Test: Sanken CU-55, Kleinmembran Kondensatormikrofon

2. Oktober 2020

Kleiner Samurai fürs Studio

Sanken CU-55 test

Sanken CU-55, Kleinmembran Kondensatormikrofon

Das Kondensatormikrofon Sanken CU-55 ist eines der günstigsten Studiomikrofone des japanischen Traditionsherstellers. Vor einigen Monaten hatte ich bereits die Ehre, den größeren Bruder CU-51 zu testen, der mich durch sehr gute klangliche Eigenschaften beeindruckt hat. Beim CU-55, das mit einem Preis von 1.075,- Euro rund die Hälfte des CU-51 kostet, interessiert mich vor allem, welche Abstriche man durch den günstigeren Preis in Sachen Klang und Verarbeitung machen muss. Nach dem positiven Test des CU-51 liegt meine Erwartungshaltung hoch und ich bin gespannt, wie sich der kleine Samurai im Test schlagen wird.

Sanken: Innovation als Tradition

Sanken ist einer der wenigen Mikrofonhersteller, der auf eine sehr lange, fast 100-jährige Geschichte zurückblicken kann. Sanken ist ungemein umtriebig und verblüfft die Fachpresse häufig mit Eigenkreationen, die sich nicht an alten Konventionen orientieren, sondern die von stetem Fortschritt geprägt sind. Nicht umsonst spielt man im Bereich der Lavalier- und Broadcast-Mikrofone weltweit im absoluten Spitzenfeld mit.

In den Tonstudios der westlichen Hemisphäre ist es allerdings kein leichtes Unterfangen, neben Platzhirschen wie Neumann, AKG, Sennheiser, Shure oder Schoeps zu bestehen. Zu konservativ ist leider auch die Klientel – viele von uns lieben eben alte Mikrofone und vertrauen auf die Mikros, die sich aus gutem Grund über viele Jahrzehnte auf dem Markt etablieren konnten.

Sanken CU-55

The world’s most original microphone maker – da ist was Wahres dran …

Sanken ging von Anfang an eigene Wege und setzt diese Tradition zur Innovation ungebrochen fort. Die Zwei-Kapsel Konstruktion, die vielen Sanken Studiomikros zugrunde liegt, wurde in den aktuellen Modellen perfektioniert. Erst Anfang Juli wurde mit dem Sanken CUX-100K ein neues Modell vorgestellt, das mit einem abermals neuartigen Zwei-Membran-System verschiedene Richtcharakteristiken (unter anderem „Niere nah“ und „Niere fern“) sowie einen Übertragungsbereich bis 100 kHz (!) abdeckt. Weitere Hintergrundinformationen zur Firma Sanken selbst findet ihr in meinem Test des Sanken CU-51.

Sanken CU-55

80er-Jahre Charme außen – technische Innovation innen

Sanken CU-55 Unpacking

Das Paket mit dem Sanken CU-55 kommt nicht direkt aus Japan, sondern von dem Münchner Verleih für Film-Equipment Gruppe 3, der in Deutschland den Vertrieb für Sanken Mikrofone innehat. Das Mikrofon selbst kommt gut geschützt in einer schwarzen Mikrofon-Schatulle aus Kunststoff. Beim ersten Anblick bin ich doch sehr überrascht, wie groß oder besser gesagt wie klein das Mikrofon tatsächlich ist. Sieht es auf den Bildern dem CU-51 sehr ähnlich, so ist es im echten Leben doch bedeutend kleiner und leichter. Statt einer Länge von 15,7 cm, einem Durchmesser von 4 cm und einem Gewicht von 430 g liegen die Abmessungen des CU-55 bei rund 11 cm x 3 cm und es ist nur noch 180 g schwer.

Sanken CU-55
Leider liegt auch bei diesem Sanken Mikrofon keine Halterung bei. Durch die kleinere Form lassen sich aber viele Standart-Mikrofonclips verwenden. Optional bietet der Hersteller die Spinne S-55 an, die mir die Firma Gruppe 3 freundlicherweise zum Test zur Verfügung gestellt hat. Hervorzuheben ist, dass Sanken seinen Mikrofonen immer eine individuelle Frequenzmessung beilegt. Das würde ich mir eigentlich von jedem ernstzunehmenden Hersteller erwarten. Früher war das fast die Norm, heute passiert es leider zu selten, dass Hersteller ein Mikrofon vor dem Versand ausmessen und diese die jeweilige Frequenzmessung an den Kunden weitergeben. Zusätzlich liegt dem Mikrofon noch ein gefaltetes DIN A4 Blatt bei, das technische Informationen und Tipps zur Inbetriebnahme enthält.

