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29. April 2021

Mastering für Idioten: On-the-fly

Der letzte Schritt in der Musikproduktion: etwas für Idioten? Was soll denn das? Wären nicht die Künstler traditionell Idioten, die von den Mächtigen der jeweiligen Gesellschaft verlacht werden? Ein Mastering gehört doch zum letzten administrativen, unterstützenden Akt, zumindest wenn man die industrielle Musikproduktion betrachtet.

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Jede Industrie ist auf Massenproduktion ausgelegt. Besondere Beachtung erfährt, was sich am besten verkauft, den Massengeschmack trifft. Ich bewege mich eindeutig außerhalb der Musikindustrie, bin ein Idiot par exellence. Mehr als auf ein ‚Special Interest‘ kann ich nicht hoffen. Auch in diesem Marktsegment ist die Luft äußerst dünn.

Vorgefertigte Software für den letzten Schritt in der Musikproduktion suchte ich speziell für zeitgenössischen Jazz / zeitgenössische Klassik /zeitgenössischen ‚Third Stream‘ vergeblich. Diese Ausrichtungen sind zu speziell, als dass es sich lohnen würde, dafür eine Massenproduktion ‚anzuwerfen‘. Hinzukommt, dass meine Produktionsmittel eng begrenzt sind. Rundfunkanstalten, die vergleichbare Stücke durchaus produzieren können, sind mir maßlos überlegen. Spezialanfertigungen, die in geringer Stückzahl für den Rundfunk erarbeitet wurden, könnte ich mir gar nicht leisten.

Was nun? Als DAW nutze ich seit Jahren Reaper. Die Lizenzpolitik kommt meinem Budget entgegen. Als möglicherweise zusätzliche Audiosoftware habe ich Audacity, eine Software, die nur Resultate in 16 Bit erlaubt. Zwar lässt sich mit Audacity die Lautstärke eines fertigen 16 Bit Files variieren, auch können fertige Files geschnitten oder gereiht werden, doch dabei bleibt es. Eine 24 Bit Bearbeitung hat in Reaper zu erfolgen.
Die PlugIns in Reaper, die zur Bearbeitung beigefügt sind, taugen nicht zu einem Mastering, auch nicht für Idioten. Als ich noch einen externen Hardware-Sampler im Einsatz hatte, half mir ein Tool zur Geräuschminimierung, ein anderes bei der Platzierung der inneren Akustik von Instrumenten (Impulse), mehr war nicht leistbar. Der Rest klang mir zu dünn.

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Meine Instrumente bestehen aktuell aus Sample-Libraries und Physical Modeling (24 Bit) inkl. EQs, sind also bereits bearbeitet, wodurch ich mir möglichen Ärger und etwaige Kosten erspare, der bzw. die durch Aufnahmen entstehen könnten. Als ersten Schritt für ein Mastering wäre ein EQ angebracht, doch obwohl ich bislang keinen weiteren brauchte, habe ich den ‚Vibe EQ‘ von Stillwell Audio im Mastering-Einsatz. Es ließe sich z.B., außer von Korrekturen im Frequenzgang, vor dem Kompressor das Volumen anheben. Wie dem auch sei, als Mastering-Kompressor nutze ich eine Emulation des Fairchild 670 von IK-Multimedia im Smooth-Modus. Eine für Kompressoren inzwischen übliche Skalierung entfällt bei diesem Nachbau eines Vintage-Models. Es folgt noch ein Soft-Limiter, der auch von Stillwell-Audio stammt: ‚Event Horizon‘. Weil Reaper in diesem Fall besondere Probleme mit VST3 hat, die DAW zeigt keine Presets an, musste ich auf VST2 zugreifen. ‚Analog Warmth‘ ist mein Lieblingspreset. Zum Schluss des Master-Chains fehlt lediglich noch ein Reverb PlugIn. Im Zuge meiner Instrumentenkäufe erhielt ich bei BestService eine ‚Hall of Fame‘–Variante mit 24 Bit Impulsen aus dem Lexicon 960L gratis dazu. Bereits in 16 Bit nutzte ich Impulse aus dem Lexicon 960L.

