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Test: Schecter Jake Pitts E-1 FR S

24. November 2019

Schecters Sustain-Monster!

Nicht viele wissen, dass Schecter in den späten 70ern ihren Anfang damit machten, qualitativ hochwertige Stratocaster und Telecaster herzustellen. Seitdem hat sich die Firma grundlegend verändert – kaum ein Name wird inzwischen so deutlich mit Musikrichtungen der härteren Gangart assoziiert wie Schecter. Eine Entwicklung, die in den frühen 90ern ihren Anfang nahm. Wir haben uns zuletzt ausführlich der Keith Marrow Signature gewidmet, die es sogar in unserer Top-Liste des Jahres 2019 schaffte. Viele sind neugierig auf die neue Banshee Extreme Serie der Firma und keine Sorge – auch dieser werden wir uns in einem Review ausführlich widmen. Doch heute wollen wir uns ein ungewöhnliches Modell von Schecter zu Gemüte führen – die Schecter Jake Pitts Signature, Teil Metal-Axt, Teil Sustain-Monster, Teil …? Tatsache ist: Die Specs des Modells lesen sich äußerst interessant: Ultra Thin C-Hals beispielsweise und der berühmt-berüchtigte Sustainiac-Pickup. Und Tatsache ist: Manchmal verbergen sich unter den Signature-Modellen echte Schätzchen. Wird also Zeit für ein ausführliches Review der Schecter Jake Pitts E-1 FR S, mit allem Drum und Dran.

Schecter Jake Pitts E-1 FR S – Facts and Features

Der allererste Eindruck beim in die Hand nehmen: Verdammt dünner Hals. Klar, ist Programm bei einem Namen wie Ultra Thin C-Shape, aber ungewohnt ist es allemal – mal sehen, wie sich das im Spielgefühl niederschlagen wird. Tatsache ist: Der Heavy-Body Shape erinnert an eine Explorer und mutet an wie ein gezackter Blitz – der martialische Schnitt des Bodys spricht also ganz klar für ein gewisses Genre. Der Kern und die Resonanzbasis ist ein vergleichsweise leichter Mahagoni-Körper, an den im durchgehenden Verlauf ein dreiteiliger Mahagoni-Hals anschließt, verstärkt durch Kohlefaser-Befestigungen im Innern – keine mehrteiligen Abstimmungen verschiedener Hölzer mit unterschiedlichem Resonanzverhalten also, sondern ein durchgehender Solidbody, was für das Extraplus an Power und eine Reduktion von unliebsamen Schwingungsverhalten und Rückkopplungen sorgen dürfte. In Kombination mit dem Sustainiac-Pickup dürfte also vor allem das Sustain der Jake Pitts für die Gitarre befriedigend ausfallen. Das Trans Black Brust Finish liegt auf einem Ahorn-Top auf und trifft  meinen Geschmack – spiegelglatt und makellos aufgetragen, umgeben von einem cremefarbenen, stimmigen Binding, das sich am Hals versetzt fortsetzt. Darüber hinaus kann der Halsstab der Gitarre beidseitig eingestellt werden.

24 Jumbo-Bünde auf einem Ebenholzgriffbrett – keine Überraschungen an dieser Stelle. Der Cut in den Ausläufern des Heavy-Schnitts macht auch das Erreichen höherer Bundregionen problemlos möglich. Die Mensur beträgt 648 mm und verläuft in der Dicke gleichmäßig – zwischen dem 1. und dem 12. Bund gibt es lediglich einen Unterschied von 1 mm, also von 19 auf 20. Entlang des Bindings am Hals markieren schwarze Positionspunkte die gewohnten Stellen. Was sagt die Verarbeitung der Bundierung am Hals? Zumindest die MOP-Block-Inlays kennt man von vielen Schecter Modellen und die Bünde selbst sind völlig einheitlich und adäquat auf dem Griffbrett integriert. Erlebt man im Jahre 2019 auch eigentlich nicht mehr, dass jemand die Bundierung schlampig oder unbedacht aufsetzt – da ist die Jake Pitts E-1 keine unrühmliche Ausnahme.

