Test: Rossum Electro-Music Control Forge, Eurorack

1. April 2017

Flexibel, einzigartig, Best Buy!

Control Forge von Rossum Electro-Music ist das zweite erhältliche Modul vom Erfinder des Z-Plane-Filters. Es handelt sich um ein Eurorack-Modul, das jedoch nichts mit dem digitalen Filter zu tun hat (allerdings wird es das Z-Plane Filtermodul von Rossum EM, mit den digitalen Filtern aus dem Morpheus tatsächlich geben).

Dennoch stand auch für dieses Modul der Morpheus Pate. Wie auch in diesem Green-Box-Artikel nachzulesen, hatte dieser nämlich ein unglaublich ausgeklügeltes System zur Hüllkurvenerzeugung. Leider wurde dieses oft gar nicht richtig genutzt, da die Einstellungen so vielfältig waren, dass es einfach die Darstellungskapazität des Zwei-Zeilen-Displays überstieg.

Sequencer Neu gedacht

Genau diesen Fehler galt es also zunächst zu vermeiden, sollte diese Auskopplung ein Hit werden. Und eben das RGB-Display in OLED Technik mit seiner gestochen scharfen Wiedergabe bestimmt die Optik der Control Forge. Obwohl es sich nur um ein recht kleines Display mit einer Diagonale von 4 cm handelt, wurde die Steuerung und die Menüführung dieses Mal nahezu intuitiv angelegt, so dass durch die Art der Darstellung der Parameter diese Größe vollkommen ausreicht.

Aber der Reihe nach. Control Forge ist für die Modularwelt konzipiert und bietet Ein- und Ausgänge im CV(1V/Oct)/Gate Format an – einen MIDI-Ausgang gibt es nicht. Dabei gibt es streng genommen nur einen CV-Ausgang (+Out), denn der zweite spiegelt die Werte des anderen, lediglich mit umgekehrter Polarität (-Out). Hinzukommen noch zwei Trigger-Ausgänge (TRIGGER 1/2), die separat angesprochen werden können.

Control Forge Ausgänge

Bevor ich aber nun zu den Eingängen übergehe, soll das Konzept der Control Forge dargestellt werden, denn diese machen nur in diesem Zusammenhang einen Sinn. Tatsächlich kann man alles Wissenswerte bereits aus der Anleitung des Morpheus unter der Rubrik Function Generators ab Seite 76 entnehmen. Interessanterweise findet sich sogar manche Abbildung dort in der PDF-Anleitung zum neuen Modul wieder, die nur in englischer Sprache vorliegt. Und dabei ist Function Generator die wesentlich bessere Bezeichnung als Envelope Generator. Das kann die Control Forge auch, ist aber nur eine Teilmenge der möglichen Funktionen.

Achtstufige Hüllkurfe

Organisiert ist Control Forge in Presets. Jedes der 500 möglichen Presets speichert dabei acht Segmente. Diesen kann ein Spannungswert zwischen -5V und +5V zugewiesen werden. Dazu noch die Zeit (in ms), wie lange auf einem Segment verweilt wird und die Form des Übergangs zum nächsten Segment.

Für die Übergange stehen alle möglichen Kurvenformen bereit, insgesamt sind es 67 Stück. Neben den üblichen Verdächtigen wie linearer, exponentieller oder logarithmischer Formen kommen auch welche vor, die in sich schon einen Verlauf haben. Auch an chaotische Schwingungsformen wurde gedacht.

Schon allein damit ist eine unbegrenzte Anzahl an möglichen Spannungsverläufen gewährleistet und bereits hier stellt Control Forge alle anderen Hüllkurvengeneratoren in den Schatten. Die Regler unter dem Display verstellen im Program-Mode die Zeit und den Spannungswert eines Segments, beide Werte können mit dem Data-Regler neben dem Display dann noch feinjustiert werden.

Alle 67 Transition Shapes

Alle 67 Transition Shapes

Die Zeitintervalle reichen von dabei von sagenhaften 9999 Sekunden (das sind ca 2,8 Stunden!) bis hinunter zu mikrochronischen 0,1 ms. Für die Spannungswerte gibt es zwei Modi: absolut und relativ und diese beiden in den Geschmacksrichtungen quantisiert und unquantisiert. Ein quantisierter Wert lässt sich in Oktave und Halbtönen einstellen, der unquantisierte direkt mit dem Wert der Ausgangsspannung. Der absolute Modus springt immer auf den eingestellten Spannungswert, der relative Modus addiert oder subtrahiert den eingestellten Wert von der zuletzt erzeugten Spannung.

