Test: Focal Shape Twin, Nahfeldmonitor

10. September 2018

Ist das die Allzwecklösung?

focal shape twin

Das Unternehmen Focal stellte 2017 seine neue Monitorserie Shape auf der Frankfurter Musikmesse vor, bis 2018 dauerte es allerdings, bis die Marke mit dem Focal Shape Twin auf der diesjährigen NAMM das Flaggschiff seiner Reihe liefern konnte. Das seit 1980 bestehende Unternehmen liefert mit seiner neuen, wuchtig daherkommenden zweieinhalb Wege Monitorbox ein vielversprechend anmutendes Werkzeug für professionelle und semiprofessionelle Anwendung im Studio. Gefertigt und entwickelt werden diese, nebst deren Produkten im Automotive- und Hi-Fi-Bereich, komplett eigenständig im nordfranzösischen Saint-Étienne. Mit dieser Boxenreihe schreibt sich Focal auf die Fahnen, einen professionellen, wohldimensionierten Lautsprecher entwickelt zu haben, der jedoch auch in kleinen und schwierigeren Abhörsituationen gut funktionieren soll. Ob dieser Plan aufgeht, ergründet sich im folgenden Test.

Äußerliches am Focal Shape Twin

Schaut man sich die Box von vorne an, so fällt einem sofort die abgerundete Oberseite des Gehäuses auf. Hier hat Focal den Radius, basierend auf einem möglichst linearen Abstrahlverhalten für die hohen Frequenzen errechnet. Die Box ist aus MDF gefertigt, die Vorderseite kommt in dunklem Walnussfurnier daher. Trotz der Größe der Box preist Focal sie im Nahfeldsektor an, mit einem Abstand von 1-1,5 Meter soll sie optimal nutzbar sein. Der Lautsprecher steht auf vier per Verschraubung justierbaren Gummifüßen, die ebenfalls zur Entgratung dessen beitragen sollen. Im Lieferumfang enthalten sind Kaltgerätekabel und Kurzanleitung sowie Schutzgitter zum Abdecken der vorderseitigen Membranöffnungen. Für ein optimales Abstrahlverhalten der Box wird allerdings empfohlen, auf das Einsetzen dieser zu verzichten. Wäre auch zu schade, das absolut eigenständig und natürlich anmutende Finish der zwei 5 Zoll Membranen damit zu überschatten. Neben diesen findet sich mittig platziert der Tweeter sowie unterhalb am Gehäuse eine Signal-LED. Sämtliche Einstellungsmöglichkeiten befinden sich auf der Rückseite der Box. Pro Gehäuseseite ist jeweils eine 8 Zoll Passivmembran verbaut, hierzu im Folgenden mehr.

focal shape twin

Focal Shape Twin: Ein professioneller Lautsprecher für „unprofessionelle“ oder kleine Räume

Bei dem Focal Shape Twin handelt es sich um einen geschlossenen Lautsprecher mit links- und rechtsseitig verbauten 8 Zoll Passiv-Reflex-Membranen (ohne Treiber), um die fehlende Bassreflex Öffnung zu kompensieren. Aufgrund dieses seitlichen Abstrahlverhaltens sollen sie, trotz der Größe der Lautsprecher, problemlos in direkter Wandnähe aufstellbar sein. Hinzu kommen zahlreiche Einstellmöglichkeiten an der Rückseite, mit denen sich Bass., Mitten. und Höhenwiedergabe an den Raum anpassen lassen. Jede Membran hat seinen eigenen, diskreten Verstärker, die zwei Flachsmembranen werden mit jeweils 80 Watt gespeist, für den Tweeter werden auch noch einmal satte 50 Watt fällig. Dieses Konstrukt führt dazu, dass extrem hohe Ausgangslautstärken gewährleistet werden können. Bei 1 m Abstand wird ein maximaler Schalldruck von 110,5 dB SPL angepriesen, was für eine Box dieser Kategorie mehr als beachtlich ist.

