Kleinmembraner als Neumann-Klon
Warm Audio bringt mit dem WA-84 abermals einen Mikrofon-Klon auf den Markt. Hatte man sich in der Vergangenheit bereits an legendäre Großmembraner gewagt (wie dem WA-251, dem WA-47, dem WA-87 sowie dem WA-14), so ist das Warm Audio WA-84 das erste Kleinmembran-Mikrofon der Firma aus Texas. Gefertigt werden die Mikrofone in China, wobei Warm Audio viel Wert auf einzelne, hochwertige Komponenten legt. So befinden sich in oben genannten Mikrofonen Übertrager der amerikanischen Firma Cinemag, die den Klang der Mikros positiv beeinflussen sollen. Beim Warm Audio WA-84 arbeitet man zudem mit einer australischen Firma zusammen, die die Mikrofonkapsel liefert. Erhältlich ist das WA-84 sowohl einzeln als auch als Stereo-Set in den Farben Silber und Schwarz zum Preis von 438,- bzw. 824,- Euro.
Das deutsche Vorbild des Warm Audio WA-84
Das große Vorbild des WA-84 ist natürlich, wie könnte es anders sein, das Neumann KM-84. Diesem ehrenwerten Kleinmembraner schwören heute immer noch viele Toningenieure die Treue. 1966 wurde das KM84 entwickelt und es war damals das erste Neumann Mikrofon mit 48 Volt Phantomspeisung.
KM steht für „Kleines Mikrofon“ und damals wurde das KM-84 sogar als „Miniatur Mikrofon“ bezeichnet (hier mehr zu aktuellen Miniaturmikrofonen). 1992 wurde die Produktion eingestellt und das heute erhältliche Neumann KM-184 kam auf den Markt. Bei dieser Weiterentwicklung verzichtete man auf einen Übertrager und klanglich wurde die Abbildung im oberen Präsenzbereich verändert. Das offenere Klangbild kam im Vergleich zum linearen Frequenzverlauf des Vorgängers nicht überall gut an und daher liegt der Gebrauchtpreis des KM-84 heute über dem Neupreis eines KM-184. Fans des Mikrofons hoffen wie beim U 67 auf eine Neuauflage von Neumann, ob es dazu kommt, steht allerdings in den Sternen. Dafür springt nun also Warm Audio in die Bresche, um dem geneigten Benutzer eine Kopie anzubieten, die wie das KM-84 klingen soll.
Das Warm Audio WA-84 ausgepackt
Geliefert wird das Warm Audio WA-84 in einer Kartonbox, in der sich ein Kunststoffkoffer und ein Katalog über die Warm Audio Produktpalette befindet. Von der Qualität des Koffers bin ich ehrlich gesagt etwas enttäuscht. Das ist schon recht grobe und billig anmutende Machart, die einem vermeintlich hochwertigen Mikrofon nicht entgegenkommt. Der Koffer weckt Erinnerungen mit jenem des RODE NT-5 Stereo-Set, nur dass dieses rund 500,- Euro günstiger ist als das WA-84. Selbst bei meinem Kleinmembran-Favoriten im unteren Preisbereich, dem sE Electronics SE8, wird mehr geboten. Es muss nicht unbedingt eine Holzbox sein wie beim Neumann Km-184, aber etwas mehr Liebe fürs eigene Produkt wäre schon angebracht. Hat man die etwas grobschlächtige Verriegelung geöffnet, finden sich im Koffer die beiden Mikrofone, zwei Mikrofonspinnen, zwei Klemmen, zwei Popschützer aus Schaumstoff, ein Aufkleber und eine gedruckte Bedienungsanleitung. Diese ist leider ordentlich verbeult, weil im Koffer dafür kein Platz vorgesehen ist. Für die bessere Lesbarkeit wäre es angebracht, diese außerhalb des Koffers im Karton zu liefern. Die englische Bedienungsanleitung wurde neben Spanisch und Französisch sogar ins Deutsche übersetzt. Schön, dass es vier Gewindeadapter und vier Ersatzgummis für die Spinne ebenfalls zum Lieferumfang gehören. Eine Stereoschiene liegt dem Set nicht bei.
