Test: Yamaha THR30 II, Modeling Amp

17. Dezember 2019

Verstärker-Komfort in Vollendung

Yamaha THR30 II

Wer brachte den ersten originalen „Desktop-Amp“ raus? Gibt nicht wenige, die sich diesen Schuh anziehen wollen, aber Yamaha waren mit der THR-Reihe wohl eine der ersten Firmen, die einen kompatiblen, sinnigen Amp für Zuhause bereitstellten. Entgegen den meisten Erwartungen entwickelte sich die THR zu einer regelrechten Kult-Reihe – ich selbst besaß früher eins der ersten Modelle und mochte die unverfängliche Handhabe und den guten, glaubhaften Klang, den man aus der Kiste rauskriegen konnte. Insofern gingen bei mir natürlich die Lauscher auf, als es hieß: Die THR II-Reihe kommt. Die Neuauflage hat lange genug auf sich warten lassen – der Modeling Comboverstärker hat seinen Retro-Look behalten, sich aber technisch ordentlich aufwerten lassen. Wir wollen mal gar nicht lange fackeln und gleich ans Eingemachte gehen. Yamaha Europe hat uns einen THR II 30 zukommen lassen, den wir nun auf Herz und Nieren überprüfen wollen. Auf geht’s!

Yamaha THR30 II Modeling Combo – Facts and Features

Für alle, für die der Yamaha THR neu ist – um was handelt es sich? Vereinfacht ausgedrückt: um einen Modeling Comboverstärker für daheim, der mit einem Drahtlosempfänger ausgestattet ist, der unter bestimmten Voraussetzungen funktioniert und der mit einem starken Akku und Bluetooth ausgestattet ist. Soweit, so gut.

Yamaha THR30 II

Doch das Wort Modeling kommt nicht von ungefähr. Wie fast jeder größere Name unter der Sonne, der in der Amp- und Gitarren-Welt eine Rolle spielt, hat Yamaha inzwischen eine hauseigene Modeling-Technologie entwickelt, mit der die neue THR II Reihe ausgestattet ist. Die VCM Amp-Modeling Technologie wurde grundsaniert und soll den Charakter eines Röhrenverstärkers möglichst glaubhaft wiedergeben. Zurzeit fällt mir eigentlich nur Boss ein, die mit der Katana-Reihe ebenfalls den Ansatz verfolgten, zeitgemäße Modeling-Combos auch für den kleineren Rahmen wie das Wohnzimmer herzustellen. Dem Zweck kommt die THR-Reihe präziser nach, doch schauen wir uns zuerst die technischen Details genauer an.

Yamaha THR30 II

Sämtliche Amps der THR-II Reihe sind leicht zu transportieren und mit Bluetooth ausgestattet. Das dürfte die große Krux der THR-II-Reihe sein: Wireless playing. Über Bluetooth ist das genauso möglich wie über den Onboard-Receiver im THR10II und THR30II. Alles, was Ihr dafür braucht, ist ein Transmitter wie das Line 6 Relay G10 – im Lieferumfang natürlich nicht mit enthalten – Empfänger ist also gegeben, was ihr braucht, ist eben der Relay-Sender. Ein paar Sekunden in den Yamaha Input gesteckt, dann in die Gitarre und schon läuft das Ganze. Der Yamaha THR30 II besitzt MIDI-Kompatibilität und einen integrierten Tuner, was natürlich bei so einem Desktop-Amp eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist. Genutzt werden kann der Tuner-Knopf, um das Tempo für das Delay der Effektriege einzustellen, aber dazu später mehr. Darüber hinaus lesen sich die restlichen Anschlüsse recht vollständig: die obligatorische 6,35 mm Input-Klinke, Stereo-AUX und Stereo-Headphones sowie zwei 6,35 mm Line-Out-Anschlüsse für Stereo.

Yamaha THR30 II

Bei den Lautsprechern des THR30 II handelt es sich um Vollbereichslautstärker mit je 3,5 Zoll, die zusammen einen Output von 30 Watt leisten – zumindest wenn angeschlossen. Im Akkubetrieb halbiert sich der Leistungs-Output insgesamt auf 15 Watt. Im Lieferumfang inbegriffen jedoch ist das 15 Volt Netzteil, doch nimmt man den Yamaha THR30 II miz nach draußen, kann man bei angemessenem Gebrauch davon ausgehen, dass das gute Stück ungefähr 5 bis 6 Stunden lang läuft.

Yamaha THR30 II Desktop Amp – Amps, Effects, Features

Der Yamaha THR30 II ist vollgepackt mit einigen Features, Amps und Modellen, die das Ganze für den genannten Preis ungemein interessant machen. Natürlich – am Ende kommt es auf die Praxis an. Aber schauen wir uns erst mal an, was alles drinnen steckt.