Schecter Jake Pitts E-1 FR S – Hardware

Gleich zu Beginn – die Hardware ist ausschließlich in Black Chrome ausgeführt, was schön zum Black Burst Finish passt. Die Schecter Jake Pitts E-1 FR S ist mit einem Floyd Rose Tremolo ausgestattet, das in einer 1500-Bridge integriert ist. Nun muss man skeptisch bleiben, da Floyd Rose-Systeme aus dem asiatischen Raum in Sachen materieller Integrität mit einigen Abstrichen daherkommen. Um das ausführlich an der Jake Pitts zu überprüfen, müsste über einen längeren Zeitraum getestet werden, ob die Stimmstabilität nach einer gewissen Zeit schneller verloren geht oder ob der Klemmsattel Probleme macht. Nach einer Verwendung über einen halben Tag hinweg macht das Tremolo jedenfalls keine Probleme. Die Stimmmechaniken sind 18:1 Mechanics aus dem Hause Rotomatic – gewohnte Qualität also.

Die Schecter Jake Pitts E-1 FR S hat ein paar Toggle-Switches und zwei Regler. Die Regler kümmern sich erwartungsgemäß um Volume und Tone, der zentrale, mit schwarzer Hardware versehene Kippschalter ist ein Dreiwegausführung für die Pickups, um Neck, Bridge oder beide gleichermaßen zu aktivieren, während sich die zwei silbernen Kippschalter um den Sustainiac Pickup kümmern. Der silberne Zweiweg-Schalter aktiviert oder deaktiviert den Pickup, der silberne Dreiweg-Schalter versetzt den im Neck sitzenden Sustainiac in einen von drei Betriebsmodi: Fundamental, Mix, Harmonic. Wir werden im Praxisteil nachvollziehen, wie sich die Modi auf den Klang ausüben, aber prinzipiell soll die Auswahl es ermöglichen, den Punch und die Attack der Gitarre zu akzentuieren. In der Bridge befindet sich ein alter Klassiker: der aktive EMG 81 Pickup, der für einen klinisch-brutalen Sound sorgen kann. Auf der Rückseite der Gitarre kommen zwei Double-9V-Batterien in ein Klappfach – zuständig sind diese in erster Linie für die Versorgung des Sustainiac, der, je besser die Batterien dastehen, den Ton nahezu ewig dastehen lassen kann. Die Kombination eines EMG mit dem Sustainiac hat mich im Vorfeld äußerst neugierig gemacht – schauen wir mal, wie diese Kombination im Praxisteil wegkommt.

Schecter Jake Pitts E-1 FR S – In der Praxis

Der Grundsound der Schecter Jake Pitts, ohne das gute Stück an einen Verstärker geschlossen zu haben, offenbart schon ein ungewöhnlich gutes Sustain. Nichts scharrt oder erzeugt unliebsame Nebengeräusche – Ware aus Südkorea ist in Sachen Fertigungsqualität eben doch oft besser als ihr Ruf. Das Gewicht geht ebenfalls klar – die Jake Pitts ist nicht zu schwer und nicht zu leicht, wobei der dreiteilige Hals mit seinem Halsstab ein bisschen schwerer anmutet als der Korpus selbst. Was sagt der Ultra Thin C-Shape? Für Mid-Range Riffs natürlich äußerst geeignet. Ob die konsequent einfache Greifbarkeit über das gesamte Griffbrett auf Kosten von Tone geht (was flachen Hälsen gerne nachgesagt wird), wird sich zeigen. Was mir persönlich missfällt: Ein richtig natürliches Spielgefühl stellt sich nicht ein, da die Greifbarkeit und das Gefühl des Holzes vom dick aufgetragenen Lack überlagert wird – schade, aber kein Genickbruch.

