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Workshop: Band-Recording im Proberaum – Editing, Mixdown und Mastering

22. November 2019

Mix und Mastering der Band-Aufnahmen

band recording workshop proberaum

Workshop: Band-Recording im Proberaum – Editing, Mixdown und Mastering

Im vierten Teil unseres Band-Recording-Workshops geht es in die finale Phase unserer Aufnahmen. Das Editing, Mix und Mastering stehen an. Wer die ersten drei Teile des Workshops verpasst hat, kommt über die folgenden Links zu allen Teilen:

Pegelverhältnisse und EQ bei Aufnahmen im Proberaum

Grobe erste Automation der Pegelverhältnisse von Overheads und Snaredrum

Nun pegle ich mir als nächstes den Bass und die Stimme in ein gutes Verhältnis zum Schlagzeug. Dass Stimme, Bass und Schlagzeug im perfekten Verhältnis zueinander stehen, ist das Wichtigste, alles andere, was wir noch im Mix übrig haben, dient als Füller und Verdichter, darf sich aber nicht in den Weg von Stimme, Bass und Schlagzeug stellen!

Auch hier nehme ich erst mal wieder LowCuts vor, den Bass beschneide ich bei ca. 80 Hz mit einer weichen Flankensteilheit. Die Stimme komprimiere ich an und packe einen De-Esser hinter den Kompressor, um die S-Laute etwas wegzu“ducken“, die durch die Komprimierung noch hervorgehoben werden.

Als nächstes mische ich meine Riff-Gitarren-Konstruktion in das Gefüge ein – woraufhin ich merke: Aufgrund meiner „Phasenrettung“ klingt diese nun deutlich zu dünn. Also wieder ein Session-Wechsel. Ich exportiere die Summenspur und packe sie in eine neue Session, in der ich das Riff mit ein paar verschiedenen Synthesizer-Sounds nachspiele – in einem Rutsch spiele ich gleich noch ein Klavier und ein paar harmonisierende Pads ein und baue mir ein Reverse-Sample aus der Riffgitarre, das ich an der einen oder anderen Stelle zur Betonung der Riff-Wechsel einbauen möchte.

Sprung zurück in unsere Mixsession: Die Synthesizer arbeiten ganz subtil im Hintergrund, machen so aber wieder viel wett und füllen die unteren Mitten gehörig auf – Ziel erreicht. Sämtliche restlichen Gitarren mische ich danach bei – bei unseren Gitarren liegt der „Buzz“, also der Peak in den Höhen bei ca. 5-7 kHz, bei 3 kHz sind ebenfalls sehr prominente Frequenzen, die gezähmt sein wollen. Marcels Engl Verstärker ist ziemlich überpräsent in den Höhen, hier arbeite ich mit einem Kuhschwanz-Filter, um die Höhen etwas zu dämpfen. Auch bei den restlichen Gitarren muss noch mal ein Pro-Q in die Ketten, um etwaige Stör-Peaks herauszuziehen, hier und da mache ich Hicuts.

Alles ge“bussed“ und reduziert: Da wird die Session wieder schön übersichtlich

Effektierung, Räume, Mojo – Mix der Aufnahmen

Nun werden wir kreativ. Einige der Top-Gitarren sind einfach aufgenommen, eine davon versehe ich zunächst mit einem Tape-Effekt, der Wow & Flutter erzeugt – eine leichte Vibrato-artige Tonhöhenmodulation. Ansonsten arbeite ich viel mit Chorus und subtilen Delays auf einigen Einzelspuren, danach mache ich mir auch noch einen Delay-Bus, der sich von allen Spuren per Automation individuell stellenweise beschicken lässt – den beschicken wir aber erst, wenn wir etwas weiter im Mix sind.

Ich mache mir einen Drumbus und bearbeite mein Schlagzeug in der Summe, Sättigung und leichte Kompression stehen hier im Vordergrund – aber auch Parallelkompression kommt hier zum Einsatz. Diese eignet sich genial, um das Signal zu verdichten, die originalen Transienten des Materials jedoch beizubehalten, die danach noch einmal mit einer anderen, leichten Kompression gezähmt werden.

