Test: Fairlight (CMI) Pro für iPad, iPhone iOS

13. November 2011

Fairlight for iPad

Sich bei diesem App über den Preis oder die Bedienung, die im Vergleich zu Beatmaker 2 etc. ein Dinosaurier ist, zu mokieren, geht völlig an der Sache vorbei. Wenn man mit dem Konzept etwas anfangen kann und einen offiziellen Fairlight haben möchte, ist dies der billigste Weg. Oder man macht die australischen $20.000 für die CMI 30th Anniversary Edition locker. Aber Beeilung! Die Hardware-Neuauflage ist schon fast ausverkauft. Einen ausführlichen Überblick über die Fairlight Samplerfamilie finden sie in den Verweisen (8).

Von den ursprünglichen 18 Menüseiten des CMI-III sind nur fünf übrig geblieben. Teils waren sie überflüssig, teils wurden die Seiten zusammengeführt. Schauen wir uns also die wesentlichen Unterschiede und Features des Apps an. Über „Page 2: Disk“ lassen sich die Fairlight Songs und Instrumente verwalten, als MIDI-Datei exportieren, emailen und neue Songs und Instrumente erstellen. Ein Instrumente besteht aus acht unabhängigen Voices, d.h. Samples, die monophon gespielt werden können. Die Samples aus der Bibliothek lassen sich auch von Page 2 aus probehören. Auf der Voice-Ebene von „Page D“ lässt sich auch ein Sample mit achtfacher Polyphonie über MIDI live spielen.

„Page 3: Instrument“ ist zumindest dem Namen nach selbsterklärend. Ganz im Gegenteil zu Handhabung. Über die vertikale Reihe 1 bis 8 wird das Sample editiert, während über die horizontale Reihe 1 bis 8 das Sample bzw. die Voice ausgetauscht wird. Nach zusätzlicher Auswahl des EDIT-Button können die Parameter der ausgewählten Voice editiert werden. Dabei wird praktischerweise jede Änderung durch ein Abspielen mit den neuen Parameterwerten bestätigt. Hier lassen sich auch Audiodateien importieren, die über den iTunes-Dateimanager im Fairlight-Verzeichnis abgelegt wurden. Es besteht über „Page S: Sampler“ auch die Möglichkeit, Samples mit maximal 10 Sekunden Länge aufzunehmen. Dies geschieht z.B. über das interne Mikrofon des iPad 2, iPhones oder iPod 4G. Es kann auch der Mikrofoneingang im Kopfhörerausgang des iPads verwendet werden, wenn ein kompatibles Electret-Mikrofon verwendet wird. Line-Signale lassen sich dann über eine entsprechende elektrische Schaltung zur Pegelanpassung einspeisen. Die Anleitung dafür finden Sie in den Verweisen (9). Natürlich funktioniert das Aufnehmen auch über CoreAudio per CCK und USB-Audiointerface.

An weiteren Bearbeitungsmöglichkeiten der Samples gibt es jedoch nur das Zurechtschneiden und das Setzen von Loop-Punkten. Da die Loop-Punkte nicht auf die Nulldurchgänge einrasten, wäre eine Zoom-Funktion sehr hilfreich. Die umfassenden Klangformungsmöglichkeiten der Hardware wie „Page 4: HARMONIC ENVELOPES“, „Page 5: WAVEFORM GENERATION“ und „Page 6: WAVEFORM DRAWING“ sucht man leider vergebens. Ebenso wie die „Page C: MCL COMPOSER“ für die Script-Sprache des CMI, was recht schade ist. Aber das iPad [1] sei mit den derzeitigen Möglichkeiten des Apps schon jetzt recht gut ausgelastet, so sagten uns Fairlight Instruments. Als Eye-Candy gibt es lediglich das 3D Waveform-Display auf „Page D“, das kann aber nur anzeigen und ist darüber hinaus mit seiner neigungskontrollierten Tilt-Ansicht leider auch recht nutzlos. Eine Touch/Swipe-Rotation hätte zumindest noch einen gewissen Komfort, da man nicht mit dem iPad selbst herumfuchteln muss.

Hat man nun sein Instrument zusammengestellt, geht es weiter zum Sequencer auf „Page R“. Hier präsentieren sich die Spuren 1 – 8 des Pattern-Sequencers. Das Arrangement der Noten im Sequencer kann über verschiedene Wege erfolgen. Bei der Step-Programmierung wird zuerst eine Spur zur Bearbeitung ausgewählt. Danach wird für jede zu setzende Note die Notenlänge durch Auswählen des Taktmaßes über die Notenwertleiste am unteren Bildschirmrand festgelegt. Das Raster ändert sich dabei entsprechend. Nun tippt man auf die gewünschte Position der Note und dann auf INSERT. Durch erneutes Tippen auf die Note lassen sich Tonhöhe, Lautstärke und Notenlänge auch nachträglich ändern. Die Notenparameter werden dabei auch in der Spurenübersicht rechts angezeigt. Das hört sich sehr umständlich an, geht aber dank der verzögerungsfreien Umsetzung erstaunlich flüssig von der Hand.

