Test: EBS ReTracer Delay Workstation, Gitarren Delay Pedal

18. September 2018

Unendliche Klangsphären auf Umwegen

Aus der renommierten schwedischen Schmiede für anspruchsvolle Bassverstärkung entstammen bereits seit einiger Zeit diverse Bodentreter für Bass, die allerdings auch bei Gitarristen durchaus Anklang finden. Brandneu ist der Kandidat dieses Tests, der EBS ReTracer, ein digitales Delaypedal, das trotz kompakter Bauweise opulente Möglichkeiten verspricht. EBS wagt hier den Einstieg in ein Marktsegment, das bereits von prominenter Konkurrenz wie Strymon, BOSS oder Source Audio besetzt wird.

EBS ReTracer 1

— Ein neuer Herausforderer am Markt: EBS Rectracer

EBS ReTracer Facts & Features 

Der äußere Aufbau des 84 x 114 x 48 mm kleinen Stahlblechgehäuses besticht zunächst durch seine makellos verarbeitete, blau schimmernde Oberfläche, die ansprechend gerundeten Ecken und die gebrochenen Gehäusekanten. Vier Regler und zwei Minitaster, jeweils in cremefarbener Kunststoffausführung, sind für die Bedienung von Hand vorgesehen, während zwei robuste Fußtaster mit den Füßen getreten werden wollen.

Eher winzig mit 29 x 12 mm fällt das Display aus. Ohne Display lässt sich die Vielzahl an Möglichkeiten des Pedals kaum nutzen, zumal ein Software-Editor leider nicht angeboten wird. Zumindest momentan nicht.

Gewandelt und intern verarbeitet wird beim EBS ReTracer in 24 Bit und 48 kHz. Das ist nicht so ganz der allerletzte Stand der Technik, sollte allerdings, entsprechend hochwertige Wandler und Algorithmen vorausgesetzt, absolut ausreichend sein.EBS ReTracer Stirnseite

An Anschlussmöglichkeiten hat EBS hier einiges untergebracht: Neben jeweils zwei seitlich montierten Klinkenbuchsen für Ein-und Ausgänge befinden sich stirnseitig zwei Miniklinkenbuchsen für MIDI (In/Thru), ein USB-Anschluss, der allerdings derzeit lediglich für Firmwareupdates genutzt werden kann, sowie die Anschlussbuchse für das benötigte Netzteil. Löblich hierbei ist, dass der Lieferumfang ein Miniklinke-auf-MIDI-Adapterkabel enthält, weniger schön ist das nicht mitgelieferte Netzteil.

Auch die Dokumentation dürfte bei einem derart komplexen Gerät gerne etwas umfangreicher und userfreundlicher sein. Das mitgelieferte Faltblatt streift die Möglichkeiten des EBS ReTracer kaum und das umfangreiche Manual, wie heutzutage leider üblich nur als PDF verfügbar, ist ausschließlich in Englisch erhältlich.

Beim insgesamt sehr positiven Eindruck was Verarbeitung und Robustheit des Testgerätes angeht, fällt der Drehwiderstand des „Level“-Reglers etwas aus der Reihe. Im Verlauf des Regelweges fühlt sich dieser um die 12-Uhr-Position herum schwergängiger an.

EBS ReTRacer – Regler, Anschlüsse und Möglichkeiten

Zunächst ist erwähnenswert, dass der EBS ReTracer zwei Modi anbietet: den Easy-Mode und den Expert-Mode. Wie man sich denken kann, dient der Easy-Mode in erster Linie dazu, mit den beiden Minitastern die Presets anzuwählen. Diese lassen sich dann mit den vier Reglern entsprechend ihrer jeweiligen Beschriftung („Level“ für den Effektlevel, „Tone“ für die Höhenblende, „F.Back“ für das Feedback und „Delay“ für die Verzögerungsdauer) nach den eigenen Vorstellungen editieren und speichern. Soweit, so easy …

Ebenfalls auf dieser Ebene befinden sich noch generelle Einstellungen, die unter anderem den generellen Modus (Mono, Stereo, Dual, Loop), die Flankensteilheit des Tone Reglers, den Bypassmodus (True, Buffered, Tail – bei Letzterem klingt das Delay beim Umschalten des Programms aus), Midioptionen, das Verhalten des Levelreglers und einiges mehr. Bereits hier, im Easy-Modus, kommt man um mehrere Blicke in die Bedienungsanleitung nicht herum.

