Test: Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS, E-Gitarre

13. September 2020

Harley Benton goes Headless

Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS

Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS

Ich zähle ja nun mittlerweile auch nicht mehr zu den ganz jungen Menschen der Branche und kann mich daher noch gut dran erinnern, als Ned Steinberger Anfang der 80er-Jahre die erste Gitarre ohne Kopfplatte der Weltöffentlichkeit präsentierte. Das Gelächter und Gespött war zunächst groß: Als „Frikadelle mit Stiel“ oder auch schlicht und ergreifend als „Paddel“ wurde dieses neuartige Instrument bezeichnet, das auf Basis einer Fiberglaskonstruktion einen ganz neuen Weg bei der Entwicklung von elektrischen Gitarren einschlug. Nachdem sich die ersten Wellen gelegt hatten, sah man von da an immer mehr Musiker mit solch einer Gitarre auftreten, darunter illustre Namen aus allen möglichen Stilen, wie beispielsweise den Kopf der Dire Straits Mark Knopfler, Eddie van Halen, Alan Holdsworth, David Gilmour oder auch die Blues-Legende Johnny Winter.

Eine wahre Renaissance erlebt diese Headless-Design mittlerweile im Metal-Bereich, da will natürlich auch Harley Benton ein Wörtchen mitreden und präsentiert mit der Dullahan-FT 24 BKS eine Headless-Gitarre, die im Sortiment des Herstellers preislich am oberen Ende der Fahnenstange rangiert und weiterhin die Vorteile dieser Bauart durch ein kompaktes Format und ein leichtes Gewicht darstellt. Wir haben uns die „Frikadelle mit Stiel“, Pardon, das „Paddel“ mal genauer betrachtet.

Dullahan-FT 24 BKS Front

Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS – Facts & Features

Zugegeben, mit dem Paddel von einst hat die Dullahan-FT 24 BKS nicht mehr viel gemein, wenn man mal von der fehlenden Kopfplatte absieht. Das Instrument besitzt einen vollwertigen Korpus im klassischen Super-Strat-Design, ergonomisch geformt und nicht etwa aus Fiberglas, sondern aus Erle gefertigt und mit Shapings an den Seiten und im unteren Teil versehen. Wie viele Teile dieses Holzes für die Verarbeitung benutzt wurden, lässt sich unmöglich definieren, denn die mattschwarze Lackschicht wurde sehr dick und gleichmäßig aufgetragen und deckt eventuelle Verleimungen und Schnittkanten daher sehr sauber ab. Neben dieser mattschwarzen Lackierung ist die Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS darüber hinaus noch in einem hochglänzenden Blauton („Ice Blue Gloss“) zu bekommen. Dann aber mit einem gerösteten Ahornhals und zu einem geringfügig höheren Preis.

Über die Haltbarkeit bzw. das Erscheinungsbild von matten Lackierungen habe ich mich ja regelmäßig in meinen Testartikeln ausgelassen und auch hier gilt wieder: im Neuzustand durchaus schön anzusehen. Das Bild dürfte sich allerdings wandeln, wenn erste einmal der aufgelegte Unterarm und die rechte Hand beim Bedienen der Potis und des Schalters unschöne blankpolierte Stellen auf der Decke hinterlassen. Kräftig geformt zeigt sich auch die Rückseite des Korpus, hier ist die berühmte „Bierbauchfräsung“ fast schon zu einer „Bierwampenfräsung“ mutiert und nimmt gut drei Viertel der Oberfläche ein. Hinzu kommt ein sehr schlanker, ergonomisch geformter Hals-Korpus-Übergang, welcher der Greifhand zusammen mit dem weit ausgesägten Cutaway einen spielend leichten Zugang zu den oberen Lagen des Halses ermöglicht.

