Vergleichstest: Heritage Audio HA-73 EQ ELITE, Warm Audio WA73-EQ, BAE Audio 1073 und AMS Neve 1073DPA, Vorverstärker

10. Dezember 2018

Der große 1073 Preamp Vergleich!

vergleichstest 10783 vorverstärker

Vergleichstest 1073 Vorverstärker

Die 1073 Kanalzüge aus den Neve Konsolen der frühen 70er Jahre zählen bis heute zu den großen Legenden im Studiobereich und prägen den Sound unzähliger Aufnahmen. Grund dafür ist ihr druckvoller, warmer und weicher Klang, der als äußerst musikalisch gilt. Dementsprechend rar und teuer sind die rund 50 Jahre alten Originale, was dazu führt, dass es auf dem Musikmarkt inzwischen viele verschiedene Nachbauten in den unterschiedlichsten Preisklassen gibt.

AMAZONA.de standen nun für einen Vergleichstest vier Modelle von verschiedenen Herstellern zur Verfügung:

  • Heritage Audio HA-73 EQ ELITE
  • Warm Audio WA73-EQ
  • BAE Audio 1073
  • AMS Neve 1073DPA

Der Fokus liegt bei dem Vergleich ausschließlich auf den Vorverstärkern, die EQ-Sektionen werden wegen der unterschiedlichen Ausstattungsmerkmale der Kandidaten nicht thematisiert. Grundsätzlich sind aber alle der getesteten Geräte mit Equalizer auch alle als reine Preamp-Versionen erhältlich.

1073 Preamp Vergleich

Heritage Audio HA-73 EQ ELITE, Warm Audio WA73-EQ, BAE Audio 1073 und AMS Neve 1073DPA

Neve 1073

Zum ersten Mal wurden im Jahre 1970 die Kanäle der A88 Konsole von Rupert Neve mit dem 1073 Modul bestückt.

Dabei handelte sich um einen Class-A Vorverstärker mit Trafo-symmetrierten Ein- und Ausgängen in komplett diskreter Bauweise. Ergänzt wurde der Preamp durch einen teils Induktionsspulen basierten Dreiband-Equalizer mit einem Mittenband, High-, Low-Shelving-Filter und Lowcut. Gerade die Übertrager sorgten für einen schönen, gesättigten, obertonreichen Klang, während der Equalizer, unter anderem durch leichte Phasenverschiebungen, seinen Teil zu dem legendären Klang des 1073 beitrug.

Diese recht minimale Kombination aus Vorverstärker und Dreiband-Equalizer erlangte in der Studioszene schnell einen sehr guten Ruf, so dass bis heute vom „larger-than-life“ oder auch „British“ Sound“ die Rede ist.

Nach nur drei Jahren, in denen die Produktion von Neve Mischpulten auf Grund der hohen Nachfrage deutlich gestiegen war, erschien der technisch weiter entwickelte Nachfolger 1081.

1073 Preamp Vergleich

Neve 1073DPA

Übersicht der Testkandidaten

Um einen gesunden Querschnitt des Angebotes an Vorverstärkern im 1073-Stil zu zeigen, gehören zu den vier ausgewählten Geräten zwei günstige Modelle von den Herstellern Heritage Audio und Warm Audio, die für jeweils unter 1000,- Euro erhältlich sind.

Der dritte Kandidat stammt aus dem Hause BAE Audio, eine der ersten Firmen, die sich durch die Nachbauten berühmter Studiopreamps einen Namen machte. Ihre Version des 1073 ist die Teuerste von den vier Probanden.

Leider stand für diesen Vergleich kein originaler Vintage Neve Kanalzug zur Verfügung, so dass eine Neuauflage von AMS Neve diese Rolle übernimmt.

Alle der vier Geräte sind in einem 19 Zoll breiten Gehäuse mit einer Höheneinheit untergebracht und weitesgehend mit den gleichen Bedienelementen ausgestattet.

Dazu zählt zuerst einmal der klassische, rote Schürzen-Drehknopf für das Gain, der – in 5 dB Schritten gerastert – eine maximale Verstärkung von 80 dB für das Mikrofonsignal liefert sowie ein Lautstärkepoti, um den Ausgangspegel zu regeln.

