Test: Schecter Nick Johnston Traditional HSS

22. September 2020

Das Werkzeug des Solokünstlers

Eine Schecter Nick Johnston Signature Gitarre? Ich gebe ja gerne zu, dass ich von Nick Johnston bisher tatsächlich noch nichts gehört hatte, aber noch viel gerner gebe ich zu, dass ich da tatsächlich was verpasst habe. Ein virtuoser Gitarrist mit einem unglaublichen Gespür für Melodie und albumtauglichen Solo Songs. Das kann wahrlich nicht jeder Gitarrist von sich behaupten, mir persönlich gehen reine Gitarren-Instrumentalalben schnell auf die Nerven. Wie man unschwer erkennen kann, hat mich der Mann hinter der Gitarre schon mal beeindruckt. Mal schauen, ob die Schecter Nick Johnston Traditional HSS genauso beeindruckend ist, oder ob die indonesische Produktion, die einen Preis rund 3000 € unter dem Custom Shop Niveau ermöglicht, einen bitteren Beigeschmack hinterlässt.

Schecter Nick Johnston Signature E-Gitarre

Die HSS-Version der Schecter Nick Johnston Traditional Signature Gitarre

Schecter Nick Johnston Traditional HSS- Facts & Features

„Traditional“ heißt sie und sieht auch schon mal so aus. Eine Stratocaster in weiß haben wir alle schon mal gesehen. Der Zusatz „HSS“ verrät uns, dass da ein Humbucker am Werke ist, und zwar in Stegposition. Auch das ist mittlerweile als traditionell anzusehen, kaum eine Pickup-Bestückung ist so vielseitig und bringt trotzdem authentische Sounds hervor. „Atomic White“ nennt sich die Lackierung und es ist sicherlich kein Zufall, dass sich das ein bisschen wie „Olympic White“ anhört, eine der beliebtesten Farbvarianten der klassischen Stratocaster. 3,6kg wiegt die Lady und schlüpft geschmeidig aus dem Karton. Ein Koffer oder Gigbag gehört nicht zum Lieferumfang. Der Korpus besteht aus Erle und ist Strat-typisch geshaped, der geschraubte Hals stammt vom Ahorn und trägt ein Griffbrett aus Ebenholz. Der Hals-Korpus-Übergang ist, im Gegensatz zum Mutterschiff von Fender, etwas abgeschrägt, so dass die höheren Lagen problemloser bespielt werden können. Ausreichend stabil ist das allemal, der Hals sitzt fest und passgenau in der Fräsung. Die 22 Jumbobünde sind sauber abgerichtet. Hinter dem letzten Bund steht das Griffbrett etwas über und umrahmt die Stellschraube für die Trussrod. Ein Werkzeug dafür liegt dankenswerter Weise im Karton, ein Einsatz ist aber nicht nötig, die Gitarre ist perfekt eingestellt, die Saitenlage ist flach, bietet aber genug Gegenwehr, damit man mit der Gitarre arbeiten muss. Flacher geht immer, dies geht dann aber auch gern mal zulasten der freien Schwingung. Weite Bendings sind kein Problem, David Gilmour, ick hör dir trapsen…

Schecter Nick Johnston Traditional HSS Headstock

Die Lockingtuner aus eigener Fertigung und das Brandmal des Namensgebers nebst Totenkopf. Sicherheitshalber mit Helm!

Die Klinkenbuchse wurde dankenswerter Weise an die untere Zarge verbannt, das ist tatsächlich einer meiner liebsten Kritikpunkte an einer herkömmlichen Strat. Wenn man den Vibratohebel nach Benutzung fallen lässt, stößt er mit lautem Federgeklapper gegen den Stecker des Kabels. Diese Gefahr besteht hier also nicht, die 3 Federn des Vibratosystems halten das System klaglos und still in Waage. Das Vibratosystem selbst lagert auf 2 Bolzen, der Hebel ist steckbar und wird mit Hilfe einer kleinen Madenschraube in der Gängigkeit justiert. Um die Stimmstabilität zu gewährleisten, arbeiten an der Kopfplatte Lockingtuner aus eigener Produktion; unterstützt wird das Unterfangen durch perfekt geraden Saitenverlauf hinter dem GraphTech-Sattel. Ein Stringtree erhöht den Druck der E- und der H-Saite auf den Sattel. Die Gefahr des Herausrutschens der Saiten bei extremer Nutzung des Vibratosystems besteht nicht, der Sustainblock schlägt bei etwa 8 Halbtönen des abwärts Vibrierens hinten ans Korpusholz. Da das Vibratosystem nicht unterfräst ist, klackt es beim vibrieren nach oben nach ca 3 Halbtönen laut und vernehmlich auf den Lack. Das ist schade, denn an dieser Stelle wird irgendwann der Lack Schaden davontragen. Ein kleiner Filzstreifen an der Unterseite der Vibratoplatte würde kostengünstig Abhilfe schaffen. Wie so oft sind leider keine Security Locks an Stelle der Gurtpins verbaut.

