Interview: #INSTANTBONER, Eurorack on Stage

23. September 2017

100% Live, mehr geht nicht

Matze (li.) und Joe

#INSTANTBONER, das sind die beiden Modularmusiker Matthias (Matze) Millhoff und Johannes (Joe) Steyer aus Berlin, die unter diesem Pseudonym seit Anfang 2015 zusammen arbeiten und darüber hinaus noch ein Studio für Mastering und Recording betreiben. Mittlerweile haben sie sich in der Szene durch zahlreiche Livegigs auf Festivals oder als Act eingebettet in DJ-Sets weit über die Landesgrenzen hinaus einen Namen erspielt. Für Aufsehen in der Szene sorgte ihr selbst produziertes Video „Instantmotion“  (s. S. 6), in dem ein sich selbst verkabelndes Modularsystem zu sehen ist. Zu hören und zu sehen ist ein sich langsam aufbauender technoider Track, dessen sich aufbauende Patchverbindungen den Ist-Zustand darstellen und 1:1 reproduzierbar wären. Sozusagen aus der Not der Ermangelung heraus arbeitet Matthias außerdem noch an der Entwicklung und Fertigung eines Schieberegisters, vermutlich mit dem Namen POLY.

Jens:
Sucht man nach instantboner, bekommt man auch Treffer, die so gar nichts mit Musik zu tun haben (lacht.) Ich muss einfach danach fragen, welchen Hintergrund hat euer Projektname?

Matze:
Ich hoffe Du hattest Spaß bei der Recherche (lacht). Aber ja, die Zweideutigkeit ist zugegebenermaßen eindeutig. Aber wenn man genau darüber nachdenkt? Improvisierte Musik lebt von Spontaneität und Bauchgefühl, der Hingabe zum Moment. Es funkt, ohne dass man das wirklich steuern kann. Wir finden, die Analogie liegt klar auf der Hand.

Jens:
Matthias, du bist eigentlich gelernter Keyboarder mit entsprechender Banderfahrung, du bist mit Techno und HipHop aufgewachsen, deine Prägung fand im seinerzeit sehr bekannten „Stammheim“ deiner Heimatstadt Kassel statt. Wie kam es denn zu dem Wandel zum minimalistischen „Modularmusiker“?

Matze:
Ich würde es nicht als Wandel bezeichnen, eher als Wiederkehr. Ich habe eine lange Zeit ausschließlich als Keyboarder gearbeitet und improvisierte Musik war schon immer ein wichtiger Eckpfeiler für mich, sei es am Rhodes in einer groovigen Jazz-Formation oder als Begleit-Musiker einer Impro-Theater-Gruppe. Meine Leidenschaft für elektronische Musik hat aber auch nie nachgelassen und nach vielen Stationen und Umwegen bin ich nun wieder angekommen. Und was die Wahl des Instruments angeht? Würden wir Punkrock machen, würde ich vielleicht Gitarre spielen, aber um Improvisation und elektronische Musik zu verbinden, ist das Modularsystem für mich das perfekte Instrument.

Jens:
Seit wann gibt es #INSTANTBONER, wirkt sich der große Altersunterschied zwischen euch beiden aus, welche musikalischen Hintergrund hast du, Joe? Ergänzt ihr euch, oder seid ihr auf einer Wellenlänge?

Matze:
Uns gibt es offiziell seit unserem ersten Auftritt am 1. Mai 2015 in Berlin. Wir haben uns aber schon eine Weile vorher eher zufällig durch eine gemeinsame Bekannte kennengelernt und Joe hat mich dann mal im Studio besucht. Er war sofort hin und weg vom Modularsystem und nachdem ich ihm ein paar Patches gezeigt hatte, kam dann schnell die Frage ob man das nicht zu meiner guten alten 808 synchronisieren kann – natürlich konnte man. Nach ein paar Jam-Sessions entstand dann eigentlich die Idee, ein Modular-Liveset in Verbindung mit Ableton Live zu erarbeiten und auf einer großen Silvesterparty bei Freunden zum Besten zu geben. Wie es so ist, das Jahr ging zu Ende und wir hatten natürlich nichts vorbereitet. Kurzerhand wurde die Jam-Session zum Konzept erklärt und die Party trotzdem sehr erfolgreich bespielt. Glücklicherweise haben wir das Ganze aufgenommen und ein paar Wochen später präsentierte mir Joe ein paar Tracks, die er aus dem Mitschnitt editiert hatte. (Die gibts bei Soundcloud zu hören, Track 1-8). Wir waren beide vollkommen verblüfft, was da an in gerade mal drei Stunden aus dem Nichts entstanden war. Ein paar Sessions und ein halbes Jahr später stand der erste Gig und so nahm dann alles seinen Lauf.

Und der Altersunterschied – ach Joe ist wirklich jung geblieben (lacht). Aber mal im Ernst, natürlich ist das irgendwie ein Treffen der Generationen, aber es ergänzt sich. Ich kann vielleicht abgeklärter auf manche Dinge blicken und meine musikalische Erfahrung in diesem Projekt beisteuern, aber andersherum ist Joe natürlich viel mehr am Puls der Zeit, kennt die DJ-Szene, ist neugierig und kommt mit frischen Ideen. Außerdem hat er einen Führerschein (lacht).

