Steve Harris, Iron Maiden: Seine Bässe, seine Musik

26. Juli 2015

The Story of Steve Harris

Diese Welle ist gewaltig und sie dauert immer noch an. Auf ihr reitet Iron Maidens Bandleader Steve Harris an vorderster Front. In den Vorstellungen der meisten Personen steht bei einer Band der Mann am Bass meist hinten rechts, im Beamtenmikado-Modus: Wer sich bewegt, hat verloren. Nicht so bei Steve Harris, er verkörpert pure Spielfreude und ist während einer Live Show der „Eisernen Jungfrauen“ wohl auf wirklich jedem Punkt der Bühne gefühlt mindestens ein Mal anzutreffen. Dabei interagiert er ständig mit dem Publikum und seinen Bandkollegen. Steve Harris lebt und liebt seine Band – und natürlich auch sein Instrument!

Intro

— Steve Harris —

Die frühen Jahre und sein musikalischer Werdegang

Am 12 März 1956 erblickte Stephen Percival Harris in Leytonstone/London das Licht der Welt. Mit seinen drei Schwestern wuchs der kleine Steve im Londoner Eastend unweit von White Chappel auf, wo schon „Jack the Ripper“ sein Unwesen trieb. Fast in der Nachbarschaft, für Londoner Verhältnisse nur ein Katzensprung entfernt gelegen, befindet sich der Fußball Traditionsklub Westham United. Die Genres Musik und Fußball sollten im späteren Werdegang von Steve Harris die tragende Rolle spielen, denn der junge Harris wurde als Fußballtalent gehandelt, er trainierte und spielte sogar in der Jugendmannschaft von Westham United.

Zurück zur Musik. Sein Wunsch, ein Instrument zu spielen, scheiterte ganz lapidar an heimischem Platzmangel. Sein ersehntes Schlagzeug konnte in der elterlichen Behausung nicht gestellt werden. Also wurde eben ein Bass angeschafft. In dieser Zeit verdiente sich Steve Harris als Bauzeichner sein erstes Geld. Für vierzig britische Pfund erstand er einen Shaftsbury Fender Telecaster/Precision Copy Bass, der für die ersten Gehversuche herhalten musste. Das Bassspielen brachte er sich ab dem Alter von jugendlichen 17 Lenzen selbst bei. Der Autodidakt als solcher mag es vielleicht anfangs schwerer haben, ein Instrument vernünftig zu erlernen, doch kann man so seine musikalischen Einflüsse zu einem unverkennbaren und garantiert eigenen Stil entwickeln. Denn das Resultat der vielen Übungseinheiten klingt bei einem Autodidakten immer nach diesem selbst.

Genau das ist auch der Ansatzpunkt für uns, Steves Art den Bass zu begreifen und zu spielen, genau zu verstehen. Das werde ich in diesem Artikel versuchen, deutlich herauszustellen.

Harris Finger

— Iron Maiden is gonna get all of you! —

Einflüsse

Steve nennt in Interviews seine progressiven Wurzeln, die er als Songwriter mit stadiontauglichen, oft mehrstimmigen Melodien und Harmonien kombiniert. Man werfe in einen Topf: The Who’s John Entwistle, Yes Chris Squire, Genesis, Michael Rutherford, Free, Andy Fraser und gebe Thin Lizzy, Phil Lynnott und Geezer Butler von Black Sabbath hinzu. All diese charismatischen Musiker spielen in ihren Bands markante Basslinien, das hat des dem jungen Harris angetan!

Ein Schlüsselerlebnis für ihn muss wohl die Tatsache gewesen sein, dass ihm seine älteren Bandkollegen der Band „Smiler“ klarmachten, sie suchten keinen Bassisten, der Songs schreibt und überdurchschnittlich viel Stage-Acting an den Tag legt. So viel Ignoranz seitens seiner damaligen Mitmusiker münzte Steve in die wohl beste Entscheidung seiner Karriere um: die Gründung seiner neuen Band Iron Maiden.

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 1975, London befindet sich auf musikalischer Ebene irgendwo zwischen Rock ’n‘ Roll, einer aufkommenden Punk Bewegung, abklingenden Flower-Power-Attituden und buntem Mainstream-Glitzer-Rock. Der 19-jährige Steve Harris gründet am 25.12.1975 seine eigene Band, Iron Maiden, die er nach dem Folterinstrument „eiserne Jungfrau“ benannte. Dieser Folterkäfig ist im Film „The Man with the Iron Mask“ zu sehen. Englands Prime Minister Margret Thatcher trug aufgrund ihres politischen Führungsstils ebenfalls diesen eisernen Beinamen. Zu sehen ist diese „Eiserne Lady“ auf dem Cover der „Women in Uniform“ Maxi-Single. Der Schriftzug der Band Iron Maiden entstammt seiner Idee und Hand. Ab dem ersten Album zierte ein gewisser „Eddie“ jedes Cover.

