Test: Haken Audio, Continuum Fingerboard, Modularer Synthesizer

23. Januar 2013

DIe Revolution der Midi-Controller?

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Vor fast 30 Jahren entwarf und realisierte Lippold Haken, Professor an der Universität in Illinois, erste Entwürfe und Experimente, die zu dem heutigen Continuum Fingerboard führten. Innerhalb eines studentischen Projektes zur Entwicklung von Software-Synthesizern fiel damals das Fehlen von nicht-diskreten Tastaturen auf, also Keyboards, die keine festgelegte Tonhöhe, sondern eine kontinuierliche Tonhöhe (aus diesem Grund kam es zu dem Namen Continuum) reproduzieren können. Der gelernte Bratschen-Spieler Lippold Haken vermisste überhaupt bei Keyboards die expressiven Möglichkeiten von Streichinstrumenten, angefangen von einem Vibrato bis hin zu einem Glissando, die nur durch das Spielen der Finger realisiert werden können. Die Idee des Continuum Fingerboards war geboren. Es wird seit ca. 2004 als MIDI Performance Controller vertrieben. Seit Anfang 2012 ist es ein vollwertiges Instrument, denn der interne DSP berechnet seitdem nicht mehr nur Preset-Klänge, sondern beinhaltet einen modularen Software-Synthesizer, der speziell auf das Continuum zugeschnitten ist.

Lippold Haken baut in seiner Garage in Illinois mit seinem Schwiegervater das Continuum in Handarbeit zusammen. Andreas Schneider, Mastermind von Schneidersbüro (Vertrieb) und Schneidersladen (Geschäft), hat es wieder einmal möglich gemacht, dass dieses außergewöhnliche Instrument in Deutschland bzw. Europa käuflich zu erwerben ist. Meine Anfrage nach einem Test des Continuum für Amazona hatte ihn gleich begeistert und ich hatte in der Vorweihnachtszeit die Möglichkeit, es 2 Wochen lang auszuprobieren.

Äußerlichkeiten und Anschlüsse

Das Continuum gibt es in zwei Ausführungen: eine Fullsize-Version mit ca. 7 1/2 Oktaven (9350 Cents) und eine Halfsize-Version mit fast 4 Oktaven (4610 Cents). Beide Versionen sind abgesehen von Größe und Tonumfang identisch. Die gesamte Hardware ist sehr gut verarbeitet, sehr stabil und roadtauglich. Mir stand zum Test die Fullsize-Variante zur Verfügung, die mit ihren 17 kg und ihrem schmalen Äußeren eher schlicht und unauffällig daher kommt, wenn da nicht die rote Spielfläche, um nicht das falsche Wort Tastatur zu sagen, aus Neopren alles dominieren würde. Sie ist adäquat zu einem Klavier in hellrote (für die weißen Tasten) und dunkelrote (für die schwarzen Tasten) Streifen unterteilt. Sie geben beim Spielen des Instruments einen optischen Anhaltspunkt für die ungefähre Tonhöhe. Die dunkelroten Streifen sind auch noch haptisch hervorgehoben, indem sie eine kleine Wölbung besitzen, was eine enorme Hilfe beim Spielen ist und auch Menschen, die blind sind, das Spielen auf dem Continuum ermöglichen. Die Breite der Streifen entspricht ungefähr der Breite der schwarzen Tasten bei einem Klavier.

Eine Oktave der Spielfläche des Continuum - man sieht nur sehr schwach die kleine Wölbung der dunkelroten Streifen.

Eine Oktave der Spielfläche des Continuum – man sieht nur sehr schwach die kleine Wölbung der dunkelroten Streifen.

Auf der linken Seite befinden sich 2 Pedalanschlüsse, ein digitaler Ein- (AES3, 24 Bit, 32 bis 192 kHz) und Ausgang (AES3, 24 Bit, 48 oder 96 kHz), ein MIDI-Input und ein -Output sowie ein Kopfhörerausgang, der gleichzeitig auch als analoger Stereoausgang fungiert. Naja, das ist ziemlich gewöhnungsbedürftig. Irgendwelche klanglichen Probleme konnte ich mit dem analogen Ausgang aber nicht feststellen. Wahrscheinlich ein Relikt aus den Zeiten, als das Continuum nur als MIDI Performance Controller mit einigen Preset-Sounds verkauft wurde.