Dullahan-FT 24 BKS back

Rückseite des Korpus

Eingeschraubter One-Piece-Mapleneck

Der Hals der Dullahan-FT 24 BKS besteht aus einem Stück Ahorn und verschwindet sauber in der Halstasche des Korpus. Auch wenn die Gitarre wie eingeschrumpft wirkt, erwartet uns immerhin eine Mensur von 648 mm, was man auf den ersten Blick wirklich nicht so recht glauben möchte. Auf dem separat aufgeleimten Ahorngriffbrett finden 24 Jumbo-Bünde ihren Platz. Sie wurden sauber eingesetzt und an den Kanten unspürbar abgerichtet, allerdings scheint man es mit der Politur ihrer Oberflächen nicht ernst genug gemeint zu haben. Es schabt ungemein bei Bendings und Slides, aber dieses Problem dürfte sich nach einer Weile der Benutzung von selbst erledigen. Benutzen, lautet hier also das Motto und während der Testdauer, in der ich das Instrument fast täglich gespielt habe, wurde es von mal zu mal besser. Trotzdem – das hat Harley Benton selbst bei ihren halb so teuren Gitarren schon deutlich besser hinbekommen.

Das „Modern C“-Halsprofil stellt einen gelungenen Kompromiss zwischen High-Tech und Vintage dar. Es ist nicht zu flach geraten, sondern besitzt schon noch etwas „Fleisch“ und dank der nur satinierten Rückseite des Halses ergibt sich ein ideales, natürliches Spielgefühl für die rechte Hand. Da ja auf eine Kopfplatte verzichtet wurde, findet man die Einstellschraube für den Hals an dessen Fuß. Aber gut, selbst bei Gitarren mit Kopfplatte wird ja mittlerweile immer öfter auf dieses praktische Design zurückgegriffen, bei dem sich der Hals binnen Sekunden einstellen lässt. Dort, wo normalerweise die Kopfplatte zu finden ist, zeigt sich direkt hinter dem Sattel von Graph Tech ein Klemmmechanismus, mit dem die Saiten arretiert werden. Die Drähte werden also von unten durch die Kombinierten Saitenreiter/Mechaniken geführt und dort oben festgeschraubt.

Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS Headstock

Saitenarretierung am oberen Ende des Ahornhalses

Pickups und Hardware der Harley Benton Dullahan

Zu einer Harley Benton gehören mittlerweile Pickups von Roswell fest dazu, hier in Form von zwei Humbuckern, die direkt ohne Rahmen in die Decke eingesetzt wurden. Sie werden über einen Fünfwegeschalter angesprochen, der in seinen Zwischenpositionen erfreulicherweise ein Coil-Splitting der Tonabnehmer ermöglicht. Obligatorisch sind ein Volume- sowie ein Tone-Poti mit an Bord, die sehr griffgünstig platziert wurden und dank ihrer Metallknöpfe auch mit schweißnasser Hand einen sicheren Zugriff garantieren. Die Bedienelemente hinterlassen einen sehr guten Eindruck, der Schalter dürfte viele Jahre so knackig wie im jetzigen Neuzustand einrasten und auch die beiden Regler zeigen sich völlig frei von jeglichem Spiel auf ihren Achsen. Prima!

Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS Schaltung

So einfach, wie robust: Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS Schaltung

Nicht nur optisch als ein Blickfang, sondern auch in ihrer Funktion präsentiert sich Apollo mono HL-STB02 Bridge als wohl bedeutendster Teil der Hardware der Dullahan-FT 24 BKS. Trotz der hohen Zugkraft der Saiten sind die sechs mit einer Randierung versehenen Tuner recht einfach und präzise zu bewegen. Sie bieten darüber hinaus ein ausgewogenes Übersetzungsverhältnis, um nicht beim Saitenaufziehen vor lauter Schrauberei die Geduld zu verlieren und gleichzeitig die Möglichkeit, jede einzelne Saite Cent-genau mit dem Stimmgerät in Position zu bringen. Der Saitenreiter besteht aus einer Schlitzschraube aus Messing, welche die Saite sauber führt und bei Bedarf in der Höhe justiert werden kann. Ein großartiges Stück Feinmechanik, das kann man ohne Zweifel behaupten!

Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS Apollo mono HL-STB02 Bridge

Ein großartiges Stück Feinmechanik – Apollo mono HL-STB02 Bridge

Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS – in der Praxis!

Mit einem kräftigen Mittenspektrum und einem erstaunlichen Sustain überrascht die Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS bereits trocken angespielt. Das Handling ist dank ihres niedrigen Gewichts hervorragend, das Instrument pendelt absolut ausgewogen am Gurt und bietet ab Werk dank der sehr guten Verarbeitung von Hals und Bundierung eine Bespielbarkeit, die kaum Wünsche offenlässt. Allenfalls die mangelhafte Politur der Bundoberflächen unseres Testinstruments bremst den Spielfluss etwas, dieses Problem löst sich aber nach einer kurzen Zeit erfahrungsgemäß von selbst.