Ist eine solche Konzeption denn idiotensicher? Nur wenn man dass Volumen der jeweiligen Tracks anpasst. Je nach Instrument sind Korrekturen nicht selten. Die Abweichungen vom Pegel 0 können durchaus erheblich sein, z.B. +/-3 betragen, in der Regel sind jedoch notwendige Absenkungen zu erwarten.

Insgesamt plane ich beim Mastering eine durchschnittliche Sicherheitsreserve von 1-2 dB unterhalb von 0 dB ein.

Das Besondere der Konzeption ist, dass ein Mastering ‚on-the-fly‘ geschieht (im Mastering-Track), das bereits beim Komponieren zu hören ist. Überraschungen geschehen danach kaum noch, allenfalls in Bezug auf die relationale Lautstärke zu anderern Tracks einer Produktion. Diese ließe sich abschließend, nach einem Rendern zu 16 Bit, z.B. mit Audacity korrigieren.

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Fazit
Wenn die Musikindustrie für Musiker nebensächlich oder gar unbedeutend ist, lässt sich dennoch ein Mastering vollführen, wenn auch in anderer Weise und ohne eine Fixierung auf Lautheit. Die gegebene Erläuterung mag als Beispiel dienen und zu Experimenten reizen. Viel Glück!
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Forum
  1. Profilbild
    Filterpad  AHU

    Ein angenehmer Artikel MidiDino, den ich gerne gelesen habe. Für viele ist das Mastering der „heilige Gral“ der Musikproduktion. Dabei vergessen viele, dass ein perfekter Mix das ausschlaggebende ist, um auch anschließend möglichst wenig beim Mastering zu „verbessern“. Dafür ist das Mastern im Idealfall nicht zuständig sprich, noch retten was zu retten ist. Dabei spreche ich auch aus Erfahrung. Alle Schritte bei meinen Songs sind 100% Handarbeit, da ich den Weg vom Sound bis zum Mastering nachvollziehen können möchte. Dabei ist auffällig, dass man immer weniger Verbesserungen am Mastering durchführen muss, da die Mixe immer transparenter werden.

    • Profilbild
      MidiDino  AHU

      Danke. Das Besondere der Konzeption bleibt mit deiner Antwort allerdings außer Acht. Mix und Mastering geschehen gleichzeitig, das Mastering geschieht on-the-fly. Ein Vor- und Nachher gibt es nicht mehr.

  2. Profilbild
    Lapin  

    also im Prinzip mischt du bereits in deine masterchannel Effekte rein oder?

    denke das geht ohne weiteres, komm aus der elektronischen ecke und da gibts viele die von anfang an vsts wie Kompressoren u.a. am master/mixbus eingeschaltet haben.

    wenn du auf der Suche nach Kostenlosen vsts für deinen masterchannel bist, schau mal die eq’s und limiter von https://www.tokyodawn.net/tokyo-dawn-labs/ an.

    airwindows kannst auch googeln, ein über patreon finanzierter mad scientist, ich verwende regelmäßig seine tape Emulation.

    und bei der suche nach Schnäppchen bei kostenpflichtigen vsts ist reddit/audioproductiondeals super (links zu temporären gratisangeboten gibts dort auch zb heute für izotope nectar elements)

    Jedenfalls viel Erfolg

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      MidiDino  AHU

      Genau um solche Resultate aus Produkten wie du sie vorschlägst, geht es mir nicht: Mit Popmusik oder gar Hardcore habe ich nichts zu tun. Meiner Erfahrung nach sind die Produkte viel zu rabiat.

      • Profilbild
        bluebell  AHU

        EQ, Kompressor und Limiter sind standardisierte Werkzeuge im Mastering, egal wie sie heißen und immer wieder neu verpackt und angepriesen werden. In vielen DAWs sind diese Brot-und-Butter-Werkzeuge schon drin und funktionieren gut.