Aber es geht auch anders. Über den Record-Modus können die Noten über die Touchscreen-Klaviatur eingespielt werden, und wem auch das zu umständlich ist, der kann per CoreMIDI (WiFi/CCK/iTouch-Interface), Line6 Mobilizer oder Akai Synthstation auch ein echtes Keyboard verwenden. Dabei spricht jede Spur auf einen eigenen, wählbaren MIDI-Kanal an. Die MIDI-Velocity-Werte werden automatisch auf die acht Stufen des Fairlight umgerechnet. Die Verwaltung der Song-Parameter ist ebenfalls auf der Seite des Sequencers versteckt. Sie wird durch Berührung des Songnamens angezeigt. Hier lässt sich das zugeordnete Instrument austauschen sowie die Pattern-Abfolge innerhalb des Songs verwalten. Der Sequencer auf der „Page R“ kann das aktuelle Pattern auch loopen oder den kompletten Song abspielen.

Wenn man sich an die archaischen Eigenheiten des Bedienerinterfaces aus dem Jahre 1985 gewöhnt hat, macht es wirklich Spaß damit zu arbeiten. Denn das App ist soviel mehr als eine bloße Reproduktionen der Werksbibliothek. Es ist eine echte Fairlight Workstation. Von der Rechenpower und von den Features her ist das App der ursprünglichen CMI ebenbürtig, so meinte Peter Vogel, der Erfinder des Fairlights. Auch die charakterlich eigenständige Sample-Engine mit Fairlight Aliasing-Magic weiß zu gefallen. Die Sampling-Raten liegen dabei fast auf Augenhöhe mit der CMI III Serie, die im Stereomodus mit 50kHz in 16Bit digitalisierte, wobei die Qualität der Wandlerchips in letzten 30 Jahren auch einiges zugelegt hat.

Als Mängel sind die rudimentären Möglichkeiten der Sample-Bearbeitung zu nennen sowie die langen Ladezeiten beim Wechseln zwischen den einzelnen Pages. Innerhalb einer Page geht dann aber alles fix. Auch das integrierte Handbuch könnte wesentlich verständlicher und akkurater geschrieben sein. Abhilfe schaffen die Tutorial-Videos auf der Fairlight Homepage. Zu erwähnen sind noch diverse „Good Old Days“ Gimmicks, wie das Einstellen der Volt-Zahl und der Simulation von Arbeitsgeräuschen und Lesefehlern des Diskettenlaufwerks. Diese wissen auf Anhieb zu nerven und können glücklicherweise abgeschaltet werden. Alles in allem ist das App seinen Preis wert. Nicht, weil es immer schon Luxus war, ein Fairlighten zu besitzen, sondern weil es sehr viel richtig macht, was das Fairlight-Feeling angeht und nur sehr wenig falsch, was die Umsetzung angeht.

Fazit

Für Freunde des Originals eine richtige Perle. Im APP-Universum zwar ein Megapreis, für Vintage-Kenner aber fast geschenkt. Die Redaktionsempfehlung – ABSOLUTER KAUFTIPP!!!!!

Plus

  • gute Umsetzung des Original Fairlight CMI
  • Original Library mit an Board, alleine das ist den kaufpreis schon wert

Preis

  • 39,90 im iTunes Store
Forum
  1. Profilbild
    der jim  RED

    Wird eigentlich auch die original Floopy-Ladezeit und das Geräusch des Laufwerks emuliert? ;-)
    Schade dass der Lightpen nur Dekoration ist und die ganze Waveform/Harmonics-Geschichte außen vor bleibt.

    • Profilbild
      Tyrell  RED 12

      Die Ladezeiten sind super kurz, aber es gibt ein kurzes Floppy-Ladegeräusch :-). Auch wird am Anfang eine 5 1/4 Floppy-Disc gezeigt und wenn man beim ersten Start nicht die für Australien richtige Voltzahl einstellt, fängt das Gerät Feuer und raucht ab – kein Witz! Übrigens tut es auch schon die 8 Euro Variante. Damit erwirbt man bereits die ganze IIer Library und die wichtigsten Funktionen.

  2. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Für mich die beste App bisher. Ich hatte lange Jahre einen CMI IIx und finde nun nahezu alles wieder. Und dabei die gesamte Library. Nun fehlen nur noch das PPG-System, das Synclavier und der Synergy fürs iPad…

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