Danach geht es an den Raum der Schlagzeugs – ich wähle einen sehr kurzen Hall für die frühen Reflektionen – nicht zuletzt, um die zerpflückten Overheads etwas diffuser und natürlicher erklingen zu lassen, dann noch einen mittelgroßen Hall, auf den ich vor allen Dingen die Snare schicke. Diese Räume werden sich später prima automatisieren lassen, sodass das Schlagzeug in den ruhigeren Passagen etwas trockener und intimer klingt – bei den Riffparts breit und laut. Auf den kurzen Raum (keine 300 ms) packe ich noch einen Kompressor, der den Raum auch etwas anfrisst und mit Obertönen versieht.

Anfahren des Delay-Busses mit der Stimme

Auch für die Gitarren erstelle ich zwei Hall-Busse, einen kurzen daher den Aufnahmeraum simuliert und alles zusammen noch etwas in die Breite zieht und eine mittel lange Hallfahne, eine Impulsantwort eines EMT 140, zum leise Verdichten. Auch diese wollen später noch automatisiert werden.

Langsam fängt es an, nach einem Musikstück zu klingen. Um zu erreichen, dass das Musikstück am Ende logischer und zusammenhängender klingt, geht es nun an eine grobe Automatisierung der Lautstärkeverhältnisse.

An zwei Parts steht die Riff-Gitarre alleine, ohne stützende Top-Riffs, an diesen Stellen muss sie lauter klingen. In den Indie-artigen Parts des Songs müssen die Overheads in der Lautstärke reduziert werden, da sie sonst in den sonst spärlich instrumentierten Parts zu präsent sind und die Stimme stören. Das alles muss Post-Fader passieren, damit ich nicht einfach nur lauter bzw. leiser in die jeweiligen Plugins, wie etwa Kompressoren, auf den Kanälen fahre – so rendere ich mir die betreffenden Spuren zunächst und nehme die groben Automatisierungen danach vor. Am Ende werden wir die Einzelspuren noch per Hand fahren – also mit einem Fader am Finger die Lautstärke der Einzelspuren in Echtzeit anpassen.

Hier merken wir – Probe-Takes zu machen und sich mehr Zeit am Anfang zu lassen, rentiert sich. Je besser die Aufnahme, desto besser ist auch das Ergebnis. Zudem: Das Wichtigste an einem Mixdown sind die Pegelverhältnisse über das gesamte Musikstück. Mit „einmal den Fader hochziehen“ ist es meistens nicht getan.

Mixdown des Gesangs und Spuren fahren

Widmen wir uns noch einmal der Stimme. Chris‘ Grundton liegt irgendwo zwischen 150 und 200 Hz, die lautesten Peaks gibt es zwischen 600 und 800 Hz. Unter den auch sehr prominenten 3 kHz leidet die Sprachverständlichkeit etwas, deswegen ziehe ich diese etwas heraus. Dort, wo die Hauptstimme ihre Peaks besitzt, sollten die Background-Vocals nach Möglichkeit nicht so drücken, sondern eher das auffüllen, wo noch Platz ist. In diese Richtung arbeite ich mit dem EQ.

Recording Workshop

Vocal-Cleanup

Auf Backing-Vocals und die sporadisch eingegrölten „dirt“ Vocals packe ich Sättigung und auf Letztere sogar eine Verstärkersimulation, damit ich sie leiser fahren kann. Da sie nun mehr Präsenz haben und auch ansonsten experimentiere ich auf den Backing mit kurzen Hallräumen und kurzen Delays. Das Ganze schicke ich wieder auf einen Hall-Return mit einem kurzem „Vocal-Summen-Hall“. Dann folgt noch ein zweiter mit einer langen Plate – diese wird kaum hörbar angefahren, sorgt aber dafür, dass sich der Gesang besser in den Mix „einschmiert“.

Recording Workshop

Ein Fader – ein Finger

So viel zum bisherigen Mixprozess. Was nun folgt, ist Handarbeit: Das stellenweise Beschicken der Hall-Busse, das manuelle Fahren der Lautstärkeverhältnisse der Einzelspuren. Es muss grooven und man muss es fühlen – hier wird auch der Produzent zum Musiker. Wir kommen dem Ziel immer näher – aber sind wir glücklich?