Der „Made in China Charme“ ist beim Zubehör des WA-87 recht deutlich zu spüren. Die Verarbeitung des Mikrofons macht aber einen guten Eindruck. Es ist etwas breiter und um einiges länger und schwerer als ein originales Neumann KM 84. Ehrlicherweise muss man sagen, dass andere Kleinmembran-Stereopaare in dieser Preisklasse, wie das Shure KSM 137, das Beyerdynamic 930 oder die MBHO Serie, im Vergleich zum Warm Audio WA-87 einen wertigeren Eindruck machen. Die letzten Beiden sind sogar „Made in Germany“.
Technische Daten des WA-84 Kleinmembran-Mikros
Das Warm Audio WA-84 ist ein diskret aufgebautes, trafosymmetriertes Nieren-Kondensatormikrofon und benötigt als solches 48 Volt Phantomspeisung.
Die Empfindlichkeit liegt mit 11 mV / Pa zwischen dem KM 84 (10) und dem aktuellen KM 184 (15). Mithilfe des -10 dB Pads lässt sich der Grenzschalldruck von 123 auf 133 dB erhöhen (1 kHz, 0,5 % THD) ein etwas besserer Wert als beim Original (120 bzw. 130 dB). Das Eigenrauschen des WA-84 und seinem Class-A Schaltungsdesigns liegt bei recht guten 16 dB (A). Als Übertrager kommt ein Cinemag Modell zum Einsatz, auch bei der Auswahl weiterer Komponenten wurden Qualitätsprodukte von WIMA (Kondensatoren) und Fairchild (Fet) verwendet.
Über den Hersteller der Mikrofonkapsel hüllt sich Warm Audio in Schweigen und mehr als “ein australischer Hersteller” lässt sich nicht herausfinden. Bei Australien denkt man natürlich sofort an Røde, doch laut einschlägigen Internetforen wird die Kapsel von Guosheng Zhuang von 3U Audio gefertigt. Dieser Hersteller liefert auch bereits Kapseln für die Großmembran-Mikrofone von Warm Audio und bietet selbst chinesische Mikrofone an.
Die Kapsel des Warm Audio WA-84 ist wie beim KM-84 abschraubbar und sieht fast identisch zum Original von Neumann aus. Allerdings ist es aufgrund der geänderten Abmessungen nicht möglich, die Kapsel zwischen den Modellen zu tauschen (bei der Vorstellung auf der NAMM konnte man das noch). Weder Kapsel noch Speiseteil des WA-84 haben Seriennummern, was bei hochwertigen Mikros kaum vorkommt. Ob und mit welchen Toleranzen ein Stereo-Matching stattgefunden hat, ist ungewiss, denn dazu gibt es keine Daten oder Infos. Die Bedienungsanleitung enthält leider auch keine grafische Abbildung des Frequenzgangs oder der Richtwirkung bei verschiedenen Frequenzen. Auf der Website von Warm Audio bin ich dann doch fündig geworden, auch wenn bei der Richtwirkung nicht angegeben wurde, um welche Frequenz es sich handelt (das ist so natürlich nicht wirklich aussagekräftig). Hier sollte die Dokumentation besser sein.
Im Frequenzverlauf stechen zwei Unterschiede zum KM-84 hervor. Zum einen beginnt beim WA-84 die leichte Bassabsenkung etwas später als beim KM-84. Das dürfte auf mehr Fundament hindeuten. Zum anderen gibt es beim WA-84 bei 7,5 kHz einen kleinen Anstieg und bei 9 kHz eine Absenkung, während der Frequenzgang des Neumann KM-84 geradlinig verläuft. Interessanterweise bietet der vermeintliche Kapselhersteller 3U Audio mit dem Warbler 127 C ein Kleinmembranmikrofon an, das einen exakt identischen Frequenzgang wie das WA-84 aufweist. Dieses Mikrofon ist bereits ab 250,- Euro pro Stück zu haben.