Sanken CU-55

Die Kleinmembran-Kapsel wird seitlich besprochen

Technische Daten des Sanken CU-55 Mikrofons

Bleiben wir gleich bei den grundlegenden technischen Daten. Das Sanken CU-55 ist ein Kondensatormikrofon mit fester Nierencharakteristik und einem Übertragungsbereich zwischen 40 Hz und 20 kHz. Unter 40 Hz kommt es zu einem leichten Roll-off, ansonsten ist der Frequenzgang vor allem eines – sehr gerade. Diese Geradlinigkeit bleibt auch erhalten, wenn der Einsprechwinkel 90 Grad beträgt. Wie beim CU-51 ist die Niere sehr konstant, selbst bis in hohe Frequenzbereiche. Selbst wenn Instrumente etwas Off-Axis stehen oder sich Sänger viel vor dem Mikrofon hin und her bewegen, sollte es in der Übertragung der hohen Frequenzanteile keinerlei Einbußen geben.

Sanken CU-55

Lobenswert: eine individuelle Messung des Frequenzgangs

Die Membran hat einen Durchmesser von rund 1,2 cm, das Sanken CU-55 fällt somit in die Kategorie „Kleinmembranmikrofon“. Die Empfindlichkeit ist mit -25.92 dB/Pa (1 khz) sehr hoch für ein Mikrofon dieser Bauart. Das Mikrofon verfügt rückseitig über ein -10 dB Pad, das die Empfindlichkeit absenkt und den Grenzschalldruckpegel erhöht. Dieser liegt bei normalerweise bei 137 dB SPL, bei aktiviertem Pad werden 147 dB erreicht. Gemessen wurde bei einem Klirrfaktor von 1 % – wer diese Werte also mit Neumann oder Schoeps vergleichen will, die meist mit 0,5 % messen, sollte also noch einmal rund 6 dB abziehen. Trotzdem sind das Top-Werte.

Das Eigenrauschen des Sanken CU-55 liegt bei 15 dB-A, ebenfalls ein guter Wert. Zum Betrieb benötigt das Mikrofon Phantomspannung im Bereich von 44 – 52 Volt und zieht nur 3,5 mA. Für mobile Anwendungen mit Akku oder Batterie empfiehlt es sich also durchaus. Erhältlich ist das Mikrofon in der Farbe Matt-Braun.

Erster Eindruck des Sanken CU-55

Das Mikrofon will rein äußerlich in keine der bekannten Kategorien passen. Es wird seitlich besprochen wie ein Großmembran Mikrofon – allerdings ist es für ein solches zu klein. Im Vergleich zu einem klassischen Kleinmembran-Mikrofon mit 2 cm Durchmesser ist es aber etwas zu kurz, zu dick und zu schwer. Das macht es mir aber sympathisch.“Öfter mal was Neues“ lautet die Devise – Klone gibt es schon genug. Es liegt aber sehr gut in der Hand und macht auch was die Verarbeitung betrifft einen sehr guten Eindruck.

Sanken CU-55

Größenvergleich zwischen einem Shure SM58 und dem Sanken CU-55

Meine ersten Tests bestätigen, dass die angegebenen Daten ihre Richtigkeit haben und man Sanken in diesem Punkt vertrauen kann. Das Rauschen ist identisch zum Schoeps CMC-1 mit MK4, das bei 14 dB A liegt. Für ein Kleinmembran-Mikrofon sind das sehr Werte. Die hohe Empfindlichkeit äußert sich in der Praxis wie folgt: Ein Sennheiser MKH 40 benötigt rund 3 dB mehr Gain, beim Schoeps CMC-1 MK4 sind es 8 dB und bei einem Neumann U89 benötige ich 15 dB, um den Pegel des Sanken zu erreichen. Gut, dass das CU-55 ein -10 dB Pad besitzt, denn je nach Einsatzgebiet kann es auch schnell zu viel des Guten sein. Besitzer von Preamps, die wenig rauschfreies Gain liefern, werden sich über den hohen Output des Sanken freuen.

Sanken CU-55

Der -10 dB Pad Schalter ist wegen des hohen Outputs sehr hilfreich

Das Sanken CU-55 im Studio

Als Vergleichskandidaten verwende ich ein Sennheiser MKH 40 sowie ein Neumann U89 – danke an die Firma Echoschall für die Leihgabe. Beide Mikrofone sind Vertreter eines neutralen und unaufgeregten Klangs. Technisch gesehen haben sie wenige Gemeinsamkeiten, das Sennheiser MKH 40 basiert auf HF-Technik und im Neumann U89  kommt eine etwas größere Kapsel sowie ein Ausgangsübertrager zum Einsatz. Wie wird da der eigenwillige Japaner dazwischenpassen?