Joe:
Genau, #INSTANTBONER gibt es also genau genommen seit dem 01.01.15. Wir haben Neujahr 2014 auf 2015 zum ersten Mal zusammen gespielt und mit diesem ersten Auftritt wurde das Projekt geboren.

In vielen Punkten ergänzen wir uns sehr gut, ich lerne durch die Zusammenarbeit eine Menge, da Matthias mir musikalisch sowie im Tontechnik-Bereich weit voraus ist! Allerdings sind wir, egal ob wir auf der Bühne stehen oder im Studio arbeiten, auf einer Wellenlänge, ansonsten wären wir gar nicht auf die Idee gekommen dieses Projekt zusammen zu starten. Wir haben ein ähnliches Empfinden für Sound-Ästhetik und haben beide eine große Technikaffinität, die uns immer weiter in unser Schaffen eintauchen lässt. Um das Projekt nach vorne zu bringen, ist der Altersunterschied oft von Vorteil, da uns durch die Erfahrungen eine Menge Fehltritte erspart werden, wir aber auch zusammen neue Gebiete erforschen, in die wir uns beide noch nicht begeben haben.

EIn Standbild aus dem #INSTANTBONER Movie

Musikalisch komme ich ebenso wie Matthias aus dem Jazz- und HipHop-Bereich. Ich habe meine Schulzeit Saxophon in Big Bands gespielt und mit verschiedenen Künstlern Gesangsaufnahmen gemacht, meist im HipHop-Bereich. Mit dem Umzug nach Berlin und dem Beginn des Tontechnik-Studiums entwickelten sich die Produktionen in Richtung experimenteller Klangbilder bis zu 4/4 basierter elektronischer Musik. Mit ein paar dieser Songs bin ich dann über Umwege bei Matthias im Studio gelandet und dann ging unsere Reise zusammen los.

Jens:
Wie umfangreich sieht euer Setup aus, was kommt bei einem Gig aus der Konserve, was wirklich live, wie lange dauert ein Gig?

Matze:
Erst einmal: Es ist alles live. Mehr live geht wohl nicht.

Unser Setup ist relativ überschaubar. Joe hat einen Rechner mit Ableton Live, ein monome 16×16 und einen Livid Controller. Ich habe ein recht kompaktes Modular-Setup mit 3 Reihen, einen Step-Sequencer (Doepfer Darktime), einen OP-1, einen Roland SH-09 und den OTO Bisquit. Aus der Konserve kommt nicht viel. Es gibt zahlreiche Einzel-Samples, die wir im Studio aufgenommen haben, z. B. modulare und akustische Kicks, Claps und HiHats, und einen großen Fundus an Shaker-, Rassel-, Klimper- und HiHat-Loops, dazu Samples und Loops von diversen Drum-Machines. Alles ist aber alles so angelegt, dass es inhaltlich nichts vorgibt, sondern man die Tracks von Null aus aufbauen kann bzw. muss. z. B. gibt es keine rhythmisch komplexen Shaker- oder HiHat-Patterns. Es sind 16-tel loops, die dann mit einem Sequencer gesliced werden. Es gibt auch keine vorbereiteten Melodien oder Themen. Alles wird spontan gespielt oder programmiert. Das Material ist quasi nur das Futter für die Improvisation.

Die Spieldauer ist flexibel. Wohlfühldauer ist so 1:30h – 2h, wir haben aber auch schon 4h gespielt, was sehr schön intensiv, aber wirklich extrem anstrengend war.

Joe:
Veranstalter und Clubs bekommen die Info, dass wir 2m x 0,8m und einen Kanal im Mischpult brauchen, das ist zumindest der Platz, der benötigt wird, damit wir uns entspannt aufbauen können. Fürs Fliegen geben wir zwei 23Kg Koffer auf, davon ist einer das Modular-Rack und der andere mit dem Roland SH09, Doepfer Dark Time, OP1, OTO, Monome und Livid DS1 Controller, sowie die Soundkarte gepackt. Unser Handgepäck ist mit Wechselklamotten belagert, das ist also alles genau durchgeplant.

Die Länge der Gigs variieren sehr, zur Primetime meist eine Stunde und in ausgewählten Nächten auch gerne zwei bis drei Stunden. Unsere längste Nacht war auf Mykonos in dem wundervollen Club namens MONI, eine Location für maximal 150 Leute und einem unglaublichen Soundsystem, das Set war fast 4h.

Jens:
Wie entstehen eure Tracks, gibt es eine Art Aufgabenverteilung oder ergibt sich alles aus dem Jammen heraus?

