Test: Godin Session HT Matte Black, E-Gitarre

11. Oktober 2020

Stratocaster-Kunst aus Kanada

Die Godin Radiator ist eine ungestüme Paula, deren Humbucker mit deutlichem PAF-Charakter auskommen und die für einen guten, moderaten Preis angesichts der Verarbeitung und dem Klang durchaus punkten konnte. Schönes Teil und in dem Sinne verfahren wir mit der nächsten Godin, die der kanadische Gitarrenbauer für einen moderaten Preis anbietet. Die Godin Session HT Matte Black soll für die Stratocaster Welt tun, was die Radiator für die Paula-Welt tut: guter Klang für einen moderaten Preis. Anstatt nämlich weiter für die 1200,- Euro-und-mehr-Riege zu produzieren, hat die Firma die Zeichen der Zeit erkannt und konzentriert sich nun darauf, erschwingliche Gitarren zu erschwinglichen Preisen zu produzieren. Uns freut’s, denn dass der Stratocaster-Markt frischen Wind gebrauchen könnte, liegt auf der Hand.

Die Godin Session HT E-Gitarre – HSS Modell

HT – das steht für Hardtail. Kein Tremolo, etwas, das man bei Stratocaster in dieser Preisklasse begrüßt, fallen sie doch in den seltensten Fällen wirklich stimmstabil aus. Die Gitarre ist made in the USA – und trotzdem so erschwinglich. Da kommt durchaus der erste, bösartige Verdacht auf, nämlich dass beim Holz gespart wurde. Tatsächlich ist Silberahorn im Korpus eine Seltenheit. Ahorn Maple wird zwar von Fender nach wie vor gut und gerne benutzt, aber Silberahorn für den Korpus kennt man tatsächlich fast ausschließlich nur von Godin. Zuletzt zeigte sich die Firma im Stratocaster-Game vor allem mit der Session Limited, die – und das ist der wichtigste Unterschied zur HT – eben mit Tremolo-Bridge auskommt. Das matte Black-Finish des vorliegenden Modells trifft meinen persönlichen Geschmack, die Bilder im Netz, die man von der Trans Cream- und Bourbon Burst-Variante findet, sind jedoch ebenfalls ansprechend.

Der Hals der Godin Session HT besteht aus Ahorn und ist mit einem Griffbrett aus Indian Laurel versehen, ein Holz, das im Rahmen der CITES-Vereinbarung nicht gelistet werden muss und seitdem verstärkt auf vielen Gitarren, unter anderem auch denen von Fender, anzutreffen ist. Für den Preis darf man auch keinen allzu hochwertigen Sattel erwarten, doch die Polymer-Sattel von Graphtech sind inzwischen eine feste Bank und sind eine gute, ethisch vertretbare Variante zu natürlichem Elfenbein.

Jetzt hält man das gute Stück in der Hand – und ist positiv angetan. Der Solidbody singt und resoniert, kein Scharren, keine störenden Nebengeräusche – alles in allem ein raumfüllender, lebendiger Klang. Das Griffbrett liegt bei 12 Zoll und ist mit einem einheitlichen Compound-Radius versehen, nicht wie beispielsweise modernere Fender Strats, die schon mal 4 Zoll Unterschied zwischen Sattel und Halsende haben. Die Mensur ist trotzdem Standard: 648 mm. Trotzdem, gut bespielbar ist die Gitarre vor allem aufgrund ihres Ahorn-Halses. Die Hand gleitet mühelos dahin, der abgeflachte D-Shape macht auch müden Fingern keine Probleme.

Günstige Stratocaster von Godin – die Session HT

Stimmstabilität – bei Stratocastern ein dominierendes, wichtiges Thema, mehr noch als bei Paulas. Wer viele Bendings wagt und seine Saiten regelmäßig stark strapaziert, muss sich darauf verlassen können, dass obenrum und unten alles stimmt. Und wie gesagt – HT, das steht für Hardtail und der fehlenden Möglichkeit, mit einem Tremolo die Bridge entlang der Befestigungsbolzen aus den Angeln zu heben. Begrüßenswert, wie ich finde. Godin scheinen sich bewusst zu sein, dass ein schlechtes Tremolo die Qualität der Gitarre mindert und ohne den Preis ordentlich hochzutreiben, wurde hier dann darauf verzichtet. Der Hardtail-Steg der Godin Session HT Matte Black Stratocaster ist fest im Holz verankert. Nach zweistündigem Spielen machen sich nur kleine tonale Verschiebungen bemerkbar – wie immer muckt die G-Saite ein bisschen rum, aber diese Godin Stratocaster hat tatsächlich ein gutes Fundament mit dem Hardtail-Steg. Da gab’s und gibt’s für diese Preislasse ganz andere Geschichten. Gleiches gilt für die Klemm-Mechaniken – die sind als Custom-Marke selbst verbaut und machen einen soliden Eindruck.

Kommen wir zu der Krux des Ganzen: dem Sound, den die Godin Session HT Matte Black produziert. HSS-Modelle belegen nach wie vor eine Nische, aber das müssen sie gar nicht. Wenn man das so aufzieht, wie Godin es hier tun, lohnt es sich durchaus, die Humbucker-Funktionen der Gitarre einfach als Bonus zu sehen. Wie wir jedoch sehen werden im Praxis-Teil, ist der Humbucker in diesem Falle durchaus mehr als ein „Bonus“. Er brüllt und keift und überzeugt – und zwar nicht nur, wenn er für sich alleine steht.