Die Segmente werden direkt über die acht LED-Buttons erreicht.

Die Segmente werden direkt über die acht LED-Buttons erreicht

Übersicht leicht gemacht

Das sind schon viele Informationen, aber über das Display wird alles in Echtzeit dargestellt, wenn man sich im Play-Mode befindet. Zwei Skalen im oberen Bereich stellen die Ausgangsspannung und die Zeitkomponente dar. Im unteren Bereich sieht man die Segment-Transition und die Werte der externen CV-Eingänge sowie Zustand von Quantisierungs- und Triggerstatus. Dazu leuchten dann noch die Segmentauswahlknöpfe in nicht zu hellem Blau auf, wenn sie abgerufen werden. Man tappt also wortwörtlich nie im Dunkeln.

Der Ausgangswert der Spannung wird in Echtzeit angezeigt.

Der Ausgangswert der Spannung wird in Echtzeit angezeigt

Wirklich Interessant wird es dann, wenn man die Sprungfunktionen der Segmente betrachtet. Jedes Segment besitzt einen Jump-Mode, ein Jump-Target und einen eventuell dazugehörigen Conditional-Value.

In den obigen Abbildungen ist der Jump-Mode „Always at End“ und das Ziel das jeweils nächste Segment. Wird so ein Preset nun von außen getriggert (TRIGGER/GATE IN) bzw. mit dem Manual-Gate-Knopf ausgelöst werden die acht Segmente nacheinander abgerufen. Steht das letzte Segment auf Jump-Mode „Never“, bleibt der Endwert stehen. Ist es jedoch auch „Always at End“, wird wieder auf das erste Segment gesprungen. Mit der Verstellung nur eines Parameters kommt man von einer Hüllkurve zu einem zyklischen Durchlauf.

Fremdgesteuert per CV-Spannung

Hier ist jetzt auch der passende Platz, um über die externen Eingänge zu sprechen. Denn Spannungen, die an CV1/CV2 anliegen, können in diesen Jump-Funktionen abgefragt werden, um dann zum Sprungziel zu springen. Im Play-Mode dienen die Regler unter dem Display der direkten Einstellung der Parameter CV3/CV4, die ebenfalls abgefragt werden können. Setzt man den Jump-Mode von Segment 8 nun auf „if@end CV1 <“, springt Control Forge erst dann zum festgelegtem Segment, wenn eben diese Bedingung erfüllt ist, also der Spannungswert an CV1 unterhalb des zuvor im Conditional-Value festgelegten liegt.

Eingänge links, Ausgänge rechts

Eingänge links, Ausgänge rechts

Ebenso kann man eine Hüllkurve mit Sustain-Bereich erstellen. Wenn Segment 3 z.B. den Sustain-Wert darstellt, muss die Sprungkondition „if@end Gate Hi“ heißen und das Sprungziel ist dann dasselbe Segment. Solange also das Gate aktiv ist, wird Control Forge bei Segment 3 verweilen.

Auch als Sequencer

Und so ermöglicht die Sprungkondition „On Gate Rise“ (d.h.: springe erst, wenn am „GATE IN“ eine Signalflanke eingeht) in Kombination mit dem Segment-„Verlauf“ DC auch die Realisierung eines Sequencers. Denn DC bedeutet hier, dass die Spannung ohne Verlauf sofort auf den eingestellten Wert springt. Und da man diese im quantisierten Modus auch direkt über Oktave/Halbton einstellen kann, sind melodische Sequenzen kein Problem. Für Slides und Glides können natürlich auch andere Segmentformen herangezogen werden.

Im relativen Modus wird der eingestellte Wert vom vorigen abgezogen oder hinzu addiert.

