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Test: Critter & Guitari Organelle M Musik-Computer, Synthesizer

11. August 2021

Ein elektronisches Allround-Instrument

Ein elektronisches Allround-Instrument für Programmier- und Experimentierfreudige

Die Organelle bzw. das neuere Modell Organelle M von Critter & Guitari, hatte ich schon länger auf dem Radar, sie ist immer wieder meinen Wunschlisten bei diversen Händlern gelandet. Genauso oft ist sie aber wieder gelöscht worden, weil ich mir irgendwie nicht vorstellen konnte, wie das Konzept der Organelle M als Musik- bzw. Sound-Computer funktionieren soll.

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Der kleine Sound-Computer Organelle M ist unter anderem auf meinen Wunschlisten gelandet, weil ich ein Faible für Boutique-Hersteller und ungewöhnliche Ansätze habe. Auch scheint das Marketing für diesen kleinen Exoten von einem Musik-Computer gut zu funktionieren, mit hippen YouTube-Videos und interessantem Produkt-Design, ohne dabei aber darauf zu setzen, dass der Boutique-Status durch mangelnde Verfügbarkeit erzeugt wird.

Wer sind Critter & Guitari?

Bei Critter & Guitari handelt findet sich auf der Website nichts außer einem Verweis auf Brooklyn, New York. Allerdings gibt es ein schönes YouTube-Video (https://youtu.be/AU-U8ADzVe0), das auch schon auf AMAZONA.de geteilt wurde. Hier erfährt man, dass sich hinter Critter & Guitari die beiden College-Freunde Owen Osborne und Chris Kucinski verstecken, die schon recht früh angefangen haben, alle möglichen elektronischen Instrumente zu basteln.

Critter & Guitari haben aktuell zwei Instrumente im Angebot – den Musik-Computer Organelle M, der hier unter die Lupe genommen wird sowie einen Video-Synthesizer namens EYESY.

Der Organelle M Musik-Computer – auspacken und einstöpseln

Wer sich die Critter & Guitari Organelle so wie ich nachhause kommen lässt, bekommt einen kleinen, relativ schmucklosen Carton geliefert. In der Verpackung, die erfreulich frei von Styropor oder Kunststofffolien ist, befindet sich neben dem Instrument selbst ein Netzteil, ein USB-WiFi-Steckerchen und ein sehr knapp gehaltener Quickstart-Guide. Eine sehr ausführliche Bedienungsanleitung (nur auf Englisch) befindet sich auf der Website von Critter & Guitari (https://www.critterandguitari.com/manual?m=Organelle_M_Manual).

Die Critter & Guitari Organelle M ist in zwei Farben erhältlich – matt-blau, wie das hier getestete Modell, und cremeweiß.

Das Gehäuse des Organelle M Musik-Computers besteht aus der lackierten oberen Hälfte aus Aluminium sowie aus einer weißen Hälfte aus Plastik an der Unterseite. Die insgesamt 6 Regler an der Oberseite haben einen schwarzen Knopf. Fünf dieser Drehregler haben einen festen Anschlag (Parameter 1-4 und Volume), der Auswahl-Knopf ist ein Endlos-Encoder.

Außerdem finden sich noch eine zwei Oktaven umfassende Tastatur und eine so genannter Aux-Taste, die allesamt aus klar lackiertem Ahornholz gefertigt sind. Leider zierte eine unschöne und deutlich fühlbare Lacknase eine der Tasten der von mir getesteten Organelle M, was den insgesamt wertigen Eindruck etwas geschmälert hat. Ein in Innenräumen sehr gut lesbares, schwarzes OLED-Display vervollständigt das User-Interface. Draußen ist das Display leider sehr schlecht ablesbar.

Anders als bei der ersten Generation der Organelle ist in die Organelle M ein Lautsprecher eingebaut. Und ein Mikrofon, was sehr sinnvoll ist bei einem Instrument, das auch als Sampler konfiguriert werden kann.

An der Rückseite befinden sich von links nach rechts:

  • Kopfhöreranschluss (3,5 mm)
  • L+R Out Stereo-Anschluss (6,25 mm), mit Umschalter für den Lautsprecherbetrieb
  • L+R In Stereo Anschluss (6,25 mm) mit Umschalter für das Mikro auf der Oberseite
  • Pedalanschluss
  • MIDI In & Out (3,5 mm Klinke)
  • Mini-SD-Kartenleser (für das Betriebssystem und die Patches)
  • HDMI (für den direkten Anschluss des Organelle M Musik-Computers an einen Monitor)
  • Netzanschluss 9 V
  • Netzschalter

Das Schöne hier ist, dass alle Anschlüsse so beschriftet sind, dass sie gut lesbar sind, wenn man die Organelle auf die Vorderseite kippt.