Das Warm Audio WA-84 in der Praxis
Mit Spinne und Klemme lassen sich die Mikros im Studioalltag schnell und sicher positionieren. In ersten Hörtests zeigen sich die Warm Audios tatsächlich von der “warmen” Seite. Der Klang geht definitiv in die Richtung der angenehmen Höhenabbildung des KM-84 und auch das Bassfundament wirkt rund und satt. Um das WA-84 gebührend mit dem KM-84 vergleichen zu können, habe ich Carsten Lohmann vom Berliner Mikrofonverleih Echoschall besucht, der im Besitz eines sehr gut erhaltenen (und sehr gut klingenden) Originals von Neumann ist. In diesen Klangbeispielen hört ihr das Warm Audio WA-84 im Vergleich zum Neumann KM-84 an der Akustikgitarre.
Hier fällt auf, dass der Detailreichtum und die Auflösung des Neumann KM-84 vom WA-84 nicht erreicht werden. Im oberen Frequenzspektrum neigt das WA-84 dazu, das Signal etwas zu verwaschen und es klingt bedeckter als das große Vorbild. Das kann in einigen Aufnahmesituationen durchaus von Vorteil sein und ist mir persönlich lieber als spitze, überbetonte Höhen.
Hier ein Sprachtest der beiden Mikrofone, bei dem ich rund 40 cm von den Mikros entfernt bin.
Den Bassbereich bildet das WA-84 wieder einen Tucken voluminöser ab, bei meiner Stimme passt das recht gut, aber bei den letztem „Sums“ fehlt mir die Präsenz.
Da dem Mikrofon keine Informationen bezüglich Stereo-Matching beiliegen, habe ich selbst eine Messung vorgenommen. Zwar gibt es in meinem Studio keinen schalltoten Raum, aber mithilfe von Sine-Sweeps, identischen Mikrofonpositionen und Logics Match-EQ lässt sich der Unterschied der einzelnen Mikrofone darstellen. Erfreulicherweise scheint das Matching auf gutem Niveau zu sein. Im Vergleich schneidet ein Schoeps Stereoset zwar besser ab, das kostet aber auch um einiges mehr. Mit dem Warm Audio WA-84 Set sollten sich also vernünftige Stereoaufnahmen machen lassen.
Hier eine X/Y-Stereo-Anordnung über dem Piano:
Hier noch weitere Beispiele mit anderen Kleinmembranern wie dem Schoeps CMC-6 mit MK4 Kapsel sowie dem sE Electronics SE8. Als Preamp kam in allen Samples ein Sound Devices MixPre 6M zum Einsatz. Hier wieder die Gitarre:
Hier das WA-84 im Vergleich zum Schoeps und zum sE Electronics an der Ukulele:
Das Warm Audio WA-84 und Kollegen am Kontrabass:
Das Rauschen des Mikrofons ist in der Praxis übrigens erfreulich gering. Auch die Nierencharakteristik scheint recht gleichförmig zu sein, seitlich eintreffender Schall wird kaum verfälscht. Hier noch ein Tipp: Wer gerne Lyrics oder Noten während der Aufnahme direkt vom Handy lädt bzw. abliest, sollte sich bewusst sein, dass mit dem diskret aufgebauten WA-84 Funkeinstreuungen von Handy-Netzen lautstark übertragen werden. Hier eine Vergleichsaufnahme bei der mein iPhone etwa 50 cm von den Mikrofonen entfernt ist und eine Verbindung aufbaut.
Beim Warm Audio WA-84 sollte man daher das Handy lieber auf Flugzeugmodus stellen oder nicht ins Studio mitnehmen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Warm Audio WA-84 in gewissen Situationen bestimmt seinen Reiz hat, als einziges Stereopaar wäre es mir klanglich nicht detailliert genug. Wer nach etwas Farbe für seinen “Mic-Locker” sucht, für den kann das Warm Audio WA-84 eine Bereicherung sein.