Test: Walrus Audio Julianna, Chorus Pedal

20. September 2020

Julias große Schwester mit Stereomode!

 

Es ist für Musiker und Hersteller das gleiche Dilemma: der Effektpedal-Markt ist dermaßen übersättigt, dass es gleichermaßen kaum mehr möglich erscheint, ein Pedal mit echten Neuerungen zu finden, respektive zu kreieren. Am schlimmsten trifft es den Verzerrermarkt, bei dem es gefühlt weltweit mehr Pedale als Gitarristen gibt, aber auch im Modulationsbereich scheint das Ende der Fahnenstange seit längerem erreicht. Was hingegen immer noch gut funktioniert, ist das Upgrade eines erfolgreichen Produkts, womit wir bei dem Walrus Audio Julianna angekommen sind, welches im Prinzip eine Weiterentwicklung des Walrus Audio Julia darstellt.

Walrus Audio Julianna Test

Walrus Audio Julianna – Front

Die Konstruktion des Walrus Audio Julianna

Bei dem Walrus Audio Julianna handelt es sich um den ewigen Klassiker der cleanen E-Gitarre, dem Chorus Effekt, welcher bei dem vorliegenden Pedal noch zusätzlich um einen Vibrato Effekt ergänzt wurde. Der Chorus Effekt wurde ursprünglich vor vielen Dekaden einmal mit dem Spruch „macht aus einer sechssaitigen eine zwölfsaitige Gitarre“ beworben, was in seiner klanglichen Ausrichtung zwar so nicht stimmt, im Bezug auf seine Delay und Tonhöhenmodulation technisch gesehen aber gar nicht mal so weit von dem Werbeslogan entfernt ist.

Während jedoch die ersten Chorus-Pedal-Klassiker mit den beiden Reglern „Speed“ und „Depth“ hinkamen, handelt es sich bei dem Walrus Audio Julianna hingegen um eine Deluxe-Variante, welche in Sachen Flexibilität ganz klar zur Spitzenklasse der Chorus Pedale gezählt werden muss. Während die Julia Variante als Mono Pedal ausgelegt ist, handelt es sich bei dem Walrus Audio Julianna um ein True Stereo Pedal, welches sowohl ein Mono-Signal in die Breite ziehen kann, als auch ein Stereo-Signal in echter Panorama Einstellung wiedergibt. Entsprechend verfügt das Pedal über zwei In- und zwei Outputs. Gerade im Chorus-Bereich ermöglicht ein Stereo Chorus eine enorme räumliche Auflösung, sofern er im Sweetspot des Stereosignals steht.

Interessant ist auch die Tatsache, dass das Pedal mit nur 100 mA bei 9V klar kommt, waren in der Vergangenheit doch insbesondere die Modulationseffekte für ihren Stromhunger bekannt. Praxismessungen haben sogar nur eine Stromaufnahme von 30 mA gemessen, was so gering ist, dass es für diesen Wert nicht einmal DC Netzteile gibt. Die entsprechende Buchse sitzt nicht wie bei vielen anderen Pedalen auf der Stirnseite des Gehäuses, sondern auf der Seite. Eine in meinen Augen sinnvolle Aktion, da der Abstand im Seitenbereich oftmals von den Winkelsteckern vorgegeben wird und man so den Netzwinkelstecker gleich mit in diesem Bereich unter bringen kann. Im Gegenzug kann man das Pedal auf der Stirnseite dann auf Anschlag montieren. Das Walrus Audio Julianna muss mit einem Netzteil betrieben werden, ein Batteriebetrieb ist wie auch bei allen mir bekannten Walrus Audio Pedalen nicht vorgesehen.

Walrus Audio Julianna Test

Walrus Audio Julianna – Aufsicht

Apropos Gehäuse: sollte es einem Hersteller in den letzten Jahren geglückt sein, seine Pedalreihe allein nur durch die optische Aufmachung in den Gehirnwindungen der Musikern zu etablieren, dann ist es Walrus Audio. Wie auch viele andere Pedale aus dem hauseigenen Portfolio verfügt das Walrus Audio Julianna über eine abgefahrene Lackierung, dieses mal im „Arielle die Meerjungfrau auf Ecstasy“-Style. Im Gegensatz zu anderen Pedalen ist die Oberfläche aber in einem angerauten, matten Lila mit türkisem Aufdruck gehalten. Sehr stylisch und absolut polarisierend.