Im relativen Modus wird der eingestellte Wert vom vorigen abgezogen oder hinzu addiert

In diesem Szenario ist also ein Gate-Ereignis von außen notwendig, um die Sequenz abzuspielen. Was ist aber, wenn man die Sequenz von einer externen Clock steuern möchte? Hier kommen dann die Trigger-Ausgänge zum Einsatz, denn natürlich kann sich die Control Forge auch selbst triggern. Das Clock-Signal kommt dann in den Input „Logic“, der erkennt, ob am Eingang ein Signal anliegt. Über TRIGGER-ASSIGN können für das aktuelle Preset dann die Trigger-Bedingungen für TRIGGER1/2 eingestellt werden. Dazu gehört u.a. auch „Logic Rise“, und so wird immer, wenn ein Clock-Impuls eingeht, ein Gate ausgelöst, dessen Länge ebenfalls einstellbar ist.

Timing ist alles

Man kann also die Segmente manuell oder von außen triggern und ihre Länge einstellen. Aber kann man auch die Länge aller Segmente manipulieren, ohne das Preset ändern zu müssen? Ja, das geht sogar auf zweierlei Art. Im Play-Mode wird unterhalb des Preset-Namens die Time-Scale dargestellt. Sie ist in Normalfall auf 1.00 x 1.00 eingestellt. Das bedeutet, die Angabe der Segmentlänge im Preset ist auch die tatsächliche Länge des Segments. Den rechten wie den linken Faktor kann man verändern. Den linken Wert im Play-Mode über die Data-Eingabe, der von 0,031 bis 32 eingestellt werden kann. Der rechte Wert aber wird über den Eingang TIME SCALE CV über eine Kontrollspannung eingestellt und reicht von 1,00 bis ca. 47.

Time Scale verändert die Abspieldauer der Segmente.

Time Scale verändert die Abspieldauer der Segmente

Das ist eine Sache der Genauigkeit der eingehenden CV-Spannung (0 V bis 5 V). Im Test konnte meine CV-Quelle nicht bis zu einer Rate von 1,00 heruntergehen, sondern blieb bei 1,47 stehen. Das bedeutet also, dass man ein Preset 32 mal langsamer und auch (32 x 47) 1504 mal schneller laufen lassen kann. Selbst wenn Segmente über eine Sekunde dauern, kommt man damit locker in den Audiobereich.

God Speed

Dazu benötigt man noch nicht einmal diese Rate-Manipulation. Denn die minimale Länge eines Segmentes beträgt schon 0,1 ms. Das entspricht einem Zyklus eines 10 kHz Tons, liegt also auch im Audiobereich.

Und so kann man die Control Forge auch als Oszillator benutzen, bei dem man die Schwingungsform über die Segmente einstellt. Der CV-Out wird dann einfach an einen Audioeingang angeschlossen. Damit bekommt man eine Art Wavetable Oszillator. Dazu müssen nur die Segmente kurz genug eingestellt werden und ein zyklisches Wiederholen der Segmente erfolgen. Steuern kann man die Tonhöhe dann über den TIME SCALE CV Eingang. Im Handbuch wird aber darauf hingewiesen, dass der Eingang nicht hundertprozentig V/Oct kalibriert ist. Für die meisten Fälle dürfte das zwar genügen, es gibt aber noch eine andere Möglichkeit: Der Jump-Mode jedes Segments wird auf „Jump on Gate Rise“ gesetzt und in den Gate-Input wird ein Rechteckoszillator gepatcht. Vorausgesetzt, der steuernde Oszillator ist richtig kalibriert, bekommt man so eine präzise Steuerung der Tonhöhe.

Wenn den Segmenten zwischendurch mehr Zeit gegeben wird, können so herrliche Glitch-Sounds erzeugt werden.

Glückliche Verkettung der Ereignisse

Langsam bekommt man einen Ahnung, warum die Control Forge als „Programmable Universal CV Generator“ betitelt ist. Aber damit noch nicht genug, denn die 500 Presets können ebenfalls verkettet oder durch Sprungkonditionen aufgerufen werden. Entweder, man programmiert den Sprung direkt ins Preset als Jump-Mode ein oder man erstellt eine Program-Sequence. Diese wartet dann darauf, dass ein Signal am Inc-/Dec-/Reset-Preset Eingang auftaucht und ruft dann das entsprechende Preset auf. Natürlich kann Control Forge sich auch wieder selber triggern. So würde man z.B. eine 16-Step-Sequenz über einen Jump Mode realisieren und mehrere davon über den Preset-Sequencer verketten. Insgesamt können 200 Preset-Sequences programmiert werden.