Recording Workshop

Das A & O: Lautstärke angleichen

Resümee und allgemeine Gedanken

Es folgt eine kleine Reflexion zum Projekt – wir hatten wenige Mittel, aber einiges hätten wir trotzdem besser machen können.

-> Zu viel gemischt – zu viel editiert – zu viel reduziert. Eigentlich gilt: Je weniger, desto besser.

-> Das setzt allerdings eine gute Aufnahme voraus

-> Kaputte Overheadspur tut leider extrem weh

-> Die Drums sind nicht das Gelbe vom Ei

Recording Workshop

Hang ‚em high: Overhead Konfi

Dafür, wo wir in diesem Falle herkommen, in dem Sinne, dass wir nicht nur Amateur-Equipment, sondern das Rudimentärste, was sich finden lässt, verwendet haben, ist es schon schwer beeindruckend, was hier entstanden ist.

Auf der anderen Seite hätte man sich auch die Probe-Takes noch einmal genauer anschauen können, um Ärgernissen wie der kaputten Overheadspur vorbeugen zu können. Das hier ist ein „Hobby“-Projekt gewesen und dementsprechend wollte ich nicht allzu viel Zeit für das Editing einplanen, was im Endeffekt der Grund für die Phasenprobleme an der Gitarre war. Hätte man das Ganze in den Rechner per Amp-Simulation aufgenommen, wären wir in diesem (und auch vielen anderen) Falle zu einem deutlich runderen Gitarrenteppich als Ergebnis gekommen. Die Snare ist auch nicht gerade das Gelbe vom Ei, eher so das Grüne nach 14 Tagen direkter Sonneneinstrahlung. ABER sie macht an den richtigen Stellen „bumm“ – und wir haben einen Track, zu dem man mitschwingen und „abgehen“ kann, wie es im Buche steht, der Stimmung macht und der sich gut und gerne laut im Auto oder mit Konsumentenlautsprechern anhören lässt, der modern und ambitioniert klingt. Sprich, etwas, mit dem man als junge Band prima werben kann, zu dem sich ein kleines Video produzieren lässt – und was man später in die sozialen Netzwerke einpflegen kann.

Mastering der Proberaum-Aufnahmen

Damit wir später auf einen vernünftigen Pegel kommen, folgt nun noch ein kleines Mastering. Der Trick hierbei: Ich spiele mir den Gesang und den Song an sich einzeln aus. Je nachdem, wie wir später komprimieren müssen, kann es nämlich sein, dass die Stimme sonst im Musikstück untergeht und wir sie nachpegeln müssen.

Recording Workshop

Bye-bye Stereo-Matsche

Zunächst nehme ich auf dem Track einen LowCut vor, der alles unter 25 Hz wegnimmt. Das Ganze in MS matriziert, beschneide ich das Seitensignal der Masterspur bei ca. 90 Hz, um im Bassbereich keine Stereoanteile mehr zu haben, die das Signal muffig machen.

Als nächstes kommt ein Multibandprozessor in den Signalweg, mit dem ich vordergründig die höchsten Höhen und tiefsten Tiefen „zusammenklebe“, hier komprimiere ich jeweils ca. 3-4 dB weg, die ich aber durch Anheben der Lautstärke der Bänder sofort wieder aufhole – so gelange ich zu einem deutlich präsenteren und zusammenhängenderen Signal. Der Multibandkompressor kann auch als Expander arbeiten – hiervon mache ich in den unteren Mitten Gebrauch, um der Gitarrenwand wieder etwas Dynamik und Punch zurückzugeben.

Recording Workshop

FabFilters Pro-MB Multiband Kompressor/Expander

Danach folgt ein Plugin des Chandler Curvebenders von der Plugin Alliance. Auch dieser lässt Bearbeitungen in MS zu, so hebe ich die Seiten bei etwas 400 Hz an und beschneide die Mitten an derselben Stelle – so mogle ich mir die Gitarren am Ende doch noch etwas breiter und schaffe mehr Platz für die Stimme.

