Test: Roger Linn Design LinnStrument 128, MPE Controller

4. Juli 2018

Kleiner Bruder ganz ganz groß

Im Januar, gleich nach der Winter NAMM-Show, gab die MIDI Manufacturers Association (MMA) bekannt, dass die Erweiterung MIDI Polyphonic Expression (MPE, vormals „Multidimensional Polyphonic Expression“) in den Kanon der standardisierten MIDI-Spezifikationen aufgenommen wurde und somit nun für sämtliche Hard- und Software-Hersteller zur Verfügung steht. Grund genug, sich die kleine Version eines der prominentesten MPE-Controller der letzten Jahre – das LinnStrument 128 – genauer anzuschauen.

Den großen Bruder „LinnStrument“, der auch in etwas 500,- Euro mehr kostet als das „Linnstrument 128“, hat 2015 bereits Klaus-Peter Rausch für uns getestet. Diesen Test findet ihr HIER.

Wer sich zudem zusätzlich informieren möchte über alternative MPE-Controller und MPE selbst, für den haben wir hier zwei interessante Themen-Artikel:

Doch zunächst zur Frage, warum MPE so entscheidend ist: Vor MPE sowie der Veröffentlichung verschiedener gestenbasierter Controller (neben dem LinnStrument vor allem ROLI-Produkte und das Haken Continuum) und entsprechend kompatibler Hard- und Software-Angebote (unter anderem Apples Logic, Moogs Animoog und Modal Electronics’ 002) konnte die Artikulation von Timbres und Tonhöhen auf Synthesizern standardmäßig lediglich global gesteuert werden. Sobald man ein Pitchbend- oder Modulationsrad, ein Pedal oder Aftertouch zur Steuerung einer Modulationsintensität einsetzte, wurden auf polyphonen Instrumenten alle gehaltenen Töne entsprechend variiert. Für Vibratos, Tonhöhenbeugungen oder Filterfrequenzänderungen galt stets die monophone Devise „alles oder nichts“, ungeachtet dessen, wie viele Töne man spielte.

Das Problem ist offensichtlich: Trotz einer zunehmenden Menge komplexer Klangerzeuger gab es vor der Einführung der MPE-Spezifikationen keine Möglichkeit, die klanglichen Potentiale beim polyphonen Spiel voll auszuschöpfen. Da half auch die Tatsache nicht weiter, dass bereits vor diesem Jahr MPE-fähige Controller erhältlich waren. Denn es mangelte schlicht an einem herstellerübergreifenden Richtmaß, das es allen Klangerzeugern und letztlich vor allem Spielern erlaubte, von den neuen polyphonen Ausdrucksmitteln zu profitieren. Mit der Durchsetzung des MPE-Standards wurde dieser Problematik entgegengewirkt und es gilt ab sofort keine Ausrede mehr, MPE-Kompatibilität nicht zu unterstützen.

Doch wie funktioniert MPE? Im Grunde agiert auf einem MPE-Controller jeder Finger wie ein jeweils unabhängiger MIDI-Controller. Damit unterscheidet sich ein MPE-Controller grundsätzlich von dem Schwarz-Weiß-Prinzip eines handelsüblichen Keyboards. Denn ein Keyboard liefert letztlich nur eine Reihe von primitiven An-Aus-Schaltern mit nur monophonen Ausdrucksmöglichkeiten, sieht man einmal von den wenigen – mittlerweile meist historischen – Modellen ab, die zumindest polyphonen Aftertouch bieten. Im Gegensatz dazu übermitteln MPE-Controller die Informationen zur Artikulation jeder einzelnen Note auf separaten MIDI-Kanälen an einen Klangerzeuger. Jeder Kanal sendet individuelle Informationen über den ausgeübten Fingerdruck sowie horizontale (links/rechts) und vertikale (vor und zurück) Bewegungen. Zudem wird durch dieses dreidimensionale Informationsbündel die Ausdrucksstärke eines jeden spielenden Fingers erhöht; ohne zusätzliche Controller bemühen zu müssen, die geläufig außerhalb des Keyboardbereichs liegen, wie zum Beispiel Pitchbend- und Modulationsräder. Hierdurch ergibt sich schließlich auch ein ergonomischer Vorteil von MPE-Controllern, da man sich ausschließlich auf das Fingerspitzengefühl konzentrieren kann und keine Hand mehr vom polyphonen Spiel abziehen muss.

