Black Box: Roland TR-606 Analog-Drumcomputer

5. Dezember 2008

die kleine TR-808

Die TR (Transistor Rhythm) 606 von Roland, die als vollanaloger Kompagnon der TB 303 1981 auf den Markt gebracht wurde und dieser sehr ähnlich sieht, stellt so etwas wie eine abgespeckte TR 808 (poor man’s 808) dar. Obwohl alle sieben Drum Sounds rein analog erzeugt werden (diskret und mit Opamps), bietet die Roland TR-606 keine Parameter zur Klangverstellungen der Instrumente.
Diese sind sozusagen alle fix eingestellt. Das bedeutet aber auch, dass es natürlich viele Möglichkeiten gibt, diese festgelegten Parameter aufzubrechen. Auch werden alle Instrumente zusammen über eine Monobuchse und zusätzlich eine Kopfhörerbuchse ausgegeben.
Zuerst zu den Werksfeatures.

Grundsätzliches

Die sieben Drumsounds sind: Bassdrum, Snare, Lo Tom, Hi Tom, Open/Closed HiHat, Cymbal. Es gibt für Snare, Bassdrum und Cymbal Lautstärkeregler, für die Toms und die HiHats jeweils einen. Man kann seinen Sound also aus 5 Kanälen zusammenmischen. Jedoch bietet die 606 keine Einzelausgänge. Die 606 bietet auch das Accent Feature, das stufenlos eingestellt werden kann. Dabei bekommen die aktzentuierten Zählzeiten mehr Lautstärke, und es ändert sich auch der Charakter des entsprechenden Sounds (gut zu hören in Bsp X).

Beliebte Features

Was die 606 überaus beliebt macht sind die zwei zusätzlichen Triggerausgänge und der Roland DIN Sync. Hier liegen +5V Gate Signale an, die jeweils mit der Low/Hi Tom korrespondieren. So kann man z.B. Arpeggiatoren älterer Synthesizer triggern. Natürlich brauchen diese dann nicht mehr gleichförmig zu sein. Für einen Gnadenlosen Click-Sound kann man die Gates auch ins Mischpult schicken, aber Vorsicht mit dem Pegel hier! Der DIN Sync kann als Master und Slave fungieren, und die 606 lässt sich so mit entsprechenden MIDI to DIN Sync-Convertern in ein MIDI Setup einbinden.

Der Sequenzer ist in gewohnter Roland Manier dieser Zeit als Lauflicht-programmierbare Zeile mit 16 Tastern ausgelegt. Ein Select-Schalter schaltet zwischen den verschiedenen angezeigten Instrumenten um. Es gibt auch die Möglichkeit, einzelne Schläge während der laufenden Sequenz einzutappen und auch zu löschen. Dabei wird natürlich automatisch auf 16tel quantisiert. Die so erstellten Patterns können – müssen aber nicht – 4/4 Takte sein. Man kann jederzeit die Lauflänge festlegen,und auch z.B. 15/16 Takte erstellen.

Im Pattern Play Modus kann man on the fly zwischen 16 Pattern wählen. Im gestoppten Zustand kann man mit dem Pattern Group Button dann die zweite Bank mit 16 Pattern auswählen. Also stehen 32 individuell programmierbare Pattern zur Verfügung.
Im Track Write Modus kann man diese Pattern dann zu kompletten Song-Tracks zusammenstellen. Spezielle Marker erlauben einem, nach einem bestimmten Takt wieder zum Anfang des Songs zu springen oder zu einer definierten Sprungmarke. Bemerkt sei hier: der Speicher der 606 ist flüchtig. Wenn man nicht 6 A-Batterien im Gerät lässt, so verdampfen die programmierten Patterns/Tracks allmählich wieder. Eine Zeit lang bleiben sie auch ohne Back Up im Speicher. Das kann man auch zur kreativen Patternfindung nutzen. Die Pattern werden tatsächlich immer chaotischer, je länger die Batterien nicht eingesetzt sind.

Hört sich mal wieder alles komplizierter an als es ist, wenn man das Gerät vor sich hat, erklärt es sich beinahe von selbst.
Einige Sachen erschließen sich allerdings nicht einfach so. Die 606 ist auch in der Lage, ternäre Pattern zu produzieren. Dazu ist der Scale-Schalter gedacht. Dieser wird allerdings nur angewendet, wenn man während der Programmierung im Pattern Write Modus den Function-Knopf drückt. Scale bestimmt, wieviele Steps der 16 Stepbuttons einem Viertelschlag zu geordnet werden. Das sind normalerweise für 4/4 Takte eben 4 Steps, so dass sich insgesamt 16 16tel ergeben. Mann kann aber auch drei, sechs oder acht Schläge auf einen Viertelschlag verteilen. Somit kann man durchaus sehr komplexe Rhythmen erstellen.