Recording Workshop

Den hätte ich auch in echt ganz gerne hier stehen: Chandler Limited Curve Bender der Plugin Alliance

 

Recording Workshop

Elysias Phil’s Cascade – Röhrensättigungssimulation

Danach geht es in ein Plugin, das mit eine Röhrensättigung emuliert, dann in eine Tape-Sättigung von Acustica Audio. Diese fahre ich schön heiß an, sodass sie mir die Transienten rund macht und hole mit dem eingebauten EQ die Reduktion durch die Bandsimulation wieder auf.

Recording Workshop

(T)Raumschiff: Acustica Audio Taupe – geniale Bandsättigung aus der Dose

Sodann geht es in eine Preamp- und EQ-Simulation vom Dangerous Audio BAX Equalizer von Acustica Audio, der großartige weiche Hi- und Locuts zulässt und zudem noch einen Boost des AIR Bands, ein Kuhschwanzfilter, das bei 18 kHz anfängt zu wirken.

Recording Workshop

Eines der wohl aufwertenden Tools, die man kaufen kann: Der Dangerous Audio BAX EQ bzw. hier Acustica Audios Version davon

Parallel nehme ich eine frequenzbezogene Kompression der Höhen vor, die ich über einen Bus leise zumische. Heißt: Einen EQ geschnappt, mit dem ich alles Tiefe wegziehe und der in linearer Phase arbeitet, darauf einen Kompressor, der alles glattbügelt, dann das ganze Konstrukt leise zur Summe dazugemischt. Was den Aussteuerungspegel des Ganzen anbelangt, verlasse ich mich auf ein LUFS-Meter, das die empfundene Lautstärke abbildet. Der Lautstärkestandard für Spotify, YouTube und Co. entspricht ungefähr -14/-13dB LUFS, hieran orientiere ich mich.

Recording Workshop

Limiter mit tollem Dithering und zuverlässigem LUFS-Meter: Das Pro-L von FabFilter

Da wir schon ein relativ komprimiertes Signal haben, müssen wir den Limiter kaum anfahren – lediglich ein paar Peaks bewahrt er vor dem Clippen. In besagtem Limiter befindet sich auch eine Dithering-Option, diese aktiviere ich natürlich. Den Gesang noch einmal leicht nachautomatisiert und im Lautstärkeverhältnis angepasst – hier und da mit dem Pro-Q noch ein paar Peaks herausgezogen – fertig ist die Wurst.

Recording Workshop

Noch mal ein Verweis auf den großartigen Freeware-Analyzer SPAN von Voxengo

Hört sie euch an: Ich denke, das Ergebnis kann sich hören lassen. Entstanden in einem Proberaum mit Kaltschaumwänden, durchgeführt und gemischt von mir, der regelmäßig eigentlich nur Letzteres macht und einer Band, die noch nie im Studio war und unter Einsatz von – No Budget. Wie findet ihr es?

Fazit

Nun sind wir wirklich am Ende. Hört euch an, woran wir sind und entscheidet selbst – ich bin gespannt auf eure Bemerkungen hierzu. Für mich als Produzent ist es wahrscheinlich nicht das Schlauste, hier etwas abzuliefern was nicht den vollen 100 Prozent entspricht, im Bezug auf unsere Herangehensweise muss man allerdings sagen, dass unser Experiment aus fast nichts viel zu machen mehr als nur aufgegangen ist. Ich hoffe, dass sich aus diesem Produktionstagebuch einiges mitnehmen lässt, wir wollen hier gerade junge Bands ansprechen, die weiterkommen möchten. Heutzutage kann jeder tätig werden! Ich bin mir sicher, dass durch die Produktion der ein oder andere Gig für die Jungs zustande kommen wird!

Forum
  1. Profilbild
    mink

    Hi Vincent,

    toller Workshop…dafür vielen Dank. Wir sinde gerade auch am Aufnehmen im Proberaum. Habe daher deinen ausfühlichen Beitrag mit Spannung verfolgt. Ja, macht Lust aufs Recording mit den Möglichkeiten die man hat….und die sind ja heutzutage mit einem nicht allzu großen Budget wirklich nicht schlecht.

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