Auch die Schalter für die Phasendrehung, das Aktivieren der 48 V Phantomspeisung und die Impedanzumschaltung von 1200 Ohm auf 300 Ohm des Mikrofoneinganges (die übrigens beim Original schwerzugänglich auf der Rückseite des Modules lag) wurde von allen Herstellern berücksichtigt.

Auf die individuellen Ausstattungsmerkmale und Unterschiede der Testkandidaten wird in denen einzelnen Beschreibung hingewiesen.

1073 Preamp Vergleich

Heritage Audio HA-73 EQ ELITE

Die Ein- und Ausgangsübertrager

Heritage-, Warm und BAE Audio verwenden Ein- und Ausgangsübertrager von Carnhill, die in England von Hand gewickelt werden. In den originalen Schaltkreisen kamen ursprünglich Eigenentwicklungen von Neve und Marinair zum Einsatz. Auf Grund des hohen Bedarfs wurde St. Ives (heute: Carnhill) in den 70er Jahren zusätzlich von Neve mit der Produktion von Bauteilen beauftragt.

Es gibt viele Gerüchte zu dem Thema, die unterschiedlicher nicht ausfallen könnten: Die einen munkeln, Carnhill habe niemals die berühmten Neve Übertrager gefertigt, besitze auch nicht deren originale Pläne und war grundsätzlich nur Zulieferer für kleinere Teile. Andere behaupten wiederum, Carnhill habe die Übertrager sowohl damals als auch heute gewickelt und versorge AMS Neve und sämtliche Clone-Hersteller mit identischen Transformatoren, die nur mit unterschiedlichen Labels beklebt seien.

Fakt ist: AMS Neve benutzt nach eigenem Bekunden heute exklusiv gefertigte Marinair Transformatoren für ihre 1073 Neuauflagen, gibt aber keine Details über die Beschaffenheit der verwendeten Technik preis, so dass unklar bleibt, in wieweit sich ihre Version von den Clone-Übertragern von Carnhill unterscheiden.

Wer sich mit dem Thema Neve beschäftigt, sollte grundsätzlich wissen, dass es allein in der Bauzeit des originalen 1073 über zwanzig verschiedene Revisionen gab.

Selbst baugleiche Module in einer Konsole konnten auf Grund der hohen Toleranzen der Technik deutliche Klangunterschiede aufweisen. Bei gerackten Vintage-Kanälen steht und fällt es wiederum mit der Form der Stromversorgung, ob der 1073 so klingt, als wenn er in einem Mischpult sitzt.

Die endlose Diskussion, wie nah der Sound der Repliken am Vintage-Vorbild ist oder inwiefern die jeweils verwendeten Bauteile darauf Einfluss nehmen, wird in diesem Bericht also nicht geklärt werden. Vielmehr geht es um die klanglichen Unterschiede der vier Preamps zueinander.

Details zu den einzelnen Kandidaten

1073 Preamp Vergleich

Heritage Audio HA-73 EQ ELITE

Heritage Audio HA-73 EQ ELITE

Begonnen wird mit dem Heritage Audio HA-73 EQ, der zu der neuen ELITE Serie des recht jungen, spanischen Herstellers gehört. Sein Sortiment besteht bisher ausschließlich aus – zum Großteil von Hand gebauten – Neve-Clonen, Racks und Summieren im oberen Preissegment. Als günstige Ergänzung ist nun die ELITE Serie hinzugekommen, die in SMD-Bauweise gefertigt wird.
Den kompletten Testbericht zu dem Heritage Audio HA-73 EQ ELITE können Sie hier lesen:

AMAZONA.de Test: Heritage Audio HA-73 EQ ELITE

Auf der rechten Seite des Frontpanels des Heritage Audio HA-73 EQ ELITE befindet sich der Power-Schalter, die Stromversorgung erfolgt über ein externes Schaltnetzteil. Rückseitig sind die drei Audioanschlüsse für den Mikrofon- und Line-Eingang sowie den Output im XLR-Format untergebracht. Zusätzlich ist auf der Vorderseite eine 6,3 mm Klinkenbuchse für D.I.-Signale eingelassen, hinter der eine J-Fet-Schaltung sitzt.