Die Verarbeitung der Amerikaner mit ebenfalls „Made in USA“ ist tadellos und hinterlässt einen sehr hochwertigen Eindruck. Endlich sieht man auch einmal wieder eine ordentliche Konterung der Potentiometer und Schalter durch entsprechende Muttern, so dass seitliche Krafteinwirkungen vom Gehäuse abgefangen werden und nicht zu Haarrissen auf der Platine führen können. Es ist erschreckend, wie selbst bei großen Herstellern teilweise an solchen Cent-Lösungen gespart wird. Zudem sind alle Regler nebst Schalter angenehm schwergängig, so dass ein versehentliches Verstellen der Regler massiv erschwert wird. Für ein Pedal dieser Größe ist das Walrus Audio Julianna mit knapp 380 Gramm Gewicht auch recht schwer, was für die massive Ausfertigung spricht.

Geliefert wird das Walrus Audio Julianna wie viele andere Walrus Audio Pedale ebenfalls in einem mattschwarzen Pappkarton mit entsprechendem Aufdruck und dem allseits bekannten weissen Stoffsäckchen. Zusätzlich befinden sich in dem Karton noch eine aufklappbare Bedienungsanleitung, ein Aufkleber, ein Katalog und ein Plektron.

Walrus Audio Julianna Test

Walrus Audio Julianna – Seitenansicht Links

Die Funktionen

Neben den Standards „Rate“, „Depth“ und einem On / Off Schalter, bietet das Walrus Audio Julianna zwei weitere Regler und drei zusätzliche Schalter, um die Funktionalität des Pedals um ein Vielfaches zu steigern. Die Schalter / Regler im Einzelnen:

Lag: Setzt die Verzögerungszeit, um die der LFO herum moduliert

D-C-V: Ist ein Mischregler, mit dem man das trockene Originalsignal mit dem FX-Signal mischt. Die Standard Einstellung bei einem regulären Chorus Effekt beträgt ca. 12 Uhr

Shape: mit diesem Schalter lässt sich die Hüllkurve einstellen, welche vom LFO erzeugt wird. Zur Auswahl stehen Sinus, Dreieck und Random.

DIV: Stellt man in der Tap Funktion das Tempo des LFO mit dem Fuß ein, so kann man an diesem Schalter die Unterteilung wählen. Zur Auswahl stehen Viertel, Viertel Triolen und Achtel.

Tap: Hier kann man die LFO Geschwindigkeit des laufenden Songs mit dem Fuß einstellen.

Das Walrus Audio Julianna hat noch ein paar sehr schöne „Hidden Features“, welche das persönliche Spiel noch interessanter erscheinen lassen. Da wäre zum einen eine zweite LFO Geschwindigkeit, welche sich bei gedrücktem Tap Schalter am Rate Regler einstellen lässt und sich ebenfalls mit selbigem Schalter aktivieren und deaktivieren lässt, eine Art „Gaspedal“ für den LFO.

Dann gibt es noch die „Drift“-Funktion, bei der man bei gedrücktem Bypass-Schalter den „Depth“-Regler in eine zweite Position dreht und daraufhin ein interner Zufallsgenerator zwischen diesen beiden Intensitäten hin und her wechselt. Als weitere Besonderheit ist die Tap / Expression Buchse an der rechten Seite des Gehäuses zu sehen. Hier kann wahlweise ein externer Tap Schalter, respektive Expression Pedal zur Steuerung des Pedals angeschlossen werden. Die jeweilge Funktion lässt sich nach Öffnen der Bodenplatte über zwei DIP Schalter einstellen. Eine sehr hilfreiche Funktion, sollte das Walrus Audio Julianna zum Beispiel in einer Rackschublade verbaut werden, man aber dennoch Zugriff auf diese Features haben möchte.

