Test: DSM & Humboldt Simplifier DLX, Amp & Cab Sim

13. Juni 2021

DI-Schweizer Taschenmesser - der Simplifier DLX!

Test: DSM & Humboldt Simplifier DLX, Amp & Cab Sim

Die Zusammenarbeit von DSM Noisemaker und Humboldt Electronics hat vor ungefähr zwei Jahren ein sehr interessantes Gerät hervorgebracht. Der Simplifier hat es leider nie in unsere Redaktion geschafft – ein Umstand, den ich bis heute ein bisschen bedaure. Denn während Walrus Audio, Two Notes, Strymon und AMT die Pedalboards und Homestudios mit ihren Amp- und Cab-Simulatoren erobern, blieben DSM & Humboldt mit ihrem Simplifier ein bisschen an der Peripherie kleben. Und das hatte nichts mit der Qualität zu tun. Meine private Begegnung mit dem Simplifier ist mir gut in Erinnerung geblieben – entsprechend wurde ich hellhörig, als ich mitbekam, dass DSM & Humboldt den Simplifier auf Steroiden rausbringen – den Simplifier DLX.

Das wird keine Gegenüberstellung mit dem regulären Simplifier. Wir betreten hier Neuland. Und soviel sei gesagt: „Simpel“ ist hier nichts. Der Simplifier DLX dürfte das komplexeste und umfangreichste Amp-in-a-box-Konzept auf dem Markt sein. Er passt auf euren Schreibtisch, aufs Board, er funktioniert live – und übertreibt es damit? Ob sich DSM & Humboldt hier übernommen haben oder eine kleine Sensation gelungen ist, finden wir jetzt raus.

DSM & Humboldt Simplifier DLX – der Aufbau

Ich packe den DSM & Humboldt aus und muss zunächst ein bisschen, nun ja – schlucken. Alles hier mit Reglern und Kippschaltern, aber das hier erinnert zunächst erstmal an das Hellraiser-Puzzle. Alles halb so schlimm, auf den zweiten Blick kommt dann Ordnung rein – der Simplifier DLX ist – im Kern – ein Pre-Amp, digitaler Verstärker und ein Cab-Simulator auf Stereo-Basis und 0 Watt. Ach so – Routing erfolgt auf analogem Wege.

Test: DSM & Humboldt Simplifier DLX, Amp & Cab Sim

Es wird im Rahmen dieses Reviews wahrscheinlich nicht möglich sein, sämtliche Routing-Optionen des Simplifier DLX durchzugehen. Wir werden es trotzdem versuchen. Also der Reihe nach. Der DSM & Humbold Simplifier DLX besteht aus fünf Sektionen:

  • Preamp/Amp Sektion
  • FX-Loop
  • Cabinet Simulation
  • Power Amp Simulation
  • Reverb

Die Soundoptionen, die sich dadurch ergeben, sind mannigfaltig und komplex. Der Two Notes Cab M besaß eine ähnliche Komplexität, doch nur innerhalb des Bedienfeldes. Hier passiert alles auf dem Panel, das wir nun entwirren.

Simplifier DLX – Amps und Preamps

Den Anfang macht die Preamp- und Amp-Sektion. Der Simplifier DLX arbeitet mit zwei Preamp-Kanälen, an die jeweils drei Amp-Modelle anschließen. Die beiden Preamps können als zweikanaliger Amp verwendet werden – sprich, ihr könnt hier zwei Gitarren anschließen – oder in einem parallelen Stereo-Routing. Alle drei Amp-Typen besitzen jeweils drei Gain-Typen. Das macht ohne Cabinets schon mal 18 Klangoptionen.

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Worin unterscheiden sich die zwei Channels? Nun, Channel A haut ein unsymmetrisches Clipping zusätzlich raus und ist insgesamt aggressiver, während Channel B ein bisschen weicher daher kommt und für die bluesigen, crunchigen Sounds geeignet ist. Die drei Gain-Modi lauten erwartungsgemäß Clean, Crunch und Lead und werden über den Gain-Regler eingestellt. Wichtig hierbei: Alle drei Modi haben ein breites Gain-Spektrum. Auch im Lead-Channel lassen sich Clean-Tones heraushauen. Zu den Amp-Modellen:

  • AC Brit: klassischer Vox AC30 Sound – kristallklar und resonant
  • American: der legendäre Fender Blackface Sound – rund, warm, dynamisch.
  • MS Brit: vintage Plexi-Sound mit ordentlichen Gain-Kapazitäten

Die beiden Kanäle beziehungsweise drei Amps besitzen einen dreiteiligen EQ und einen Level-Regler. Auch wichtig: Wenn die Kanäle im Mid-Gain-Bereich agieren, sind sie sich sehr ähnlich, das vor allem im parallelen Routing.