Der Mobile Editor sorgt schon mal dafür, dass man die Parameter per App ändern kann – nicht dass ich solchen „Gimmicks“ ihren Wert absprechen will (vor allem bei einem Desktop-Amp eine komfortable Ergänzung), doch interessant sind in erster Linie die Amp-Modelle. Es gibt insgesamt fünfzehn Verstärker, die sich auf drei Amp-Typen verteilen. Clean, Crunch, Lead, Hi Gain und Special sind die Standardmodi folgender drei Typen:

  • Boutique ist die Vintage-Maschine des Yamaha THR30 II. Hier knistert es wie aus alten Vox oder Fender Verstärkern, es klingt warm und Treble-lastig und versprüht den entsprechenden Charme.
  • Classic klingt zeitgemäßer, aber noch nicht modern – am ehesten in der Schnittmenge alter JCMs anzusiedeln. Mid Gain lautet die Devise sowie ein guter, kratzender Blues-Overdrive, der im Herzen dieser Engine sitzt.
  • Modern ist, wie der Name vermuten lässt, der modernste Typ. Ein ordentlich saturierter, satter Sound, der vor allem im Crunch und im Hi Gain gut funktioniert. Für Spieler, die sich an modernen oder härteren Genres versuchen, der eigentliche Kandidat.

Yamaha THR30 II

Damit wird jeder denkbare Gitarrensound bedient. Unter sich erlauben sich die drei Typen mit ihren je fünf Modi keine Lücken. Dazu kommt, dass der Yamaha THR30 II zusätzlich noch einen Aco-Modus besitzt für akustische Gitarren, einen Bass-Modus für Bass-Gitarren sowie einen Flat-Modus, der die Nutzung von Synthesizern oder anderen Instrumenten erlaubt. Wer sich den EQ anschaut, wird ganz rechts die Effektregler finden. Dort zeigt sich auch gleich eins der ersten Mankos, wenn man so will (wobei sich das im Rahmen hält): Nur ein Effekt kann je gleichzeitig geschaltet werden. Der linke Regler kann also zwischen Chorus, Flanger, Phaser und Tremolo schalten, während der rechte die sphärischen Gefilde bedient: Delay, Reverse Delay, Spring und Hall (auch hier wieder nur einzeln anwählbar). Wer seinen Sound gefunden hat, kann ihn auf einen der fünf Speicherplätze sichern. Wer mehr braucht, dem stehen mit MIDI die entsprechenden Möglichkeiten zur Verfügung.

Yamaha werden sich wohl beim Brainstorming gedacht haben: Wie können wir den Wohnzimmer-Amp so komfortabel wie möglich machen? Neben den Wireless-Optionen lag die Idee einer Remote-App also ebenfalls nahe. Man kann die Parameter und Einstellungen hier über Bluetooth oder USB mithilfe eines Tabletts oder PCs ändern und muss sich notfalls nicht durch den Raum bewegen. Hinzu kommt: Manche Parameter, speziell die der Modulationen oder des Halls, lassen sich in der App noch feiner und genauer justieren als am Amp selbst. Jetzt gilt es herauszufinden, wie das Ganze klingt.

Yamaha THR30 II – in der Praxis

Gleich vorweg: Die Prozessoren sind beim THR10 und beim THR20 identisch. Vom Klangcharakter gibt es also keine Unterschiede, einzig die Watt-Anzahl unterscheidet sich. Zu Beginn beim harmlosen Rumprobieren wird deutlich, dass die Pegel zwischen den einzelnen Amp-Modi und deren Subtypen nicht einheitlich ist – hier muss mit dem Master- oder Guitar-Regler ggf. nachjustiert werden.

Yamaha THR30 II

Damit hat es sich aber auch schon mit den Kritikpunkten. Meiner Meinung nach ist Yamaha hier der perfekte Amp für Zuhause und mehr noch – ein praktisches Recording-Tool gelungen. In Zeiten von DSPs, Kemper und Emulationen geht doch nichts über einen schön klingenden Röhrensound für Zuhause, ohne Spielereien und einer überfordernden Anzahl an Optionen. Der Sound ist ausgewogen, frisch, warm und die Doppel-Röhre trägt die Power in den Raum, ohne dass sie einem um die Ohren fliegt. Die Lead Sounds aller Amp-Typen reißen leider allesamt aus und generell fallen die Pegel recht unterschiedlich aus – da muss wie gesagt ein bisschen nachjustiert werden. Aber darüber hinaus bestechen die Sounds durch einen echten, dynamischen Klang, der Charakter, Transparenz und Fülle auch über den Line-Out behält und vor allem – und das ist für das Konzept Desktop-Amp entscheidend – auch bei niedriger Lautstärke dynamisch und voll.