Walrus Audio Julianna Test

Walrus Audio Julianna -Seitenansicht Rechts

Das Walrus Audio Julianna in der Praxis

Generell gilt, ein Chorus nebst Verzerrung des Tons, ob vor oder hinter dem Chorus Pedal, verheisst nichts Gutes. Im Experimentalbereich kann man natürlich jeglichen Matsch als Kunst titulieren, in der Praxis hingegen macht ein Chorus letztendlich nur im cleanen Bereich Sinn, für den Gain-Bereich ist ein Flanger die deutlich bessere Wahl. So mag es dann auch nicht verwundern, dass sämtliche Klangbeispiele, welche man mit einem Chorus einspielt, nahezu immer Clean oder maximal leicht gesättigt sind. Hier kann das Pedal seine Stärken ausspielen, von denen es jede Menge gibt.

Mir ist noch kein Pedal dieser Größenordnung untergekommen, welches mit vergleichsweise wenig Reglern eine solche Bandbreite an Chorus Sounds offeriert, noch dazu in einem sehr geschmackvollen Grundklang. Natürlich kann man sich wie bei jedem Pedal über die grundsätzliche Klangauslegung dumm und dämlich diskutieren, was aber nichts an der Tatsache ändert, dass es dem Zuhörer, man verzeihe mir den Ausdruck, scheissegal ist, ob man mehr Vintage oder mehr analog oder mehr digital oder was auch immer für eine Detailauflösung man als User zu hören glaubt, hört, solange der Sound zum jeweiligen Song passt.

Um eben jenem Song oder Sound gerecht zu werden, bietet der Walrus Audio Julianna wirklich jede Menge Möglichkeiten, sein persönliches Spiel aufzuwerten oder interessanter zu gestalten. Allein der Tap-Schalter zur LFO Synchronisierung ist eine Offenbarung für den Praxisbetrieb. Wichtig ist es hingegen, sofern man das Pedal im FX Loop des Amps betreiben will, das Chorus Pedal nicht in einem parallelen FX-Loop, sondern stets in einem seriellen zu betreiben, es sei denn, man fährt den parallelen Loop auf 100% Wet. Da der parallele FX Loop aber ohnehin in der letzten Zeit schwer an Bedeutung eingebüßt hat und ohnehin fast immer nur für Raumeffekte wie Delay oder Reverb verwendet wurde, ist die Gefahr der Fehlbedienung vergleichsweise gering.

Fazit

Mit dem Walrus Audio Julianna haben die Amerikaner ein Chorus / Vibratopedal der absoluten Spitzenklasse auf dem Markt. Das Pedal ist bestens verarbeitet, bietet eine riesige Auswahl an hochwertigen Modulations Sounds und verfügt über einige „Hidden Features“, welche den Praxisbetrieb um ein Vielfaches erleichtern, respektive verbessern.

Der Ladenpreis von 265 Euro ist bei Made In USA mehr als gerechtfertigt, bekommt man doch ein akustisch wie optisch herausragendes Pedal.

Unbedingt einmal antesten!

Plus

  • Flexibilität
  • Einstellungsmöglichkeiten
  • Verarbeitung
  • True Stereo Mode
  • Optik

Preis

  • 265 Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Schöner, warmer und runder Chorus. Damit geht’s auch mal auf die Treppe in den Himmel. ;-)
    Gute Klangbeispiele by the way.
    Kritik: allesamt etwas übersteuert (mit Ausnahme der Himmelstreppe) und somit leicht am Clippen tun.

  2. Profilbild
    uelef  

    Haha, mal ein Test von dir ohne Schredder-Soundbeispiele … Kann mich nicht erinnern, dass es das schon mal gab.
    Ich mag Chorus auch lieber mit unverzerrten Gitarren, aber es gibt auch Ausnahmen. Das sehe ich nicht ganz so kategorisch wie du. Und das Walrus Julianna ist ansonsten wirklich amtlich – wie wohl auch die meisten andere Pedale der Firma.

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