Die Beschriftung passt, wenn man die Organelle M auf die Seite dreht

An der rechten Seite befinden sich noch zwei USB-A Anschlüsse. Diese sind gedacht entweder für USB-MIDI Controller, den beiliegenden USB-WiFi-Stick, USB-Speichersticks für die Übertragung von Patches oder auch den Anschluss von Maus und Keyboard für die Programmierung neuer Patches.

An der Seite befinden sich zwei USB Anschlüsse, unter anderem für den WiFi Dongle

Das Konzept der Critter & Guitari Organelle M als Musik-Computer

Auf der Website beschreiben Critter & Guitari das Konzept der Organelle so: Im Grunde ist es ein robuster kleiner Computer, mit dem man Patches abspielen und eine Reihe von Parametern dieser Patches live beeinflussen kann. Der Computer selbst ist in der aktuellen Version ein Raspberry PI Compute Module 3+ und ein 64 Bit fähiger Cortex A53 Quad Core-Prozessor mit 1 GB RAM (aus dem Netz abgeschrieben). Das Betriebssystem der Organelle M ist eine extrem abgespeckte Linux-Version speziell für diesen kleinen Computer.

Die Patches, also die Programme der Organelle, werden in der graphischen Programmiersprache Pure Data geschrieben. Jeder, der schon Instrumente oder Effekte in Max programmieren kann, wird auch schnell in Pure Data zurechtkommen, das vom selben Entwickler wie Max stammt. Über WiFi können die Patches jederzeit in die Organelle M geladen werden.

Erster Betrieb der Critter & Guitari Organelle M

Doch nun zum eigentlichen Spaß, dem Spielen mit der Organelle M. Und hier kommt schon die erste Spaßbremse, denn das Netzteil der Organelle ist mit einem Kabel von unbrauchbarer Länge gesegnet: 90 cm. In meinem Fall hätte das nicht einmal bis auf die links unter dem Schreibtisch liegende Steckdose gereicht. Also vier AA-Mignon-Batterien rausgesucht und dann die nächste Spaßbremse: Der Kunststoff-Batteriefachdeckel ist nichts für zarte Fingernägel. Mit dem Schweizer Messer rausgehebelt, ging es dann. Damit werde ich auch gleich einen Test für die Batterielaufzeit der Organelle M bekommen.

Critter & Guitari bezeichnen die Organelle M als einen Musik-Computer, nicht als einen Synth. Denn die Organelle M kann zwar als Synth agieren, aber auch als Effektgerät, als Sampler, als Hybrid oder … Wie bei einem Computer hängt es davon ab, welches Programm bzw. welcher Patch geladen wurde.

Nach dem Einschalten mit dem Netzschalter an der Rückseite tut sich zunächst nichts, das Display bleibt schwarz, nur eine kleine LED links der Tastatur leuchtet zunächst blau, dann kurz grün. Aber nach ca. 12 Sekunden startet die Organelle M mit einem dezenten Knacken aus dem Lautsprecher (wenn man ihn eingeschaltet hat).

Die 2-Oktaven Holztastatur hat keinen dynamischen Anschlag

Das Menü im Display des Organelle M Musik-Computers ist übersichtlich. Zwei Hauptabteilungen befinden sich hier: “System” und “Patches”. Darunter dann die entsprechenden Kategorien für die Systemeinstellungen wie Speicher oder generelle Einstellungen bei “System” oder eben die Patch-Kategorien wie Effects, Hybrid, Samplers, Synthesizers, Utilities (z. B. Metronom).

Wählt man nun einen Patch aus, z. B. “Analog Style” aus der Patch-Kategorie Synthesizer, wird dieser Patch geladen. Damit bekommen die Drehregler 1-4 jeweils eine Funktion zugewiesen, die sich von Patch zu Patch unterscheiden kann. Im Fall von “Analog Style” etwa kann man mit Regler 1 das Tuning der Oszillatoren beeinflussen, mit Regler 2 den Grad der Verstimmung der Oszillatoren gegeneinander, Regler 3 übernimmt die Resonanz und Regler 4 schließlich den Cutoff des Lowpass-Filters.