1073 Preamp Vergleich

Die Anschlüsse des Heritage Audio HA-73 EQ ELITE

Anders als beim Original und den Versionen von AMS Neve und BAE Audio, bietet die Line-/D.I.-Funktion eine Verstärkung von 50 dB, da sie sich mit dem Mikrofoneingang einen Übertrager teilt.
Mittels der Pad-Taste lässt sich das Mikrofonsignal um 20 dB absenken, während zwei weitere Schalter zum Aktivieren der Line-/D.I.-Funktion und des Equalizers dienen.
Leider wurde auf eine Aussteuerungsanzeige verzichtet.

Für sich gesehen ist die Verarbeitung des Heritage Audio HA-73 EQ ELITE in Ordnung, im Vergleich zu den restlichen Kandidaten, insbesondere dem ebenfalls günstigen Warm Audio WA73, wirken die Regler und Schalter allerdings etwas wackliger und schwammiger.

Rund 250 Euro weniger kostet der HA-73 von Heritage Audio, der ohne Equalizer auskommt, ansonsten aber über die gleichen Ausstattungsmerkmale verfügt und zusätzlich mit einem Lowcut bestückt ist.

1073 Preamp Vergleich

Warm Audio WA73-EQ

Warm Audio WA73-EQ

Weiter geht es mit dem WA73-EQ von Warm Audio, die in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit durch günstige Nachbauten berühmter Studioklassiker, wie dem Urei 1176, Pultec EQP-1A oder API 312, geerntet haben.
Einen vollständigen Testbericht des Warm Audio WA73-EQ finden Sie unter folgendem Link:

AMAZONA.de Test: Warm Audio WA73-EQ

Der WA73-EQ ist mit einem internen Ringkern-Netzteil versehen, das durch eine kleine Metallwand von dem übrigen Schaltkreis abgeschirmt wird. Wie bei dem HA-73 EQ befindet sich der Ein- und Ausschalter auf der rechten Seite des Frontpanels, direkt daneben liegt eine aus fünf LEDs bestehende Aussteuerungsanzeige.

1073 Preamp Vergleich

Warm Audio WA73-EQ

In Hinblick auf die Anschlüsse, ist der Warm Audio WA73-EQ von allen vier Probanden am flexibelsten ausgestattet:
Es gibt wahlweise zwei Mikrofoneingänge im XLR-Format, einen auf Rückseite und einen auf der Vorderseite. Der Line-Out kann gleichzeitig sowohl mit einem XLR- als auch mit einem symmetrischen 6,3 mm Klinkenstecker genutzt werden.
Anders als bei den restlichen Testkandidaten ist der Line-In leider nur als Klinke ausgelegt, dafür verfügt der WA73-EQ als einziger über einen Insert-Weg – ebenfalls im 6,3 mm Klinkenformat. So lässt sich zwischen Preamp und Equalizer beispielsweise ein Kompressor einschleifen. Das ist ein äußerst praktisches Feature, ebenso wie die banale Ground-Lift-Schaltung, die tatsächlich nur von Warm Audio berücksichtigt wurde.

1073 Preamp Vergleich

Die Anschlüsse des Warm Audio WA73-EQ

Auf der Bedieneroberfläche findet man, neben den bereits genannten Ausstattungsmerkmalen aller vier Geräte, noch diverse Taster zum Aktivieren des Equalizers, der Insert-, Line- und Instrumenten-Funktion, ebenso wie die D.I.-Buchse für den Anschluss von Gitarren, Bässen oder Keyboards.

Genau wie bei dem Heritage Audio HA-73 EQ teilen sich die Line-/D.I.-Funktion und der Mikrofoneingang einen Übertrager, wobei es einen großen Unterschied gibt, der den WA73-EQ von allen drei Konkurrenten abhebt:
Die Tone-Taste, mit der sich das Windungsverhältnis des Eingangsübertragers und somit die Impedanz des Mikrofoneinganges verändern lässt, kann auch für Line-Signale verwendet werden. Somit ist es möglich, zum Beispiel Synthesizer beim Aufnehmen nach Belieben zu färben und zu sättigen oder auch leicht sterile Spuren oder Software-Instrumente aus einer DAW mehr Wärme und Charakter zu verleihen.