        Ob sie brachial oder subtil wirken, liegt nur an Dir. Ich würde Dir die Kette
        EQ -> Kompressor -> Limiter
        im Master empfehlen.

        Dabei sollte bei Deiner Art von Musik der Kompressor maximal 3 dB runterregeln und der Limiter nie oder so gut wie nie ansprechen.

        Ob der EQ nötig ist, z.B. mit ein bisschen (1-2 dB) „Glanz“ bei 6000-8000 Hz, ist Geschmackssache und hängt natürlich auch vom Material auf den Einzelspuren ab.

        Ein klein wenig „Zusammenkleben“, d.h. Kompression bis max. 3 dB, empfinden viele Hörer als angenehm.

    • Profilbild
      Lapin  

      verstehe nicht ganz was du meinst, dass du keinen elektro machst ist mir bewusst

      vorgeschlagen habe ich eigentlich nur quellen für gratis plugins keine speziellen Produkte, weil ich es so gelesen habe als hättest du nichts gegen eine größere Auswahl an plugins für deinen Masterchannel. hab ich vielleicht falsch interpretiert

      die sachen von tokyo-dawn-labs z.b. gelten (mit Ausnahme des sliq eq) vom sound als transparent/ohne eigene klangfarbe. der nova ist etwa einfach ein dynamischer eq der als gute Alternative zum relativ teuren fabfilter q3 gilt. damit kann man alles mögliche machen, auch mini Korrekturen

      airwindows hat alles mögliche von subtil bis verrückt. tape zb simuliert erstmal nur die Aufnahme auf einer bandmaschine nicht mehr und nicht weniger.

      um welche art von Produkten würde es dir denn gehen?

      • Profilbild
        MidiDino  AHU

        Ich hatte speziell Dynamik-Produkte von ‚tokyo-dawn-labs‘ ausprobiert, aber die waren für meine Zwecke zu rabiat, zu heftig in der Bearbeitung. Für Hardcore mag dies reichen, für Klassik bzw, Jazz keinesfalls. Außer um Transparenz im Klang geht es mir um dynamische Feinheiten, die zudem abhängig vom musikalischen Kontext sind. Also um alles andere als um ‚hau drauf‘ ;-) Im Text hatte ich Rundfunkqualität als Maßstab angedeutet … Bisweilen bin ich mit meinen Mastertools ganz zufrieden, deshalb gab ich auch ein ‚gut‘, obwohl es durchaus bessere geben wird.

  3. Profilbild
    m+r

    AUDACITY kann m.W. 24 bit verarbeiten und ausgeben.
    oder nicht?

    Audacity ist meine bandmaschine.
    die stücke entstehen komplett in der mpc one.

  4. Profilbild
    bluebell  AHU

    Wo kommt eigentlich die Legende her, Audacity könne nur 16 Bit?

    Mein Audacity kann 32 Bit, und zwar so lange ich denken kann. Die Spuren sind in 32 Bit Fließkomma. Exportieren kann ich natürlich reduziert, dazu gibt es Dithering-Einstellungen. Aber ich kann 32 Bit WAV-Dateien exportieren.

    Getestet mit der Linux- und der Windows-Version.

  5. Profilbild
    bluebell  AHU

    Ich rate vom anfänglichen EInschalten des Kompressors im Master-Bus ab. Der Kompressor bügelt Mixfehler, z.B. eine zu laute Bassdrum, ein wenig aus, sodass es am Ende immer schwieriger wird, Mixfehler zu erkennen und gezielte Korrekturen im Mix zu machen.

    Ich schalte ihn erst beim tatsächlichen „Mastering onthe fly“ ein, also wenn ich den Song exportiere. Und das mache ich ganz altmodisch in Echtzeit und nehme mit Audacity das 32 Bit-Signal auf, um dann daraus flac und mp3 zu machen. 11

    • Profilbild
      MidiDino  AHU

      Die Bearbeitung in Audacity erfolgt mit 32 Bit Fließkomma, das ist richtig, aber die Ausgabe erfolgt nur in 16 Bit, zuminderst bei Wav-Files, meiner Erfahrung nach. Aber dies ist nicht weiter wichtig.