Hardware des LinnStrument 128

Mit dem Fingerspitzengefühl sind wir beim LinnStrument bzw. dem hier besprochenen LinnStrument 128 angekommen. Es kommt in einem robusten und mit Holzseitenteilen verkleideten Gehäuse daher. Rechtsseitig befinden sich ein MIDI-Eingangs- sowie Ausgangsport, eine Klinkenbuchse für ein Doppelpedal und schließlich ein USB-Anschluss, über den gleichzeitig der bidirektionale MIDI-Austausch sowie die Stromversorgung des class-kompatiblen LinnStrument 128 gewährleistet wird. Zum Lieferumfang gehören ferner eine praktische Tragetasche, ein USB-Kabel mit vergoldeten Steckverbindungen, ein von Roger Linn unterzeichnetes Zertifikat sowie vier Gitarrengurtsicherungen, für die sich auf jeder Seite des LinnStrument 128 zwei Schraublöcher befinden, falls man es sich umhängen möchte. Soviel zu den Rahmenbedingungen.

Das eigentliche Bedienfeld für das Spiel und die Navigation durch die verschiedenen Einstellungen gliedert sich in 128 sehr angenehm zu spielende Zellen, die in acht Reihen zu je 16 angeordnet sind. Jede der 128 Zellen ist druck- und anschlagsempfindlich; auch die Intensität, mit der man einen Finger von einer Zelle zurückzieht, wird gemessen. Darüber hinaus sendet jede Zelle Information zur horizontalen und vertikalen Position des Fingers. Standardmäßig ist für den Druck (Z-Achse) die Steuerung der Lautheit oder des Ausdrucks vorgesehen, für die horizontale Bewegung (X-Achse) die Steuerung der Tonhöhe und für die vertikale Bewegung (Y-Achse) die Steuerung des Timbres. Welche kontinuierlichen MIDI-Controller-Nachrichten letztlich über die Dimensionen Y und Z ausgegeben werden sollen, kann jedoch vom Nutzer frei konfiguriert werden.

Die Zellen des LinnStrument 128 sind kontinuierlich miteinander verbunden und gegenüber den Zwischenräumen nur leicht erhöht – andernfalls ließen sich horizontal keine gleitenden Tonhöhenbeugungen spielen. Dies führt unmittelbar zum Design der Interaktionsfläche, das im Unterschied zu MPE-Controllern wie dem ROLI Seaboard Rise oder dem Haken Continuum nicht auf dem Keyboard-Layout basiert – eine Tatsache, die bereits durch die Schreibweise „LinnStrument“ angedeutet wird. So hebt die jeweilige Großschreibung von „Linn“ und „Strument“ nicht nur den Erbauer des Instruments hervor, sondern verweist im zweiten Teil auch auf die Gitarre. Denn im „Strument“ steckt das Verb to strum, das wiederum den Bezug zur Gitarrenspielweise des Strummings herstellt. (Für alle Nicht-Gitarristen: Das ist die nach unten oder oben ausgeführte Anschlagsbewegung, durch die nacheinander die Gitarrensaiten für das rhythmische Akkordspiel in Schwingungen versetzt werden.)

Forum
  1. Profilbild
    Tolayon  

    In der Tat ein sehr vielversprechendes Konzept, das herkömmliche Tastaturen und weitere Alternativ-Controller wie Blaswandler hervorragend ergänzt.

    MPE mag zwar ein Midi-Protokoll sein, aber meiner Meinung nach schreit dieser Controller geradezu danach, auch noch mit einer Reihe frei zuweisbarer CV-Ausgänge ausgestattet zu werden. Vor allem die Modularwelt dürfte es Roger Linn sicher danken.

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