DSM & Humboldt Simplifier DLX – Reverb, Cabinets & Power Amps

Die Cabinet-Sektion schöpft ihr Potential aus der Erfahrung von DSM Noisemaker, die für gute Cabinet-Simulations stehen. Der Simplifier DLX erlaubt es, zwei Cabinets jeweils pro Channel mithilfe des Mic-Position-Reglers einzustellen. Die drei Cabinets sind übersichtlich: 1×12 Combo, 2×12 oder 4×12 Cabinet. In Kombination mit den Preamps passiert hier also klanglich in der Endposition eine Menge. Nun zur Power-Amp-Sektion, die Endstufe, wo Cabinet-Output und Röhren der Amp-Modelle interagieren und je nach Endstufenemulation eine bestimmte Frequenzantwort ergeben. Die hier zur Verfügung stehenden Endstufenröhren sind:

  • KT88
  • EL34
  • 6L6

Zur kurzen Auffrischung: Der Unterschied zwischen einer EL34 und 6L6 ist nicht so groß, dass man hier von zwei fundamental verschiedenen Welten sprechen kann. Aber vereinfacht ausgedrückt: Die 6L6 Röhren sind glatter und weicher und arbeiten einem Mitten-Scoop gut zu – mehr Low-End, wenn man so will. Entsprechend sind auch bei den meisten Metal-Amps 6L6 verbaut, während die EL34 kratziger sind und die Mitten mehr anschieben – mehr Vintage-Charakter, wenn man so will. Die KT-Röhren liegen zwischen beiden Welten.

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Die Endstufen-Sektion besitzt zwei Regler: Resonance und Presence, mit dem ihr den Charakter der Röhren noch mal den angewählten Cab-Simulationen und Amps anpassen könnt. Der Reverb des Simplifier DLX kann mit den beiden Reglern rechts neben der Power-Amp-Sektion bedient werden. Zwei Mix-Regler sorgen dafür, dass ihr den digitalen Stereo-Reverb unterschiedlich auf den beiden Kanälen hervorheben könnt. In Sachen Reverb stehen euch drei Stück zur Verfügung:

  • Room: kurzer, warmer Decay
  • Ether: sehr langer, ätherischer Reverb
  • Plate: mittellanger Decay

DSM & Humboldt Simplifier DLX – der FX-Loop und die Anschlüsse

Der Stereo-FX-Loop ist der Punkt, wo der Simplifier DLX regelrechten Schweizer-Taschenmesser-Charakter bekommt. Wir haben zwei TRS-Klinken für Stereo-Return und eine einzelne FX-Send-Klinke. Für den Fall, dass ihr in den Send-Anschluss mit Y-Klinke reingeht: Hier werden TIP und RING der Eingangsklinke jeweils mit den unterschiedlichen Preamps abgegriffen – RING nur vom Preamp eures B-Channels, bei TIP je nachdem, welcher Channel mit seinem Preamp gerade aktiv ist. Mit dem kleinen Kippschalter zwischen dem rechten Return- und dem Send-Anschluss könnt ihr die internen Preamps ausschalten, wenn ihr eurem Sound über den FX-Loop anders Kontur geben möchtet.

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Darüber hinaus könnt ihr hier die zwei Amp-Kanäle wie folgt konfigurieren: entweder im Two-Channel-Modus, dann agiert der Simplifier DLX quasi als zweikanaliger Amp oder im Parallel-Stereo-Modus, wo ihr mit Mono- oder Stereo-Input beide Amps gleichzeitig fahren könnt. Und als wäre all das nicht genug, besitzt der Simplifier DLX auch zwei symmetrische DI-Anschlüsse mit Ground-Lift-Funktion und permanent aktivierten Cab-Simulationen. Bei den TS-Anschlüssen auf der Stirnseite könnt ihr übrigens die Cab-Simulation ausschalten, sofern ihr welche in eurer DAW beispielsweise aktivieren wollt. Abgerundet wird das Ganze durch einen hochwertigen 135 mW Kopfhöreranschluss, der sich auch für In-Ear-Monitoring eignet, sowie einem Fußschalter, der es erlaubt, zwischen den Channels hin und her zu schalten sowie den Reverb ein- und auszuschalten.

Der Sound der DSM & Humboldt Simplifier DLX in der Praxis

Der Simplifier DLX ist eine komplexe Angelegenheit und ein Schweizer Taschenmesser, das für viele Anwendungen infrage kommt. Wir wollen nun den Sound überprüfen – im parallelen Stereo-Modus sowie mit und ohne FX-Loop. Was lässt sich soundtechnisch hier also rausholen?