Die Flachs-Membran des Focal Shape Twin

Focal verbaut hier seine patentierte Flachs-Sandwich-Membran: Flachsfasern zwischen zwei dünnen Glasfaserschichten ermöglichen laut Hersteller Leichtigkeit, Integrität und natürliches Ansprechverhalten für eine präzise Bass- und Mittenwiedergabe. Durch die für dieses Flaggschiffmodell der Boxenreihe standartig verbauten zwei Sandwich-Membranen pro Monitor ergibt sich eine weitere Frequenztrennung, bei der in diesem Falle sehr untypisch vorgegangen wurde:

Nehmen sich andere Hersteller bei dieser Boxenart häufig zum Vorteil, über die dazugewonnene Membran den Bassbereich als einzelnen herauszustellen, so haben bei dieser Box beide Woofer-Membranen einen Frequenzgang, der bei 40 Hz beginnt. Lediglich bildet die untere Membran nur bis etwa 180 Hz ab, die obere überträgt von 40 Hz bis 2,5 kHz, von da an übernimmt bis 35 kHz der Tweeter den Rest des Frequenzspektrums. Dieser ist aus Aluminium und Magnesium gefertigt und hat laut Hersteller eine extrem geringe Richtwirkung, sodass ein möglichst weiter und angenehmer Sweetspot gewährleistet werden kann.

Rückseite, Einstellmöglichkeiten und Details des Focal Shape Twin

Rückseitig befinden sich neben den Montagepunkten für die Wand-, Decken- oder Stativaufhängung die Eingänge, An/Aus-Schalter, Kaltgeräte-Stromanschluss sowie einige Einstellmöglichkeiten für das Ansprechverhalten der Box. An Anschlussmöglichkeiten befinden sich hier zunächst ein symmetrischer XLR-Eingang sowie ein unsymmetrischer RCA-Eingang.

Der rückseitig und je nach Situierung schwer erreichbar angebrachter An/Aus-Schalter wird durch eine integrierte automatische Abschaltung der Box kompensiert, die diese, sobald länger als 30 Minuten kein Signal mehr durch die Box geflossen ist, in den Standby-Modus schaltet. Der Übergang in den Standby-Modus wird dadurch angezeigt, dass sich die auf der Vorderseite angebrachte Signal-LED von grün zu rot färbt.

Möchte man den Lautsprecher wieder in Betrieb nehmen, genügt für dessen Reaktivierung das Hineinschicken von Audiosignalen, ab einem gewissen Signalpegel erwacht die Box nach kurzer Hochfahr-Phase samt Verstärker-Ploppen wieder zum Leben. Das System ist zwar gut im Ansatz, in dessen Ausführung könnte man sich hier allerdings eine Scheibe von Genelec & Co abschneiden, muss man doch manchmal gefühlt Vollgas am Monitor-Controller geben, damit eben dies eintritt. Häufig reagieren die Boxen auch unterschiedlich schnell und eine der Boxen schaltet sich zuerst ein, was bei mir als erfahrenem Hörsturzpatienten schon einmal zum ein oder anderen Schockmoment führen kann. Würde man hier den Threshold des Ansprechverhaltens etwas heruntersenken, wäre das Problem sofort gelöst.

Die rückseitigen Einstellmöglichkeiten der Focal Shape Twin

Die Einstellmöglichkeiten des Monitors gestalten sich als recht weitreichend, aber nicht allumfassend. So verfügt dieser über ein variabel zwischen 45 und 90 Hz einstellbares Highpass-Filter mit gerasterten Drehreglern, die restlichen drei Einstellparameter sind nicht gerastert. Der Bass-Frequenzbereich von 0-250 Hz lässt sich um 6 dB anheben oder absenken, ein Mittenboost oder -Cut bei 160 Hz (Q=1) lässt sich um +/-3 dB realisieren.