      DAW-interne PlugIns reichen mir für ein Mastering nicht aus. Speziell Kompressor und Limiter sind in der Regel für ein Mastering nicht zu gebrauchen, zumindest in Reaper, eventuell für manche Einzelspuren. Ich kenne keine DAW-PlugIns, die Mastering-Anspüchen gerecht werden können.

      Speziell zur BassDrum: nur äußerest selten benutze ich überhaupt ein Schlagzeug. Doch auch dieses käme auf Sample-Basis. DrumCore 4 light ausschließlich mit Vintage Drums (40er Jahre). Mixfehler schließe ich in diesem Fall aus.

      • Profilbild
        bluebell  AHU

        Zunächst: Audacity kann definitiv 32 Bit-WAV-Files schreiben. Du und ich werden aber den Unterschied zu 16 Bit nicht hören, da er sich lediglich in einem noch höheren Abstand vom Quantisierungsrauschen niederschlägt. Mehr als 16 Bit haben nur einen Sinn, wenn man das Signal verarbeitet und Rundungsfehler bei der Verarbeitung einkalkuliert, also innerhalb der digitalen Bearbeitung, entweder „in the box“ (DAW) oder modular.

        Ich behaupte, dass die Standard-Kompressoren, Limiter und EQs genau das tun, was man ihnen sagt. Will heißen, dass ein erfahrener Masterer damit hervorragende Ergebnisse erzielt, ein Anfänger eben nicht.

        Meine Botschaft, positiv formuliert:
        Wartet nicht, bis Ihr die jetzt-aber-noch-besser-Tools habt, bis Ihr Eure Musik veröffentlicht, sondern macht einfach Musik.

        Meine Botschaft, negativ formuliert:
        Sich mit angeblich unzulänglichen Tools bei den heute verfügbaren DAWs rauszureden, wenn das Ergebnis nicht gefällt, ist zum Scheitern verurteilt.

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          MidiDino  AHU

          Zur Erläuterung in Bezug auf Standard PlugIns, in Bezug auf Audacity habe ich mich schon geäußert (siehe unten): (a) Bei Mastering-Versuchen mit solchen PlugIns waren sie in Reaper durch die einfallenden Spuren maßlos überfordert; (b) der Klang war miserabel, speziell im Gegensatz zum Model 670 und jenem Soft-Limiter.

      • Profilbild
        MidiDino  AHU

        Eine Korrektur: Neue Versionen von Audacity können auch 24 Bit ausgeben. Dies ändert aber nichts an meiner Einstellung, dass ich das Programm lediglich zum Schneiden bzw. Zusammenfügen von (fertigen) 16 Bit Files nutzen würde … Sorry, ich hatte neuere Entwicklungen gar nicht mitbekommen. Habe mir gerade die aktuelle Version 3.02 heruntergeladen …

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          bluebell  AHU

          Wie kommst Du denn auf 24 Bit? Hast Du beim Exportieren als WAV keine Auswahl für „32 Bit Float“ und „Signed 32 Bit PCM“?

          • Profilbild
            MidiDino  AHU

            Ich kannte nur alte 16 Bit Versionen und habe das auch später übernommen. Eine Auswahl von anderen Parametern als WAV 16 Bit ist mir neu, aber im Grund auch unwichtig.

            Audios mit 24 Bit sind aktuell der Standard, der freilich wechseln kann. Meine Sample-Libraries und Physical-Modeling-Instrumente haben 24 Bit wie auch Reaper im Aufnahme-Modus,

  6. Profilbild
    m+r

    bluebell: volle zustimmung!

    um im stau zu stehen, brauche ich keinen porsche.

    audacity reicht mir komplett.

    ohne dritt_plugins.

    man muss sich nur wirklich damit beschäftigen….

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