Welche Parameter innerhalb einzelner Patches zugewiesen werden, bestimmen die Programmierer der Patches. Und ja, da alle Patches Open-Source sind, kann letztlich auch der Nutzer des Critter & Guitari Organelle M Musik-Computers bestimmen, welche Regler den einzelnen Parametern zugewiesen werden sollen. Dafür muss man sich allerdings zumindest ein bisschen in die Programmiersprache Pure Data einfuchsen. (Wer dafür keinen Nerv hat, der wird vermutlich auch mit der ganzen Organelle M nicht wirklich glücklich werden.)

Organelle M Patches – wo man sie findet und wie man sie installiert

Fertige Patches gibt es inzwischen reichlich, die kann man entweder aus dem offiziellen Patch-Repositorium von Critter & Guitari herunterladen (https://www.critterandguitari.com/organelle-patches) oder aber auf dem Patchstorage suchen (https://patchstorage.com/platform/organelle/).

Die Installation ist denkbar einfach. Auf dem Papier. Theoretisch muss man nur die Patches herunterladen und dann über einen Editor auf die SD-Karte ziehen. Praktisch funktioniert das, indem man die Organelle M als WiFi-Access-Point nimmt. Als nächstes muss man auf der Organelle M einen Webserver starten. Dann verbindet man den Computer, auf dem Patch liegt, mit dem Access-Point und kann dann im Browser auf ein Patch-Management-Menü öffnen. Damit kann man den neuen Patch auf die Organelle M hochladen und über das Menü der Organelle M installieren. Das alles funktioniert übrigens auch über das iPad bzw. einen Browser auf dem Handy. Eigentlich sollte man die Organelle M auch mit dem Heim-WLAN verbinden und so einen einfacheren Arbeitsfluss hinbekommen können. Leider funktionierte das bei mir (und einigen Usern in Foren) nicht.

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Nun ist es leider so, dass man im Auslieferungszustand immer nur einen Patch auf einmal laden kann und entsprechend dann entweder einen Klangerzeuger oder einen Sampler oder einen Effekt nutzen kann oder eine der anderen Möglichkeiten. Das ist so, als ob man bei einem Modularsystem immer nur ein Modul spielen bzw. nutzen kann, also eher ein bisschen unbefriedigend. Aber es gibt Hoffnung …

Der Critter & Guitari Organelle M Musik-Computer als virtuelles Modularsystem

Zum Glück hat sich ein Entwickler namens Mark Harris (aka thetechnobear) hingesetzt und schon vor einiger Zeit einen Patch namens ORAC geschrieben. Die letzte Version davon heißt ORAC 2.0 und macht aus der Organelle M einen vollwertigen Klangerzeuger einschließlich Effekten und MIDI-Controller.

Die Idee von Harris war eigentlich recht simpel – er baut ein virtuelles Modularrack, in das man Sequencer, Synth oder Drum sowie Effekte und Modulatoren einfügen kann.

Die Installation auf den Critter & Guitari Organelle M Musik-Computer funktioniert genauso wie bei jedem anderen Patch. Patch herunterladen, die Organelle M über WiFi verbinden und dann ORAC 2.0 auf die Organelle M ziehen und dort installieren, fertig.

Als virtuelles Rack spielt ORAC 2.0 natürlich noch nichts von selbst außer einem nervigen Drum Pattern als Zeichen, dass die Installation funktioniert hat.

Das Füllen der verfügbaren Slots innerhalb von ORAC 2.0 ist leider nicht so ganz selbsterklärend. Auch die im Netz verfügbaren Videos, sowohl des Entwicklers als auch von Critter & Guitari oder des bekannten YouTubers Loopop, haben bei diesem konkreten Problem nicht weitergeholfen. Immerhin haben die Loopop-Erklärungen zu einem schnellen Verständnis dessen beigetragen, was ORAC 2.0 ist und kann.

Nach einigem Herumprobieren ist es mir gelungen, die Slots in ORAC 2.0 zu befüllen. Eines meiner Probleme war, dass ich zwar einen Slot auswählen konnte, aber dann immer automatisch in einem Untermenü gelandet bin, aus dem ich mich erst auf eine höhere Ebene herausarbeiten musste.