Wir arbeiten mit einer Schecter Diamond Series, sowohl mit Singlecoil-Split als auch ohne und nutzen den Line-Out, den wir direkt über die Focusrite in die DAW speisen. Ich habe bewusst die unterschiedlichen Pegel beibehalten und nichts nachjustiert. Zu den Effekten lässt sich folgendes sagen: Sie erfüllen ihren Zweck. Die Effektstärke sowie Delay- und Modulationstempo lassen sich einstellen, darüber hinaus aber nichts. Nicht weiter schlimm, denn letzten Endes sind sie klanglich überzeugend genug, um auch ohne die Nutzung der App relevant für das Spiel zu bleiben. Über diese lassen sich übrigens in Sachen Cab noch mal weitere Optionen zurate ziehen. Ein persönlicher Wermutstropfen: Schade, dass kein FX-Loop dabei ist. Das hätte die Sache noch mal richtig rund gemacht.

Fazit

Verdammt runde Angelegenheit – das macht die Frage nach dem Wohnzimmer-Amp nicht unbedingt leichter. Boss Katana oder Yamaha THRII? Am Ende entscheidet die persönliche Präferenz. Ich persönlich bevorzuge klanglich und ästhetisch Yamaha an dieser Stelle. Zweifelsohne ist Yamaha hier, wie angestrebt, eine dritte Amp-Klasse gelungen: Ein für Zuhause idealer Amp, der lediglich mit seinen unterschiedlichen Pegeln und etwas charakterlosen Effekten zu kämpften hat. Darüber hinaus jedoch ist er als Grundlage für das heimische Aufnehmen von Gitarren hervorragend geeignet und klanglich bei allen drei Amp-Typen absolut hochklassig.

Plus

  • einfache und übersichtliche Handhabe
  • toller Klang sämtlicher Amps
  • Bluetooth

Minus

  • unterschiedliche Pegel zwischen den Amps

Preis

  • 479,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Hein Bloed  

    Die Soundbeispiele sind wirklich echt beeindruckend. Thumbs up auch dafür, dass nicht irgendwelches totgespieltes Rockgegniedel abgerockt wird.
    Wie schluckt das Teil denn Pedale? Ich habe mit Modellern da eher nicht so gute Erfahrungen gemacht.

    • Profilbild
      Beltemps

      Hallo,
      Hab ihn seit einigen Tagen und seit gestern auch mit dem Relay G10. Ich hatte vorher den THR10 und war soundmässig schon damals schwer angetan. Die Vielfalt durch die Integration aller drei Modelle hat nochmal deutlich zugenommen und subjektiv habe ich auch den Eindruck, dass der Sound verbessert wurde, das kann natürlich auch an den 30 Watt liegen. Pedale nimmt er gut (getestet mit Wah und Distortion). Die eingebauten Effekte sind viel besser als im Vorgänger und haben deutlich mehr Optionen. Dazu muss man allerdings auf die App zugreifen, die zusätzlich Raumhall inkl. weiterer Parameter, Kompressor und Noise Gate bietet. Die 35 Cabs sind auf dem Niveau von externen IRs und verleihen bei Anwendung einen wahrnehmbaren Charakter. Die Wireless Bedienung mit dem G10T funktioniert fantastisch und hält bei mir ca 5 Stunden. Ich habe jedoch das ganze Relay G10 Bundle gekauft, was ich nur empfehlen kann. Zum einen ist das Receiver Modul notwendig, um Firmware Updates zu machen. Zum anderen kann man es so auch mit anderen Amps nutzen. Der Preisunterschied zwischen Relay Bundle und dem G10T einzeln beträgt 40 EUR,wenn man ein bisschen googlet. Nicht billig, aber in meinen Augen jeden Cent wert.

      • Profilbild
        Hein Bloed  

        Soundmäßig hört sich das alles ganz gut an, bei „dazu muss man allerdings auf die App zugreifen“ klingen bei mir allerdings die Alarmglocken so laut, dass man die auch außerhalb unserer Galaxie hören sollte. Geht gar nicht und auch nicht auf meinem Nokia 105.
        Ich bestehe nach wie vor darauf, vollen Access auf alle Parameter direkt am Gerät zu haben, ich will punkrocken und nicht appen.
        Dann lieber doch den Yoho-Bant-Meteor-Billig-Amp mit dem Fuzz anblasen…

        • Profilbild
          Beltemps

          Geht mir grds genauso und ich will auch nicht wie die Yamaha PR Abt. klingen (zumindest nicht unbezahlt hehe), aber der THR30 ist ohne App einfache alle alten THR Modelle in 1 mit mehr Ausgangsleistung, leicht besserem Sound und Line Out. Ob man dafür 479 EUR ausgeben will, muss jeder für sich selber entscheiden. Optional ist eben Wireless mit dem G10T und die App. Vergleicht man das mit dem Boss Katana 50 (den ich habe und für kleine Gigs liebe) oder dem Katana Air (den ein Bandkollege hat) ist die App von Yamaha um Lichtjahre besser, einfacher und funktionaler, während ich die Wireless Funktionalität vom Katana Air etwas besser und vor allem fairer (da bereits im Preis enthalten) finde. Soundtechnisch finde ich den Yamaha besser als die Katanas, giggen würde ich damit (trotz Anschlussmöglichkeit an PA) wohl eher nicht…

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.