So wie die Qualität der Instrumente von Harley Benton kontinuierlich steigt, so steigt proportional dazu offensichtlich die Qualität der Roswell-Pickups. Zugegeben, in vielen meiner Testberichte habe ich öfters schon kein gutes Wort über diese Fernost-Pickups zu Papier gebracht und ob nun die beiden hier verbauten Roswells einfach nur wie die Faust aufs Auge zur Grundkonstruktion der Gitarre passen oder aber, ob die Entwicklung ebenso in großen Schritten voranschreitet, ihr Klang ist tatsächlich verblüffend gut! Das gebotene Spektrum reicht von fetten und drückenden Linien des Front-Humbuckers, über fast schon Hi-Fi-artige Sounds der Singlecoil-Schaltung bis hin zu rasiermesserscharfen und feurigen Sounds des Roswell am Steg bietet die Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS eine Klangvielfalt, die sie für weit mehr als nur den Metal-Bereich empfiehlt.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es aber dann doch noch zu vermelden, denn die einzelnen Kombinationen sind derart unterschiedlich in ihrer Lautstärke, dass man hier drauf vorbereitet sein sollte und den angeschlossenen Amp dementsprechend justiert.

Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS – Klangbeispiele

Für die Klangbeispiele habe ich die Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS in den Eingang eines Mesa/Boogie Studio 22+ eingeklinkt. Vor dem Amp wurde ein AKG C3000 Mikro platziert, ehe das Signal ohne weitere Effekte in Logic Audio aufgezeichnet wurde.

Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS Roswell Humbucker

Fazit

Wenn das Bild mal nicht täuscht! Hinter der eher zierlichen Fassade der Harley Benton Dullahan-FT 24 BKS verbirgt sich eine sehr gut verarbeitete, bequem bespielbare und zudem vielseitig klingende Super-Strat, an der es nur wenig auszusetzen gibt. Allenfalls die mangelnde Politur der Bundoberflächen und die Lautstärkeunterschiede zwischen den verschiedenen Pickups bzw. deren Schaltung gäbe es als Minuspunkte anzuführen, ansonsten hinterlässt die Dullahan-FT 24 BKS nach Abschluss des Tests aber ein überzeugendes Bild und unterstreicht damit den Anspruch des Herstellers, im Low-Budget-Bereich so langsam, aber sicher zum Marktführer zu avancieren.

Plus

  • Verarbeitung
  • Bespielbarkeit
  • Klangvielfalt
  • Leichtgewicht/Ergonomie
  • passender Gigbag im Lieferumfang

Minus

  • Lautstärkeunterschiede der Schaltung
  • Oberflächen der Bünde des Testinstruments nicht sorgfältig poliert

Preis

  • 438,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Anmerkung:
    Die „echten“ Steinberger Gitarren der L-Serie (also vor dem Verkauf an Gibson) bestanden aus einer Kohlefaser/Graphitmischung.
    …nicht aus Fiberglas.

      • Profilbild
        AMAZONA Archiv

        Ist zu erwarten, wenn man über eine Headless Gitarre schreibt. Da ist man vermutlich mit dem Kopf nicht immer ganz bei der Sache. ;-)

  2. Profilbild
    Aljen  

    Im Übrigen gibt es bekanntlich auch die Headless von Ned Steinberger weiterhin – bzw. wieder. Nicht aus dem High-Tech-Compound von damals, sondern schlicht aus Holz, was aber dem Konzept keinen Abbruch tut. Erstaunlicherweise sind die Aktuellen Steinberger-Originale der Harley Benton preislich sogar unterlegen. Und haben das gewisse Etwas, jedenfalls für bekennende Kinder der 1980er – von erstaunlich kleinen Gabariten ganz zu schweigen.

  3. Profilbild
    booh

    Gitarren mit schlecht polierten Bünden sind für mich schlichtweg unbrauchbar. Das Nachpolieren muss man als zusätzliche Kosten einbeziehen. Ich hätte aus dem Grund maximal 1 Stern vergeben.

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