Also – zwei Singlecoils, ein Humbucker – alle aus dem Hause Godin? Durchaus. Der GS-1 Singlecoil kann nicht ganz an die Qualität eines DiMarzio mithalten und ist in der Mittenposition ein bisschen nasal, aber trotzdem snappy und dynamisch genug – wenn, dann wird hier auf recht hohem Niveau gejammert. Wer jetzt sich an den Kopf greift und denkt: „Okay, bis auf das Fehlen der Tremolo-Bridge haben wir es mit einer LTD light zu tun, oder?“ Nicht ganz. Denn auch beim Humbucker unterscheidet sich die Session Matte Black von der LTD. Letztere war mit einem Seymour Duncan SH-11 Custom mit Alnico-II-Magneten ausgestattet. Bei der Stratocaster Matte Black von Godin hat man es wiederum mit einem Custom-Humbucker zu tun. Ich bin mir sogar recht sicher, dass es der Gleiche ist, der bei der Radiator doppelt verbaut ist. Der Sound des Humbuckers ist würzig-dreckig und besitzt auch diesen treibenden, ungestümen PAF-Charakter. Mithilfe des Fünfweg-Schalters lässt sich in Sachen Sound einiges an Vielfalt rausholen und sowohl der Volume- als auch der Tone-Regler sind mit Push- und Pull-Funktionen ausgestattet, die noch mal ein zusätzliches Splitting des Humbuckers ermöglichen. Wir haben uns durch die fünf Positionen des Kippschalters durchgespielt und sind dabei zu einem recht eindeutigen Ergebnis gekommen:

Humbucker und Singlecoil Kombination – der Sound

Was kann, das muss, werden sich Godin hier gedacht haben. Die Formel Custom Humbucker + Humbucker Singlecoil geht auf. Zur Demonstration ziehen wir ein Kemper Rack zurate und benutzen zunächst ein Marshall 1968 JMP Profil. Wir starten mit dem Humbucker in der äußersten Position des Kippschalters. Mit geschlossenen Augen lässt sich hier definitiv eine etwas dünnbäuchige, aber differenzierte Paula raushören, wenn man möchte – aber in Sachen Custom Humbucker braucht man sich hier nicht zu verstecken, wie ich finde. Der Sound der Humbucker ist crisp, klar – und tatsächlich muss fühle ich mich ein bisschen an die PAF-Humbucker meiner Gibson Studio erinnert. Wo der Sound dieser Gitarre besonders glänzt: Steg-Position 2, wenn dem PAF-Sound die Reaktivität und der „snappy“ Touch des Singlecoils beigemischt wird. Da merkt man mal wieder, weshalb die HSS-Modelle nicht aussterben. In Sachen Klarheit und Sustain ergänzen sich beide Pickup-Prinzipien vorzüglich, wenn das Gain im Spiel ist: Anhaltendes, gleichmäßiges Sustain und die Akzentuierung der Anschläge, wie man sie an der Singlecoil-Front schätzt – sehr fein!

Kommen wir zur zentralen Schwachstelle – denn meines Erachtens werden die GS-1 dem, was man vom Godin Namen bisweilen erwartet, nicht ganz so gerecht. Ob es am Silberahorn des Korpus liegt, kann ich nicht sagen, aber im Clean-Kanal ist die alleinige Ansteuerung des mittleren Singlecoils eine etwas dünne und lasche Angelegenheit. Für Gain und Crunch geeignet, ist die mittlere Position bei klaren Gefilden so etwas wie die Achillesferse der Godin Session HT Matte Black.

Reißt sie das in der Neck-Position heraus? In Position 3 bis 5 gewinnt der Sound dieser fünfstufigen Strat naturgemäß an Tiefe, aber das ist nicht alles. Der leichte Treble-Cut der obersten Position offenbart einen Sound, der auf den ersten Blick im Vergleich zur mittleren Position klarer anmutet, aber nichtsdestotrotz ein klein bisschen „schmutzig“ ist. Der Twang ist da, die Kompression der Coils ist nicht übertrieben und im Mittelfeld anzusiedeln, aber tatsächlich hat die GS-1 in der Position eher einen leicht muffigen Telecharakter – nichts schlechtes per se.

Übrigens: Den Kritikpunkt, den man in Rezension bei Thomann findet – namentlich, dass das Schlagbrett schlecht isoliert ist und für statische Nebengeräusche sorgte, konnte ich auch beim Spielen über Laney Combo nicht bestätigen.

Fazit

Wie auch bei der Radiator zuvor ist Godins Ankommen in mittlere Preisgefilde gelungen – diesmal für die Stratocaster. Ein vergleichsweise preiswertes HSS-Modell mit einem ausgezeichneten Humbucker, dessen Coils durchaus ein bisschen mehr Schärfe vertragen könnten. Tadellose Verarbeitung? Durchaus, aber da eben hier auch mit einem Hardtail-Steg gearbeitet wird, kann bei so einem erfahrenen Gitarrenbauer wie Godin auch nicht allzu viel schiefgehen, wenn es daran geht, eine handfeste Stratocaster ohne Schnörkel an den Mann zu bringen. Die Godin Session HT hat also viele Gesichter, von denen keines völlig überwältigend ist, dafür aber fast jedes grundsolide ist.

Plus

  • gute Verarbeitung
  • Klang des Humbuckers
  • Klang des Humbuckers plus SC

Minus

  • mittlere Singlecoil-Position lasch

Preis

  • 699,- Euro
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