Schecter Nick Johnson Traditional Vibratosystem

Das Vibratosystem der Schecter Nick Johnston arbeitet verstimmungsfrei, schlägt aber beim Hochvibrieren auf den Lack

Die Elektrik

Die drei Pickups der Schecter Nick Johnston Traditional kommen aus eigener Fertigung, am Steg verrichtet ein Diamond ’78 Humbucker seinen Dienst, die beiden einspuligen Kollegen hören auf den Namen Diamond Nick Johnston und sind offenbar speziell auf die Bedürfnisse des Meisters gewickelt. Ein klassischer 5-Weg-Schalter verschaltet die drei Tonabnehmer in bekannter Manier, der Humbucker ist über die Pull-Funktion des Tone-Potis splitbar. Besagtes Tone-Poti regelt global für alle Pickups die Höhenanteile. Ein Volume-Poti ist natürlich auch am Start, es ist mit dem kleinen Finger der rechten Hand während des Spiels gut erreichbar und für schnelle Volume-Swells für meinen Geschmack genau mit dem richtigen Drehwiderstand ausgestattet. Die komplette Elektronik ist auf einem leicht grünlich wirkenden Pickguard verbaut, das ein bisschen Vintage-Flair verbreiten soll. Leider passen die billig wirkenden Pickup-Kappen der Singlecoils da so gar nicht ins Bild.

Schecter Nick Johnston Traditional Pickups

Die HSS-Bestückung auf dem Pickguard im grünstichigen Vintage-Style. Leider wirken die Plastikkappen der Singlecoils extrem billig.

Schecter Nick Johnston – die Praxis

Ich gebe zu, ich bin gespannt auf die akustischen Eigenschaften der Nick Johnston. Wenn sie hält, was der erste Eindruck verspricht, könnte sich diese Gitarre zum Knaller entwickeln, berücksichtigt man den Straßenpreis von deutlich unter 1000 €. Die Bespielbarkeit der Gitarre schlägt eine herkömmliche Strat von Fender jedenfalls schon mal deutlich, hier sind einfach ein paar der bekannten Kinderkrankheiten, die bei Fender noch immer nicht auskuriert sind, dem Doktor unter die kompetenten Finger gekommen und behandelt worden. So ist der Hals-Korpus-Übergang deutlich besser gelungen und das oben schon erwähnte Buchsenblech-Problem hat man direkt umgangen, ohne dass die Optik der Gitarre leidet. Trocken angespielt erweist sich das Schecter Nick Johnston Signature Modell als Strat in Reinkultur. Schnelle, drahtige Ansprache mit klar definierten, glockigen Bässen und silbrige Höhen. Durch den Humbucker in Stegposition erwarte ich jetzt natürlich gerade in dieser Position keinen Stratsound, aber ordentlich Dampf unterm Kessel. Schaumerma…