Erstmal vorweg – der Simplifier DLX sieht ziemlich fein auf dem Pedalboard aus und gehört meines Erachtens auch dorthin. Wir beginnen mit einem Riff, das wir über alle Amp-Modelle spielen – jeweils mit 412er Boxen und EL34er beim AC und Blackface und nur beim Marshall nehmen wir die KT88. Der Sound ist – und das lässt sich mit einiger Bestimmtheit sagen – besser als bei den Emulatoren von Mooer oder auch Boss. Man muss ein bisschen werkeln, probieren, sich mit dem Resonanzverhalten der emulierten Röhren vertraut machen. Der perfekte Sound springt einem beim Simplifier DLX nicht entgegen – im Gegensatz zum Iridium oder dem ACS1. Wir gehen hier gleich an die Substanz, an der viele Digital-Amps scheitern – den High-Gain bzw. Lead-Sound.

Nun nutzen wir den Singlecoil meiner Godin HSS und wollen überprüfen, wie genau der Simplifier DLX bei der Power-Amp-Sektion arbeitet. Wir lassen im Lead-Modus bei niedrigem oder hohem Gain jede einzelne Endstufe-Option kommen. Der Charakter der jeweiligen Röhre ist unterscheidbar und charakteristisch – das ist also nicht nur auf dem Papier brauchbar. Wohlgemerkt verwässert der Unterschied aber stark bei mittlerem Gain bzw. Crunch.

In ungünstigen Momenten kippt die Zerrung des Simplifier DLX ins Kratzig/Digitale – da hat das Iridium ganz klar die Nase vorn, lässt sich nicht anders sagen. Clean-Crunch beherrschte das ACS1 von Walrus Audio wiederum fantastisch – kann der Simplifier Deluxe hier mithalten? Im Grunde schon – Klangtiefe, Resonanz, Attack – passt gut, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass der ACS1 noch eine Ecke natürlicher daher kommt.

Der integrierte Reverb kann per Fußschalter eingeschaltet werden und erfüllt seinen Zweck mehr als gut. Tatsächlich bin ich von der Room- und Ether-Option regelrecht angetan. Obwohl man wenig am Klangverhalten ändern kann – Decay, Mix und Modulation gibt’s hier nicht – ist der Modus Operandi der Engines überaus brauchbar.

Nun versuchen wir uns ein bisschen an einem sehr kultigen, klassischen Sound – dem angezerrten Fender Blackface:

Und nun kommen wir zur wahrscheinlichen Krux des Ganzen: die Möglichkeit, in der parallelen Schaltung das Pedal mit zwei unterschiedlichen Amps zu fahren. Das funktioniert bemerkenswert gut und erlaubt es, sehr resonante und natürliche Gitarrensounds zu fahren. Die Kombination von American (Fender Blackface) und dem Plexi-Sound des MS Brits – klassisch mit den EL34er gefahren – ist für raue Clean-Sounds eine kleine Offenbarung. Wer seinem Lead-Sound cleane Twang-Kontur geben möchte, kann dies auch tun. Der Simplifier DLX ist an der Front die wahrscheinlich vielseitigste „Amp-in-a-box“-Alternative, die es gibt.

Zu guter Letzt ist es sinnvoll, den Stereo-FX-Loop des Simplifier DLX mithilfe des Specular Tempus von GFI Systems zu testen. Denn das hat der Simplifier DLX der Konkurrenz voraus – weder der ACS1 noch das Iridium besitzen einen Stereo-FX-Loop, der die Sättigung eines Delay-Effekts schont und zu besseren Klangergebnissen mit anderen Pedalen führt. Wir nutzen den AC Brit und den American im Clean-Modus – das ausdrucksstarke Signal des Specular Tempus verliert nichts von seiner Sättigung und Kontur – sehr schön.

Fazit

Der heiß umkämpfte „Amp-in-a-box“-Markt hat einen neuen Platzhirschen. Ein bisschen muss man die Euphorie dämpfen: High-Gain bekommt das Gerät nicht ganz so gut hin wie das Strymon Iridium und Blues-Magie à la Fender nicht ganz so gut wie das ACS1. Dafür ist es in Sachen Routing flexibler, besitzt die Power-Amp-Sektion sowie einen Stereo-FX-Loop. Es ist das vollständigere Paket und ist für alle, die ihr Pedalboard daheim aufnehmen wollen, meines Erachtens eine bessere Lösung als das Iridium und das ACS1 eben wegen des Stereo-FX-Loops. Geräuscharm, hochflexibel, verlässlich – wer ein Eventide H9 beispielsweise sein Eigen nennt, hat hier den perfekten analogen Kumpanen.

Plus

  • schickes Design
  • sehr viele Routing-Optionen
  • gute bis sehr gute Klangqualität
  • Stereo-FX Loop
  • Power-Amp-Sektion

Minus

  • zu Anfang etwas unübersichtlich
  • Sättigung des Lead-Sounds wirkt manchmal unnatürlich

Preis

  • 468,- Euro
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