Den Anfang macht eine Kontrabassaufnahme. Die Mikros sind rund 40 cm vom Ende des Griffbretts entfernt, als Vorverstärker kommen die Preamps des RME UFX zum Einsatz:

Der Tiefbassbereich wird vom MKH 40 sehr kraftvoll übertragen. Sanken und Neumann fokussieren die Mitten und haben auch in Sachen Top-End etwas mehr zu bieten als das Mikrofon von Sennheiser.

Um ein breiteres Frequenzspektrum abzudecken, geht es weiter an der Akustikgitarre. Hier interessiert mich auch der Nahbesprechungseffekt, weshalb ich die Mikros im Abstand von 20 cm am 15. Bund positioniere. In einer Musikproduktion wäre eine Tiefbassabsenkung vorteilhaft, für Testzwecke lässt sich aber dadurch sehr gut herausfinden, wie stark der Nahbesprechungseffekt des jeweiligen Mikrofons ist:

Auch hier klingt das Sennheiser untenrum sehr voluminös. Das Sanken liefert besonders akkurate Transienten, die beim Neumann U89 etwas weicher abgebildet werden. Was besser oder schlechter ist, hängt vom jeweiligen Einsatzbereich ab. Dass alle Mikros in einer hohen Liga spielen, ist deutlich hörbar. Hier entscheiden der persönliche Geschmack und die Klangphilosophie.

Sanken CU-55

Das CU-55 kann sich an hochpreisiger Konkurrenz aus Deutschland messen

Auch für Sprachaufnahmen eignet sich das Sanken CU-55 äußerst gut. Wie auch bei den beiden anderen Mikros ist keinerlei Schärfe bei S-Lauten hörbar. Die Stimme wird sehr homogen übertragen. Was mir im Handling mit dem CU-55 auffällt ist, dass es sehr unanfällig gegenüber Plosivlauten ist. Hier scheint den Japanern bei der Konstruktion des Korbes ein Kunststück geglückt zu sein. Beim folgenden Beispiel, aufgenommen ohne Pop-Schutz in 20 cm Entfernung, hört man beim U89 beispielsweise einen kleinen Plop bei „…Ei…“.

Hier ist der klangliche Unterschied zwischen Sennheiser und Sanken wieder recht deutlich – das Sanken betont die Mitten mehr, wodurch sich in einem Mix die Stimme gut durchsetzen wird. Das Sennheiser verleiht der Stimme durch sein sehr solides Bassfundament schon fast die Qualität eines Nachrichtensprechers.

Zum Abschluss noch ein Test, um die Off-Axis-Response der Mikrofone hörbar zu machen. Hier ein Tamburin, aufgenommen rund 50 cm vor den Mikros:

Wie viel Höhenanteile gehen verlorenm wenn die Schallquelle im Winkel von 90 Grad auf die Kapsel eintrifft? Wie viel Pegel geht verloren? Hier hört ihr die Unterschiede:

Der Unterschied zwischen dem Sanken CU-55 und dem Sennheiser MKH 40 ist mehr als offensichtlich. Welches Verhalten davon besser oder schlechter ist, hängt wieder einmal vom Einsatzgebiet ab – beides kann seine Vorteile haben. Bewegt sich etwa der Performer oder das Instrument vor dem Mikrofon, werden die höheren Frequenzen beim Sanken nicht verfärbt.

Interessant finde ich auch, wie die Mikrofone mit rückseitig eintreffendem Schall umgehen. Wie ihr aus der Frequenzmessung des Sankens entnehmen könnt, betrifft die Dämpfung vor allem den Mittenbereich. Die hohen Frequenzen werden nur wenig abgedämpft:

Fazit

Das Sanken CU-55 ist ein tolles Allround-Mikrofon, das sich für sehr viele Anwendungen eignet. Egal ob Sprache oder Instrumente, mobile Aufnahmen oder am Filmset – das CU-55 überzeugt im Test mit einem neutralen, aber angenehm homogen Klang.  Die Verarbeitung ist hochwertig, wie man es von einem japanischen Mikrofon erwarten darf. Der hohe Output lässt sich dank eines -10 dB Pads auf der Rückseite bändigen. Klanglich finde ich besonders den Umgang von hohen Frequenzanteilen interessant, welche Off-Axis auf die Kapsel treffen und verfärbungsfrei wiedergegeben werden. Während der Testphase ist mir der kleine Samurai richtig ans Herz gewachsen. Er klingt bedeutend größer, als man Aufgrund seiner geringen Abmessungen vermuten würde. Der günstigste Einstieg in die Welt der Sanken Studiomikrofone ist absolut eine Empfehlung wert!

Plus

  • sehr neutraler, akkurater Klang
  • vielseitig einsetzbar an Stimmen und Instrumenten
  • geringes Rauschen
  • hoher Grenzschalldruck dank -10 dB Pad
  • Verfärbungsfreiheit bei 90 Grad
  • hochwertige Verarbeitung, effektiver Popschutz

Preis

  • 1.075,- Euro
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