Zu guter Letzt lässt sich ebenfalls der Tweeter um denselben Pegel von 3 dB lauter oder leiser machen. Die fehlende Rasterung sowie die generell nicht wirklich überzeugende Verarbeitung der dafür vorgesehenen Potis führt zu großer Verunsicherung, was Referenz- und Feineinstellungen am Stereopaar angeht, hier muss der Hersteller nachbessern oder Alternativen finden, um in diesem Umfeld bestehen zu können. Adam Audio löst dieses Problem beispielsweise auf eine (wahrscheinlich sogar deutlich kostengünstigere) Art und Weise, mit gerasterten Knöpfen, die sich lediglich per Schraubendreher justieren lassen und im Gehäuse verbaut sind. Die rückseitigen Potis der Focal Shape Twin sind etwas groß und haben einen etwas seltsam anmutenden Abstand zum Gehäuse. Sei’s drum. Wie klingen die Teile eigentlich?

Forum
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    RaHen  

    Hallo Vincent, danke für den Test. Ich habe schon einige Focal Monitore gehört. So einen wirklichen Familienklang haben die leider nicht. Die Focal Twin 6 Be hat mir bis dato am besten gefallen. Was ich immer wieder falsch in Publikationen lese… die ADAMS haben kein Bändchen, sondern einen AMT des genialen Wissenschaftlers und Erfinders Dr. Oskar Heil. Der AMT arbeiten völlig anders als ein Bändchen oder auch Magnetostat. Bei ADAM und auch bei den Focal Studiomonitoren habe ich aber meist den Eindruck, als seien das modifizierte HiFi Boxen. Besonders das Mittenband wird oft nicht ausreichend repräsentiert. Ob wohl ich keine Yamaha NS-10M besitze, weiß und höre ich das die das sehr gut können. Viele Grüße, Ralf

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      Vincent  RED

      Hey Ralf,

      ich danke dir vielmals für dein Feedback!! Was die „Bändchen“ angeht hast du völlig recht, der x-art ist sozusagen ne gefaltete Folie! Irgendwie gewöhnt man sich an den look und stellt nichts mehr in Frage, danke für die Erinnerung beziehungsweise Klarstellung. :)

      Ich habe bis dato recht viel von Focal gehört, sei es im niedrig- oder hochpreisigerem Segment, jedoch fand ich die meistens recht schwammig und mittenlastig, zu dicke Membranen, zu breite Kalotten. Hier haben sich die Jungs echt gemacht, hab mir mittlerweile auch mal die kleineren Modelle der Shape Serie angehört, das sind echt feine, neutrale Lautsprecher und die seitliche Bassöffnung wirkt in meinem Setup einfach Wunder.

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        Vincent  RED

        Was die Mittenabbildung, gerade bei meinen Adams, angeht, so hast du ebenfalls völlig recht! Das können die Shape Twins besser, schätze hier ist die Weiche das Problem. Oben und unten arbeitet die Adam-Box dafür absolut verlässlich, gerade oben rum hörst du ALLES, tut schon fast weh. Als erste oder einzige Referenz im Studio könnte ich die Lautsprecher allerdings nicht verwenden. Aber super für Mastering. Die Shape Twins glänzen richtig was die Mittenabbildung angeht und ebenfalls die Stereobühne hat mich völlig aus den Socken gehauen, hut ab!

        Wenn du was zur Mittenbeurteilung suchst würd ich dir Mixcubes o.ä. empfehlen, da ist für mein Ohr immer die möglichst konzentrierte Schall-Ausgangsquelle im Mittelpunkt, und das geht mit so einem Ein- bis Eineinhalb Wege System natürlich schon objektiv am besten! :) NS10 ist ne super Box, wer behauptet das sei lediglich ein Mythos versteht sie einfach nicht, aber ich persönlich würde für deren Zweck (die sind super für Vocal ranging und Levels im allgemeinen) eher zu Mixcubes greifen, und zwar zu denen von Auratone! ;)

        Liebe Grüße,
        Vince

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    swellkoerper  AHU

    Sehr schöner Test, vielen Dank dafür. Wie hast Du denn Deine A77x modifiziert? ADAM empfielt ja bei stehender Box den Hochtöner 90 Grad versetzt einzubauen um das Abstrahlverhalten beizubehalten, was bei Dir offenbar nicht gemacht wurde.