EBS ReTracer Midikabel

— Cool: Ein spezielles MIDI-Kabel ist im Lieferumfang des EBS ReTracer enthalten —

Das Pedal bietet zwölf sogenannte Delay Engines. Eine Delay Engine besteht aus einem vorgegebenen Grundsound mitsamt bestimmten, diesem Grundsound zugeordneten Funktionalitäten. So kann man zwischen digitalen, mehreren analogen („Tape“, „Vintage“ ect.), solchen mit speziellen Autofiltern, Ping-Pong-Delay, einem Delay zum Erstellen rhythmischer Patterns und einem Split-Delay mit zwei separaten Engines wählen. Da sollte für jeden Wunsch im Zusammenhang mit Echo- oder Delayeffekten etwas dabei sein.

Etwas irreführend empfinde ich es, wenn mit „Extensive Loop Functions“ (zu deutsch „umfangreiche Loopfunktionen“) geworben wird, so wie es auf der EBS-Website geschieht. Hier könnte der Eindruck entstehen, der EBS ReTracer habe die Funktionen eines Loopers implementiert, was mitnichten der Fall ist. Es handelt sich vielmehr um eine integrierte, schaltbare Effektschleife. Hierbei arbeiten jeweils eine der Eingangs- und Ausgangsbuchsen (auf dem Gehäuse in schwarzer Schrift mit „Loop R“ und „Loop S“ bezeichnet) als Send/Return für externe Effekte. Hierbei entfällt dann logischerweise die Möglichkeit des Stereobetriebs, immerhin kann der externe Effekt wahlweise in die Feedbackschleife oder den Delaypfad geroutet werden.

Darüber hinaus sind die besagten „Loop R“ und „Loop S“ Buchsen in Stereo ausgeführt. Über entsprechende Y-Kabel bzw. Adapter ist es so möglich, hier ein Expressionpedal bzw. einen externen Fußschalter anzuschließen.

Entsperrt man den Expert-Mode, hat man Zugriff auf die komplette Parameterflut des Gerätes und erhält weitreichende Werkzeuge, um die Sounds an die eigenen Vorstellungen anzupassen. Dieses geschieht ausschließlich über die Bedienelemente und das Display am Gerät selbst, ein Softwareeditor ist bislang noch nicht erhältlich.

Bedienung des EBS Retracer

Der Easy Mode ist in der Tat schön „easy“: Preset anwählen, an den Knöpfen drehen bis es passt, speichern, fertig. Allerdings muss man so auf einige Möglichkeiten verzichten, das Potenzial der Delay Engines lässt sich so nicht annähernd ausschöpfen. Der Expert-Mode muss also aktiviert werden, allerdings ist auch hier der Name Programm: Ohne Expertenwissen um die kryptischen Abkürzungen, die auf dem winzigen wenn auch sehr gut beleuchteten und messerscharfen Display erscheinen, ist man verloren. Zumal EBS in der Onlinedokumentation auf eine Auflistung der Parameter im Expert Mode, geschweige denn deren Erläuterung, verzichtet.

EBS Retracer Display

— Viel Information auf engstem Raum: Das Display des EBS ReTracer

Erschwerend hinzu kommt, dass bei den vier Drehreglern keine Endlospotis verbaut werden, was zur Folge hat, dass man einen Wert erst einmal „abholen“, ihn also einmal mit dem Poti anfahren muss, bevor man den vollen Regelweg zur Verfügung hat. Dies gilt gleichermaßen für beide Modi und führt dazu, dass man, will man beispielsweise den Level erhöhen, den Regler erst einmal in die entgegengesetzte Richtung drehen muss, als man eigentlich vorhat. Sonderlich intuitiv ist das nicht.

EBS ReTracer Gitarren Pedal

Auch kein Musterbeispiel an Usability ist die Tatsache, dass Taster und Regler in den beiden Modi unterschiedliche Funktionsweisen haben. Das flacht die Lernkurve gehörig ab und das rudimentäre Manual wird zum ständigen Begleiter bei dem Versuch, dem EBS Retracer eigene Soundkreationen zu entlocken.

Zusammenfassend muss ich leider konstatieren, dass die Bedienung dieses Delay Pedals nicht gerade Freudentränen hervorruft. Die einzige Rettung wäre hier eine gut programmierte App, leider ist diesbezüglich noch nichts angekündigt.