Harris 1

— Steves typische Schlaghandhaltung, ohne Daumenstütze —

Die Fähigkeiten von Steve Harris

In seiner neuen Band Iron Maiden konnte Steve Harris endlich sein Faible für Filme und Bücher in Songtexte einbringen, sich als Haupt Songschreiber etablieren und seine extravagante Art Bass zu spielen perfektionieren. Diese rote Linie zieht sich durch die nunmehr vielen Dekaden seines Weges mit einer der wohl größten Heavy-Metal Bands aller Zeiten.

Nach ersten Gigs im Londoner Umfeld, noch ohne Plattenvertrag, inmitten einer ersten Hochphase der Londoner Punkära und einer grade aufkommenden New Wave Bewegung, beschloss man gegen den vermeintlichen Mainstream Zeitgeist, ein Demo als EP aufzunehmen. Es sollte das Spaceward Studio in Cambridge sein. Das war zwar teurer als andere Studios, doch sollte sich Steves Kalkül, besseres Studio gleich bessere Qualität, auszahlen. Um Geld zu sparen, wurde der Tag vor Neujahr, der „New Years Eve“ 1978 zur Aufnahme der heute legendären EP „The Soundhouse Tapes“ gefunden. Steve Harris schrieb alle vier Songs der EP, deren Tracks sind bis heute gerne gespielte Klassiker bei jeder Live Show.

Noch eine Anmerkung zum Zeitgeist der späten 1970er

Zwar ist Steve von der Punkbewegung gar nicht begeistert, doch fasziniert ihn die Energie, die die Musik entwickelt. Voller Elan und mit eben dieser Energie werden die Songs auf Vinyl gebannt, gepaart mit eingängigen mehrstimmigen Melodien werden diese Eckpfeiler zum unverkennbaren Markenzeichen. 5000 Exemplare wurden gepresst, die Kopien waren schnell vergriffen, auf das Songmaterial wurden Clubs und DJs aufmerksam, ab jetzt ging es mit dem neu gefundenen Manager Rod Smallwood schnell nach oben und gipfelte 1979 im Deal mit dem Major Label EMI Records. Iron Maiden wird stilistisch mit Bands wie Judas Priest oder auch Saxon als Teil der „New Wave of British Heavy Metal“ Bewegung assoziiert.

-- Steve Harris custom Flatwound --

— Steve Harris Custom Flatwound —

Steves Art Bass zu spielen

Sein urtypischer Stil besteht aus vielen Komponenten und vielen Kleinigkeiten, die das Gesamtpaket ausmachen. Es heißt nicht umsonst, der Sound kommt aus den Fingern. Dem galoppartigen, hart angeschlagenen und sehr rhythmischen Spiel muss gleichzeitig seine sehr melodische Spielweise addiert werden. Steve Harris nutzt zwei Finger der Schlaghand, auch wenn das gerade für Bass-Neulinge ob seiner Spielgeschwindigkeit fast unvorstellbar erscheint. Er setzt seinen Daumen nicht auf Hals oder Pickup und auch nicht auf eine Daumenstütze auf, sondern nutzt ihn wie selbstverständlich zum Abdämpfen der tiefen Saiten. Der typische „Steve Harris Sound“ entsteht neben dem harten Anschlag auch durch etwas längere Fingernägel, die in Kombination mit seinem harten Anschlag fast wie ein Plektrum klingen, wenn man im richtigen Winkel die Saiten anschlägt. Das alles funktioniert nur, wenn das Instrument nicht gerade am Hals des Spielers hängt, sondern eher Richtung Knie bzw. zumindest in Gürtelhöhe justiert ist.

Harris Box

— Die Farben von Westahm United auf Schweißband und Bass —

Für die linke Hand ist das benutzte Tonmaterial entscheidend. Die eingangs genannten Einflüsse ziehen sich wie ein roter Faden durch Iron Maidens Songstrukturen und Kompositionen, für die sich Steve Harris hauptverantwortlich zeigt. Neben der immer funktionierenden Pentatonik mit schnellen 1-4-5-8 Verbindungen nutzt Steve auch gerne die Dur-Tonleiter mit Terz, Quarte und Quinte, um Welthits wie „The Number of the Beast“ oder „The Clairvoyant“ mit markanten Intros passend in Szene zu setzen. „Alle meine Entchen“ hat fast dieselbe Tonfolge, doch besagte Iron Maiden Songs klingen so gar nicht nach einem Kinderlied. Das Konzeptalbum „Powerslave“ entführt den Hörer Mitte der 80er Jahre in die orientalisch-ägyptische klingende, phrygische Tonleiter.