Schließen wir die Schecter Jake Pitts E-1 also an einen Laney Lionheart Combo an und vollziehen nach, ob diese ungewöhnliche Pickup-Kombination und die Resonanz ein starkes Klangbild ergeben. Erster Eindruck: Und wie. Zunächst spielen wir die Schecter über den Hals-Pickup, ohne den Sustainiac zu aktivieren und ohne den Gain gänzlich aufzureißen, um ein Gespür für das Instrument zu bekommen. Klar, auch offen gespielter Twang klingt hier metallisch – Freunde weicher Pickups werden hier garantiert nicht mit warm. Der Sound wirkt komprimiert, aber nicht klein, er drückt, ohne an Substanz einzubüßen – die Bässe sind konstant präsent. Spürbar wird es speziell beim Aktivieren beider Pickups. Wer sich in der harten, musikalischen Nomenklatur bewegt, wird hiermit seine helle Freude haben. Rauschende Gain-Wände, die transparent genug sind, um Dreiklänge schön und sauber abzubilden – und das bei vollem Gain. Darüber freut sich jeder Metal-Gitarrist und Jake Pitts scheint in seiner Zusammenarbeit mit Schecter genau auf die richtigen Dinge gepocht zu haben. Treibende Rhythmen à la Hetfield funktionieren hier absolut problemlos. Der Hals ist überraschenderweise für mich ein leichtes Manko. Normalerweise freue ich mich über flache C-Shapes, aber für meinen Geschmack ist das eine Ecke … zu flach. Bei der Rückkehr zu tieferen Bundregionen fehlt das Gefühl, fest anpacken zu können. Für Barre-Akkorde sind derartige Hälse natürlich eine Menge wert, aber man stößt hier auf kaum Widerstand und das ist gewöhnungsbedürftig.

Kommen wir zum absoluten Highlight der Gitarre, dem Sustainiac Pickup. Warum dieses Schätzchen mich erst jetzt erreicht, muss ich mich da fragen. Sustain ist und bleibt ein wichtiges Thema für Gitarristen, das mit Pedalen, mit Holz, Amp-Funktionen und weiß Gott wie vielen anderen Wegen noch angegangen wird. Kaum eine Lösung ist so elegant wie der Sustainiac – zumindest für die härteren Gefilde. Die Klangbeispiele offenbaren, dass er über ein hervorragendes Antwortverhalten verfügt. Der Sustainiac weiß genau, wann er Ruhe zu geben hat – und wann nicht. Lässt man die Chords und Töne stehen, öffnet er den Sound und lässt natürliche Swells entstehen (die auch im cleanen Bereich gut funktionieren), Dadurch, wenn gewollt, kommt auch die Selbstoszillation zum Tragen. Aber sobald der Attack wieder in den Vordergrund gerät, verschwinden die Sustain-Flächen auf natürliche Weise – jetzt schon mein persönliches Pickup-Highlight für 2019.

Fazit

Schecter ist hier ein kleiner Ferrari unter den Metal-Gitarren gelungen. Zugegeben, meine persönlichen Metal-Fähigkeiten sind inzwischen ein wenig eingerostet, aber die Lust an dem Genre hat sich nach ein paar Stunden mit dem Instrument neu entflammt. Der Sustainiac-Pickup ist eine Offenbarung, der dünne Hals zwar gewöhnungsbedürftig, die Verarbeitung und die tonalen Einsatzmöglichkeiten zwar beschränkt, aber für das Genre, das sie bedienen, geht es wohl kaum besser – eine wahrlich perfekte Metal-Klampfe.

Preis

  • 1199,- Euro
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    S_Hennig

    Jetzt muss ich doch mal fragen: bin ich der einzige, dem auffällt dass dieser Test evtl. zwei Jahre zu spät kommt und dass die Gitarre anscheinend gar nicht mehr verfügbar ist?

    Ansonsten: sehr schöne Audio-Beispiele, die endlich mal den Klang der Gitarre in den Vordergrund stellen statt tatsächliche oder vermeintliche Virtuosität des Testers. Sehr aussagekräftig.

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