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      Vincent  RED

      Hey,

      ich freue mich sehr darüber dass dir der Test zugesagt hat! Ich bin relativ neu dabei bei Amazona und bin dankbar um jedes Feedback! Doch, ich habe die Tweeter versetzt, sieht man auch auf dem Bild! ;) Außerdem habe das Gehäuse und die Bassreflexöffnungen teilweise mit Watte, teils mit Schaumstoff und Steinwolle ausgekleidet um den Reflex vom Bass etwas zu tamen, den kriegt man wirklich anders nicht gezähmt in meinem Miniraum. Aber so funktionieren sie doch recht gut, kann sie irgendwie nicht verkaufen, da besteht mittlerweile auch ein gewisser emotionaler Wert und man kennt sie halt einfach. :)

      Liebe Grüße,
      Vince

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        swellkoerper  AHU

        Auf dem Bild sehen wir beide wohl etwas anderes, der Waveguide der Hochtöner sollte eigentlich immer horizontal ausgerichtet sein, aber wenn es in deinem Raum funktioniert, ist`s ja gut. Und danke für den Tip mit dem Auskleiden, werde ich bei meinen bei Gelegenheit auch ausprobieren. Der Hochtöner klingt für mich nach Jahren immer noch etwas befremdlich; zwar insgesamt hervorragend, luftig, spacig, aber für Mixentscheidungen fühle ich mich auf einer klassischen Kalotte einfach wohler. Für kritische Kontrollen wie im Mittenbereich, Monokompatibiltät oder Reverb-Feintuning nehme ich gern einen edlen Center-Speaker hinzu, wie bei dir die Mixcubes.

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          Vincent  RED

          Hey Swellkörper,

          es folgt die Aufklärung des Tweeter Rätsels: Der Waveguide sitzt, genau wie er laut euch soll (aber eigentlich nicht muss) vertikal. Der Grund, weshalb das nicht so aussieht, ist, dass das Gehäuse, in dem der Tweeter verbaut ist, nach wie vor in seiner Baurichtung sitzt! Dieses lässt sich nicht um 90 Grad drehen, lediglich dessen Innerein. :)

          Exakt das ist meine Meinung. Die Box eignet sich wahnsinnig gut zum Staffeln und Finetunen im Höhenbereich, für die Beurteilung des Gesamtbildes reicht diese Box alleine nicht.

          LG Vince

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        Crossbow  

        Hallo Vincent,

        auch ich denke, du hast den Hochtöner in falscher Ausrichtung. 90 Grad nach links oder rechts und es stimmt.

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          Vincent  RED

          Zur allgemeinen Aufklärung, weshalb man zu dieser Auffassung gekommen sein könnte: Der Waveguide sitzt, genau wie er laut euch soll (aber eigentlich nicht muss) vertikal. Der Grund, weshalb das nicht so aussieht, ist, dass das Gehäuse, in dem der Tweeter verbaut ist, nach wie vor in seiner Baurichtung sitzt! Dieses lässt sich nicht um 90 Grad drehen, lediglich dessen Innerein. :)

          LG Vince

  3. Profilbild
    Triple-U

    Hallo,
    bin beim Durchlesen über den Satz „Vibrationen und Faltungshall werden auf natürliche und durchdachte Art und Weise minimiert, […]“ im Fazit gestolpert.
    Ein Faltungshall ist für mich immer mit Berechnung eines Halleffekts durch Faltung des Signals mit einer Raumimpulsantwort verbunden. Oder wendet man diesen Begriff noch in anderem Zusammenhang an?
    Und nur weil ich’s nicht genau verstehe: welche Vibrationen werden den minimiert?
    Viele Grüße und Danke für den Test!

      • Profilbild
        Vincent  RED

        Hey ihr beiden,

        ich wollte auf genau diesen Effekt bzw. auf die Minimierung dessen im Bassbereich hindeuten. Da die Bassmembranen passiv sind und komplett seitlich abstrahlen hast du sozusagen im tiefen Bereich eine natürliche Minimierung der Faltung bzw. der Reflexionen respektive des Nachhalls im Bassbereich, was automatisch auch zu weniger Luftbewegung im Raum und vor allem der Abhörposition führt.

        Passt das so für euch?

        Vince

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