Das Tone Beast
Warm Audio hat mit dem TB12 einen Mic Preamp auf dem Markt, der, obwohl im Preissegment unter 1000,- Euro angesiedelt, bei den ganz Großen mitmischen will. Wer eine kurze Erklärung zum Begriff „Diskreter Opamp“ haben möchte, kann das im Testbericht des WA12 von Warm Audio, quasi dem kleinen Bruder des TB12, nachlesen. Der TB12 hat aber hier bereits einen entscheidenden Unterschied: Er beherbergt zwei verschiedene diskrete Opamp-Typen. Der eine ist auf der Basis eines Melcor 1731, der andere auf Basis eines Dean Jensen 918 aufgebaut. Aber damit noch nicht genug: Dadurch, dass die Opamps auf dem damaligen Formfaktor aufgebaut sind, lassen sich sowohl Vintage Originale, wie auch vielerlei Nachbauten auf dieser Basis einsetzen! Und das ist jetzt kein Geheimtipp, auf der Herstellerseite wird ausdrücklich darauf hingewiesen und auf diverse Anbieter-Webseiten verlinkt.
Das verspricht eine Fülle an Tonvariationen und genau das verspricht auch der Hersteller mit der Standardausgabe dieses Gerätes. Der TB12 kostet ca. 200,- Euro mehr als der kleinere WA12. Mal sehen, ob sich diese Mehrausgabe bezahlt macht.
What have you
Der knallorangefarbene TB12 kommt in einem sehr robusten 19 Zoll Gehäuse mit 1 HE ins Rack. Alle Komponenten sind hochwertig und wirklich hervorragend verarbeitet. Die Front ist in drei Bereiche aufgeteilt: Input Control‘, Tone Control und Gain & Saturation.
Der Input Control Bereich bietet zwei Eingänge: einen verriegelbaren XLR-Mic-Eingang und einen 6,3 mm Klinken-Eingang für hochimpedante Instrumente.
An Schaltmöglichkeiten ist hier alles, was man von einem Preamp erwarten kann: Mic/Hi-Z-Auswahl, 48V Phantomspeisung, -20 dB Pad, Phasenumkehr-Schalter und ein zuschaltbares Highpass-Filter. Über „Line“ und „Hi-Z“ wählt man die Eingangsquelle. Die Schaltzustände aller Taster sind über LEDs abzulesen.
Tone Control
Der Tone Control Bereich hält die Optionen für die verschiedenen Preamps bereit. Hier wählt man zwischen dem Modell x731 und x18 über einen großen Knopfschalter. Mit dem Tone Schalter, der durch Verringerung der Eingangsimpedanz von 600 Ohm auf 150 Ohm das Signal um 6 dB anhebt – und das in einen bestimmten Frequenzbereich, der wiederum abhängig ist von der eingehenden Signalquelle. Die Wahl der Kopplungskondensatoren mit Vintage (Tantal-Kondensatoren) und Clean (Elektrolyt-Kondensatoren) erfolgt über einen Taster.
Und schließlich die Wahl des Ausgangsübertragers mit einem Stahl- oder einem Nickel-Kern, wieder über einen großen Schaltknopf. Zusätzlich dazu gibt es noch einen Bypass-Schalter für die Übertrager, der diese ganz aus dem Signalweg nimmt. Damit geht allerdings ein Signalverlust von 6 dB einher.
Gain & Saturation
Der Bereich Gain & Saturation gibt Kontrolle über den eigentlichen Gain (29 dB bis 69 dB) sowie über die Dämpfung der Ausgangslautstärke (0 bis unendlich). Hier befindet sich auch die LED-Signalkette, welche die Signalstärke hinter dem Gain anzeigt (der Output-Regler hat hier übrigens keinerlei Einfluss). Was bereits oft bemängelt wurde und ich nur bestätigen kann, ist die seltsame Wahl der ersten LED bei -20 dBu als grell blaues Exemplar.
Hat man das Rack vor sich, ist diese wirklich unangenehm. Allerdings hat mir genau dieser Umstand auch schon mal in einer Recording-Situation geholfen, wo ich den TB12 nicht direkt sehen konnte. Da die blaue LED aber so hell ist, konnte ich trotzdem sehen, dass ein Signal ankommt. Ob das nun die Intention dahinter war?
Wie man sieht, gibt es hier viel mehr Optionen zur Tongestaltung als sie der WA12 hat – deswegen wohl auch „Tone Beast“.
Äußerst racktauglich
Da Eingänge auf der Vorderseite bei Verwendung im Rack eher hinderlich sind, hat man auf der Rückseite eben auch alle Eingänge und Ausgänge noch einmal vorgesehen. Es gibt einen XLR-Mic- und einen TRS-Line-Eingang und einen XLR-Line- und einen TRS-Line-Ausgang. Zusätzlich dazu hat man aber auch noch einen Send/Return-Weg. D.h. man kann schon während der Aufnahme einen EQ oder einen Kompressor einschleifen – das ist selten und eine sinnvolle Option. Alle Verbindungen bis auf die Inserts sind symmetrisch ausgeführt. Nur der Hi-Z Eingang ist exklusiv auf der Vorderseite, was auch sinnvoll ist.