Preset Sequencer

Preset Sequencer

Qualität

Bei der Verarbeitung genügt alles höchsten Standards. Die Knöpfe haben einen knackigen wohldefinierten Druckpunkt und die Buchsen sind fest mit der Frontplatte verschraubt, genau wie die Eingaberegler. Das Display wurde bereits angesprochen und funktioniert in hellen Umgebungen genauso gut wie in dunklen.

Sichern wie damals

Um den Einstieg zu erleichtern, werden gleich noch 13 Template-Presets und 47 Demo-Presets mitgeliefert, die aber nicht fest im Gerät gespeichert sind, sondern überschrieben werden können. Ein Blick in die Anleitung mit Erläuterungen zu den Presets ist sehr erhellend.

Natürlich ist es bei der Funktionsvielfalt geboten, eine Möglichkeit zur Sicherung zu haben. Das geschieht ganz klassisch über Audiodateien. Man schließt ein Kabel an +Out an und überspielt die Daten einfach wie zu Datasette-Zeiten auf die Festplatte (natürlich nur unkomprimiert). OK, USB wäre es natürlich gewesen, aber bei dem Gesamtpaket mag ich da noch nicht mal einen Minuspunkt vergeben.

Erweiterbar

Diese Daten können dann auch genutzt werden, um die (noch nicht erhältlichen) Control Forge Satellites zu füttern. Diese können nicht programmiert werden, bieten aber alle Ein- und Ausgänge der großen Schmiede, so dass sie deren Arbeit verrichten können.

Fazit

Was zunächst wie ein etwas komplexerer Hüllkurvengenerator erscheint, entpuppt sich nach eingehender Beschäftigung als beinahe eierlegende Wollmilchsau. Die Stärke der Rossum Electro-Music Control Forge liegt hier im Konzept und dem extrem großen Timingbereich von Bruchteilen einer Millisekunde bis hin zu mehreren Stunden. Control Forge ist eines der durchdachtesten Tools für die Erstellung und Manipulation von CV-Signalen. Einziges Manko ist der einsame CV-Ausgang. Das kann aber über die Control Forge Satellites kompensiert werden, ohne den Preis für die „Große“. Wer einfache LFOs oder Hüllkurven möchte – Finger weg, denn dafür gibt es anderes das günstiger ist. Wer aber einen Universalschlüssel zu allen Problemen und den Fragen des Lebens und anderem Zeug benötigt und bereit ist, über den Tellerrand zu schauen und das Konzept von „Hüllkurven“ neu zu überdenken, der bekommt mit Control Forge eine Schmiede, die einem bis ans Lebensende begleitet und immer wieder neu erdacht werden kann. Für mich gibt es keine andere Möglichkeit als: Best Buy!

Zu den Beispielen

Da es etwas müßig ist, einzelne Hüllkurven „darzustellen“, bestehen die Soundbeispiele aus kleinen Jams. Dabei kamen zum Einsatz: Roland MC202, Roland Juno6, TipTop Audio 808 Module und ein Dreispur-Sequencer. Das Filter des Juno wird über die Control Forge gesteuert, ebenso die Trigger für die 202, deren Melodie von Sequencerspur 1 kommt. Diese Spur triggert auch das Gate der Controlforge. Eine Spur des Drumsequencers geht in den Logic-In und wird für konditionale Sprünge genutzt. Die Velocity von Sequencerspur 1 steuert die Time-Scale, manchmal drehe ich auch manuell am Time-Scale-Rad.

Plus

  • Preset Sequencer
  • Audio Rate Envelopes
  • Sprung Konditionen
  • praktisch unbegrenzte Hüllkurvenformen
  • gute Display Darstellung
  • Manipulation in Echtzeit
  • als Sequencer einsetzbar
  • als Oszillator einsetzbar
  • extrem lange Hüllkurven (mehrere Stunden)

Minus

  • Sicherung nicht über USB möglich

Preis

  • Ladenpreis: 565,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    tomk  AHU

    Dieses Modul reizt mich seit dem Release sowas von …
    mal schauen wie lange ich dem GAS noch standhalte!

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