Die innerhalb von ORAC 2.0 verfügbaren Patches sind übrigens speziell auf ORAC 2.0 portierte Patches, die auf den ursprünglichen Patches basieren und auch genauso heißen und klingen. Aber es sind weniger Patches innerhalb ORAC 2.0 verfügbar als für die Organelle M allein.

Einmal verstanden und eingesetzt, wird mit ORAC 2.0 aus dem banalen Critter & Guitari Organelle M Ein-Patch-Langweiler-Instrument bzw. Effekt plötzlich ein mehr als brauchbarer Spaßbringer.

Im virtuellen Modularsystem ORAC 2.0 finden sich insgesamt 17 Slots:

  • 2 Systemslots, einer für das Routing (seriell oder parallel oder Custom), einer für die Clock
  • 3 Modulatoren-Dlots (z. B. LFO)
  • 2 Pre/Post-Slots
  • 10 Chain Slots für Sequencer, Klangerzeuger, Effekte, die entweder in Serie geschaltet werden können oder in drei parallele Ketten mit drei, vier und drei Slots.
Das Slot-Schema für ORAC 2.0

Das ORAC 2.0 Slot-Schema auf der originalen Organelle. Quelle: https://github.com/TheTechnobear/Orac/wiki/Chain-Slots

So könnte man beispielsweise ein Clock-Signal drei parallele Ketten antreiben, jeweils mit einem eigenen Sequencer, einem Klangerzeuger und einen bzw. zwei Effekten.

Ein anderes Anwendungsbeispiel könnte etwa ein komplexes Effekt-Rack sein, mit eigenen Modulatoren.

Obwohl das virtuelle Rack ORAC 2.0 vom Hersteller Critter & Guitari mit beworben wird, frage ich mich doch, warum die Entwickler des Organelle M Musik-Computers diesen nicht direkt von Haus aus mit ORAC 2.0 ausstatten bzw. in das Betriebssystem der Organelle M integrieren.

Klangbeispiele

Ich habe länger überlegt, ob ich überhaupt Klangbeispiele hinzufügen soll, denn die Organelle an sich hat ja keinen eigenen Klangerzeuger. Vielmehr ist es ein Computer, der in Pure Data programmierte Instrumente spielen kann. Dennoch hier eine kurze Übersicht.

Der „Organelle“ on YouTube

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Fazit

Die Organelle M von Critter & Guitari kann in den richtigen Händen zu einem virtuellen Modularsystem ausgebaut werden. Im Auslieferungszustand ist es ein eher einfaches Gerät, das immer nur einen Patch (Synth, Effekt, Sequencer) auf einmal betreiben kann.

Die Patches basieren auf der graphischen Programmiersprache Pure Data (ein Vorläufer von Max) und können vom Nutzer bearbeitet und „on the fly“ verändert werden.

Erst mit dem frei verfügbaren Patch ORAC 2.0 wird aus der Organelle M ein vollständiges und sehr eigenes Instrument aus der Organelle M.

Plus

  • unglaublich flexibel: Instrument, Sequencer, Effektgerät, Sampler in einem
  • offenes System mit vielen erhältlichen Patches
  • gute Anschlussauswahl
  • verarbeitet Pure Data
  • wird mit ORAC 2.0 zu vollständigem System

Minus

  • im Auslieferungszustand möglicherweise enttäuschend, weil immer nur ein Patch alleine genutzt werden kann
  • kurze Batterielaufzeit
  • Netzteil mit zu kurzem Kabel

Preis

  • 595,- Euro
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Forum
  1. Profilbild
    Br  

    Super Artikel über ein an sich sehr komplexes Instrument. Kannst du noch ein paar links zu Pure Data einfügen?

    • Profilbild
      Esteem

      Ich musste da gleich an die ‚Tasten‘ vom Striso Board denken. Das wäre wohl ein interessantes Upgrade für die Forelle

  2. Profilbild
    RoDi  

    Pure Data ist keineswegs der Vorläufer von Max. Tatsächlich hat Miller Pucket zuerst Max entwickelt, das 1990 kommerzialisiert würde. Später hat er dann eine neue Opensource-Entwicklung namens Pure Data veröffentlicht.

  3. Profilbild
    fanatic  AHU

    Auf den ersten flüchtigen Blick habe ich gedacht bei der Tastatur handelt es sich um Marzipankartoffeln. Das Spielgefühl wäre sicher sensationell.

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