Sound des EBS Retracer

Bei all der Meckerei darf dann aber auch mal gelobt werden:

Klanglich ist hier alles vom Feinsten. Die digitalen Delays klingen klar, räumlich und brillant, die analogen Vertreter überzeugen mit authentischer Wärme und die Add-ons wie Pitch oder Filter klingen ebenfalls gut.

Da EBS bekanntermaßen auf Bassequipment spezialisiert ist, hier zunächst einige Hörbeispiele mit meinem Jazzbass aus japanischer Fertigung:

 

Das volle Frequenzspektrum bleibt erhalten und das Lowend bleibt satt und konturiert.

Typische Vintage Sounds gelingen ebenfalls perfekt und authentisch. Hier die Emulation eines Eimerketten-Delays:

Beliebt und immer wieder gerne genommen ist das Reverse-Delay, bei dem die Wiederholungen umgekehrt abgespielt werden:

Interessant wird es nun, wenn die Effektschleife („Loop“) ins Spiel kommt. Ist es gelungen, die zahlreichen erforderlichen Einstellungen vorzunehmen, lässt sich ein externer Effekt auf die Wiederholungen legen. In diesem Beispiel ein Phaser. Um den Unterschied zu verdeutlichen, ist der erste Durchgang des Beispielriffs ohne Phaser eingespielt:

Natürlich ist so ein flexibles Delay nicht nur für Bassisten interessant, auch und gerade Gitarristen haben hier des öfteren Bedarf. Hier zwei Beispiele mit der „Digital“-Engine und meiner No-Name Japanstrat:

Die folgenden Beispiele demonstrieren diverse vintageartige Engines mit E-Gitarre:

Rhythmische Variationen bieten die Engines „Split“ und „Rhythm“:

Im folgenden Hörbeispiel habe ich einen  Drumcomputer als Master, der per MIDI-Masterclock die Verzögerungszeit des Pedals steuert, konfiguriert. Das hat auf Anhieb gut geklappt, wobei der ReTracer Veränderungen des Tempos bei laufendem Betrieb leider nicht übernimmt, sondern beim Starttempo bleibt.

Klanglich und von den Möglichkeiten, gerade auch im Zusammenhang mit der sehr kompakten Bauweise, steht der EBS ReTracer prima da!

Fazit

Der EBS Retracer bietet einiges in Sachen Sound, Vielseitigkeit und Ausstattung. Neben zwölf verschiedenen überzeugend klingenden Delay-Engines, über 200 Speicherplätzen, einem programmierbaren Effekweg, MIDI und vielseitigen Anschlussmöglichkeiten gibt es aber auch eine Schattenseite: die Bedienung. Hier stellt das Pedal höchste Ansprüche an den User. Die Unterschiede in der Funktionsweise derselben Bedienelemente in den beiden Modi und das Fehlen einer umfassenden Bedienungsanleitung halten die Lernkurve extrem flach. Darüber hinaus gibt es auch hardwareseitige Hürden wie das sehr kleine (wenn auch gestochen scharfe) Display und der Verzicht auf Endlospotis. Kaum zeitgemäß ist heutzutage auch das Nichtvorhandensein einer App, die eine übersichtliche Programmierung der Parameterflut unterstützen könnte.

Wer noch nie ein digitales, programmierbares Effektgerät besessen hat, lässt aufgrund der komplexen Bedienung besser die Finger vom EBS Retracer. Erfahrene User hingegen könnten sich auf das zweifelsohne hochwertige und sehr reichhaltige Effektangebot einlassen wollen, müssen dafür allerdings eine intensive und unter Umständen nervenaufreibende Einarbeitungszeit in Kauf nehmen.

Plus

  • Soundqualität
  • Soundvielfalt
  • Anschlussmöglichkeiten
  • kompakte Bauweise
  • Programmierbarkeit
  • verschiedene Betriebs/Bypassmodi
  • MIDI
  • Verarbeitung
  • spezielles MIDI-Kabel im Lieferumfang enthalten

Minus

  • sehr umständliche Bedienbarkeit (siehe Text)
  • sehr kleines Display
  • keine Endlospotis
  • Online-Manual unvollständig und nur in Englisch
  • keine Editor-Software verfügbar

Preis

  • Ladenpreis: 274,- Euro
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