Kleine Historie

Verschiedenen Quellen nach zu urteilen, wurden ca. 30.000 Stück produziert. Der damalige Preis belief sich auf 150 Pfund Sterling. Gedacht, um zusammen mit der 303 für Gitarristen den Schalgzeuger und Bassman zu mimen, blieb der Erfolg jedoch bekanntermaßen aus. Diese Kisten klangen halt überhaupt nicht natürlich und fielen so bei den Musikern dieser Zeit durch. In der Tat ist der Klang der 606 sehr Elektro und wurde damals wohl eher als minderwertig empfunden.

Auch entwickelt sie nicht den Druck einer 808 oder 909 und hat auch nicht denselben edlen Charme wie der große Bruder 808. Als 808 der armen Leute gebranntmarkt, ist die 606 eher direkt, ehrlich und auch ein wenig schmutzig. Heutzutage sind natürlich analog erzeugte Drum Sounds gefragt, und auch eine einfache 606 bereichert jedes Projekt um eben diese bestimmte Elektro Klangfarbe.

Auch heute noch ist die 606 recht günstig zu haben und rangiert so um die 240 Euro in der Bucht. Es fällt jedoch zunehmend auf, dass vermehrt veränderte 606 angeboten werden, die etwa Einzelausgänge für die Instrumente oder sogar Möglichkeiten bieten, die einzelnen Instrumente in ihrem Klang zu verändern. Diese erzielen dann schon mal Preise von über 400 Euro – gerechtfertigt? Wir treten den Test an und haben eine 606 zunächst Circuit Benden lassen. Von mir wurden dann im Nachhinein die Einzelausgänge sowie Möglichkeiten zum Verstellen der wichtigsten Instrumente nachgerüstet.

Was geht

Die Bends ermöglichen einige schmutzige Eingriffe ins Gesamtgeschehen, sowie diverse Mute Funktionen. Das ist ganz hervoragend für Live-Einsätze geeignet, und allein hiermit habe ich so die ein oder andere Minute beim Jammen verbracht (siehe Sound-Beispiele).
Im Studio jedoch möchte man das Maximum aus einem Gerät herausholen, und so sind die von mir eingefügten Mods eben genau darauf ausgelegt. Die Schaltpläne zu den Mods finden sich auf diversen Internetseiten, sie sind also kein Geheimnis.

Es gibt für jedes Instrument der 606 einige Mods. Ich habe mich auf folgende beschränkt: Bassdrum: Pitch, Envelope, LP Filter Tune. Snaredrum: Snappy, Decay, Tune. HiHats: Decay jeweils für Open und closed Hihat und Tune, was einen HP Filter steuert und so viel Brillianz in den Ton bringt. Es gibt noch einige andere Mods, die auch interessant sind. So z.B. ein ext. Noise Source Mod. Damit kann man der 606 eine beliebige Quelle für die HiHat Sounds spendieren. So erklingt anstatt der Hats z.B. eine Fläche, welche am zusätzlichen Audio In anliegt. Trance Gates und Co lassen grüßen. Zu den Einzelausgängen sei noch erwähnt, dass abgegriffene Instrumente dann auch sinnvollerweise nicht mehr am gemeinsamen Audio Out anliegen. Phaser auf die HiHats. Delay auf die Snare und Verzerrer auf die Bassdrum? Kein Problem!

Obwohl die meisten der Mods schaltungstechnich recht einfach sind, bietet die 606 aufgrund ihrer Kompaktheit wenig Spielraum. Deswegen sollte man schon einige Erfahrung im Löten von Geräten haben, da hier Millimeterarbeit gefragt ist. Deswegen bringt man üblicherweise die extra Schalter und Potis in einem externen Gehäuse unter, das man an der 606 befestigt.

Beim ersten in Betrieb nehmen nach dem Umbau hat es mich dann auch echt umgehauen! Wieviel mehr aus ein und denselben Pattern rauszuholen ist, wenn man die neuen Soundmöglichkeiten ausschöpft – Wahnsinn. Da tut es mir schon richtig leid, dass ich das Schätzchen nicht behalten kann.

Jedem Besitzer einer 606 kann ich nur raten, diese Modifikationen vorzunehmen oder vorzunehmen lassen. Im Internet gibt einige Seiten, die gestaffelte Umbauten zu verschiedenen Preisen anbieten. Bei Interesse kann man sich auch an den Autor dieses Artikels wenden.

Hier noch ein ausfhrlicher AMAZONA.de-Artikel zum „Modding“ einer Roland TR-606. HIER KLICKEN.