Matze:
Die Tracks entstehen wie gesagt live bei Auftritten. Joe bedient die Drums, ich den Rest, also Bässe, Flächen, Knister-Knaster-Klicker-Klacker, Melodien, Vocal-Snippets, etc. Wir finden beim Soundcheck einen Start-Punkt und legen dann (einfach) los. Natürlich kommen mit dieser „Gewaltenteilung“ noch andere Aufgaben auf einen zu. Joe hat z. B. viel mehr Überblick über die Arrangements. Er gibt oft vor, wann ein Drop kommt, kann mit Änderungen in den Drums sehr gut lenken, wie lange die einzelnen Parts sich ziehen. Ich hingegen kreiere die verschiedenen Stimmungen und habe mehr Einfluss auf die musikalische Intensität, das Laut und Leise, ob flächig oder perkussiv. Es ist ein Wechselspiel, wir reagieren permanent aufeinander und ein bisschen Gedanken lesen ist wohl auch dabei. Was aber überhaupt der wichtigste Faktor ist, ist das Publikum. Wir bekommen direktes Feedback auf unsere Musik, während sie entsteht. Wir können sofort reagieren und gleichzeitig dirigieren. Das empfinde ich als den größten Luxus, und es macht unfassbar viel Spaß! Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum es nicht viel mehr Live-Acts gibt, die das so machen. Musik im behüteten Studio zu produzieren ist schön, aber es auf der Bühne zu machen, da fallen mir wieder sehr zweideutige Vergleiche ein (lacht).

Aber für die Studio-Arbeit haben wir natürlich auch ein Herz. Es gab in letzter Zeit immer mal wieder Remix-Anfragen und dafür haben wir eine interessante Variante ausprobiert. Wir pflegen die markanten Sounds und Samples in unser Liveset ein und performen dann damit im Studio. Ein Remix für Osunlade ist gerade so entstanden und wird hoffentlich bald veröffentlicht. Es hat super funktioniert und das Konzept werden wir auf jeden Fall weiter im Auge behalten.

Joe:
Alles, was auf der Bühne passiert ist im Grunde genommen eine Jam, allerdings mit einer strikten Aufgabenverteilung: Matthias ist der Teil des Projekts mit Modular-System auf der Bühne, er kümmert sich mit 5 Stimmen um sämtlichen harmonischen Inhalt: Bass, Leads, Pads, Blips und Blops sowie Vocal Samples. Die Module im Rack werden oft gewechselt und das „Grundpatch“, das die verschiedenen Stimmen bestimmt, entwickelt sich somit auch immer weiter. Während des Gigs wird auch gerne neu verkabelt, um neu entstehende Ideen direkt in die Tat umzusetzen.

Meine Aufgabe sind Drums und Percussions. Das Setup besteht aus einem verstrickten Ableton Projekt, das über verschiedene Controller gesteuert wird. Ein großer Teil der Arbeit steckt in der Sample-Erzeugung, wir haben über die letzten Jahre immer wieder Sessions gemacht, in denen wir klassische Drum Machines sowie Modular Sounds gesampelt haben, hierzu kommen noch akustische Aufnahmen von Shakern, Toms, Hi-Hats bis zu Snares. Neuerdings sind auch Field Recordings aus einer Stahlgießerei hinzu gekommen, die wir im Rahmen eines Kunstprojekts mit Flüchtlingen zusammen aufgenommen haben. All diese Klänge sind in das Ableton Projekt eingebaut und ich kann auf verschiedenste Art und Weise auf die Sounds zugreifen und sie verarbeiten. Dies passiert ebenfalls im Moment des Auftritts, damit wir möglichst gut auf einander eingehen können. Meine Controller ermöglichen es mir losgelöst vom Laptop aufzutreten, sodass ich den Rechner einfach an die Seite stellen kann und das Performen mit Fader, Potis und Buttons im Fokus liegt.

Wir haben uns beide jeweils ein Instrument gebaut mit dem wir zusammen auf der Bühne gut agieren können und wir beide arbeiten darauf hin, möglichst flexibel viel Variation in jedes Set zu bringen. Tracks im Voraus zu produzieren und diese dann abzuspielen überlassen wir den DJs, wir haben beide sehr viel Spaß beim Improvisieren und das stetige kreieren von neuen Stücken ist, würde ich sagen, einer der größten Faktoren, der das Projekt für uns so Interessant macht.

Joe (li.) und Matze in ihrem Studio

Forum
  1. Profilbild
    ioakimsayz

    Kenn die beiden Herren persönlich und freu mich sehr über die wohlverdiente Aufmerksamkeit. Bodenständig, liebenswert und extrem talentiert. Einer großen Karriere sollte nichts im Wege stehen. Sie haben es jedenfalls verdient!

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    fritz808  

    wäre mir ein vergnügen euch mal live zu erleben. wenn ihr mal in der nähe von frankfurt tourt, sagt bescheid.

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    daschess

    Schieberegister?
    das ist dann doch ein einfacher clock divider, das gibts doch schon in jeglicher variation oder?

    • Profilbild
      AMAZONA Archiv

      Das mit dem Schieberegister sollen die mir auch nochmal erklären. Wahrscheinlich ein genialer Moment abseits der banalen subtraktiv-Sounds. Das Interview ist teilweise so „sophisticated“ das es schmerzt. Ich glaube sofort das die minütlich einen „boner“ bekommen. Das ganze soll wohl eine vollkommene Form von Selbstironie sein die ich nicht verstehe. Ihr seid coole Jungs aber…. ;)

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