Die Verarbeitung des WA73-EQ ist gut, wenn auch nicht so hochwertig wie die der zwei teuren Konkurrenten von BAE Audio und AMS Neve.

Wie eingangs erwähnt, bietet Warm Audio mit dem WA73 auch eine baugleiche Version ohne Equalizer an, die dennoch über denselben Lowcut mit mehreren wählbaren Grenzfrequenzen verfügt. Ihr Preis liegt bei 560 Euro.

1073 Preamp Vergleich

BAE Audio 1073

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Armin Bauer  RED

    Ach Chris,

    hatte beim Test des WARM AUDIO WA73 EQ schon mit dem Gedanken gespielt das Teil zu behalten. Aber ich brauche den nicht.
    Nun kam die Idee neulich wieder zurück, was schenke ich mir denn zu Weihnachten? Aber: ICH BRAUCHE DEN NICHT.
    Jetzt kommst du mit dem Vergleichstest um die Ecke und ich bin wieder am grübeln. ICH BRAUCHE WIRKLICH KEINEN NEUEN PREAMP, SCHON GAR NICHT IN DER 2-KANAL VERSION!!!

    Wird also wahrscheinlich bestellt, danke dafür.

    Grüße
    Armin

  2. Profilbild
    Marco Korda  

    Hallo Chris,

    Vergleichsberichte dieser Art finde ich immer ganz wunderbar. Als Leser kann man den direkten Vergleich kaum mal selbst herstellen, daher kann ich nur sagen: mehr davon, wenn möglich!!! Mir hat es wieder aufgezeigt, dass man schon für relativ „wenig“ Geld einen sehr guten Sound bekommen kann.

    Eine Frage hätte ich aber doch: kann man bei den EQ-Varianten davon ausgehen, dass die EQ-Sektion nicht aus dem Signalweg herauspartialisiert werden konnte. Die hat womöglich ja auch noch mal separat Einfluss auf den Sound, selbst wenn die Einstellung „englisch“ sein sollte (also alles auf 0….), oder???

    • Profilbild
      Chris Pfeil  RED

      Die Versionen mit Equalizer haben alle eine Bypass-Schaltung für die Filtersektion. Dementsprechend sollte der deaktivierte EQ auch keinen Einfluss auf den normalen Signalpfad nehmen.

  3. Profilbild
    psv-ddv  AHU

    Sehr interessant! Bei solchen spannenden Vergleichen kann man zwar nie genug Klangbeispiele haben aber man hört schon Einiges an Unterschieden.
    Mein Fazit:

    Warm Audio: Klingt leicht muffig. Das Teil würde ich nicht einsetzen wollen, wenn ich es vermeiden könnte.

    Heritage: Langweilig und etwas zu gradlinig klingt für mich eher nicht nach 1073.

    Neve: Klingt stabil und offen, sehr gut, aber nicht wie ein alter 1073 eher eine moderne Interpretation. Für meinen Geschmack zu ausgewogen für einen 1073 aber dennoch auf hohem Niveau. Damit lässt sich definitiv arbeiten.

    BAE: Mein klarer Favorit. Hat die typische 1073 Mittenpräsenz, die einen fast anspringt. Im Bass etwas schlank und nicht ganz so 3-dimensional wie das Original aber gefällt mir sehr gut. Den würde ich nehmen :)

  4. Profilbild
    starstreet

    BAE bietet als einziger Kandidat den Sound der ALTEN NEVE MODULE. Der AMS Neve klingt etwas heller, aber will man das unbedingt?! Es gibt in dieser Klasse aber auch Alternativen, es muss ja nicht immer ein 1073 sein. Den Chandler Redd finde ich z.B. noch etwas geiler oder die Massenburg Sachen, wenn man was auf dem Gebrauchtmarkt findet.

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