Tone Beast oder Tone Blob
Kommen wir also Umschweife zum Klang des Gerätes. Rein technisch ist hier alles richtig gemacht worden, das vermutet man schon beim aufgeräumten Inneren des Gerätes. Rauschen konnte ich auch bei voll aufgedrehtem Gain nicht feststellen. Der Grundklang ist straff und unprätentiös und man hat genug Gain-Reserven für jedes erdenkliche Signal. Natürlich sind die gerade die Tone-Kontrollen von Interesse und so habe ich, um diese auszuloten, einen Haufen Audiobeispiele aufgenommen, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Gleich vorweg: Selbst auf der Herstellerseite heißt es, dass die Ton-Optionen subtiler Natur sind und nur deutlicher zu Tage treten, wenn man das Gerät in die Sättigung fährt. Nach meinen Experimenten kann ich das erst mal bestätigen und vor allem als vorab Folgerung: Es kommt sehr auf das ursprüngliche Instrument bzw. die Instrument/Mic-Kombination an. Generell kann man Folgendes sagen: Die x731-Variante klingt obertonreicher als die x18-Variante, obwohl das genau umgekehrt auf der Hersteller-Website steht. Der Übertrager hat einen kleinen Einfluss auf den Mittenbereich, wobei die Nickel-Variante etwas mehr Farbe reinbringt, also ein wenig mehr im Bereich zwischen 400 Hz und 1 kHz. Nimmt man die Übertrager aus dem Signalweg, ergibt sich ein eher kristallener Klang ohne große sonstige Färbung im Mittenbereich. Die Einstellung der Eingangsimpedanz durch den Tone-Schalter (600 Ohm auf 150 Ohm) hat, neben dem zusätzlichen Gain von 6 dB, einen deutlichen Einfluss auf den Klang. Angehoben werden Frequenzen hauptsächlich im Bereich bis 8 kHz mit abnehmender Intensität bis zu dieser Frequenz.
Bei den Kondensatoren konnte ich auch nach angestrengtem Probehören keinen klanglich keinen Unterschied feststellen. Allerdings meine ich bei perkussiven Signalen einen leichten Unterschied in den Transienten wahrzunehmen, wobei die Clean-Einstellung ein wenig mehr „Snap“ verursacht. Eine ausführliche und sehr technische Untersuchung über den Klang von Kondensatoren ist verlinkt – allerdings harter Tobak und auf Englisch, aber ein echter Myth-Buster.
Natürlich hat die Gain-Einstellung den entscheidenden Einfluss auf die Sättigung des Signals. Man kann schön langsam bis zum Einsetzen das Signal andicken oder auch voll auf den Putz hauen und eine echte Transistorzerre herausholen. Der x731 bricht hier schneller auf, was hohe Frequenzen betrifft und wird dadurch leicht unangenehm. Beim x18 kann man durchaus von einer musikalischeren Sättigung reden.

Das Highpass-Filter wird seinem Namen nicht wirklich gerecht – der obere Rand des Spektogramms stellt 22 kHz dar, in der Mitte sind es 11 kHz – grün ist leise und rot bedeutet laut
Was mir nun gar nicht so gefallen hat, war das Highpass-Filter. Es setzt die Bassfrequenzen ab 80 Hz herunter und soll eben Trittschall oder anderen unerwünschten Bass entfernen. Das tut er auch, allerdings kann man deutlich hören (und sehen), dass das Signal insgesamt leiser wird und selbst Signale bei über 8 kHz gedämpft werden.
Audiobeispiele
Es war etwas schwierig, hier eine Auswahl zu treffen. Am deutlichsten traten die Unterschiede bei der Aufnahme einer Akustikgitarre mit einem Rode NT3 zu Tage.
Akustik-Gitarre, Rode NT3:
x731 vintage steel
x18 vintage steel
x731 clean steel
x18 clean steel
x731 vintage nickel
x18 vintage nickel
x731 clean nickel
x18 clean nickel
x731 vintage steel +tone
x731 vintage bypass
x731 vintage bypass +hpf
Sehr wenig bis gar keinen Unterschied konnte ich bei der Aufnahme eines Gitarrenamps mit einem Sennheiser e606 ausmachen.
E-Gitarre, Fender Amp, Sennheiser 606:
x18 vintage steel
x731 vintage steel
Die Aufnahme einer E-Gitarre über den Hi-Z Eingang zeigte bei Übersteuerung hörbare Unterschiede zwischen x731 und x18, wobei mir die x731 schon in den Ohren weh tat.
E-Gitarre, Hi-Z-Eingang:
x731 clean
x731 crunch
x731 over
Auch bei der Aufnahme einer Snare konnte man den größten Unterschied zwischen den Einstellungen x731 und x18 wahrnehmen, das betrifft jedoch hauptsächlich den Teppich-Anteil. Bei der Snare meinte ich dann auch, einen feinen Unterschied in den Transienten zu hören, wenn man zwischen vintage und clean umschaltet, wobei clean ein wenig mehr „Snap“ bietet – natürlich kann das auch an meinen sehr bescheidenen Schlagzeugkünsten liegen. Bei dem dritten Beispiel habe ich den TB12 in die Sättigung gefahren.
Snare, Rode NT3:
x731 vintage steel
x18 vintage nickel
x731 clean steel – Gain: 29->45->59->65
Zur Übersteuerung von Synthesizern ist das Gerät auch gut zu gebrauchen und klingt auch anders, je nach Preampwahl.
Moog, Line In:
x731-> x18 (steel vintage)
steel-> nickel (x18 vintage)
steel-> nickel (x731 vintage)
x731-> x18 (nickel vintage)
vintage->clean (x731 steel)
High-Pass-Filter Off-> On
x731 steel vintage-> gain-> x18-> x731-> nickel-> steel-> clean-> vintage


