Der Stimmvorgang dauert, bedingt durch das freischwebende Vibratosystem, naturgemäß etwas länger, die Tuner verrichten ihren Dienst aber ruhig und zuverlässig. Zum Einsatz kommt wie immer mein Kemper Profiler Stage, für den cleanen Sound verwende ich bei allen Tests das Profile eines Bogner XTC von Guido Bungenstock. Ausgenommen wird direkt in Cubase, ein klein wenig Hall vom Kemper verfeinert den Sound. Alle anderen Effekte sind ausgeschaltet, wenn ich nicht explizit etwas dazu schreibe. Beginnend in der Pole-Position, also beim Hals-Pickup, offenbart sich direkt, wofür die Strat geliebt wird. Ein wunderbar hohler, ausgeglichener Sound ohne Mulm und Matsch mit Bässen und Höhen da, wo sie hingehören. Die vordere Zwischenposition kommt dann mit dem typischen Mehr an Höhen und dem charakteristischen Knopfler-Nöck daher. Bislang also Strat in Reinkultur. Aber jetzt wird’s spannend, denn jetzt splitte ich den Humbucker und schalte ihn mit dem Mittel-Pickup zusammen. Leider will das Poti so gar nicht auf mich hören, bedingt durch die Vintage-Kappe rutschen die Finger ab und der Split lässt sich nur realisieren, indem man mit den Fingerkuppen unter die Kappe greift. Für einen schnellen Umschaltvorgang ist das natürlich nur suboptimal. Das gibt leider ein Minus, das wäre vermeidbar gewesen, wenn Schecter ein Push-Poti installiert hätte. Dafür überrascht der Sound umso mehr. Ich hätte nicht gedacht, dass der gesplittete Humbucker so eine gute Figur macht. In Kombination mit dem mittleren Pickup ist der Sound mehr als nur brauchbar. Dafür ist der gesplittete Humbucker allein etwas blass und dünn, im doppelspuligen Betrieb allerdings wiederum echt eine Bank, die Bässe sind schlank, die Höhen ätzen einem nicht das Ohrenschmalz weg, der Sound ist rund und warm.

Schalten wir um auf einen angezerrten Sound, die Königsklasse der Stratsounds. Hier kommt das Profile des Morgan AC20 zum Einsatz. Im Verlauf der Soundbeispiele habe ich dann immer noch einen Zerrer vorgeschaltet, in diesem Fall nennt er sich „Mouse“ und ist wohl eher eine Ratte. Der Halspickup verhält sich sehr angenehm und beginnt auch beim höheren Gainsetting mit Zerrer nicht unangenehm zu werden. Die vordere Zwischenposition klingt immer brillant und mit einem schönen Anschlagspunch. Die hintere Zwischenposition im Splitmodus gewinnt dann naturgemäß an Höhen, bleibt aber immer angenehm, auch wenn man die Zerrintensität erhöht. Letzteres scheint sie sogar zu fordern, dann lebt die Gitarre richtig auf und entwickelt einen klar definierten Rhythmussound. Der Stegpickup allein macht sowohl gesplittet als auch im Humbucker-Mode einen erstklassigen Job, wenn die Zerre zunimmt. Das Anschlagsgeräusch ist wunderbar präsent, die Gitarre bekommt immer mehr Farbe und Charakter.

Nun folgt unweigerlich der Highgain-Sound, hier dient ein Soldano Hot Rod Profile als Vorlage. Ich beschränke mich auf Halspickup und Steg Humbucker, das sind wohl die häufigsten Kombinationen in der Praxis. Der Sound ist mit „dreckig“ wohl am Besten umschrieben und das meine ich durchaus positiv! Die einzelnen Saiten bleiben immer schön differenziert, die Bässe sind knackig und sauber, die Gitarre baut guten Druck auf, ohne zu matschen.

Bleibt der Leadsound. Hier greife ich zum Profile eines Engl Steve Morse Amps, diesmal mit etwas Delay angereichert.

 

Fazit

Ich muss sagen, was der Hersteller hier für unter 1000 € auf die Strasse bringt, ist für mich eine kleine Sensation. Wer auf der Suche nach einer perfekt verarbeiteten, modernen Strat ist, sollte diese Gitarre auf jeden Fall in Augenschein nehmen. Lediglich das problematisch zu bedienende Pull-Poti für den Coil-Split des Humbuckers ist für mich ein vermeidbares Ärgernis, jedenfalls in Verbindung mit der Poti-Kappe. Ein Push-Poti hätte hier den besseren Job gemacht. Ein Filzstreifen unter dem Vibratosystem wäre ebenfalls kostengünstig zu haben, aber das ist eher ein Randproblem, denn ein Vintage-Style Vibrato wird selten so hart rangenommen, wie ein Floyd Rose System. Unterm Strich bleibt ein knappes „sehr gut“, weil Optik, Verarbeitung und Sound für den Preis wirklich ihresgleichen suchen. Ein Vergleich mit meiner Ibanez AZ226 bestätigt letzterer noch eine Schippe mehr Präsenz im Ton und ein besseres Handling, allerdings kostet die auch bereits um die 1200€ und ist optisch von der Strat weiter entfernt.

Plus

  • Verarbeitung
  • Preis
  • Sound
  • Vibratosystem stimmstabil

Minus

  • Pull-Poti schwer bedienbar
  • Vibratosystem schlägt auf den Lack

Preis

  • 929€
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