Der Kopfhörer-Ausgang fungiert gleichzeitig als normaler Audioausgang. Der digitale Eingang hat seinen Nutzen in der internen Klangerzeugung.

Der Kopfhörer-Ausgang fungiert gleichzeitig als normaler Audioausgang. Der digitale Eingang hat seinen Nutzen in der internen Klangerzeugung.

Aus diesen Zeiten muss dann wohl auch das Bedienpanel kommen, das existiert nämlich gleich gar nicht. Alle wichtigen Bedienvorgänge wie die Auswahl der Lautstärke, der Presets, der Polyphonie usw. werden über eine Tastenkombination realisiert, so wie man es von billigen Digitalpianos kennt. Initial-Knopf neben dem Kopfhörerausgang drücken, eine LED springt von blau auf rot, dann Funktion auf der roten Spielfläche durch Drücken auswählen, der Wert wird wiederum über die Spielfläche eingegeben und fertig. Was man wie drückt, ist mittels des Overlay-Strip über der Spielfläche ersichtlich. Das ist alles andere als bedienungsfreundlich, gerade in einer Live-Situation.

Diese Schwachstelle wurde dadurch kompensiert, dass man alle Bedienelemente mit externen MIDI-Controllern bearbeiten kann, z.B. der Lemur auf dem iPad wäre dafür prädestiniert. Für den Kenton Killamix Mini gibt es auch eine feste MIDI-Konfiguration, leider ist dieser aber nicht mehr käuflich zu erwerben. Alle Einstellungen lassen sich, wie ich noch weiter unten beschreiben werde, natürlich auch über den Software-Editor programmieren, aber das ist nicht jedermanns Sache.

Spielweise

Das Continuum Fingerboard verwandelt die Position und den Druck des Fingers auf der Spielfläche in Controller-Daten in Richtung der X-, Y- und Z-Achse. Die X-Achse (von links nach rechts bzw. umgekehrt) verarbeitet die Tonhöhe. Die Spielfläche ist dabei so „empfindlich“ (73 Cent pro cm), dass sich von einem leichten Vibrato bis zu einem Glissando der gesamten Tonhöhe (7 1/2 Oktaven) alles realisieren lässt. Spannend wird es aber aus meiner Sicht bei den Mikrointervallen: Die Halbtonschritte der gewöhnlichen gleichstufigen Stimmung haben einen Abstand von 100 Cent. Der Mensch hört sich ungefähr 15 Cent „von oben und von unten“ (115 Cent bzw. 85 Cent) zum eigentlichen Zielton zurecht, was auf der Spielfläche des Continuum 2 mm bedeutet, alles darüber und darunter nimmt man als Färbung des Tons bzw. als Mikrointervall wahr. Und hier liegt das große musikalische Potential des Continuum Fingerboards: Jede Veränderung des Fingers auf der Spielfläche hat hier eine Auswirkung auf die Tonhöhe. So lassen sich klangliche Färbungen, Hoch- oder Tiefalterierungen der eigentlichen Tonhöhe, gleitende Übergänge zwischen reiner, gleichstufiger, mikrotonaler oder wie auch immer welche Stimmung realisieren. Die musikalische Binsenweisheit, die von vielen Musikern heutzutage ignoriert wird, dass ein „Es“ kein „Dis“ ist, wird hier nicht nur greifbar, sondern praktisch verfügbar gemacht.

Jede Veränderung des Fingers auf der Spielfläche hat eine Auswirkung auf die Tonhöhe.

Jede Veränderung des Fingers auf der Spielfläche hat eine Auswirkung auf die Tonhöhe.

Diese Freiheit hat gravierende Auswirkungen auf den resultierenden Klang und damit die Musik überhaupt, deren man sich bei einer Tastatur mit normierter Stimmung zwangsweise verschließt. Aber dies macht aus dem Continuum ein Instrument, das nicht sofort beherrscht wird, sondern erst durch kontinuierliches (hier liegt bestimmt der eigentliche Grund der Namensnennung) Üben und Spielen, erschlossen werden muss.

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Zeno_X

    Es ist etwas ähnlich dem Continuum jetzt:

    http://mad.....m/hardware

    Es ist kürzer als die halbe Größe Continuum, aber viel billiger und hat noch kontinuierliche x / y / z Kontrolle. Es ist etwas in der Zukunft zu sehen.

    (Sorry – ich bin mit Google Translate.)

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