Die Rolant TR-606 on YouTube

Fazit

Geniale kleine Analogkiste mit ein paar Einschränkungen, aber einem eigenständigen Sound. Die perfekte Ergänzung zu anderen TR-Klopfgeistern.

Klangbeispiele
Forum
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    AMAZONA Archiv

    Witzig. Als die beiden Kisten rauskamen war die 606 gut beachtet, von der 303 sprach kein Schwein, heute ist die 303 (noch) Kult, von der 606 spricht kein Schwein

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    Schoen auch mal von Sachen zu hoeren, die erschwinglich waren. Die TR-606 hat neben der TR-808 ihren Platz gefunden und klingt meiner Meinung nach auch etwas anders, was aber nicht schlechter heissen soll (besonders die HiHats). Jetzt bitte noch den Korg KPR-77 durchtesten, den ich klanglich noch etwas interessanter finde (vielleicht, weil es mein erster Drumcomputer war).

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    Habe meine TR 606 gegen ein Roland D-110 getauscht und dabei gewonnen. Die TR-606 ist wie ein Korg MS-20: Alle sind sie heiß drauf, und wer sie hatte fragt sich warum …

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      Tyrell  RED

      Na den Tausch hätte ich auch gemacht. Der D-110 wird im Durchschnitt auf eBay für knapp unter 100 Euro gehandelt, die TR-606 hingegen für deutlich über 150,– Euro. Die Frage bleibt immer was man will. Ein Vergleich zwischen D110 und TR606 hinkt ungefähr so stark als wenn man ein Motorboot mit einem Fahrrad vergleichen würde. :-)

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        Ja, klar, ich wollte ja auch nicht einen multitimbralen LA-Synthesizer mit einem analogen Klopfgeist vergleichen, sondern andeuten, dass selbst ein D-110 (der ja nun wirklich nicht die Pracht ist) sinnvoller einzusetzen ist als eine TR-606. Allerdings, und das kommt in meinem Kommentar nicht deutlich heraus, soll es ja Menschen geben, die das anders sehen.

        Was übrigens die Ebay-Kiste angeht, da habe ich zu spät geschaltet. Damals ging die TR-606 für 250€ weg, und ein D-110 für 45€. Aber so ist das Leben häufig zu mir …

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          Hähä … mir ist es genau so ergangen. Ich hatte eine Tr 606 und einen Ms 20 .
          Waren eigentlich die einzigen „Kult“ Geräte in meinem Studio die ich gerne wieder los wurde.
          Weiß nicht was an den beiden Teilen so toll sein soll… ( ausgenommen der dreckige Filter des MS20 )

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          Ashatur  AHU

          Was ist schon Geld wenn man was bekommt was einem taugt. Der D-10 und der Poly 800 waren meine ersten Synths. Und den D-10 besitze ich heute noch und immer wenn ich abgefahrene Digital EFX Sounds will wird er wieder angeschlossen :-)

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      Steppenwolf  

      Es gibt keine guten Synthesizer, außer man weiß wie man mit ihnen umgeht und liebt ihren Charakter… auch wenn man selbst davor steht ;)

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    Jaja, mein erster Drumcomputer. Die Kiste mußte schon einiges mitmachen. Die Triggerausgänge gingen an den SH-101 (und damit sparte man ja wertvolle Steps des nur 64 Schritte umfassenden Sequenzers). Irgendwie stand die TR aber mit Anschaffung einer sehr realistisch klingenden R-5 nur noch in der Ecke herum und durfte nur abundan noch als HiHat dienen. Was mir in der TR immer fehlte waren die Claps. Gekauft hatte ich sie neu für 400,-DM und knapp 15 Jahre später ging sie auch zu dem Kurs wieder weg. Da war aber schon ReBirth-338 in Sicht. ;o)

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    reai

    egal wie…ich liebe die 606 und 303..habe sogar beide doppelt..
    dennoch gebe ich euch recht, besonders vielseitig sind sie beide nicht..
    Geschmackssache =)

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    AMAZONA Archiv

    Meine 606 hab ich damals mit Einzelausgängen ausgestattet, und damit war es ein wirklich mehr als geniales Gerätchen. Die HiHats sind wahrscheinlich die besten, die jemals analog erzeugt worden sind.
    Leider musste meine 606 dann doch verkauft werden, als Grundstock für eine Neu-Investition.
    Und bei den heute noch zu bekommenden schreckt mich entweder der Preis und/oder der Zustand ab.
    Vielleicht krieg ich ja doch nochmal eine für leckere 250 EUR oder drunter….

  7. Profilbild
    dubsetter

    mit den erweiterungen
    (bei mir:einzel outs und bd tune)
    macht die kleine kiste wirklich spass…
    und die hi hats sind wirklich wunderschön.

    preis leider in letzter zeit etwas überteuert.

    grooven tut dat ding vom feinsten!

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