus frustrierender aus. Die Charakteristik der Röhren und des Amps verwässerten die Vergleichbarkeit zwischen echtem und emuliertem Sound zusätzlich.

Fazit

Kein Überflieger, den Mooer hier abliefern. Man muss sagen, dass die Fähigkeiten des Mooer Tone Capturer GTR bescheiden ausfallen und über weite Teile nicht praktikabel sind. Nicht auszuschließen, dass jemand durch einen längeren Kampf mit den Aufzeichnungen bessere Ergebnisse erzielen könnte, aber das ist letzten Endes auch nicht zielführend. Keine Revolution also, sondern eher die bescheidenen Anfänge einer durchaus coolen Idee.

Plus

  • günstig
  • grobe Charakteristika werden eingefangen

Minus

  • keine echte Klangtiefe
  • Charakter der Gitarren wird nicht wirklich erfasst

Preis

  • 99,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    dr noetigenfallz  

    Die Überschrift passt hier irgendwie nicht. Ein Kemper simuliert den Sound von Amps, hier geht es aber um die Simulation von Gitarren.

    • Profilbild
      S_Hennig

      Das ist aber mit einem IR System in erster Näherung dasselbe. Der einzige Unterschied: ein Verstärker muss mit nichtlinearen Verfahren simuliert werden, eine Gitarre erst einmal nicht unbedingt, wenn man ungefähr dieselbe Spielweise anwenden möchte.
      Daher ist das dieselbe Mathematik und dieselbe Engine mit anderen Daten.
      Für mich passt das schon.

      Für mich ist die Art, wie Gitarren ‚angelernt‘ werden, hochinteressant. Da steckt die Schlauheit drin. Denn wenn ein neuer Amp geklont werden soll, kann der Kasten ja selbst Testsignale generieren. Bei einer Gitarre geht das nicht.

      Ich denke, das kann so ein Pedal werden, das noch mal richtig Kult wird. Was macht der Algorithmus daraus, wenn man statt zwei Gitarren zu verwenden einmal in den Kasten singt? Was passiert, wenn man Hammondorgel mit Gitarre morpht?

      Wenn ich mal das Ding irgendwo testen kann, nehme ich mir mal Zeit. Leider kann man die Konfigurationen nicht sichern, zumindest, solange es kein Firmwareupdate von Mooer gibt.

      Ich behalt das mal im Auge.

      • Profilbild
        Dimi Kasprzyk  RED

        Hey S_Hennig

        Ich muss zugeben, dass ich da gar nicht so weit gedacht habe wie du. Ich war so darauf fixiert, zu überprüfen, ob der Charakter der Gitarren eingefangen wird, dass ich mir gar nicht das Potential zur Verfremdung des Gitarrensounds bewusst gemacht habe. Unter dem Gesichtspunkt nochmal potentiell durchaus interessant – gebe ich dir recht.

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.