Harris komponiert seine Basslinien, als wenn diese auch eine Gesangslinie darstellen könnten. Vielleicht erklärt das auch das gewaltige Sanges-Feedback seitens der Fans, wenn etwa ein Song wie „Fear of the Dark“ live dargeboten wird.

Bisher ist nur der Faktor Mensch berücksichtigt. Die Spieltechniken und Eigenheiten, die vom Spieler ans Instrument gegeben werden. Doch welches Equipment nutzt der britische Meister-Bassist?

-- Steve Harris Symour Duncan SPB-4 Pickup Pärchen --

— Steve Harris Symour Duncan SPB-4 Pickup Pärchen —

Forum
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    AMAZONA Archiv

    Meiner Meinung nach ist Steve Harris einer der brillantesten Bassisten unter der Sonne, und das betrifft nicht nur sein Spiel, sondern auch seine Songwritig-Qualitäten.
    Auch ich habe durch ihn zum Bass gefunden, und auch wenn ich ab der ‚Powerslave‘ nichts mehr mit der Musik am Hut hatte; die ersten beiden Maiden-Alben sind Klassiker des Heavy Metals, und das nicht nur wegen Paul di’Annos rotzigem Gesang, sondern vor allem wegen Steves markantem Bassspiel und grandiosen Kompositionen wie ‚Phantom of the Opera‘ und ‚Transylvania‘. Leider kommen nicht nur Steves Kunstfertigkeiten viel zu selten in den Fokus; auch Clive Burr und Dave Murray sind schier unglaublich unterbewertete Musikhandwerker.
    Umso schöner, dass Mister Harris zumindest hier mal erwähnt wird….

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      Stephan Güte  RED

      Uneingeschränkte Zustimmung, Anreaz! Obwohl auch Adrian Smith nicht unerwähnt bleiben sollte, gehörte er doch zu den Haupt Songwritern der zwei besten Maiden Alben: „Somewhere in Time“ und „Seventh Son of a Seventh Son“. Speziell der Gitarrensound dieser beiden Alben war sehr speziell und ich bin ne Woche nach der VÖ der SiT los, um mir nen Galiien Krueger 250 RL zu besorgen, der war SO GEIL! :)

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        Markus Galla  RED

        Richtig: keiner hat so viele Top 10 Hits für Iron Maiden geschrieben wie Adrian Smith. Zumal Adrian auch der Gitarrist ist, der seine Soli sorgfältig auskomponiert. Er selbst hat mal seine Arbeitsweise im Studio beschrieben und gesagt, dass er sich über jeden einzelnen Ton Gedanken macht, immer wieder probiert, immer wieder Dinge verwirft, bis er am Ende das endgültige Solo hat und es aufnimmt. Sein Kollege Dave hingegen ist eher der, der improvisiert. Das merkt man auch auf der Bühne. Dave spielt selten ein Solo zweimal gleich. Adrian hingegen hat über die Jahre selbst an den ältesten Soli kaum Änderungen vorgenommen und spielt sie fast immer gleich. Er war übrigens auch derjenige, der die Guitar Synths auf Somewhere in time und Seventh son gebracht hat.

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    griottier  

    Dasselbe Missverstaendnis hat schon in den 90ern fuer Schmunzeln unter den Beisitzern gesorgt, als sie uns Langhaarige zur Matura geprueft haben: Margret Thatchers Beiname war nicht Iron Maiden, sondern Iron Lady. :)

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    AMAZONA Archiv

    Wichtige Sätze:

    „Der Autodidakt als solcher mag es vielleicht anfangs schwerer haben, ein Instrument vernünftig zu erlernen, doch kann man so seine musikalischen Einflüsse zu einem unverkennbaren und garantiert eigenen Stil entwickeln. Denn das Resultat der vielen Übungseinheiten klingt bei einem Autodidakten immer nach diesem selbst.“

    Würde da sogar noch’n Tacken weiter gehen. Gerade Fehler, spielerische Unzulänglichkeiten, Lücken und fehlende Theoriekenntnisse können stilprägend werden – nicht nur zum Nachteil ;-)

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